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Gesehen: „Astrid“

Wo die Geschichten herkommen: Der Film „Astrid“ erzählt von den entscheidenden Jugendjahren von Autorin „Astrid Lindgren“.

Ob Pippi Langstrumpf, die Brüder Löwenherz oder Ronja Räubertochter: Die Schwedin Astrid Lindgren zählt unzweifelhaft zu den wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Doch kaum jemand kennt die Person hinter all den Geschichten. Eine Frau, die im echten Leben ähnlichen Mut und Eigensinn bewies, wie ihre literarischen Figuren.

Auch für die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen war Astrid Lindgren stets ein leuchtendes Vorbild. Nun machte sie sich zusammen mit dem Kinder- und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson daran, ihrer Heldin ein Denkmal zu setzen.

Dabei entschieden sie sich nicht das ganze Leben der Autorin als Spielfilm zu erzählen, sondern lediglich jene prägenden Jahre ihrer Jugend.

Damals nimmt die junge Astrid Ericsson (Alba August) einen Job bei der Zeitung in der Nachbarstadt an Die ist das Ein-Mann-Unternehmen des Verlegers Blomberg (Henrik Rafaelsen). Bald beginnt sie eine Affäre mit dem 30 Jahre älteren Mann – aus der Astrid bald schwanger hervorgeht. In ihrem kleinen, von der Kirche geprägten Heimatdorf ist das undenkbar. Blomberg vertröstet die junge Frau: Sobald seine Scheidung durch ist, will er Astrid heiraten und für das Kind da sein. Doch zur Welt kommen muss das Kind weit weg – in Norwegen. Und auch Astrid muss die Provinz verlassen und eine Sekretärinnen-Ausbildung in Stockholm beginnen, damit niemand ihren Baby-Bauch sieht…

Der Film „Astrid“ sammelt an vielen Ecken Pluspunkte. Da sind die großartigen Schauspieler, allen voran Alba August, welche die Personen trotz des historischen Dekors sehr aktuell und nachvollziehbar erscheinen lassen. Gelungen ist auch der Kniff mit der Rahmenhandlung: Hier hört die 80-jährige Astrid-Lindgren (Maria Fahl-Vikander) fast nur als Schattenriss sichtbar – in ihrer Wohnung eine Kassette mit Glückwünschen von Grundschülern. Diese sagen ihr auch, was sie von ihren Büchern halten und stellen ihr Fragen zu deren Entstehung. Das ist immens wichtig, da der Film auf Lindgrens schriftstellerische Tätigkeit nur minimal eingeht. Im Zentrum stehen ganz die Beziehungen zu Blomberg, zu ihrer Mutter und zu Hanna (Maria Bonnevie), die in Norwegen eine Ersatzmutter für ihren Sohn wird. Am stärksten ist der Film dann auch in den Szenen, in denen die Frauen untereinander agieren. Astrids Mutter (Tryne Dyrholm) erscheint zuerst wie eine jener bigotten, unterkühlten Figuren, wie man sie aus zahlreichen Skandinavischen Filmen kennt – offenbart jedoch dann ungeahnte Dimensionen. Am schwächsten ist „Astrid“ wenn Blomberg auftritt. Das dieser Typ, der ständig nur auf Zeit spielt, nicht der richtige für die clevere Astrid ist merkt man nicht erst, als ihr nächster Chef als „Herr Lindgren“ eingeführt wird. Hier hätte dem Film die eine oder andere Straffung durchaus gut getan. Die langsame Erzählweise und die dick auftragende Musik betonen stets den Ernst der Situation – verlieren dabei aber etwas aus den Augen, was die Werke von Astrid Lindgren stets auszeichnete – selbst wenn diese sich mit Tod und Verlust beschäftigten: Ihren Humor und ihre Lebensfreude.

Während die Regie also das große Drama anpeilt, schlägt die Bildgestaltung eine ganz eigene Route ein: Stets wackelt die Handkamera unruhig herum und klebt ganz nah an den Personen, als wolle sie um jeden Preis vermeiden, eine schwedische Idylle zu zeigen. Vermutlich soll das die Isoliertheit und die Bedrängnis der Personen symbolisieren. Nervig ist es trotzdem.

