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Kino: „May, die dritte Frau“

Wie ein Liebesbrief an die Großmutter zu einem Kinoerfolg (und zu einem Skandal) wurde. Zur Wiederaufnahme der Vorstellungen im „Filmhauskino“ präsentierte Regisseurin Ash Mayfair ihren Spielfilm „May, die dritte Frau“.

Grandiose Berge, weite Seen, üppiges Grün – gleich zu Beginn von „May, die dritte Frau“ empfängt uns die prachtvolle Landschaft Vietnams, als wir mit der Titelheldin (gespielt von Nguyen Phuong Tra My) einer ungewissen Zukunft entgegenfahren. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und May ist auf dem Weg zu ihrem Ehemann, dem reichen Seidenbauern Hung. Sie hat den Mann nie gesehen, der dort mit seinen ersten beiden Ehefrauen auf sie wartet. Von Liebe ist keine Rede. Frauen sind hier vor allem Handelsware. Ihre einzige Aufgabe: Kinder gebären, wenn möglich Söhne.

Der Film fokussiert sich meist auf die Beziehung zwischen den drei Frauen: Vor allem die jüngere Xuan (Mai Thu Huong) ist es, die May inspiriert – denn sie hat einen Weg gefunden, wie sie die recht freudlosen Bettstunden mit dem Ehemann erotisch aufladen kann. Doch dieser Weg ist nicht ohne Gefahr…

Regisseurin Ash Mayfair – die nach der Vorstellung live aus den USA zugeschaltet wird – entwickelte die Geschichte aus den Lebenserinnerungen ihrer eigenen Großmutter: „Ich wollte ihr damit eine Art Liebesbrief schreiben“, sagt sie. „Ich finde diese Frauen waren sehr mutig. Es wäre leicht, sie als Opfer zu zeigen – aber für mich sind sie Heldinnen!“ Eine erste Version des Films entstand als Abschlussarbeit an der New Yorker Filmhochschule – mit dieser gelang es ihr Förderung für die Umsetzung als richtigen Spielfilm zu bekommen: Etwa 900 000 Dollar, ein echtes Schnäppchen für einen Film, der im Ausland in historischen Kostümen und Kulissen gedreht wird.

„Zur Vorbereitung lebten die Darstellerinnen und ich einige Wochen auf der Farm in der vietnamesischen Provinz“, erzählt Mayfair. „Wir hatten nur ein sehr kurzes Drehbuch dabei und viele Szenen entstanden durch Improvisation.“

Das fertige Werk bildet dann auch eine gelungene Mischung aus historisch-akkurater Familienbiografie, spontanem Spiel und eigenen Erfahrungen von Mayfair, die sie in die Vergangenheit projezierte.

Auf Filmfestivals weltweit, aber vor allem in ihrer vietnamesischen Heimat traf der Film einen Nerv: „Die Kinos waren rappelvoll“, erinnert sich Ash Mayfair. „Bei der Premiere waren es vor allem ältere Damen in Rollstühlen.“ In nur vier Tagen wurde „May, die dritte Frau“ zur erfolgreichsten vietnamesischen Kinoproduktion der letzten Jahre. Dann zog der Verleih den Stecker und den Film zurück: Konservative Kräfte hatten gegen den Film opponiert, weil er angeblich pornografische Elemente enthielt.

Davon kann keine Rede sein. Der fast komplett von Frauen entworfene und gedrehte Film behandelt zwar das Thema Sexualität, stellt es aber nie voyeuristisch aus, sondern richtet in allegorischen Bildern (wie der Fahrt des Flusses durch die Höhle) den Blick nach innen.

„Dafür, dass ich den Film eigentlich nur für meine Großmutter machen wollte, war ich sehr überrascht von seiner Wirkung“, meint Mayfair. „Ich habe dadurch erst begriffen, welch wichtiges Werkzeug wir Filmemacherinnen haben, um andere Menschen zu inspirieren, über das zu reden, was ihnen wichtig ist.“

Die Großmutter hat den Film übrigens gesehen.

Sie fand ihn toll. Vor allem die schönen Kostüme.

