Projekt 42 – Teil 17: Der Pavillon der Angst

Puh, die erste Zen-Woche nach der Halbzeitpause beginnt gleich mit einer schweren Aufgabe:

Sich der eigenen Angst bewusst werden.

Wie jedes vernünftige Tier reagiere ich auf Angst gemeinhin mit Kampf oder Flucht. Mich hinzusetzen und mir die Angst in Ruhe anzuschauen und bewusst zu machen, das macht mir – nun ja – etwas Angst.

Deshalb will ich mich dem Thema über einen kleinen Umweg nähern – und zwar über…

Das Reichsparteitagsgelände.

Kurze Erklärung für Nicht-Nürnberger: Das Reichsparteitagsgelände in Zabo ist der aus dem Film „Triumph des Willens“ bekannte Ort, an dem Hitler sich ab 1933 von über 30 000 Leuten feiern lies. 1939 war damit Schluss – der geplante „Reichsparteitag des Friedens“ musste wegen Krieg entfallen. (Kein Witz). Nach dem Krieg spielten die Amis auf dem großen Aufmarschfeld Football und gaben damit die Richtung für das vor, was die Deutschen die nächsten Jahrzehnte dort machten: Die Tribüne diente als Sitzplatz für Autorennen, als Squash-Mauer, für Modell-Auto-Fahrten und als Fotokulisse für Bands, die sich einen „Harten“ Touch geben wollten. (Aus meiner Sicht eine sehr coole Lösung: Seine Heiligen Hallen in einen Fun-Park für Erwachsene zu verwandeln hätte Hitler sicher sehr geärgert, hehe!) Seit einigen Jahren gibt es aber das Problem, dass die Tribüne immer baufälliger wird und nur noch abgesperrt im Weg rumsteht. Was tun? Die Nazibauten für Millionen zu sanieren klingt doof. Eine sachliche Aufarbeitung der Geschichte gibt es bereits ein paar Hundert Meter weiter – und einfach nur einen Parkplatz draus machen wäre auch banal.

Philosoph Reinhard Knodt – bei dem ich zu Unizeiten mal ein hervorragendes Nietzsche-Seminar besucht habe – sammelt Unterschriften dafür, dass Gelände bewusst verfallen zu lassen: Ein malerische Ruine inmitten eines Parks, die jedem zeigt, dass das ‚tausendjährige Reich‘ der Nazis schon nach nicht mal hundert Jahren Geschichte ist. Nicht schlecht, aber fast ein wenig zu nett.

Mein Vorschlag geht in die genau andere Richtung: (Vorsicht, es wird jetzt etwas eklig) Ich nenne mein Konzept „Der Pavillon der Angst“ und es sieht folgendermaßen aus. Das Zeppelinfeld wird ausgehöhlt, geflutet und als Abklingbecken für radioaktiven Müll genutzt. Laut dem Buch „What if…“ wäre das gar nicht sonderlich gefährlich (zumindest solange man nicht taucht) – aber gruselig wäre es schon! Anstelle der Tribüne wird ein gläserner Pavillon errichtet, der sich in halbjährig wechselnden Ausstellungen mit etwas scheußlichem / Angst machendem / „Bösen“ befasst. Und zwar nicht mit dem ‚Bösen‘ von vor 80 Jahren, sondern mit aktuellen Dingen. Solchen, die meist unbemerkt im Hintergrund unserer Gesellschaft ablaufen und wo man lieber wegsieht:  Ich könnte mir ein Rohr vorstellen durch das permanent Öl ins Erdreich läuft – dass dann am Ende des Jahres wieder hochgefraggt wird oder einen Automotor, der permanent Abgase in die Luft bläst.

Vor dem Pavillion steht eine Reihe gemütlicher Massagestühle, auf denen man beobachten kann, was gerade im Glaspavillion passiert: Schlachtungen, Tierversuche… die Liste ist lang. Gut wäre auch ein „Speakers Corner“ an dem unangenehme Wahrheiten, ärgerliche Lügen aber auch Proteste gegen den Pavillion geäußert werden dürfen.

Eine hässliche Idee? Allerdings! Gruselig? Aber hallo! Ich selbst würde mich wohl nur sehr selten und sehr zaghaft da hin trauen – aber um sich seiner Angst bewusst zu werden würde es jede Geisterbahn, jeden Gruselfilm und sogar jeden Zahnarztbesuch schlagen. Was mach ich nun mit dieser Idee? Als erstes werde ich sie an Reinhard Knodt schicken. Vielleicht können wir tauschen – er unterschreibt meinen Vorschlag und ich seinen. Eine Ruine ist vielleicht doch nicht so verkehrt…

> 18 Wissenschaft essen Angst auf

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