Gesehen: „Girl“

Tanzen, lieben, erwachsen werden: In seinem Oscar-nominierten Debüt-Film „Girl“ erzählt der belgische Regisseur Lukas Dhont von einem ungewöhnlichen Mädchen.

Jeden Tag arbeitet die 15-jährige Lara daran, ihren großen Traum zu verwirklichen: Als Profi-Ballerina über die Bretter zu tanzen. Doch die Ausbilder an der Tanzschule sind skeptisch: Ihre klassische Technik ist gut, aber mit dem Spitzentanz hapert es. Sie geben ihr acht Wochen auf Bewährung. Unzählige Stunden vor dem Spiegel, blutige Füße, Rückschritte – aber auch Erfolge liegen vor ihr. Dazu kommen die ganz normalen Nöte eines Teenagers: Die Liebe, die Familie, die Freunde. Und als wäre das alles noch nicht schwierig genug, trägt Lara noch ein weiteres Problem mit sich herum: Sie wurde als Viktor geboren, möchte aber als Mädchen leben. Jeden Tag klebt sie ihren Penis ab und überprüft ob die gerade begonnene Hormon-Behandlung sich schon auf ihre Brüste auswirkt. Sie zählt die Tage bis zur Operation – doch noch ist unklar, wie sich die enormen körperlichen und seelischen Belastungen mit dem Eingriff vertragen werden.

Vieles an dem Film „Girl“ ist bemerkenswert. Zum einen das, was er nicht ist: Er ist keine Geschichte der Suche nach Identität. Von Anfang an weis Lara, dass sie ein Mädchen ist und wartet sehnsüchtig darauf, dass ihr Körper ihrer Seele folgen darf. Es ist auch kein Film über Diskriminierung. Ihr Vater (Arieh Worthalter) unterstützt sie vorbehaltlos und auch die Ballett-Kolleginnen sind eher neugierig als misstrauisch.

Statt dessen sehen wir einem Film, bei dem man die Hingabe aller Beteiligten in jeder Minute spürt: Regisseur Lukas Dhont drehte vorher nur Kurzfilme und Werbeclips, trug die Geschichte von Lara aber schon viele Jahre mit sich herum und erzählt sie sensibel, ruhig, fast wie eine Dokumentation.

Und dann ist da natürlich noch Victor Polster. Der 15-jährige Tänzer ist in jeder Szene zu sehen und schafft es Lara als junge Frau zu zeigen, die sich mutig ihren Herausforderungen stellt. So viel Engagement wurde auch belohnt: In Cannes bekam der Film Auszeichnungen für Beste Regie und Besten Darsteller, bei den nächsten Oscars geht „Girl“ für Belgien ins Rennen.

WERTUNG: 2

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Gelesen: Dan Brown „Das verlorene Symbol“

Nachdem mir „Origin“ (2017) so überraschend gut gefallen hat, habe ich nun noch einen zweiten Langdon-Roman von Dan Brown gelesen: „Das verlorene Symbol“ von 2009.

Als Symbolforscher Robert Langdon kurzfristig für einen Vortrag in die amerikanische Hauptstadt Washington geladen wird, ahnt er noch nicht, dass es eine tödliche Falle ist: Ein irrer Typ hat es auf die Geheimnisse der Freimaurer abgesehen (welche diese Stadt wesentlich prägten und prägen) und braucht Langdon um sie zu entschlüsseln. Und geht dabei buchstäblich über Leichen…

Ich bin froh, dass ich „Origin“ zuerst gelesen habe. Denn wenn ich mit „Lost Symbol“ angefangen hätte, hätte ich vermutlich zu keinem zweiten Dan Brown Buch gegriffen. Kein Zweifel – auch dies ist wieder ein pageturner, bei dem man ständig wissen will, wie es weitergeht und bei dem man en passant etwas über Architektur und seltsame Kunstwerke (wie die Rätsel-Skulputur „Kryptos“ im Hof der CIA) erfährt.

