KINO: „Klasse Deutsch“

Wie die Integration von Geflüchteten gelingen kann, darüber gab es in den letzten Jahren unzählige Diskussionen. Und nur über eines herrschte wirklich Einigkeit: Wer hierher kommt, sollte schnell und gründlich die deutsche Sprache lernen.

Doch wie funktioniert das in der Praxis? Dokumentarfilmer Florian Heinzen-Ziob verbrachte sechs Monate lang jeden Vormittag in der „Vorbereitungsklasse“ der Kölner Henry-Ford-Realschule. Hier büffeln Schüler unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft täglich fünf Stunden lang Deutsch.

Angeleitet werden sie von Lehrerin Ute Vecchio, die neben ihrer fachlichen Arbeit auch noch als Seelsorgerin gefragt ist: Denn für die meisten Kinder ist es ungewiss, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben. Und oft sind es gerade die engagiertesten, welche Köln wieder verlassen müssen. Das erfahren wir in einer der wenigen Szenen, die Ute Vecchio im Gespräch mit einer Kollegin zeigen.

Meist verlässt die Kamera das Klassenzimmer nicht. Aus leicht erhöhter Perspektive blicken wir auf immer gleiche Szenen: Vecchio die geduldig im Einzelunterricht übt. Vecchio die schimpft. Schüler, die sich beklagen. Interviews gibt es keine und über die Hintergründe der Personen erfahren wir nichts. Die Zuschauer sind aufgefordert, sich alles mehr oder minder selbst zusammen zu reimen.

Dabei sind die Filmemacher aber alles andere als unsichtbar: Gerade die Jungs, die eher als Klassenclowns unterwegs sind, lugen immer wieder zur Kamera um zu sehen, ob sie gerade eine komische Wirkung erzielen.

Etwas merkwürdig auch die Entscheidung, den Film im gediegenem Schwarz-Weiß zu präsentieren. Einerseits wirkt es sehr stilvoll, verschleiert aber auch die Realität: „Ein knallbuntes Klassenzimmer“ ist laut Regisseur Heinzen-Ziob „zu unruhig und lenkt ab“. Warum die jungen Menschen dann ausgerechnet an einem solchen Ort lernen sollen – und beschimpft werden, wenn sie es nicht schaffen – wäre eine spannendere Sache, als eine weitere Gardinenpredigt von Ute Vecchio zu hören.

WERTUNG: 4

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What’s so bad about waving at a train? – In Memoriam John Singleton

Diese Woche starb der amerikanische Regisseur John Singleton. Bekannt wurde er 1991 mit „Boyz in the hood“.

Ich traf ihn ein paar Jahre danach in Berlin auf einer Pressekonferenz anlässlich seines Films „Rosewood Burning“. An den Film kann ich mich kaum erinnern. An die Pressekonferenz dafür umso mehr.

Normalerweise sind Berlinale-Pressekonferenzen erstaunlich fade Angelegenheiten: Die Stars versuchen Werbung für ihre Filme zu machen, die Reporter versuchen schlüpfrige Details über das Liebesleben der Stars zu erfahren. Ums Kino geht es dabei am wenigsten.

Nichts davon hier! Diese Pressekonferenz war ein Kampf! Die europäischen Kritiker (darunter auch ich), hassten „Rosewood Burning“. Wir sahen es als typischen Macho-Rachewestern voller Klischees, nur dass diesmal ein Schwarzer die Rolle des Helden spielte.

Singleton, ein tougher Typ mit einem großem Herz, verstand gar nicht, warum niemand seinen Film liebte und nahm tapfer den Kampf gegen einen kompletten Raum voller feindlicher Leute auf.

Ein tragischer Kampf, weil beide Seiten es aus ihrer Sicht gut meinten:
Wir hatten „Boyz…“ geliebt und wollten, dass er weiter ehrliche, persönliche Filme im Sinne eines europäischen Auteurs drehte (gerne auch schwarzweiß und mit rückwärtslaufender Musik oder so).

Singleton war der Ansicht, dass er einen absolut ehrlichen und persönlichen Film gedreht hatte – im Rahmen des amerikanischen Genre-Kinos.