Unterm Schnitt bleibt „Astrid“ ein ambitioniertes Projekt, dem man die Begeisterung seiner Macher für Astrid Lindgren deutlich anmerkt – das aber formal nicht an thematisch verwandte Projekte wie „Das Mädchen aus dem Norden“ anknüpfen kann und inhaltlich ein bischen zu düster geraten ist.

WERTUNG: 4

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Gesehen: „Der Mann, der Weihnachten erfand“

Die Geister, die er rief: Der biografische Film „Der Mann, der Weihnachten erfand“ beschreibt das Leben des Schriftstellers Charles Dickens und die Entstehung seiner berühmten „Weihnachtsgeschichte“.

Charles Dickens (Dan Stevens) schreibt um sein Leben. Es ist der Herbst des Jahres 1843 und er braucht dringend Inspiration. Denn alles was er nach seinem gefeierten Debütroman „Oliver Twist“ schrieb, blieb wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen liegen – dekoriert mit schlechten Kritiken. Und das große Haus in London nagt beständig an den Finanzvorräten des 31-jährigen. Ganz zu schweigen von seiner Familie mit den vier Kindern, denen bald ein fünftes folgen wird. Und dann steht plötzlich auch noch sein Vater (Jonathan Pryce) vor der Tür und will Geld. Nun kann nur noch ein Bestseller helfen – und so stellt sich Dickens der Herausforderung in nur sechs Wochen bis zum 25. Dezember nicht nur eine moderne Weihnachtsgeschichte zu schreiben, sondern diese auch noch drucken und mit Zeichnungen versehen zu lassen.

Zum Glück hat er neben der Unterstützung durch Seine Ehefrau Kate (Morfydd Clark) auch noch Inspiration durch das Kindermädchen Tara (Anna Murphy). Deren Spukgeschichten aus ihrer irischen Heimat setzen Dickens schließlich auf eine ungewöhnliche, aber erfolgversprechende Fährte: Eine Weihnachtsgeschichte mit Geistern!

Nach ersten tastenden Versuchen beginnen die Romanfiguren schließlich lebendig zu werden, was die Sache auch nicht leichter macht: Der geizige Ebenezer Scrooge (Christopher Plummer) knurrt Dickens bei jeder Zeile ein „Humbug!“ ins Ohr oder krittelt an den bereits geschriebenen Passagen herum. Wenn aus diesem Chaos noch etwas sinnvolles entstehen soll, muss Dickens weiter gehen als je zuvor – und sich seinen ganz eigenen Geistern stellen…

Der Mann, der Weihnachten erfand“ wirft uns mitten hinein in ein liebevoll nachgebautes viktorianisches London und in die Vorstellungswelt von Charles Dickens. Der hatte tatsächlich die Angewohnheit, mit seinen Romanfiguren Gespräche zu führen – sagt zumindest Dickens-Biograf Les Standiford.

Dessen Buch war die Vorlage aus der Regisseur Bharat Nalluri einen temporeichen Film machte. Dieser wechselt stets geschickt zwischen humorigen, rührenden und nachdenklichen Passagen. Dazu kann er sich auf ein starkes Ensemble verlassen:

Dan Stevens („Die Schöne und das Biest“) gibt Dickens als liebevollen und sympathischen Typen, dem man den Erfolg gerne gönnt. Und mit Christopher Plummer und Jonathan Pryce hat er zwei großartige Altstars an der Seite, die dem Film eine Extraportion Würde und einen Hauch Shakespeare verleihen.

Selbst wer Dickens „Weihnachtsgeschichte“ (oder eine ihrer über 30 Verfilmungen) nicht kennt, kann hier viel Freude haben. Selten wurde der kreative Prozess des Schreibens, so anschaulich gezeigt. Dickens ringt physisch mit seinen Figuren, turnt durch die Wohnung, schreit und diskutiert. Unterstützt wird das alles durch ein starkes Sound-Design und die Musik von Mychael Danna. Diese wechselt geschickt zwischen Anklängen an zeitgenössische Orchesterstücke und modernem Soundtrack.

WERTUNG: 1

Gesehen: „#Female Pleasure“

Können Sie sich eine Welt vorstellen, die nach 2000 Jahre alten Regeln und Tabus lebt? In der eine Hälfte der Menschen die andere nach belieben unterdrückt, missbraucht oder verstümmelt? Nein? Dann sehen sie aus dem Fenster.