Aber im ganzen läuft hier das Räderwerk wesentlich unrunder als bei „Origin“. Dort waren die wissenschaftlichen und Kunst-beschreibenden Passagen sehr organisch in die Handlung eingewoben. Im „Symbol“ dagegen gibt es tatsächlich Stellen wo es heißt: „Langdon erinnerte sich an eine Vorlesung…“ oder „Catherine erinnerte sich an ein Experiment…“ – und dann wird die eigentliche Geschichte für zehn Seiten unterbrochen, um das zu beschreiben.

Auch der Bösewicht ist nicht so stark. In „Origin“ war es ein gequälter Admiral, dessen Motive und Werdegang sehr nachvollziehbar waren. Hier ist es ein tätowierter Hollywood-Schurke mit Folterkammer und einer supergeheimen Herkunft, die schon zur Hälfte des Buches verraten wird.
Ebenfalls seltsam: Nach dem traumatischen Endkampf und diversen Nahtoderlebnissen sind unsere Helden nicht etwa geschockt, sondern gehen erst mal auf Sightsseeing-Tour durch Washington und diskutieren über Bibel-Übersetzungen. Ein großes Geheimnis zum Schluss gibt es auch nicht, statt dessen geht die Sonne über dem Obelisken der „National Mall im Herzen der Nation“ auf. Ein Ende, dass vermutlich nur patriotische Amerikaner als befriedigend empfinden.

Das klingt jetzt etwas hart, als wäre das Buch eine Gurke. Das ist es aber nur im Vergleich mit dem superb fließenden „Origin“. Auch „Symbol“ hat sehr, sehr gute Stellen – etwa die Verfolgunsjagd durch das absolute Dunkel des „Noetischen“ Labors oder die Entschlüsselungs-Sequenzen mit der Pyramide.

Einen Dan-Brown werde ich sicher noch lesen und dann entscheiden, ob ich ihn generell cool finde oder nur „Origin“ sehr mochte.

P.S.: Verschöwerungstheoretiker glauben, dass „Symbol“ bisher nicht verfilmt wurde, weil es um die Freimaurer in Amerika geht. Doch erstens werden diese sehr positiv dargestellt und zweitens passieren einfach die besten Sachen dieser Story in stockfinsteren Räumen. Es wird viel in dunklen Gängen geschlichen und auf kleine Pyramiden geguckt – was alles nicht sehr filmisch ist. (und zudem auch an den Nicolas Cage Film „National Treasure“ erinnert).

Gelesen: „Origin“ von Dan Brown

„Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“ – das Computergenie Edmond Kirsch behauptet diese uralten Menschheitsfragen gelöst zu haben. Sein Ergebnis will er geladenen Gästen bei einer Präsentation im Museum für Moderne Kunst im spanischen Bilbao präsentieren. Doch da Kirsch ein bekannter Atheist ist, macht sich auch ein Killer mit religiösen Motiven auf den Weg ins Museum…

„Origin“ gehört, wie auch der „Da Vinci Code“ zu den Büchern um den Symbolforscher Robert Langdon und war für mich der erste Roman von Dan Brown, den ich gelesen habe. Nicht jeder Bestseller ist ja auch ein gutes Buch (und nicht jedes gute Buch ein Bestseller) – aber nach den 600 Seiten des Schmökers kann ich sagen: Es hat einen Grund, warum Millionen Menschen Browns Thriller lieben.

„Origin“ ist schnörkellos spannend, absolut kurzweilig und man ist hinterher sogar ein bischen schlauer. Dabei wirkt die Tour durch spektakuläre Orte der spanischen Kultur nie gekünstelt, sondern all die Kunst- und Bauwerke sind absolut logisch in die Handlung eingebaut. Hier greift tatsächlich ein Rädchen ins andere und die Story hat keine einzige überflüssige Person oder Szene.

