Gesehen: „Tribute von Panem“ (1-4)

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil besprach, hielt ich ihn für einen netten kleinen B-SciFi-Film – dass er eine Bestseller Buchreihe hinter und eine Hit-Filmreihe vor sich hatte war mir nicht klar. Deshalb freue ich mich nun endlich mal Zeit gehabt zu haben, das ganze Ding zu gucken und neu zu bewerten.

Die Geschichte kennt inzwischen fast jeder und deshalb lasse ich sie größtenteils wieder weg 🙂 und gehe gleich zum Eindruck:

Erzählt wird die Story von Katniss Everdeen, die sich über die vier Jahre von einer Kandidatin in einer tödlichen Reality-Show (Running Man meets Battle Royale, aber ab 12) zur Jeanne D’Arc einer tatsächlichen Revolution entwickelt.

Das spannende dabei ist, dass wir nicht nur Helden und Action sehen, sondern gleichzeitig auch immer ein Making – Of. Ein Gefühl macht nur dann Sinn, wenn man es in einen Slogan verwandeln kann. Jedes Statement muss auch ein Jingle werden können. Jedes kleine Lied am Bach eine Hymne. Denn keine Diktatur und keine Revolution funktioniert ohne Manipulation. Oder ohne die richtigen Klamotten.

Am stärksten ist das in Teil drei, wo wir die Propaganda-Maschine voll bei der Arbeit sehen. Das ist unglaublich modern und auch subversiv denn schließlich führt es genau die Mechanismen vor, die Hollywood sonst auch immer benutzt, nur heimlich!

Dazu kommt ein guter Cast und ein ständig steigendes Budget, dass sich dennoch oft den smarten B-Filme-Charme des Anfangs bewaren kann, weil alles irgendwie handgemacht wirkt.

Was für mich dagegen gar nicht funzt ist die Welt: Die Leute im Capitol Raumschiffe, lebende Hologramme und Gentechnik – sind aber abhängig von Bergarbeitern und Holzfällern (!) aus den Distrikten? Aufständer verhindern sie 75 Jahre lang durch eine TV-Show? So lang gab es nicht mal ‚Wetten, dass…“
Für einen Film, der seine Betrachter immer wieder zum Nachdenken einlädt leistet sich die Reihe einfach zu viele Ungereimtheiten im Aufbau ihrerWelt. Keine Ahnung ob das in der Buchvorlage plausibler erklärt wird, im Film nerven diese eklatanten Widersprüche auf die Dauer.  (Vielleicht bin ich nach ‚Song of ice and fire‘ und ‚Malazan‘ auch nur zu anspruchsvoll geworden, was glaubhafte Fantasy-Welten angeht.)

Zudem fand ich Teil vier (nach dem überragenden 3er) eine ziemliche Gurke: Anderthalb Stunden Straßenkämpfe mit Zombies und Ölsuppe und das nicht mal besonders gut inszeniert. Der Schluss ist dann aber wieder ganz nett.

Fazit: Eine cool designte und in den besten Momenten brilliant kritische Reihe – die aber zu viel Sand im eigenen Getriebe hat, um wirklich glaubhaft zu sein.

WERTUNG: 2

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Kino: „Die Lebenden reparieren“

Zwischen Spielfilm und Dokumentation: Der Film „Die Lebenden reparieren“ setzt sich sensibel mit dem Thema Organspende auseinander.

Simon (Gabin Verdet) ist ein Teenager, der sein Leben genießt: Erste Liebe, Radfahren, Wellenreiten an den Stränden der Normandie. Doch dann geschieht der Autounfall, der ihn leblos im Krankenhaus zurücklässt. Zwar atmet er noch und sein Herz schlägt, aber die Ärzte sehen trotzdem keine Hoffnung mehr: „Ihr Sohn liegt ist hirntod. Sobald wir die Maschinen abschalten, ist es vorbei“, teilt der Arzt den Eltern (Emanuelle Seigner und Kool Shen) mit.

Was für seine Familie ein unglaublicher Schock ist, ist für die Mediziner ein Glücksfall: Nur selten haben sie die Möglichkeit gesunde, junge Organe für dringend benötigte Spenden zu bekommen. Doch natürlich zögern Mutter und Vater: Hätte Simon es gewollt, dass jemand anderes sein Herz bekommt. „Er war doch erst siebzehn!“, meint die Mutter.