Es ist unsere moderne Welt des 21. Jahrhunderts in der Frauen auf allen Kontinenten als Menschen zweiter Klasse behandelt werden und deren Sexualität vom alten Patriarchat wahlweise tabuisiert, verteufelt oder zu Werbezwecken missbraucht wird.

In ihrem Film „#Female Pleasure“ portraitiert die Schweizer Dokumentarfilmerin Barbara Miller fünf Frauen, die mutig gegen ein solches System angehen. Einige davon erlebten die sexuelle Unterdrückung in ihren religiösen Gemeinschaften, wie die ehemalige Nonne Doris Wagner oder Deborah Feldman, die mit dem Roman „Unorthodox“ ihren Ausbruch aus dem chassidischen Judentum schilderte. Aber es braucht gar keine archaische Religionsgemeinschaft: Selbst im säkularen Japan herrscht die Angst vor der Weiblichkeit.

Als die Bildhauerin und Mangaka Rokudenashiko einen 3-D-Scan ihrer Vagina macht, um daraus ein Boot zu bauen, findet sie sich plötzlich vor Gericht wieder und muss sich gegen „Obzönität“ verteidigen – während draußen gleichzeitig die Männer zum Shinto-Fest der Fruchtbarkeit Riesenpenisse durch die Straßen tragen.

#Female Pleasure“ erweist sich dabei in jeder Minute als kluger Dokumentarfilm: Die fünf Protagonistinnen sind mit Bedacht und Geschick ausgewählt. Obwohl nie irgend jemand die Schuld zugeschoben wird, schafft der Film ein Gefühl der Beklemmung angesichts von solcher Ungerechtigkeit – um schließlich doch einen Funken der Hoffnung auszusenden: Wo immer mutige Frauen (und Männer!) sich auf Werte wie Liebe und Respekt besinnen besteht noch Hoffnung für die Zukunft. Ein starkes, topaktuelles Stück Kino.

WERTUNG: 1

Gesehen: „Nanouk“

Als wir Nanouk (Mikhail Aprosimov) und Sedna (Feodosia Ivanova) das erste mal begegnen, scheinen die beiden die einzigen Menschen auf der Welt zu sein. Irgendwo im Nordsibirischen Jakutien wohnen sie in ihrer Jurte aus Rentierfellen und pflegen die Traditionen längst verschwundener Vorfahren: Eisfischen, Jagd mit Holzfallen, Erzählen von Geistergeschichten.

Doch ihr einsames Leben wird schwerer: Bei Nanouk beginnt die Demenz und Sedna vermisst ihre Tochter Ága, die in der Stadt ihr Glück suchte. Schließlich tröpfeln Stück für Stück andere Figuren in den Film: Der junge Mann (Sergey Egorov), der eine Nachricht von Ága bringt, ein leutseliger LKW-Fahrer und immer wieder Rentiere – obwohl diese hier eigentlich schon verschwunden sind. Oder ist es nur ein Traum von Nanouk?

Der bulgarische Regisseur Milko Lazarov legt mit „Nanouk“ ist einen äußerst gemächlichen Film vor. Die Kamera saugt sich fest an den Texturen eines Gewandes, der Fellwand der Jurte oder den Weiten der Steppe. Und verweilt dort auch gern noch mal gefühlte Ewigkeiten, während sich die Figuren längst aus dem Bild bewegt haben. (Die Jurte ist übrigens stets perfekt ausgeleuchtet und das kleine Radio spielt stets punktgenau Mahler-Sinfonien, wenn Dramatik gebraucht wird.) Das kann man je nach eigenem Temperament meditativ-ruhig oder gewollt bedeutungsschwanger finden. Ich tendiere zu letzterem.

WERTUNG: 4

Gesehen: „Girl“

Tanzen, lieben, erwachsen werden: In seinem Oscar-nominierten Debüt-Film „Girl“ erzählt der belgische Regisseur Lukas Dhont von einem ungewöhnlichen Mädchen.