WERTUNG 3
(Weil für mich schon die meisten westlichen Menschen ziemlich gleich aussehen. In diesem Film wusste ich nie, wer wer ist. Die sehen alle aus wie Björk. Sogar die Männer.
Für Leute die weniger propagnosisch und am Thema interessiert sind aber eine vorbehaltlose Empfehlung).

Kino: „Weißbier im Blut“

Das Kino ist wieder da: Und gleich mit einer Deutschlandpremiere – „Weißbier im Blut“

Der Film, den Kinseher und Zimmerschied in Nürnberg vorstellten ist ein echtes Herzensprojekt: „Vor zwölf Jahren wollten wir ihn schon machen, aber wir haben ihn schließlich als Hörspiel umgesetzt – denn er galt damals noch als unverfilmbar.“

Das lag einerseits daran, dass bayerische Stoffe als Kassengift angesehen wurden – selbst innerhalb des Freistaats: „Deshalb haben wir das Hörspiel auch nicht mit dem BR gemacht, sondern für den Deutschlandfunk.“ Andererseits ist „Weißbier im Blut“ auch kein gewöhnlicher Krimi. Denn nicht die Auflösung des Falles – eine Mordserie mit Mähdrescher! – steht im Mittelpunkt, sondern das Dilemma von Komissar Kreuzeder (Zimmerschied). Der war einst der beste Ermittler von Passau. Aber nach vielen Jahren, in denen er sich in den Geisteszustand von Mörderinnen versetzte fand er immer weniger Sinn in seiner Arbeit: „Die meisten sind keine Monster, sondern arme Hunde. Sollte ich da nicht lieber helfen?“ Da er das nicht kann, verbringt er mehr Zeit in der Wirtschaft bei Weißbier und Kellnerin Gerda (Kinseher) als im Büro.

„Die Hauptfigur schwankt zwischen Fatalismus, Menschenliebe und Anarchie – damit habe ich mich von Anfang an identifiziert“, meint Zimmerschied. In vier Hörspielen und zahlreichen Lesungen eignete er sich die Figur vollkommen an: „Der Kreuzeder – das bin ich!“, sagt er heute.

Dass er ihn nun endlich auf die Leinwand bringen kann liegt vor allem am unerwarteten Erfolg der Franz-Eberhofer-Filme (in denen Zimmerschied auch mitspielt). Die machten bayerische Krimis mit schwarzem Humor bundesweit salonfähig. Dass die Trailer und Poster „Weißbier…“ nun folgerichtig wie einen weiteren Eberhofer-Teil aussehen lassen, schmeckt Luise Kinseher nicht unbedingt: „Da werden einige Leute sehr überrascht sein, da die Stimmung doch wesentlich melancholischer ist. Ich glaube aber, der Film bietet für alle etwas: Man kann einfach reingehen und sich über die Gags amüsieren – aber wer tiefer einsteigen will, findet auch etwas zum nachdenken. Etwa über die Frage nach dem Wesen der Schuld.“

Und – soviel sei verraten – der Film bietet trotz düsterer Momente auch viel fürs Herz und eine fast märchenhafte Auflösung, die wunderbar zu diesem Premierentag passt: Ein echtes Happy End.

WERTUNG: 2

Kino: „The Booksellers“

Wer jemals versucht hat, eine Bücherkiste zu heben, der weiß: Buchhändler ist ein Knochenjob. Gerade, wenn man sich auf antiquarische Werke mit ihren dicken Ledereinbänden spezialisiert hat. Zudem ist es ein wirtschaftlich harter Job: Das Angebot ist klein, die Käuferschaft überschaubar. Und trotzdem würden die meisten der Buchhändler in David Wyatt Youngs Dokumentation „The Booksellers“ ihren Beruf wieder ergreifen. Denn es geht eine unerklärliche Magie von Büchern aus, die selbst im Internet-Zeitalter noch spürbar ist: „Man sieht gerade junge Menschen in der U-Bahn jetzt wieder echte Bücher lesen“