Die Positionen waren unversöhnlich. Beide Seiten konnten sich nicht verstehen. Besonders ein Kollege hakte immer wieder wegen der Klischees nach: „Am Ende fährt ein Zug ab und die Leute winken ihm nach! So fad'“

Das war der Moment in dem Singleton tief Luft holte, die Arme in die Luft riss und aus tiefer Seele folgenden Satz sagte:

„What’s so bad about waving at a train?“
(Was ist so schlimm daran, einem Zug nachzuwinken?)

Darauf gab es damals keine Antwort und ich weiß auch heute keine.
Aber ich habe diese Worte bis heute nicht vergessen.

John Singleton machte weiter Filme, die Genres bedienten und deren Grenzen ein wenig erweiterten. Am 17. April 2019 hatte er einen Schlaganfall. Zwölf Tage später wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt.

Singelton starb mit nur 51 Jahren.

Und ich stehe da und winke seinem Zug nach.

Kino: „Zu jeder Zeit“

Lachen, weinen, Spritzen setzen: Der ungewöhnliche Dokumentarfilm „Zu jeder Zeit“ begleitet angehende Krankenpfleger durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung.

Es beginnt ganz einfach: Mit Händen unter Wasser. Denn das allererste, was die jungen Krankenpflegerinnen lernen ist, dass es drei Zustände gibt: Dreckig, Sauber und Steril. Und nur steril ist gut genug. Denn in ihrem Job geht es stets um Gesundheit. Und manchmal sogar um Leben und Tod.

Es sind junge Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen, die sich in diesem Kurs zusammengefunden haben, um gemeinsam zu lernen. Und zu lachen und zu leiden. Denn dass ihre Ausbildung eine hochemotionale Sache ist, merken die Teilnehmer spätestens, als sie lernen müssen eine Spritze zu setzen: „Eine schnelle Bewegung, 90 Grad“, grinst der Ausbilder und befördert das Gerät elegant in den vorbereiteten Dummy. Bei den Schülerinnen ist das weit schwieriger. Was ist, wenn jemand Linkshänder ist? Wenn die Nadel daneben geht?

Obwohl bei diesen Trockenübungen viel gekichert und herumgealbert wird merkt man den großen Respekt, den alle Beteiligten an den Tag legen. Die Auszubildenden sind hoch motiviert, die Trainer gründlich und immer bereit mit den Schülerinnen und Schülern das erlebte zu reflektieren.

Wie wichtig das ist, merkt man im zweiten Teil des Films: Hier gehen die Azubis in Krankenhäuser und Heime. Statt Dummies und grinsenden Kollegen sitzen plötzlich kranke Alte und verletzte Kinder vor ihnen. Neben all dem Fachwissen und praktischem Geschick ist nun auch viel emotionale Stärke von den angehenden Pflegern gefragt. Denn das Umfeld im Arbeitsalltag ist oft nicht so wohlwollend, wie auf der Schule.

Der dritte Teil des Films zeigt die Auszubildenden wieder zurück bei ihren Lehrern, wie sie das im Praktikum erlebte reflektieren: Begegnungen mit dem Tod, Konflikte mit Hierarchien und die stete Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Viele brechen in diesem Moment in Tränen aus.

Regisseur Nicolas Philibert, bekannt für seine einfühlsamen und zurückhaltenden Dokumentationen, legt hier einen Film vor, der auf den ersten Blick karg und schlicht wirkt:

Es gibt keine Interviews. Keine Schauwerte, keine Musik und auch keine Hauptperson. Und dennoch – und das ist die große Kunst – erreicht uns der Film emotional! Als Zuschauer bekommt man das Gefühl, selbst Teil dieses Kurses zu werden. Am Ende hat man nicht das Portrait einer Person gesehen, sondern das einer Ausbildung.

Selbst wer mit Pflege nichts am Hut hat ist gut beraten „Zu jeder Zeit“ zu sehen. Denn die Sorgfalt, Rexflexionsbereitschaft und Achtsamkeit, die Azubis und Ausbilder hier an den Tag legen, wünscht man sich auch für viele andere Berufe. Auch für die weit besser bezahlten.
WERTUNG: 1

Can´t start a fire without a Spock: Discovery Staffel 2

Die erste Staffel von „Star Trek Discovery“ war ein zwiespältiges Vergnügen: Tolle Optik, guter Cast, aber auch viel Düsternis und Krieg. Zudem schien jeder Autor sein ganz eigenes Süppchen zu kochen: Manche wollten ernste Stories über Posttraumatischen Stress erzählen, andere Spaß mit dem Spiegeluniversum und Zeitreisen haben. Wieder anderen war es völlig egal worum es ging. Hauptsache es wurde ganz viel Klingonisch gesprochen.