Jeden Tag arbeitet die 15-jährige Lara daran, ihren großen Traum zu verwirklichen: Als Profi-Ballerina über die Bretter zu tanzen. Doch die Ausbilder an der Tanzschule sind skeptisch: Ihre klassische Technik ist gut, aber mit dem Spitzentanz hapert es. Sie geben ihr acht Wochen auf Bewährung. Unzählige Stunden vor dem Spiegel, blutige Füße, Rückschritte – aber auch Erfolge liegen vor ihr. Dazu kommen die ganz normalen Nöte eines Teenagers: Die Liebe, die Familie, die Freunde. Und als wäre das alles noch nicht schwierig genug, trägt Lara noch ein weiteres Problem mit sich herum: Sie wurde als Viktor geboren, möchte aber als Mädchen leben. Jeden Tag klebt sie ihren Penis ab und überprüft ob die gerade begonnene Hormon-Behandlung sich schon auf ihre Brüste auswirkt. Sie zählt die Tage bis zur Operation – doch noch ist unklar, wie sich die enormen körperlichen und seelischen Belastungen mit dem Eingriff vertragen werden.

Vieles an dem Film „Girl“ ist bemerkenswert. Zum einen das, was er nicht ist: Er ist keine Geschichte der Suche nach Identität. Von Anfang an weis Lara, dass sie ein Mädchen ist und wartet sehnsüchtig darauf, dass ihr Körper ihrer Seele folgen darf. Es ist auch kein Film über Diskriminierung. Ihr Vater (Arieh Worthalter) unterstützt sie vorbehaltlos und auch die Ballett-Kolleginnen sind eher neugierig als misstrauisch.

Statt dessen sehen wir einem Film, bei dem man die Hingabe aller Beteiligten in jeder Minute spürt: Regisseur Lukas Dhont drehte vorher nur Kurzfilme und Werbeclips, trug die Geschichte von Lara aber schon viele Jahre mit sich herum und erzählt sie sensibel, ruhig, fast wie eine Dokumentation.

Und dann ist da natürlich noch Victor Polster. Der 15-jährige Tänzer ist in jeder Szene zu sehen und schafft es Lara als junge Frau zu zeigen, die sich mutig ihren Herausforderungen stellt. So viel Engagement wurde auch belohnt: In Cannes bekam der Film Auszeichnungen für Beste Regie und Besten Darsteller, bei den nächsten Oscars geht „Girl“ für Belgien ins Rennen.

WERTUNG: 2

Gelesen: Dan Brown „Das verlorene Symbol“

Nachdem mir „Origin“ (2017) so überraschend gut gefallen hat, habe ich nun noch einen zweiten Langdon-Roman von Dan Brown gelesen: „Das verlorene Symbol“ von 2009.

Als Symbolforscher Robert Langdon kurzfristig für einen Vortrag in die amerikanische Hauptstadt Washington geladen wird, ahnt er noch nicht, dass es eine tödliche Falle ist: Ein irrer Typ hat es auf die Geheimnisse der Freimaurer abgesehen (welche diese Stadt wesentlich prägten und prägen) und braucht Langdon um sie zu entschlüsseln. Und geht dabei buchstäblich über Leichen…

Ich bin froh, dass ich „Origin“ zuerst gelesen habe. Denn wenn ich mit „Lost Symbol“ angefangen hätte, hätte ich vermutlich zu keinem zweiten Dan Brown Buch gegriffen. Kein Zweifel – auch dies ist wieder ein pageturner, bei dem man ständig wissen will, wie es weitergeht und bei dem man en passant etwas über Architektur und seltsame Kunstwerke (wie die Rätsel-Skulputur „Kryptos“ im Hof der CIA) erfährt.

Aber im ganzen läuft hier das Räderwerk wesentlich unrunder als bei „Origin“. Dort waren die wissenschaftlichen und Kunst-beschreibenden Passagen sehr organisch in die Handlung eingewoben. Im „Symbol“ dagegen gibt es tatsächlich Stellen wo es heißt: „Langdon erinnerte sich an eine Vorlesung…“ oder „Catherine erinnerte sich an ein Experiment…“ – und dann wird die eigentliche Geschichte für zehn Seiten unterbrochen, um das zu beschreiben.