Die Sprache ist klar und einfach (mit normalem Schul-Englisch ist das Original gut zu verstehen. Ich musste kaum ein Wort nachschalgen und hatte schon nach wenigen Seiten vergessen, dass die Sprache nicht Deutsch ist), sie drängt sich nie in den Vordergrund, sondern dient immer dazu die Leser direkt in die Situation mitzunehmen: Ob auf der atemlosen Flucht durch die Ruinen-Bars von Budapest, der Fahrt mit dem Tesla durch Barcelona oder den Abstieg in Francos „Valley of the Fallen“ – immer ist man wie live dabei.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass die Hauptperson Robert Langdon recht blass ist: Eine Mary Sue mit perfekten Gedächtnis, die außer einer (für die Handlung völlig unwichtigen) Klaustrophobie keine besonderen Merkmale hat. (Da dies aber schon der 5. Langdon-Roman ist kann das auch damit zuammenhängen, dass Fans den Herrn aus den Vorgängern schon besser kennen.) Dass Brown durchaus stimmige Charaktere erstellt zeigen die vielen Nebenfiguren, die oft in wenigen Sätzen sehr plastisch und menschlich werden.

Insgesamt ein Buch dem man anmerkt, dass der Autor vier Jahre dafür recherchiert hat. Ein perfekter Thriller, bei dem einfach alles stimmt! Und der einen dazu verleitet sofort nach Spanien zu reisen, um all die interessanten Orte selbst kennen zu lernen.

Kino: „Destination Wedding“

Abneigung auf den ersten Blick: In „Destination Wedding“ werden Winona Ryder und Keanu Reeves zu Schicksalsgefährten wider Willen.

Manchmal braucht es nicht viel, damit zwei Menschen merken, dass sie tief im inneren perfekt zueinander passen – oder eben nicht! Bei Lindsay (Winona Ryder) und Frank (Keanu Reeves) ist es Abneigung auf den ersten Blick, als sie am Flughafen zufällig nebeneinander stehen. Kein Wunder: Er ist ein grummeliger Typ mit Zauselbart, der die ganze Welt doof findet und in seiner Freizeit blöde Geräusche mit seinem Mund macht. Sie eine Dame, die am liebsten pausenlos über sich selbst und ihre Probleme redet und ihrer einzigen Liebe nachtrauert. Zu allem Unglück stellen sie bald fest, dass sie beide das gleiche Ziel haben: Die Hochzeit von Franks Bruder, der auch Lindsay’s Ex ist. Und da diese irgendwo auf einem Kaff in den kalifornischen Bergen gefeiert wird – und alle anderen Beteiligten noch widerlicher sind – können die beiden einander nicht ausweichen…

Man spürt, welchen Film Regisseur Victor Levin hier im Kopf hatte: Eine Negativ-Version von „Before Sunrise“ mit langen Dialogen, gemischt mit einem witzigen Geschlechter-Kampf in der Hepburn/Tracy-Tradition. Im Prinzip eine gute Idee. Und mit Reeves und Ryder hat man zwei Stars im Petto, die gerade beide ein Comeback erleben (Er mit der „John Wick“-Reihe, Sie mit „Stranger Things“). Das Problem: Zwischen den beiden funkt es gar nicht: Ryder grimassiert pausenlos rum und Reeves schaut zu wie aus Holz geschnitzt. Dass sie sich mit rund 50 Jahren noch um ihre Mutterkomplexe und die erste Liebe Sorgen machen wirkt auch nicht gerade reif.

Fazit: Solange noch irgend etwas anderes im Kino (oder in der Welt) angeboten wird, sollte man nicht 86 Minuten seines Lebens damit verschwenden, Frank und Lyndsay beim Streiten, Fernsehschauen und einer der dämlichsten Sex-Szenen der Filmgeschichte zuzusehen.
WERTUNG: 6

Kino: „Mama Mia 2“

Reif für die Insel? Und für eine Extraportion Bubblegum-Pop? Das neue ABBA-Musical „Mama Mia 2“ bietet Sonne, Strand und Ohrwürmer satt. Aber macht es auch Spaß?