Für die zweite Staffel haben sich die Autoren die Kritik der Fans spürbar zu Herzen genommen und präsentieren in den 14 Folgen viele klassische Trek-Abenteuer der Begegnung mit dem Unbekannten. Eingebettet ist das ganze wieder in eine durchgehende Rahmenhandlung:

Kurz nach dem Ende des Krieges mit den Klingonen stößt die „Discovery“ auf etwas merkwürdiges: An unterschiedlichen Punkten der Galaxis tauchen plötzlich Leuchtsignale unbekannter Herkunft auf. Bei den Nachforschungen begegnet die Crew dem geheimnisvollen „Red Angel“. Diese schemenhafte Gestalt scheint in ganz besonderer Verbindung zu einem der prominentesten Mitglieder der Sternenflotte zu stehen: Mr. Spock, der sich zur Zeit aber an einem sehr ungewöhnlichen Ort befindet….

 

Mit Pike, Spock, Number One und natürlich der Enterprise in Action wird der klassichen Serie viel Tribut gezollt. Sogar im amerikansichen Starttermin am 17. Januar steckt eine Hommage. Auch sonst werden viele Dinge bereingt: Die Leute auf der Brücke bekommen endlich Namen und die Unstimmigkeiten mit der Classic-Serie (Warum haben die Klingonen keine langen Haare? Warum hat die Enterprise Hologramme? Und vor allem: Warum haben wir in all den Jahren noch nie etwas von Spocks ‚Schwester‘ Michael gehört?) werden witzig erklärt. Mehr kann man sich hier nicht wünschen.


Natürlich gibt es auch hier Gurkenfolgen, die sich ewig in die Länge ziehen („The Red Angel“, ausgerechnet!)
Zudem scheinen die Autoren noch nie etwas von Subtext gehört zu haben: Jede Figur spricht ihre Gefühle immer 1:1 aus. Hier könnte man den Darstellern ruhig noch mehr zutrauen. Insgesammt aber eine große Steigerung, die viel für die Zukunft verspricht.

Here be spoilers

Mit dem Rätsel um die Identität des Red Angels hat die Serie einen starken Focus

Ich hatte erwartet, dass es Spock ist.
Gehofft, dass es Picard ist.
Gefürchtet, dass es Michael Burnham ist.

Die Auflösung war unerwartet, aber letztlich gelungen.

Wenn der Titel nicht schon vergeben wäre, hätte diese Staffel auch „The search for Spock“ heißen können. Geschickt bauen die Autoren die Spannung auf, bis der berühmte Vulkanier endlich auf der Brücke steht. Und Ethan Pecks Spock ist die Wartezeit wert. Ich mochte den Bart und die tiefe Stimme. Obwohl er stets ruhig agiert spürt man deutlich wie unter der Oberfläche der Konflikt zwischen Logik und Emotion tobt.

Ebenfalls sehr leise in den Mitteln – und sehr stark in der Wirkung – ist Anson Mount. Sein Pike ist ein toller, klassischer Captain. Dass er im Laufe der Folgen einen Einblick in seine traurige Zukunft bekommt (die wir aus der klassischen Kirk-Serie schon kennen), gibt der Figur Tiefe und Tragik. Als er sich in der vorletzten Folge von der Crew verabschiedet hatte ich wirklich den Impuls ebenfalls aufzustehen um diesem Captain den letzten Salut zu geben.

Auch die Folgen um Saru fand ich Klasse, wobei es mir hier etwas zu schnell ging. Wenn wir diesen Typen noch länger als ängstlich erlebt hätten wäre seine Wandlung spektakulärer gewesen.

Was für mich dagegen gar nicht funktioniert ist „Section 31“. Michelle Yeoh ist als Edle Heldin unschlagbar. Als grinsende Schurkin im 80er-Jahre-Billy-Idol-Fanclub-Outfit dagegen eine Fehlbesetzung. Und endlose Sterbeszenen von Menschen, die man entweder in der selben Folge erst kennengelernt hat oder die dann erwartungsgemäß doch nicht sterben sind seit Game of Thrones nicht mehr zeitgemäß