Auch der Bösewicht ist nicht so stark. In „Origin“ war es ein gequälter Admiral, dessen Motive und Werdegang sehr nachvollziehbar waren. Hier ist es ein tätowierter Hollywood-Schurke mit Folterkammer und einer supergeheimen Herkunft, die schon zur Hälfte des Buches verraten wird.
Ebenfalls seltsam: Nach dem traumatischen Endkampf und diversen Nahtoderlebnissen sind unsere Helden nicht etwa geschockt, sondern gehen erst mal auf Sightsseeing-Tour durch Washington und diskutieren über Bibel-Übersetzungen. Ein großes Geheimnis zum Schluss gibt es auch nicht, statt dessen geht die Sonne über dem Obelisken der „National Mall im Herzen der Nation“ auf. Ein Ende, dass vermutlich nur patriotische Amerikaner als befriedigend empfinden.

Das klingt jetzt etwas hart, als wäre das Buch eine Gurke. Das ist es aber nur im Vergleich mit dem superb fließenden „Origin“. Auch „Symbol“ hat sehr, sehr gute Stellen – etwa die Verfolgunsjagd durch das absolute Dunkel des „Noetischen“ Labors oder die Entschlüsselungs-Sequenzen mit der Pyramide.

Einen Dan-Brown werde ich sicher noch lesen und dann entscheiden, ob ich ihn generell cool finde oder nur „Origin“ sehr mochte.

P.S.: Verschöwerungstheoretiker glauben, dass „Symbol“ bisher nicht verfilmt wurde, weil es um die Freimaurer in Amerika geht. Doch erstens werden diese sehr positiv dargestellt und zweitens passieren einfach die besten Sachen dieser Story in stockfinsteren Räumen. Es wird viel in dunklen Gängen geschlichen und auf kleine Pyramiden geguckt – was alles nicht sehr filmisch ist. (und zudem auch an den Nicolas Cage Film „National Treasure“ erinnert).

Gelesen: „Origin“ von Dan Brown

„Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“ – das Computergenie Edmond Kirsch behauptet diese uralten Menschheitsfragen gelöst zu haben. Sein Ergebnis will er geladenen Gästen bei einer Präsentation im Museum für Moderne Kunst im spanischen Bilbao präsentieren. Doch da Kirsch ein bekannter Atheist ist, macht sich auch ein Killer mit religiösen Motiven auf den Weg ins Museum…

„Origin“ gehört, wie auch der „Da Vinci Code“ zu den Büchern um den Symbolforscher Robert Langdon und war für mich der erste Roman von Dan Brown, den ich gelesen habe. Nicht jeder Bestseller ist ja auch ein gutes Buch (und nicht jedes gute Buch ein Bestseller) – aber nach den 600 Seiten des Schmökers kann ich sagen: Es hat einen Grund, warum Millionen Menschen Browns Thriller lieben.

„Origin“ ist schnörkellos spannend, absolut kurzweilig und man ist hinterher sogar ein bischen schlauer. Dabei wirkt die Tour durch spektakuläre Orte der spanischen Kultur nie gekünstelt, sondern all die Kunst- und Bauwerke sind absolut logisch in die Handlung eingebaut. Hier greift tatsächlich ein Rädchen ins andere und die Story hat keine einzige überflüssige Person oder Szene.

Die Sprache ist klar und einfach (mit normalem Schul-Englisch ist das Original gut zu verstehen. Ich musste kaum ein Wort nachschalgen und hatte schon nach wenigen Seiten vergessen, dass die Sprache nicht Deutsch ist), sie drängt sich nie in den Vordergrund, sondern dient immer dazu die Leser direkt in die Situation mitzunehmen: Ob auf der atemlosen Flucht durch die Ruinen-Bars von Budapest, der Fahrt mit dem Tesla durch Barcelona oder den Abstieg in Francos „Valley of the Fallen“ – immer ist man wie live dabei.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass die Hauptperson Robert Langdon recht blass ist: Eine Mary Sue mit perfekten Gedächtnis, die außer einer (für die Handlung völlig unwichtigen) Klaustrophobie keine besonderen Merkmale hat. (Da dies aber schon der 5. Langdon-Roman ist kann das auch damit zuammenhängen, dass Fans den Herrn aus den Vorgängern schon besser kennen.) Dass Brown durchaus stimmige Charaktere erstellt zeigen die vielen Nebenfiguren, die oft in wenigen Sätzen sehr plastisch und menschlich werden.