Der Roman „Die lebenden reparieren“ von Maylis de Kerangal war in Frankreich ein Bestseller. Regisseurin Katell Quillévéré hat ihn behutsam in einen ruhigen Film umgesetzt, der teilweise wie eine Dokumentation wirkt: Von der Befundaufnahme im Krankenhaus über die Verteilung über eine Agentur bis hin zur Operation wird der Ablauf einer Organspende detailliert und realitätsnah geschildert.

Darüber hinaus hat der Film aber auch eine durchaus poetische Ebene, wenn in kunstvollen Bildern auf die Befindlichkeiten von Nebenfiguren wie der Krankenschwester oder des Pflegers zurückgegriffen wird. Dabei scheuen sich auch internationale Stars wie Emanuelle Seigner sich nicht, sich für diesen Film ganz unglamurös zu präsentieren.

Beim Versuch, sein Thema möglichst umfassend zu schildern kommt dem Film in der zweiten Hälfte aber etwas die dramatische Spannung abhanden, weil er sein emotionales Zentrum (anders als der Roman) auf die Empfängerin des Herzens Claire (Anne Dorval) verlagert und sich dabei in zu vielen neuen Personen verliert.

Dennoch bleibt “Die Lebenden reparieren” ein gelungenes Werk, das gleichzeitig sachlich und gefühlvoll einlädt, ernsthaft über Leben und Tod nachzudenken.

WERTUNG: 2

Kino: „Maleika“

Wir haben oft hinter der Kamera geweint“ – Regisseur Matto Barfuss erzählte im Cinecitta über die Entstehung seiner Geparden-Doku „Maleika“.

In dramatischer Zeitlupe rennt die Gepardin Maleika über die Leinwand, ihre Beute fest im Blick – die sie dann mit einem donnernden Krach zu Boden wirft. Interessiert beobachtet von ihren fünf Kindern.

Vier Jahre lang begleitete Dokumentarfilmer Matto Barfuss die Gepardenmutter und ihren Nachwuchs durch die Steppe und zeigte, wie aus tapsigen Katzenkindern gefährliche Jäger werden. Und das aus nächster Nähe:

Der Mensch sieht für die Raubkatzen nicht wie Beute aus“, erzählt Barfuss im Cinecitta. „Deshalb kann er – wenn er keine Angst zeigt – auch sehr nahe herangehen.“ Dass das funktioniert bewies Barfuss bereits 1998, als er über Monate mit einer Gepardenfamilie lebte: „Das hat mich tief geprägt! Deshalb ist ‚Maleika‘ für mich auch nicht nur ein Film, sondern Teil meines Engagements für den Schutz der Raubkatzen – ein echtes Herzensprojekt!“

Da wundert es auch nicht, dass es in dem Film oft gewaltig menschelt: Die Off-Stimme erzählt von der Angst, dem Stolz und der Freude der Gepardin. In der englischen Version sprechen verschiedene Schauspieler die ‚Stimmen‘ der Tiere: „Ich glaube ich kann mir das erlauben“, meint Barfuss. „Denn nach so langer Zeit konnte ich wirklich ihre Gefühle an der Haltung des Kopfes oder Schweifs erkennen. Zudem sind die Fakten über Großkatzen ja bekannt. Jetzt ist es wichtig eine emotionale Bindung zu den Tieren herzustellen.“

Die gab es beim Dreh auf jeden Fall: „Wir haben oft hinter der Kamera gelacht – aber auch geweint. Etwa als Maleika sich gefährlich verletzte oder als eines ihrer Kinder den Kampf mit einem Krokodil verlor! In solchen Momenten wollte ich am liebsten eingreifen und helfen, aber das verbietet natürlich der ethische Grundsatz aller Tier-Dokumentarfilmer: Regie führt die Natur! Und die sorgt in der Summe immer für ein Gleichgewicht.“

250 Stunden Film hat er gedreht und auch dabei darauf geachtet, möglichst wenig Spuren in der Natur zu hinterlassen: „Die BBC kommt da gern mit zehn Kameras – ich hatte eine. Das war viel Arbeit! Mein normaler Tag begann um 4.30 Uhr, dann galt es Maleika zu finden und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit ihr zu drehen.“

So entstand ein Film, der ein gefühlvolles Plädoyer für den Schutz der Wildkatzen ist: „Raubtiere kann man nicht im Zoo erhalten, da sie die Wildnis brauchen um das zu lernen, was sie zum überleben benötigen.“

WERTUNG: 3
Ich fand’s gut, dass der Regisseur persönlich dabei war. Der Film alleine setzt für meinen Geschmack zu sehr auf ‚gemachte‘ Emotion. Und auch wenn ich seine Faszination für die Jagd nicht teilen kann (gefühlte 80% des Films bestehen aus Beutejagd), respektiere ich doch sein Anliegen und sein Engagement.