KINO: „Ayka“

Es begann mit einer Zeitungsmeldung: „Im Jahr 2010 blieben in Moskauer Kliniken 248 Kinder zurück, die von Müttern aus Kirgisistan verlassen wurden“. Der russische Regisseur Sergey Dvortsevoy („Tulpan“) las das und war entsetzt: „Was kann eine Mutter dazu bewegen, ihr Kind in einem fremden Land zurückzulassen?“. Er machte sich auf die Spurensuche. Was er herausgefunden hat, präsentiert er in einem Spielfilm, der über weite Strecken wie eine Dokumentation wirkt: Mit lockerer Handkamera verfolgt er die junge Ayka (Samal Yeslyamova) durch die verschneiten Straßen Moskaus. Die Frau ist gerade aus einer Geburtsklinik geflüchtet und hat ihr Kind zurückgelassen. Statt ins Wochenbett geht es für Ayka an die Arbeit. Hühner rupfen in einem dunklem Keller. Schnee schippen. Eine Tierarzt-Praxis putzen. Bald beginnt sie zu bluten und die aufs Stillen vorbereiteten Brüste beginnen zu schmerzen. Zudem sieht sie sich überall mit Zeichen von Mütterlichkeit konfrontiert: Die säugende Dackelhündin in der Tierarztpraxis oder die Putzfrau, die sich für ihren kranken Sohn abarbeitet. Und als ob das noch nicht reichen würde, wird sie gleich zweifach verfolgt: Von der korrupten Polizei, die illegale Einwanderer jagt und von Kredit-Gangstern, denen sie Geld schuldet. Denn eigentlich hatte Ayka einen ganz anderen Traum…

Ayka“ ist ein rohes, heftiges Stück Kino. Die Hauptdarstellerin geht in diesen fast zwei Stunden körperlich und seelisch durch die Hölle – und wurde damit für den Preis als beste Schauspielerin in Cannes ausgezeichnet. Für Regisseur Dvortsevoy steht sie damit stellvertretend für viele starke Frauen, die vor fast unlösbaren moralischen Entscheidungen stehen. Leider ist das ganze auch ziemlich redundant. Gut gefallen hat mir der namenlose Gangster, der Ayka ständig mit Hollywood-artigen Drohungen aufwartet – und dabei ein Gesicht macht als würde er das Mädchen am liebsten adoptieren und beschützen. Sonst aber eher depro.
WERTUNG: 4

KINO: „Christo – Walking on Water“

Der verhüllte Reichstag, ein Vorhang zwischen zwei Bergen in den Rocky Mountains oder über 7000 Tore im Central Park von New York: Immer wieder verwirklichten Christo und seine Frau und Partnerin Jeanne-Claude monumentale Werke.

Als Jeanne-Claude 2009 starb zog Christo sich zurück – viele dachten für immer.

Doch im stillen arbeitete der greise Meister daran, ein Projekt zu verwirklichen, das er und Jean-Claude bereits 1970 geplant hatten: Die „Floating Piers“ – mit buntem Stoff überzogene Pontons, die einem ermöglichen auf einem See kilometerweit „auf dem Wasser zu gehen“.

Dokumentarfilmer Andrey Paounov begleitete Christo bei der Realisierung dieses Projekts im Jahr 2016 – und blättert die Chronik einer Katastrophe auf: Die kleine italienische Stadt Sulzano kann Christo nicht mal ein funktionierendes Mikrofon stellen, geschweige denn den Ansturm von 50 000 Besuchern pro Tag organisieren. Die Bürokratie und das Wetter am Iseosee erschweren die Lage weiter. Und der Meister selbst ist mit seiner cholerischen Art keine Hilfe: Er flucht, schimpft und feuert auch schon mal spontan Mitarbeiter, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht…

 

 

Christo – Walking on water“ ist definitv keine Lobhudelei. Mit wackeliger Handkamera folgen die Filmemacher Christo auf Schritt und Tritt durch die Niederungen des Kunstbetriebs. Wir sehen, wie er für potentielle Geldgeber dünn in die Handykameras lächelt, als Stärkung ein Ei ausschlürft oder sich die Wimpern von Faktotum Vladimir Yavachev mit der Schere stutzen lässt.

Über seine künstlerische Arbeit erfahren wir dagegen fast nichts. Es gibt keine Interviews und sein bisheriges Schaffen wird in einer spröden Texttafel zusammengefasst: „Christo und Jeanne-Claude realisierten 23 Werke“. Das ist zu dünn!