Der Film macht diese Faszination sichtbar: Immer wieder schwelgt die Kamera in wunderschönen Einbänden, Handschriften oder Text-Illustrationen oder gibt Einblicke schön gestaltete Bibliotheken. Zentrum ist die New Yorker Messe für antiquarische Bücher und die Tradition der Stadt mit ihren einst 300 kleinen Buchhandlungen – von denen aktuell noch knapp 80 übrig sind. Ein bischen gleicht Youngs Film auch so einem Kramladen: Da gibt es tolle Entdeckungen, lustiges, schauriges (ein Buch in Menschenhaut gebunden!) und banales. Und reichlich unsortiert ist es auch: Ab und zu werden Vornamen eingeblendet, doch wer die Interviewpartner sind erschließt sich nicht immer. Dass zudem neben den titelgebenden Händlern auch noch passionierte Sammler und Autoren zu Wort kommen macht das ganze noch unkonzentrierter. Aber so sind sie halt, die Liebhaber und Sammler.

WERTUNG: 3

Kino: „Die Misswahl“

„Eine Frau zu sein bedeutet, dass unsere Arbeit unterbezahlt und unser Verstand unterbewertet wird.“ Was klingt wie ein Slogan aus der aktuellen Gleichberechtigungsdebatte ist schon etliche Jahrzehnte alt. Im Film „Die Misswahl“ sagt es eine Womans-Liberation-Sprecherin im Jahr 1970 vor jungen Frauen aus London. Diese kommen aus ganz unterschiedlichen Schichten: Die geschiedene Sally (Keira Knightley) studiert Kunstgeschichte, hat eine kleine Tochter zu Hause. Jo (Jessie Buckley) lebt in einer Kommune und haut ihre Frustration mit Graffiti an die Wände. Vereint werden sie durch ein gemeinsames Ziel: Die Veränderung einer Welt, in der Männer unwidersprochen schreckliche Frisuren tragen und auf dicke Hose machen, während die Frauen den Laden schmeissen und dabei gefälligst noch nett auszusehen haben.

Fokuspunkt für die Abneigung der Aktivistinnen wird der Wettbewerb um die „Miss World“ – zu jener Zeit ein Publikumsmagnet mit mehr Zuschauern als die Mondlandung. Eine Veranstaltung, bei der die Maße der Teilnehmerinnen mit dem Megafon verkündet werden, bevor diese mit zusammengekniffenen Pobacken einem Gremium alter, weißer Herren präsentiert werden. Sally und Jo beschließen, diesen „Viehmarkt“ zu infiltrieren und ein öffentlich wirksames Zeichen zu setzen…

Das schöne an Philippa Lowthorpes Film ist, dass er es nicht bei einer Perspektive belässt. So lernen wir auch die Teilnehmerinnen des Wettbewerbs kennen, die teilweise ganz andere Sorgen haben, als die britischen Aktivistinnen: Mrs. Granada, Jennifer Hosten (Mbatha-Raw) möchte mit ihrem Vorbild zeigen, dass auch schwarze Mädchen das erreichen können, was für weiße selbstverständlich ist. Mrs. USA möchte verzweilft raus aus irgendwo in Illinois.

Und dann ist da noch das Ehepaar Morley (Keeley Hawes und Rhys Ifans), das den Wettbewerb seit zwanzig Jahren organisiert und nun den rauen Wind eines neuen Zeitgeistes spürt. Selbst als sie erstmals eine farbige Kandidatin aus Südafrika zulassen, bekommen sie die Häme der Presse zu fühlen: Ein Kniefall vor dem Apartheid-Regime sei das. Das sieht „Mrs. Africa Süd“ Pearl Jansen (Loreece Harrison) ganz anders: Für sie ist es ein Ausbruch aus der Fabrik in der sie lebt – aber auch ein gefährlicher Trip: Das Regime drohte ihr bei dem kleinsten Aufreger mit der Verschleppung ihrer Familie.