Insgesamt ein Buch dem man anmerkt, dass der Autor vier Jahre dafür recherchiert hat. Ein perfekter Thriller, bei dem einfach alles stimmt! Und der einen dazu verleitet sofort nach Spanien zu reisen, um all die interessanten Orte selbst kennen zu lernen.

Kino: „Destination Wedding“

Abneigung auf den ersten Blick: In „Destination Wedding“ werden Winona Ryder und Keanu Reeves zu Schicksalsgefährten wider Willen.

Manchmal braucht es nicht viel, damit zwei Menschen merken, dass sie tief im inneren perfekt zueinander passen – oder eben nicht! Bei Lindsay (Winona Ryder) und Frank (Keanu Reeves) ist es Abneigung auf den ersten Blick, als sie am Flughafen zufällig nebeneinander stehen. Kein Wunder: Er ist ein grummeliger Typ mit Zauselbart, der die ganze Welt doof findet und in seiner Freizeit blöde Geräusche mit seinem Mund macht. Sie eine Dame, die am liebsten pausenlos über sich selbst und ihre Probleme redet und ihrer einzigen Liebe nachtrauert. Zu allem Unglück stellen sie bald fest, dass sie beide das gleiche Ziel haben: Die Hochzeit von Franks Bruder, der auch Lindsay’s Ex ist. Und da diese irgendwo auf einem Kaff in den kalifornischen Bergen gefeiert wird – und alle anderen Beteiligten noch widerlicher sind – können die beiden einander nicht ausweichen…

Man spürt, welchen Film Regisseur Victor Levin hier im Kopf hatte: Eine Negativ-Version von „Before Sunrise“ mit langen Dialogen, gemischt mit einem witzigen Geschlechter-Kampf in der Hepburn/Tracy-Tradition. Im Prinzip eine gute Idee. Und mit Reeves und Ryder hat man zwei Stars im Petto, die gerade beide ein Comeback erleben (Er mit der „John Wick“-Reihe, Sie mit „Stranger Things“). Das Problem: Zwischen den beiden funkt es gar nicht: Ryder grimassiert pausenlos rum und Reeves schaut zu wie aus Holz geschnitzt. Dass sie sich mit rund 50 Jahren noch um ihre Mutterkomplexe und die erste Liebe Sorgen machen wirkt auch nicht gerade reif.

Fazit: Solange noch irgend etwas anderes im Kino (oder in der Welt) angeboten wird, sollte man nicht 86 Minuten seines Lebens damit verschwenden, Frank und Lyndsay beim Streiten, Fernsehschauen und einer der dämlichsten Sex-Szenen der Filmgeschichte zuzusehen.
WERTUNG: 6

Kino: „Mama Mia 2“

Reif für die Insel? Und für eine Extraportion Bubblegum-Pop? Das neue ABBA-Musical „Mama Mia 2“ bietet Sonne, Strand und Ohrwürmer satt. Aber macht es auch Spaß?

Die schlechte Nachricht zuerst: Meryl Streep ist tot. Zumindest ihre Filmfigur Donna hat seit dem ersten „Mama Mia“-Film von 2008 das zeitliche gesegnet. Nun liegt es an ihrer Tochter Sophie (Amanda Seyfried) das Hotel auf der griechischen Insel Kalokairi zu neuem Glanz zu führen. Dabei helfen ihr der charmante Mexikaner Fernando (Andy Garcia) und Sam (Pierce Brosnan), einer ihrer drei Väter. Die beiden anderen (Stellan Skarsgard und Collin Firth) stecken noch auf der Fähre fest. Wieso das drei sind? Das wird in ausführlichen Rückblenden ins Jahr 1979 erzählt. Hier kommt die junge Donna (Lily James) zu ihrem ersten Besuch auf die Insel – und erlebt dort sommerleichte Liebesabenteuer mit Sam (Jeremy Irvine), Harry (Hugh Skinner) und Bill (Josh Dylan).

Dabei haben die Schauspieler sichtlich Spaß die jungen Versionen der Stars zu geben. Regisseur und Autor Ol Parker legt ihnen dazu witzige Dialoge in den Mund und lustige Slapstick-Hürden in den Weg.