Sehenswert machen den Film aber die Einblicke in die haptische Arbeit hinter den Kulissen: Wie mittels Hubschraubern und hunderten von Helfern der See innerhalb weniger Tage in ein Kunstwerk verwandelt wird, ist visuell berauschend. Dazu passt die von Perkussion getriebene Filmmusik, die das mechanische des Arbeitsprozesses elegant in den Zauber des fertigen Werkes überleitet.

WERTUNG: 4

KINO: „Dumbo“

Dumbo“ fliegt wieder: Im Remake des Disney-Films von 1941 brennt Kultregisseur Tim Burton erneut ein Bilderfeuerwerk ab.

Was soll denn das sein?“ Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) ist entsetzt. Eigentlich hatte er ein süßes, kleines Elefantenbaby bestellt, dass seinen maroden Reisezirkus sanieren sollte. Doch statt dessen sitzt vor ihm ein Wesen mit viel zu großen Ohren: Dumbo, der laut Medici höchstens für die Clownsnummer taugt. Als Pfleger für das kleine Tier wird Ex-Kunstreiter Holt Farrier (Colin Farrel) ausgesucht. Der ist selbst eine Art Restposten: Im Krieg verlor er seinen linken Arm, durch eine Krankheit seine Frau und Partnerin. Gut, dass er noch seine beiden Kinder hat: Den lebensfrohen Joe (Finley Hobbins) und die smarte Milly (Nico Parker), die gerne Wissenschaftlerin werden möchte, wie Marie Curie. Doch es ist 1919 und der Geist der Zeit hat ganz andere Rollen für Frauen vorgesehen. Zum Beispiel als schönes Accesoire eines Mannes an dessen Seite zu stehen. So ergeht es Trapez-Artistin Colette (Eva Green), die sich bald mit der Familie Farrier anfreundet, nachdem die Kinder eine Entdeckung gemacht haben: Dumbo, der scheinbar wertlose Elefant, besitzt eine ganz besondere Gabe: Jedesmal wenn er eine Feder verschluckt kann er tatsächlich mit seinen großen Ohren fliegen. Doch traut sich das Baby das auch in der Manege?

Sicher hätte das Disney-Studio keinen besseren Regisseur diesen Stoff finden können als Tim Burton. Die Bande liebenswerter Außenseiter, das Zirkus-Setting und die fantastischen Elemente scheinen wie geschaffen für den Meisterregisseur. Und besonders in der ersten Hälfte funktioniert das hervorragend: Burton brennt ein visuelles Feuerwerk ab, bei dem es ständig was zu staunen und zu entdecken gibt. Selbst auf Chinesisch würde man diesen Film verstehen, da wirklich alles wichtige bildlich dargestellt wird!

Aber dann fangen die Probleme an. Der Original-Dumbo von 1941 dauerte nur gut eine Stunde, weil das Studio nach dem Kassenflop der ambitionierten „Fantasia“ auf Sparflamme kochte. Um auf Spielfilmlänge zu kommen musste der neue „Dumbo“ also ordentlich gestreckt werden – und das machten die Autoren, in dem sie die selbe Geschichte einfach noch mal erzählen: Statt im Zirkus muss Dumbo nun im seelenlosen Freizeitpark von V.A.Vandevere (Michael Keaton) seine Mutprobe bestehen. Hier passiert das gleiche wie vorher, nur bombastischer.

Ist das subversiv? Ein Disney-Film, der Betreiber von Freizeitparks als geldgeile Typen darstellt, die ihr Publikum mit hohlem Bombast blenden um ihm das immergleiche vorzusetzen? Eines ist sicher: Irgendwer wird hier kräftig durch den Kakao gezogen. Und ich fürchte es sind wir: Die Zuschauer.

WERTUNG: 3

KINO: „Free Solo“

Nicht mehr allein auf dem Berg: Der Oscar-prämierte Dokumentarfilm „Free Solo“ begleitet Extrem-Kletterer Alex Honnold auf der schwersten Reise seines Lebens.

Es beginnt, wie Kletterfilme eben beginnen: Mit einem jungen Kerl, der für’s Bergsteigen brennt und mit dem Gipfel, den er unbedingt bezwingen will. In diesem Fall sind das der 30-jährige Alex Honnold, Spezialist für Solo-Touren ohne Seil und „El Capitan“ im Yosemite National Park. Praktisch eine 900 Meter hohe, senkrechte Granitwand ohne nennenswerte Haltegriffe.