Der Film hat sich wirklich viel vorgenommen. Manchmal zu viel. Ein weiterer Handlungsstrang um den alternden Chauvi-Entertainer Bob Hope (Greg Kinnear) bremst mehr als er bringt. Zudem wirken manche Szenen stark konstruiert: Parolen und Positionen werden ausgetauscht, nicht Gedanken und Gefühle.

Dennoch bleibt „Die Misswahl“ ein starkes Stück Kino, das deutlich zeigt, dass in einer repressiven Gesellschaft jeder leidet und dass die Grenze zwischen Befreiung und Ausbeutung viel schwerer festzumachen ist, als die Aktivisten es gerne hätten.

WERTUNG: 2

Kino: „David Copperfield“

David Copperfield ist jetzt ein Inder. Die Neuverfilmung des Romans von Charles Dickens punktet mit viel Witz und einer „farbenblinden“ Besetzung. Dabei übersieht sie aber leider etwas wichtiges.

Vermutlich hätte sich Charles Dickens nicht träumen lassen, dass sein 1850 entstandener, autobiografisch gefärbter Roman „David Copperfield“ die Menschen noch fast zwei Jahrhunderte später begeistern und inspirieren würde. Die Geschichte des Jungen, der sich im viktorianischen England vom verarmten Kind zum beliebten Schriftsteller emporarbeitet – und dabei romantische, komische und tragische Verwicklungen überstehen muss – wurde bereits über ein Dutzend mal verfilmt. Nun nimmt sich Armando Iannucci („The death of Stalin“) der Sache an. Für ihn ist der Film eine Herzensangelegenheit: „Copperfield ist ein Außenseiter – wie ich. Als ich in Schottland aufwuchs galt ich als Italiener, in England als Schotte und in Amerika als Engländer.“ Aus dem reichhaltigen Fundus des 600-Seiten Romans pickt er sich vor allem die komischen Momente heraus: Copperfields Tante (Tilda Swinton), die gegen Esel kämpft oder die Abenteuer von Mr. Dick (Hugh Laurie), in dessen Kopf der Geist von King Charles herumspukt.

Was dem Film im Vorfeld die meiste Aufmerksamkeit bescherte, ist aber die Besetzung: David Copperfield wird vom indischstämmigen Dev Patel gespielt. Und auch alle anderen Rollen wurden völlig unabhängig von der Hautfarbe besetzt: Schwarze, weiße und Asiaten spielen hier Vater und Tochter, Mutter und Sohn, bunt gemischt.

Das passt natürlich wie die Faust auf’s Auge in eine Zeit, in der Hollywood mit den Schlagworten diversity (Vielfalt) und wokeness (wach, gegen die Unterdrückung von Minderheiten) neue Sympathien – und Dollars – sammeln will.

Doch Iannuccis farbenblinde Darstellerwahl hat vor allem persönliche Gründe: Er hatte schlicht Lust mit Dev Patel zu drehen. Der Rest ergab sich daraus: „Im Theater spielen auch nicht nur Italiener Romeo und Julia“.

Da ist was dran. Und die bunte Mischung sieht nach anfänglicher Irritation nicht nur gut aus, sondern macht auch viel Spaß. Sie produziert aber auch ein Problem: „Copperfield“ erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der seinen Platz in der ganz und gar nicht diversen britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sucht. Die sieht aber nun aus wie ein woke-Wunderland, in dem alle gleich sind. Wer hier Außenseiter ist, ist selbst schuld.

Ein nachdenklicherer Film hätte dies vielleicht zum Thema gemacht. Wie liberal und divers sind wir unter der bunten Oberfläche wirklich? In dieser Klamauk-betonten Variante wird der Besetzungs-Coup allerdings schnell zu einem weiteren Gag unter vielen.

Vermutlich wird erst mit Abstand ersichtlich, was dieser Film wirklich war: Ein skuriles Kind des Zeitgeistes? Ein Vorläufer echter Gleichberechtigung? Oder einfach nur eine verdammt lustige Dickens-Verfilmung!

WERTUNG: 3

Kino „972 Breakdowns – auf dem Landweg nach New York“

Stalins späte Rache: Die Reisedoku „972 Breakdowns – auf dem Landweg nach New York“ ist für alle Beteiligten eine Tortour.