Dennoch bleibt die „Handlung“ stets nur ein Vorwand, um möglichst schnell zum nächsten ABBA-Song zu gelangen. Gerade am Anfang klappt das sehr gut: Da bricht ein komplettes französisches Restaurant in eine irrwitzige Tanznummer aus. Rollstühle und Fahrräder fangen an sich zum Discobeat zu drehen.

Besonderes Lob verdient auch Pierce Brosnan, der für seine Gesangseinlagen beim ersten „Mama Mia“ die „Goldene Himbeere“ als schlechtester Schauspieler bekam: „Ich hab nur gelesen, dass ich mit Meryl Streep auf einer griechischen Insel drehen darf und sofort zugesagt“, erinnert er sich. „Erst später habe ich gemerkt, dass es ein Musical ist“. Diesmal gehört seine mit brüchiger Stimme vorgetragene Nummer zu den emotionalen Höhepunkten des Films.

So weit, so gut. Doch je länger das ganze dauert, desto ermüdender wird es. Der Story fehlt es schlicht an Substanz. Und bei der Masse der Songs merkt man, dass auch die schwedischen Ohrwurm-Könige Björn Ulvaeus und Benny Andersson nur mit Wasser kochen: Auf die Dauer klingt das alles doch ziemlich gleich. Gab es 1979 nicht auch die Ramones? Frank Zappa? Pink Floyd? Naja.

So bleibt unterm Strich ein Film, für den das gleiche gilt, was Kollegin Inge Rauh vor zehn Jahren über den ersten Teil schrieb: „Bitte alle mitklatschen und danach einen Uzo bestellen“. Nur sollte man diesmal besser die Reihenfolge umkehren.

WERTUNG: 3

 

Gesehen: Zentralflughafen THF

Berliner Architekturdenkmal, Freizeitpark und größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands: Ein Jahr lang dokumentierte Karim Aïnouz das Leben im „Zentralflughafen THF“.

Die Mutter aller Flughäfen“, nannte Stararchitekt Norman Forster den in den 30er Jahren entstandenen Airport Tempelhof, der 2008 stillgelegt und zu einem Park umgewandelt wurde. Immer wieder taucht sein imposante Halbrund als Kulisse in Hollywoodfilmen (etwa im letzten Teil der „Panem“-Reihe) auf. Seit 2015 dient es auch als Unterkunft für Flüchtlinge, die größte in Deutschland. Der in Berlin lebende brasilianisch-algerische Regisseur Karim Aïnouz, war fasziniert von diesem Ort: „Hier speigeln sich die vielschichtigen Widersprüche Deutschlands und Wandlungen Berlins wieder.“

Ein Jahr lang begleitete er die Menschen, die den Tempelhof bevölkern: Den Imker, der auf dem ehemaligen Rollfeld seine Bienen pflegt ebenso wie den Nachtwachdienst, der abends die freilaufenden Füchse zählt. Und natürlich die Geflüchteten. Die leben in Wohnkabinen ohne Dächer mitten in den großen Ladehallen. Ihre Welt ist geprägt von Monotonie, Bürokratie und Arztbesuchen – während nur ein paar Meter weiter die Berliner ihre Auszeit aus ihrem Alltag genießen.

Der Film schafft es die Kontraste von Tempelhof gut einzufangen, was vor allem der exzellenten Kamera-Arbeit von Juaen Sarmiento G. zu verdanken ist: Seine Bilder sind Breitwandgemälde, welche das Innere des Lagers oft wie eine Kunstausstellung wirken lassen – um dann den Betrachter wieder mit der tristen Realität der Geflüchteten zu konfrontieren. Eine Schwäche des Films ist dagegen, dass er nicht wirklich eine Hauptperson hat, die den Zuschauern ans Herz wächst. Erst beim Schnitt wurde entschieden, dass der 18-jährige Ibrahim Al Hussein zum Mittelpunkt des Films wird, doch dessen Erzählungen aus Syrien (über Bildern des leeren Rollfeld) öffnen den Fokus nur noch weiter. Hier wäre weniger mehr gewesen. Dennoch ein spannender Versuch, ein Gelände in seiner Ganzheit zu erfassen.

WERTUNG: 3