Akribisch bereitet Honnold sich auf die fast unmögliche Besteigung vor: In Begleitung vom Kletter-Kollegen Tommy Caldwell erprobt er die schwiergsten Stellen und stählt seinen Geist für den Aufstieg ohne Seil. Doch dann passiert etwas, womit Honnold nicht gerechnet hat: Eine Frau tritt in sein Leben. Und die stellt ihm die schwierigste aller Fragen: Warum?

Das ist dann auch der Punkt an dem „Free Solo“ von Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi die gewohnte Dramaturgie des Bergfilms verlässt und Honnold auf eine ganz andere Reise begleitet: Nach neun Jahren im Wohnmobil geht er plötzlich ein Haus kaufen. Er lernt anders zu essen, als direkt mit dem Bratenwender aus der Pfanne. Und er geht sogar zum Gehirn-Scan. Denn langsam wachsen in ihm die Zweifel: Die meisten Solo-Free-Climber stürzen irgendwann in den Tod. Ist seine Furchtlosigkeit am Berg vielleicht krankhaft? Leidet er – wie sein Vater – am Asperger-Syndrom? Geht er allein auf Bergtouren, weil er einfach unfähig ist, sich mit Menschen zu verbinden?

Je mehr er sich auf solche Fragen einlässt, desto geringer wird sein Fokus – und er beginnt Fehltritte zu machen…

 

Den Filmemacherinnen gelingt hier eine erstaunliche Gratwanderung: Einerseits zeigen sie viel Respekt für die sportliche Leistung Honnolds und feiern die El-Cap-Besteigung in atemberaubenden Bildern und mit einem prächtigen Score von Komponist Marco Beltrami. Andererseits heben sie ihren Protagonisten nie auf ein Podest, sondern zeigen ihn als schwierigen Menschen, der seiner Umwelt viel abverlangt. Gerade im Kontrast zu seinem Begleiter Caldwell, einem umgänglichen Familienmenschen, entsteht ein spannendes Portrait eines in vieler Hinsicht extremen Lebens.
WERTUNG: 2

PETER ROMIR

KINO: „Trautmann“

Deutsch-Englische Freundschaft: Marcus H. Rosenmüller verfilmte das Leben von Bert Trautmann, der vom Kriegsgefangenen zum Star-Torhüter von Manchester City wurde.

Die Geschichte dieses Films beginnt in Nürnberg: 2008 lernten sich auf der Gala der Deutschen Akademie für Fußballkultur der Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) und Preisträger Bernd Trautmann kennen. Rosenmüller war fasziniert von der Lebensgeschichte des Torhüters: Als Kriegsgefangener war er nach England gekommen und hatte sich in zäher Hingabe das Vertrauen der Engländer erspielt – und schließlich 500 Spiele als Torwart für Manchester City bestritten. Eines davon mit gebrochenem Genick… „Das musste ich erzählen!“, wusste Rosenmüller.

Eine Woche lang sprach er mit Trautmann und verdichtete dessen Erinnerungen in ein Drehbuch. Im Film ist es nun David Kross, der den jungen Soldaten spielt, der sich nach den traumatischen Erfahrungen des Krieges in einem englischen Gefangenen-Lager wiederfindet. Deutschland hat gerade kapituliert und zwischen den Insassen kochen die Spannungen, da einige Altnazis den Traum von der Herrenrasse nicht aufgegeben haben. Und auch die Briten lassen die Deutschen deutlich spüren, was sie von ihnen halten: Trautmanns Hauptjob ist das Auskratzen der Latrine. Erleichterung bietet allein das Fußballspiel und bald fallen Trautmanns Torhüter-Qualitäten dem Trainer des Lokalvereins Jack Friar (John Henshaw) auf. Auch seiner Tochter Margaret (Freya Mayor) gefällt der junge Mann. Aber einem „Kraut“ und Ex-Wehrmachtler kann man doch nicht trauen – oder?

Für Rosenmüller, eigentlich einem Spezialisten für bayerische Stoffe, war es der erste Dreh mit britischen Darstellern: „Ich war sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste wie sie auf mich reagieren. Gerade bei Gary Lewis, von dem ich ein großer Fan bin. Aber er umarmte mich gleich und sagte: ‚Wir müssen diesen Film machen! Gegen Brexit! Gegen Trump!'“

Da war es dann auch Ehrensache, dass in diesem Film alles historisch korrekt ist: Vom lokalen Dialekt (der leider erst in der zweisprachigen DVD-Fassung zu hören sein wird) bis hin zur Rekonstruktion der Fußball-Spiele: „Wir wussten sogar ob mit dem Außenrist gespielt wurde“, so Rosenmüller. Mit digitalen Tricks und durch Aufnahmen in alten Stadien Europas wurden auch die inzwischen abgerissenen Arenen von Manchester und Wembley wiederbelebt.