Die schlechte Nachricht zuerst: Meryl Streep ist tot. Zumindest ihre Filmfigur Donna hat seit dem ersten „Mama Mia“-Film von 2008 das zeitliche gesegnet. Nun liegt es an ihrer Tochter Sophie (Amanda Seyfried) das Hotel auf der griechischen Insel Kalokairi zu neuem Glanz zu führen. Dabei helfen ihr der charmante Mexikaner Fernando (Andy Garcia) und Sam (Pierce Brosnan), einer ihrer drei Väter. Die beiden anderen (Stellan Skarsgard und Collin Firth) stecken noch auf der Fähre fest. Wieso das drei sind? Das wird in ausführlichen Rückblenden ins Jahr 1979 erzählt. Hier kommt die junge Donna (Lily James) zu ihrem ersten Besuch auf die Insel – und erlebt dort sommerleichte Liebesabenteuer mit Sam (Jeremy Irvine), Harry (Hugh Skinner) und Bill (Josh Dylan).

Dabei haben die Schauspieler sichtlich Spaß die jungen Versionen der Stars zu geben. Regisseur und Autor Ol Parker legt ihnen dazu witzige Dialoge in den Mund und lustige Slapstick-Hürden in den Weg.

Dennoch bleibt die „Handlung“ stets nur ein Vorwand, um möglichst schnell zum nächsten ABBA-Song zu gelangen. Gerade am Anfang klappt das sehr gut: Da bricht ein komplettes französisches Restaurant in eine irrwitzige Tanznummer aus. Rollstühle und Fahrräder fangen an sich zum Discobeat zu drehen.

Besonderes Lob verdient auch Pierce Brosnan, der für seine Gesangseinlagen beim ersten „Mama Mia“ die „Goldene Himbeere“ als schlechtester Schauspieler bekam: „Ich hab nur gelesen, dass ich mit Meryl Streep auf einer griechischen Insel drehen darf und sofort zugesagt“, erinnert er sich. „Erst später habe ich gemerkt, dass es ein Musical ist“. Diesmal gehört seine mit brüchiger Stimme vorgetragene Nummer zu den emotionalen Höhepunkten des Films.

So weit, so gut. Doch je länger das ganze dauert, desto ermüdender wird es. Der Story fehlt es schlicht an Substanz. Und bei der Masse der Songs merkt man, dass auch die schwedischen Ohrwurm-Könige Björn Ulvaeus und Benny Andersson nur mit Wasser kochen: Auf die Dauer klingt das alles doch ziemlich gleich. Gab es 1979 nicht auch die Ramones? Frank Zappa? Pink Floyd? Naja.

So bleibt unterm Strich ein Film, für den das gleiche gilt, was Kollegin Inge Rauh vor zehn Jahren über den ersten Teil schrieb: „Bitte alle mitklatschen und danach einen Uzo bestellen“. Nur sollte man diesmal besser die Reihenfolge umkehren.

WERTUNG: 3

 

Gesehen: Zentralflughafen THF

Berliner Architekturdenkmal, Freizeitpark und größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands: Ein Jahr lang dokumentierte Karim Aïnouz das Leben im „Zentralflughafen THF“.

Die Mutter aller Flughäfen“, nannte Stararchitekt Norman Forster den in den 30er Jahren entstandenen Airport Tempelhof, der 2008 stillgelegt und zu einem Park umgewandelt wurde. Immer wieder taucht sein imposante Halbrund als Kulisse in Hollywoodfilmen (etwa im letzten Teil der „Panem“-Reihe) auf. Seit 2015 dient es auch als Unterkunft für Flüchtlinge, die größte in Deutschland. Der in Berlin lebende brasilianisch-algerische Regisseur Karim Aïnouz, war fasziniert von diesem Ort: „Hier speigeln sich die vielschichtigen Widersprüche Deutschlands und Wandlungen Berlins wieder.“

Ein Jahr lang begleitete er die Menschen, die den Tempelhof bevölkern: Den Imker, der auf dem ehemaligen Rollfeld seine Bienen pflegt ebenso wie den Nachtwachdienst, der abends die freilaufenden Füchse zählt. Und natürlich die Geflüchteten. Die leben in Wohnkabinen ohne Dächer mitten in den großen Ladehallen. Ihre Welt ist geprägt von Monotonie, Bürokratie und Arztbesuchen – während nur ein paar Meter weiter die Berliner ihre Auszeit aus ihrem Alltag genießen.