 

Gesehen: „Trek Nation“

„Es gibt zwei Arten von Leuten: Die, welche verstehen, was an Star Trek toll ist – und die, die nichts damit anfangen können. Ich gehöre zu letzteren“ – sagt Eugene „Rod“ Roddenberry. Witzig ist das deshalb, weil Rod der Sohn des Star-Trek Erfinders Gene Roddenberry ist und schon als Baby auf einem Enterprise-Modell lag. Doch als Kind interessierte er sich mehr für „Star Wars“ und als Teenager mehr für gefährliche Aktionen – bis sein Vater starb und Rod sich fragte, ob er etwas verpasst hatte – nicht nur in Bezug auf ein Popkultur-Phänomen, sondern vor allem im Austausch mit seinem Vater.

In der Doku „Trek Nation“ macht sich Rod deshalb auf die Suche nach Mitstreitern und Fans von Roddenberrys Schöpfung – und versammelt eine illustre Liste an Gesprächspartnern: Von George Lucas über DC Fontana bis zu J.J.Abrams.

„Trek Nation“ liefert so nicht nur Infos von hinter den Kulissen des „Star Trek“-Franchises, sondern wird auch Dokument einer ganz einzigartigen Reise der Suche eines Mannes nach seiner Herkunft, die auch deshalb so gut funktioniert, weil Rod ein grundsymphathischer Typ ist, der den Dingen wirklich auf den Grund gehen will.

Definitiv eine Doku mit sehr viel Herzblut, der aber einige ruhige Momente, in denen nicht geredet wird, zur Erholung sehr gut getan hätten.

WERTUNG: 1

Gesehen: Casting

Oh, schon wieder Andreas Lust? Den hab ich doch grad erst in „Die Einsiedler“ gesehen. Da war er stoisch und wortkarg – hier ist er ein gewiefter Kleindarsteller und erneut eines der Highlights des Films, der von Dramen im Vorfeld einer TV-Produktion handelt.

Als Regisseurin von Dokumentarfilmen war Vera (Judith Engel) leidlich erfolgreich – doch ihr erster Spielfilm droht schon vor dem ersten Drehtag zur Katastrophe zu werden.

Geplant ist ein TV-Remake von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, aber noch fünf Tage vor Drehbeginn ist unklar, wer die Titelrolle übernehmen soll. Der Sender hätte gerne TV-Star Annika (Andrea Sawatzki), aber Vera testet lieber zum vierten mal ihre Favoritin Almut (Ursina Ladi) – und kann sich dann doch nicht entscheiden.

Dieses Machtvakuum nutzt eine der unscheinbarsten Personen am Set: Gelegenheitsschauspieler Gerwin (Andreas Lust), der eigentlich auf dem Bau arbeitet und hier nur dabei ist um mit den jeweiligen Schauspielerinnen die Texte durchzugehen. Hinter (und in) den Kulissen versucht er, sich selbst eine Rolle zu ergattern…

Casting“ ist zwar ein Spielfilm, wirkt aber über weite Strecken auch wie eine Dokumentation. Derart glaubwürdig sind die Charaktere und die Dialoge. Das liegt auch daran, das hier sehr viel improvisiert wurde: „Den Schauspielerinnen wurde die Handlung jeden Tag nur Stück für Stück einzeln mitgeteilt“, erzählt Regisseur Nicolas Wackerbarth. „Da keiner weiß, was der Mitspieler vorhat und wie er verbal reagieren wird, ist es nicht nur eine emotionale, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung.“

Wer Fassbinders „Petra von Kant“ kennt oder schon mal bei einem Casting dabei war, wird manches wiedererkennen. Aber auch so macht dieser böse Blick hinter die Kulissen Spaß. Und ganz nebenbei erzählt der Film auch noch davon, wie Frauen und Männer in einem Metier um ihr Überleben kämpfen, bei dem man mit 40 schon zum alten Eisen gehört.