Es gibt diesen Moment am Ende der Ausbildung, an dem viele Menschen sich denken: „Jetzt noch mal was verrücktes machen, bevor der Ernst des Lebens beginnt!“. Im Fall von fünf Kunststudent*innen aus Halle ist das: Eine Motorradtour nach New York. Auf dem Landweg über Russland.

Gefahren wird auf alten Ural-650ern mit Beiwagen, im russischen Volksmund auch „Stalins Rache“ genannt. Geschätzte Entfernung: Gut 40 000 Kilometer, davon 80 über die Wasser der Behringstraße. „Wie wir da drüberkommen, überlegen wir uns, wenn wir dort sind“, meinen die Abenteurer.

So weit, so sympathisch. Junge Menschen, die auf heißen Öfen ins Abenteuer knattern schaut man ja immer gern – zuletzt auch im gelungenen „Ausgrissn – in Lederhosn nach Las Vegas“.

Doch leider merkt man Daniel von Rüdigers „972 Breakdowns“ schnell an, dass hier Laien am Werk sind: Selbst wenn nicht gefahren wird sind die Bilder verwackelt und unscharf, als hätte das Team in den zwei Jahren Reise nicht mal fünf Minuten Zeit gehabt, den „Fokus“-Schalter der Kamera zu suchen. Inhaltlich sieht es ähnlich düster aus: Die ersten sieben Monate (!) von Deutschland bis Georgien werden schlicht weggelassen. Die Eindrücke von Land und Leuten beschränken sich meist auf Schlammlöcher und dunkle Werkstätten. Über die Menschen auf und neben der Strecke erfahren wir nichts, stattdessen nervt der pausenlose Off-Kommentar mit Beschwerden über die Mühsal.

Schade um die Mühe – aber das hier ist höchstens für Motorrad-Bastler interessant.

WERTUNG 6

Kino: „Ausgrissn – In Lederhosn nach Las Vegas“

Auf der Suche nach Freiheit: Im Film „Ausgrissn“ fahren zwei junge Männer aus Niederbayern mit Mopeds nach Las Vegas. Im Cinecitta erzählten sie von ihrer Reise.

„Beratungsresistent“ ist ein Wort, das gern verwendet wird, wenn man Leuten nicht direkt sagen will, dass sie immer ihren Dickkopf durchsetzen müssen. Vermutlich haben es Julian und Thomas Wittmann oft gehört, seit sie an einem feucht-fröhlichen Abend folgendes Projekt ausheckten: Sie fahren gemeinsam von Niederbayern nach Las Vegas. Über 4000 Kilometer auf historischen Zündapp-Mopeds, die es gerade mal auf 50 Stundenkilometer bringen. In Lederhosen. Das Ergebnis wollten sie als Film festhalten. „Alle sagten ihr habt ja voll den Schlag“, erzählen die beiden im Cinecitta. „Denn Reise-Dokus sind zwar populär, aber meist werden sie von hübschen jungen Pärchen gedreht. Nicht von Leuten wie uns.“ Doch das konnte die zwei nicht aufhalten. Schließlich hatten sie nebenbei noch eine wichtige Frage zu klären: „Was ist Freiheit?“ Wenns darauf eine Antwort gibt, dann sicher in den Weiten des wilden Westens.

Und so schipperten sie per Lastkahn nach New York. Von dort ging’s über die Country-Hochburgen Tennessees immer weiter westwärts. Begleitet wurden sie von einem dreiköpfigen Drehteam: „Kameramann, Tonmann und Asssistent – die fuhren in einem klapprigen Minibus hinter uns her, der ihnen gleichzeitig als Büro und als Arbeitsplatz diente. Wir hätten mit ihnen nicht tauschen wollen“, erzählen die Wittmanns.