Der Film schafft es die Kontraste von Tempelhof gut einzufangen, was vor allem der exzellenten Kamera-Arbeit von Juaen Sarmiento G. zu verdanken ist: Seine Bilder sind Breitwandgemälde, welche das Innere des Lagers oft wie eine Kunstausstellung wirken lassen – um dann den Betrachter wieder mit der tristen Realität der Geflüchteten zu konfrontieren. Eine Schwäche des Films ist dagegen, dass er nicht wirklich eine Hauptperson hat, die den Zuschauern ans Herz wächst. Erst beim Schnitt wurde entschieden, dass der 18-jährige Ibrahim Al Hussein zum Mittelpunkt des Films wird, doch dessen Erzählungen aus Syrien (über Bildern des leeren Rollfeld) öffnen den Fokus nur noch weiter. Hier wäre weniger mehr gewesen. Dennoch ein spannender Versuch, ein Gelände in seiner Ganzheit zu erfassen.

WERTUNG: 3

 

Kino: „Die Frau, die vorausgeht“

Western mal anders: Der „Die Frau, die vorausgeht“ erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft einer New Yorker Portraitmalerin mit dem Sioux-Häuptling Sitting Bull.

New York, 1890: Inspiriert von den Wild-West-Bildern des Malers George Catlin beschließt die junge Witwe Catherine Weldon (Jessica Chastain) in das Reservat der Sioux-Indianer in North Dakota zu reisen, um ein Portrait des berühmten Häuptlings Sitting Bull (Michael Greyeyes) zu malen. Doch schon auf der Zugreise muss sie feststellen, dass ihre romantischen Vorstellungen von der Freiheit im Westen nicht der Wirklichkeit entsprechen. Der Regierungsbeamte Silas Groves (Sam Rockwell als witziger Westentaschen-Eastwood) macht ihr unmissverständlich klar, dass sie nicht erwünscht ist. Denn gerade befinden sich die Indianer in harten Verhandlungen um ihr Land mit der US-Regierung. Catherine wird mitten hineingeworfen in diese Auseinandersetzung und erkennt erschreckt, dass es auf beiden Seiten Kräfte gibt, die auf einen Krieg zusteuern. Doch so leicht lässt sie sich nicht einschüchtern und steht schließlich wirklich dem legendären Häuptling gegenüber… der ganz anders ist, als sie erwartet hat.

Kein Zweifel – diese Geschichte, die lose auf der Biografie der Malerin Carolin Weldon beruht, hat enormes Potential: Ein Western mit einer Frau in der Hauptrolle. Der sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt. Inszeniert von einer britischen Regisseurin (Sussanna White). Und das in einem Jahr, in dem so offen wie nie darüber nachgedacht wird, die Macht der weißen, alten Männer Hollywoods neu zu verteilen. Allein der Titel wirkt da schon wie ein Versprechen: Jetzt gehen die Frauen mal voraus und machen es besser.

Tun sie aber leider nicht. Denn das Ding erweist sich als ziemliche Gurke.

An den Darstellern liegt es nicht: Jessica Chastain trifft genau die richtige Mischung zwischen Mut und Verletzlichkeit, Michael Greyeyes vermittelt durch sein subtiles Spiel mehr Weisheit, als ihm das Drehbuch in den Mund legt und Sam Rockwell ist gut wie immer. Solange ihnen die Kamera ruhig zuschaut lugt er hervor, der große, der wichtige Film, der „Die Frau, die vorausgeht“ hätte sein können.