Im Gegensatz zum „Wunder von Bern“ bläst Rosenmüllers Film aber den Fußball nie zum Symbol für die Lage der Nation auf. Es darf ein Spiel bleiben. Wenn auch ein ernstes: In einer starken Szene lassen Trautmann und sein Rivale ein Elfmeter-Schießen im Regen darüber entscheiden, wem Margarets Liebe gehören soll.

„Trautmann“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte der zögernden Annäherung und schließlich Freundschaft von Deutschen und Briten. Dabei punktet der unaufgeregte Film vor allem mit den intimen Momenten: Wenn Trautmann und Margaret einen Vogel fangen oder er sich mit Jack um eine Zigarettenschachtel balgt. „So wollte Trautmann auch in Erinnerung bleiben“, sagt Rosenmüller. „Nicht als der Torwart mit dem gebrochenen Genick, sondern als einer, der sich für die Völkerverständigung eingesetzt hat.“

WERTUNG: 3

KINO: „Kirschblüten & Dämonen“

Japanische Geister in bayerischen Bauernhöfen: In „Kirschblüten & Dämonen“ besucht Regisseurin Doris Dörrie erneut die Familie aus ihrem Film „Kirschblüten – Hanami“ von 2008.

Welche Rolle ein Kind im Leben zu spielen hat ist meist ein Geheimnis. Nicht so bei den Angermaiers: In ihrem Bauernhof bekommt jedes Familienmitglied seine Aufgabe eindeutig auf den Tisch – in Form eines Emaille-Tellers mit einem entsprechenden Tiermotiv darauf. Papa (Elmar Wepper) ist die Wildsau, die Tochter (Birgit Minichmayr) der schlaue Fuchs. Für den jüngsten Sohn Karl (Golo Euler) bleibt nur das Rebhuhn: Nervös, feige und ganz gar unmännlich.

So ähnlich gestaltet sich auch sein Erwachsenen-Leben: Nach der Trennung von Frau und Kind wird er zum Alkoholiker und steht kurz vorm Rande des Abgrunds. Bis ihm eines Tages die geheimnisvolle Japanerin Yu (Aya Irizuki) begegnet. Diese begleitete vor zehn Jahren den Vater auf seiner letzten Reise durch Tokio. Und sie ist bei weiten nicht der einzige Geist, der durch das alte Bauernhaus der Angermaiers spukt…

Wiederholt drehte Regisseurin Doris Dörrie in Japan. Dabei lies sich die (nach eigenem Bekunden) „nüchterne Norddeutsche“ vom Geisterglauben der Japaner faszinieren: „Das ist ja nur eine Frage der Worte: Wenn ich Erinnerungen Geister nenne, dann lebe auch ich mit Geistern“, sagt sie.

Und so wagte sie sich an eine Fortsetzung ihres Films „Kirschblüten – Hanami“, der von der letzten Reise von Rudi und Trudi Angermaier (Elmar Wepper und Hannelore Elsner) erzählte – die nun als Geister zurückkehren um Karl zu plagen oder zu retten. Je nach dem, was er daraus macht.

„Kirschblüten & Dämonen“ ist ein Film voll spröder Poesie. Oft greift er zu stark theatralischen Mitteln: Die Darsteller tragen Masken oder interagieren mit betont künstlichen Requisiten, wie einem riesigem rosa Telefon. Als starker Kontrast wirken die satirisch zugespitzten Realitätsbezüge: Karls Bruder (Felix Eitner) engagiert sich in der rechten Partei „AFP“ – woraufhin sich sein Sohn aus Protest ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert und in seinem Zimmer einschließt. Manchmal droht es den Film zwischen all seinen Ideen und Einflüssen zu zerreißen – und dann bietet er doch wieder Momente, die zeigen, wie nah sich Japan und Bayern sind: In der Fetischisierung von Kleidung, im tief verwurzelten Geisterglauben oder in der puren Schönheit der Natur.

WERTUNG: 3