Auf ihrer Reise treffen die beiden allerhand seltsame Typen: Einen abgehalfterten Malboro-Mann-Darsteller, einen Ex-Soldaten, der sie mit auf den Schießstand nimmt, einen „Hillbilly“, der als Selbstversorger mitten im nirgendwo lebt oder einen Country-Musikproduzenten, der sie gleich zu einer Session einlädt. Es scheint, dass im Westen überwiegend alte Männer unterwegs sind. Oder dass die Frauen dort vielleicht nichts mit zwei Jungs zu tun haben wollen, die es klasse finden, drei Monate lang die gleiche Lederhose zu tragen: „Das ist praktisch, weil man sich so gut die Hände daran abwischen kann.“

Ins Cinecitta bringen sie dann aber tatsächlich eine Frau mit: Schauspielerin Stephanie Liebl, die in dem Film eine bayerische Kellnerin darstellt. Denn das Roadmovie hat auch einen Spielfilm-Teil: Darin versuchen die Wittmanns ihren fertigen Film daheim in der Dorfwirtschaft zu zeigen, was zu Neid und Ärger bei den Einheimischen führt. Kabarettistin Monika Gruber, welche die Brüder über ein paar Ecken kennen lernten, spielt in dieser Geschichte eine freundliche Putzfrau, die sie wieder aufbaut.

„Jeder der aus der Filmbranche kommt hat uns gesagt: Fiktion und Realität in einem Film, das klappt nicht“, erinnern sich die Wittmanns. Und tatsächlich kann der Spielfilmteil, obwohl sorgfältig gemacht, nicht mit dem skurilen Charme der Amerika-Fahrt mithalten.

Von der brachten die beiden schließlich über 500 Stunden Film mit, die in einem langen Prozess auf Spielfilmlänge heruntergekürzt wurden. Das Fazit der beiden: „Wir hätten es uns aufregender vorgestellt“.

Dabei mangelt es wahrlich nicht an spannenden oder gar gruseligen Momenten: Wenn Julian versucht innerhalb von einer Stunde zwei Kilo Steak zu essen oder wenn die beiden von einem dubiosen Hells-Angels-Duo mitgenommen werden, das ihnen frei von der Leber weg erzählt, dass sie bereits Menschen auf dem Gewissen haben. Da müssen sogar die Wittmanns im Rückblick zugeben: „Manchmal wär es nicht schlecht gewesen, wenn wir etwas mehr gesunden Menschenverstand mitgenommen hätten.“

WERTUNG: 3

Kino: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“

Die Poesie des Zerbrechlichen: Zum 10. Todestag von Christoph Schlingensief lädt die Filmbiografie „Schlingensief – in das Schweigen hinausschreien“ zu einer Wiederentdeckung des Multikünstlers ein.

„Wenn alle 6 Millionen Arbeitslosen Deutschlands zum gleichen Zeitpunkt in den Wolfgangssee springen, wird der Wasserspiegel so weit steigen, dass der Keller von Helmut Kohls Ferienhaus überflutet wird.“

Wer so eine Idee ausbrütet ist genial. Wer versucht sie praktisch umzusetzen ist irre.

Und wer am Ende traurig ist, dass nur knapp 100 Leute mitgebadet haben, der ist wohl ziemlich zerbrechlich.

Willkommen in der Welt von Christoph Schlingensief. Ein Querdenker. Ein Unruhestifter.

Einer, dem es scheinbar total egal war, ob die Leute ihn mochten. Er forderte öffentlich die Ermordung von Jürgen Möllemann, lies im Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“ Ossis von Westdeutschen zu Wurst verarbeiten oder steckte in der Installation „Ausländer raus!“ Asylbewerber in Container, um sie von Passanten in Big-Brother-Manier zur Abschiebung auswählen zu lassen.

Was steckt hinter diesen Aktionen? Selbstdarstellung? Satirisch-abstrahierte Gesellschaftskritik? Oder pure Lust an der Provokation?