Doch dann kommt schon wieder der nächste hektische Schnitt, die nächste überflüssige Zeitlupe, die nächste Ladung kitschige Musiksauce und jedes Gefühl von Erhabenheit ist futsch. Und dann die Dialoge! „Ich hatte beim betreten des Lagers ein ungutes Gefühl“. Das ist etwas, dass man in den Augen einer Figur sehen sollte – und nicht von ihr erzählt bekommen will.

Unterm Strich bleibt „Die Frau, die vorausgeht“ ein geschwätziges Melodram. Eher „Der Buchladen der Florence Green“ im Westen, als „Der mit dem Wolf tanzt“ für Frauen. Schade.

WERTUNG: 5

Kino: „Muhi“

Aufwachsen bei den „Feinden“: Der Dokumentarfilm „Muhi“ beschreibt das ungewöhnliche Leben eines palästinensischen Jungens in Israel.

Warum habe ich keine Arme mehr?“, fragt der vierjährige Muhi.

Weil Gott es so wollte“, antwortet sein fürsorglicher Großvater Abu Naim.

Dann ist Gott ein Unmensch“, stellt Muhi sachlich fest.

Sag das nicht, das ist Sünde“, antwortet der Großvater. Denn was soll er auch sonst sagen? Dass Muhi als Säugling an einer seltenen Immunkrankheit litt, für die es in seiner Heimat im Gaza-Streifen keine Heilung gab? Dass die Familie ihn unter Schwierigkeiten in ein Krankenhaus in Israel brachte, wo ihm zur Rettung des Lebens Arme und Beine amputiert wurden? Und dass er an diesem Ort sein weiteres Leben verbringen muss?

Denn nach Hause kann Muhi nicht – im Gaza-Streifen gibt es nicht die nötige medizinische Versorgung. Aber normal in Israel leben dürfen das Kind und der Mann aus Palästina auch nicht: Ihre Aufenthaltsgenehmigung bezieht sich allein auf das Gebiet des Krankenhauses. Besuche vom Rest der Familie sind schwierig, da beide Seiten bürokratische Hürden in den Weg legen.

So richten sich Muhi und Abu allein in dieser seltsamen Welt ein. Das Krankenhaus wird zu ihrer Heimat. Muhi wächst scheinbar gleichberechtigt in zwei Kulturen auf: Mit Gebeten zu Elohim und Allah, er spricht arabisch und hebräisch. Dass da ein Krieg herrscht soll Muhi nicht erfahren. Aber die Schrecken des Konfliktes holen auch die beiden schließlich ein…

 

Vier Jahre lang begleiteten die Dokumentarfilmer Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman ihre außergewöhnlichen Protagnisten durch ihr unfreiwilliges Exil. Der Israel-Palästina-Konflikt bleibt dabei im Hintergrund – im Mittelpunkt stehen die Menschen, die der Film stets hautnah begleitet.

Dabei gibt es keine Interviews, sondern nur Beobachtungen. Ein bischen schade, weil man so nicht erfährt, was die Menschen denken und fühlen. Andererseits scheint das auch keine Kultur zu sein, in der groß Selbstreflexion betrieben oder über Gefühle geredet wird. Insofern ist zuschauen vielleicht wirklich die beste Methode.

So entsteht ein sehr intimes Portrait – das trotz der düsteren Thematik auch Mut macht: Begleitet von der einfühlsamen Musik von Ran Bagno erleben wir, wie ein Kleinkind trotz Handicap und geradezu absurder Lebensumstände zu einem lebensfrohen Jungen heranwächst.

WERTUNG: 2

Neuer eigener Film: „Die 47 – die Story eines idealen Hauses“

Die Biografie eines Hauses:  Fünf Jahre lang begleiteten Catharina und ich ein ganz besonderes Bauprojekt mit der Kamera. Die Wohnbaugenossenschaft „Ideal“ schuf nach dem Krieg bezahlbaren Wohnraum für die Nürnberger – nun wurde ihr geschichtsträchtiges erstes Haus durch einen Neubau ersetzt.

Ein Film aus unserer Reihe der Stadtteilbiografien von Muggenhof .