Diesen Fragen geht Regisseurin Bettina Böhler in ihrer Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ nach, die fast punktgenau zu seinem 10. Todestag erscheint. Die erfahrene Cutterin lässt in diesem Film keine Zeitzeugen zu Wort kommen – nur Schlingensief selbst spricht in alten Interviews, die geschickt mit Ausschnitten aus seinen Filmen und Bühnenwerken verwoben werden. Dabei folgt sie im großen der chronologischen Entwicklung: Schlingensief wird 1960 im Ruhrgebiet geboren. Zu dieser Zeit sind die Wunden, welche die Nazis hinterlassen haben noch lange nicht verheilt. Besonders nicht in einer Familie, die über ein paar Ecken mit Joseph Goebbels verwandt ist. Schon früh wird der Junge unbewusst in die Rolle dessen gedrängt, der die Depression seiner Eltern lindern soll.

„Ich habe mich nie als Provokateur gesehen“, sagt er. „Eher wie jemand, der sich selbst einen Impfstoff verabreicht: Ich zeige mir selbst das in kleinen Dosen, was mich im großen erschreckt.“ Das sind autoritäre Lehrer, die Erinnungen an die Nazis, aber auch jede andere Form von Uniformiertheit. Schlingensief mag das unfertige, das verletzliche. Das was knistert und brennt. Nur nicht stehenbleiben! Immer dann wenn ihn die Gesellschaft zu sehr in ein Schema stecken will – egal ob als kindisches „Enfant Terrible“ oder als arrivierter Opernregisseur in Bayreuth – bricht er aus und versucht wieder etwas ganz anderes. Etwa ein Opernhaus in Afrika aufzubauen. Vierzig Jahre arbeitet er wie besessen. Dann kommt der Krebs – den er weiter zu einem Kunstwerk transformiert. Aber eines, aus dem er nicht mehr aussteigen kann. Der Vorhang fällt für Schlingensief mit nur 49 Jahren.

WERTUNG: 1

Kino: „Lotti oder der etwas andere Heimatfilm“

Plötzlich Filmstar: Der Fürther Schauspieler Thomas Rohmer wurde nach 30 Jahren auf der Bühne für’s Kino entdeckt. Und zum Publikumsliebling in einer sehr ungewöhnlichen Filmproduktion.

Eigentlich ist Thomas Rohmer durch und durch Theatermacher. Seit 30 Jahren ist er mit seinen „Theatergastspielen Fürth“ im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs. Und ursprünglich wollte er dieses Jubiläum auch auf der Bühne feiern. „Aber Corona funkte dazwischen – 150 Vorstellungen sind mir in diesem Jahr ausgefallen“, erzählt er uns mit großem Bedauern beim Gespräch im Fürther Cineplex.

Doch Rohmer hatte Glück im Unglück: Denn letztes Jahr übernahm er sponten eine Rolle in dem Spielfilm „Lotti oder der etwas andere Heimatfilm“. Sein erstes Mal vor Filmkameras. Und das in einem ganz besonderen Film: „Der Regisseur Hans-Günther Bücking stammt aus dem kleinen Ort Bleicherode in Thüringen – und wurde auf einem Fest vom Bürgermeister gefragt, ob er auch mal einen Film in der Stadt drehen könne“, erzählt Rohmer. „Er sagte zu – unter der Bedingung, dass der ganze Ort mitspielt.“

So kam es, dass der komplette Film in echten Läden, Kneipen und Häusern vor Ort gedreht und durchgehend mit Laien besetzt wurde. Bis auf drei Profi-Schauspielerinnen: Haupdarstellerin Marion Mitterhammer, Kabarettist Bruno Jonas und eben Thomas Rohmer.

„Ich habe den Regisseur auf einem Festival getroffen und er hat sofort gesagt, dass er für mich eine Rolle schreiben will. Das hat mich natürlich sehr gefreut, da ich ja nicht wie der typische Filmstar aussehe“, lacht Rohmer. „Aber als ich das Skript las, hätte ich beinahe doch abgesagt!“

Denn die Geschichte handelt von einer alternden Pornodarstellerin, die in ihre Heimat Bleicherode zurückkommt, um sich mit ihrer Tochter auszusöhnen. Und Rohmers Rolle entpuppte sich als die eines fränkischen Pornoproduzenten. „Ich dachte erst, dass kann ich nicht bringen – aber dann habe ich verstanden, dass es diese Figur ist, die Herz und Humor in den Film bringt.“

So lies er sich auf das Abenteuer Filmdreh ein: „Das ist ganz anders als im Theater. Eine Szene, in der Marion und ich Tee trinken haben wir einen ganz Tag lang gedreht – ich hätte mich fast übergeben nach 40 Tassen…“

Doch die Mühe lohnte sich: Der Film wurde erstaunlich charmant und Rohmers Figur zum absoluten Sympathieträger: „Ich durfte mich in das goldene Buch der Stadt eintragen und habe wirklich eine Fanbase in Bleicherode“, freut er sich. Die Rolle brachte ihm auch weitere Film- und TV-Engagements ein, die ihn über die Corona-Zeit brachten. Und letztlich rettete der Film auch sein Theater-Jubiläum: „Nächstes Jahr werde ich als Pater Brown in Bleicherode auf der Bühne stehen – obwohl der Ort gar kein Theater hat! Sie räumen extra die Kirche für mich frei! Das wäre in Fürth wohl undenkbar!“

WERTUNG: 2

Kino: „Kokon“

Im Sommer 2018 bringt eine mörderische Hitze die Menschen der Stadt Berlin fast um den Verstand: Die 14-jährige Nora (Lena Urzendowsky) und ihre große Schwester Jule (Lena Klenke) verstecken sich im Freibad oder auf Indoor-Parties. Sie gehören zur Mittelschicht: Die Mutter (Anja Schneider) interessiert sich für Gender-Studies und Alkohol. Für ihre Töchter eher weniger. Auch an der Schule geht es rabiat zu: Wer nicht dem Schönheitsideal der Internet-Welt entspricht ist ein Opfer. Nora würde sich am liebsten raushalten. Ihre Leidenschaft sind ihre Raupen, die sie liebevoll in Gläsern im Schlafzimmer züchtet. Aber diese Welt ist nicht die ihre und sie verlangt, dass Nora mitspielt. Zum Beispiel beim „Finger-Klopf-Spiel“. Hier muss man Jungs küssen oder Schmerzen aushalten bis es nicht mehr geht. Nora hält aus und bleibt mit einer gebrochenen Hand in einer fremden Klasse zurück. Und das genau in der Woche, in der sie ihre erste Periode hat.

Als Lichtblick erscheint ihr da Romy (Jella Haase). Die ältere Schülerin ist eine der wenigen, die Nora mit Freundlichkeit begegnet. Oder ist da sogar noch mehr? Nora – die sich selbst ganz ähnlich intensiv beobachtet, wie ihre Raupen – stellt fest, dass ihr Herz höher schlägt, wenn Romy in der Nähe ist. Dass sie sie so ansieht, wie Jungs Mädchen ansehen, auch wenn sie nicht genau sagen kann, was da den Unterschied macht. Bedeutet das, dass sie Lesbisch ist? Weder Lehrerinnen noch Internet-Tutorials können ihr weiterhelfen – Nora muss selbst den Schritt in diese neue Welt wagen.

„Kokon“, der zweite Spielfilm der 1985 geborenen Regisseurin Leonie Krippendorf, ist eine sehr liebevolle und sorgfältig gemachte Geschichte über das Erwachsenwerden. Keine der Figuren ist ein Klischee, alle Entwicklungen sind glaubwürdig und berührend. Und oft auch sehr traurig. Denn was die jungen Darstellerinnen hier zeigen ist nicht weniger als ein Kampf ums Überleben in einer feindlichen Welt. Oder genauer: In mehreren Welten.

Da gibt es die Welt der Smartphones, die nur die Mitte der Kinoleinwand fühlt. Ort der Innerlichkeit, aber auch der sozialen Kontrolle. Dann die Welt der Schule, gezeigt in einem engen, fast quadratischem Format. Erst als Nora ihre ersten Schritte zu Freundschaft (und vielleicht Liebe) tut, erweitert sich der Blick bis das Bild die ganze Kinoleinwand füllt. Denn das ist das hoffnungsvolle Fazit: Es gibt Glück. Jenseits des Kokons.

WERTUNG: 2