WERTUNG: 3

 

Gesehen: Bladerunner 2049

Ach, Bladerunner. Auch 35 Jahre später bist Du noch voller Geheimnisse:
Träumen Androiden von klavierspielenden Einhörnern?
Was sind „C-Beams nahe dem Tannhäuser Tor“?
Und natürlich: Ist die Hauptfigur ein Mensch? (Ford: ‚Ja!‘, Scott: ‚Nein!‘)

Das schlimmste, was die Fortsetzung „Bladerunner 2049“ machen könnte, wäre diese Fragen banal zu beantworten (siehe: „2010 – Das Jahr in dem wir Kontakt aufnehmen“).
Das zweitschlimmste wäre, wenn der Film uninspirierter Action-Quatsch wäre, der nur den großen Namen zu Werbezwecken nutzt(siehe: Alien: Prometheus).

Dann wollen wir mal sehen:

Schon nach den ersten paar Minuten ist klar, dass BR49 zumindest kein kommerzieller Schnellschuss ist. Regisseur Denis Villeneuve legt einen ruhigen und kantigen Film vor, der sich dem Publikum nicht anbiedert und auch das Original nicht kopiert.

Wir begleiten den neuen Bladerunner K bei seiner Suche nach alten Replikanten und tauchen dabei in eine Zukunftswelt ein, in der die Umwelt in den Städten nach einem digitalen „Black Out“ ebenso lebensfeindlich scheint, wie im zerstörten Umland.

Ryan Gosling ist ein sympathischer neuer Bladerunner und die Beziehung mit seiner Hologramm-Frau ist einer der Höhepunkte des Films. Überhaupt sind die Schauspieler gut ausgesucht und es sind vor allem die Dialog-Szenen die überzeugen. Auch die Bilder – von Meisterkameramann Roger Deakins sind wieder einmal superb. (Er empfiehlt übrigens die 2D-Version, in welcher der Film auch gedreht wurde).

Was dagegen etwas suckt ist das Tempo: Die Handlung wirkt sehr gestreckt. Bis Harrison Ford auftaucht vergehen fast zwei Stunden und auch wenn er dann da ist macht er nicht viel. Zudem fand ich es schade, dass der Film den geschlossenen Kosmos der Regenstadt verlässt und eine recht willkürlich zusammengewürfelte Außenwelt vorstellt, die aussieht wie Level eines Computerspiels. Gerade das Gefühl des Eingeschlossenseins in der Stadt (und der sekundenlange Ausbruch) hatten dem ersten Bladerunner eine Stärke gegeben.

Insgesamt eine mutige und eigenständige, wenn auch reichlich gedehnte Fortsetzung, die dem Mythos von Bladerunner nicht schadet. Ihm aber auch nichts wesentliches hinzuzufügen hat.

WERTUNG: 2

 

Gesehen: „Die Unsichtbaren“ (haha, Wortspiel)

Noch eine Doku über Nazideutschland und die Judenverfolgung? Ist darüber in den letzten 40 Jahren (seit der bahnbrechenden „Holocaust“-Serie von 1976) nicht wirklich alles gesagt worden? Nein! Dokumentarfilmer Claus Räfle nimmt mit „Die Unsichtbaren“ tatsächlich einen Aspekt auf, der bisher noch kaum beachtet wurde: Juden, die sich der Deportation entzogen und sich direkt in der Hauptstadt des „Dritten Reiches“ versteckten.

„Berlin ist judenfrei“, behauptete Joseph Goebbels im Juni 1943. Doch wie viele seiner Aussagen entsprach das mehr dem Wunschdenken des Propagandaministers, als der Wirklichkeit: Über 7000 jüdische Menschen versteckten sich weiterhin in der Reichshauptstadt. Meist junge Leute, die unter abenteuerlichen Bedingungen um ihr Leben kämpften und teils auch zu Widerstandskämpfern wurden.

Dokumentarfilmer Claus Räfle hat Anfang des 21. Jahrhunderts vier dieser Überlebenden interviewt – und die Erinnerungen nun mit Schauspielern umgesetzt. Da ist der Kunststudent Cioma Schönhaus (dargestellt von Max Mauff), der bald seine Begabung nutzt um Pässe zu fälschen. Die junge Hanni Lévi (Alice Dywer), die kein Zuhause mehr hat und deshalb jeden Tag im Kino verbringt, wo niemand sie als Jüdin erkennen kann. Es sind Kommunisten, Nazigegner oder einfach freundliche Menschen, die sich immer wieder bereit erklären, den „Unsichtbaren“ ein Versteck anzubieten. Doch je näher die Bomber der Alliierten kommen und je knapper der Wohnraum wird, desto geringer werden auch die Chancen der untergetauchten.

Räfle und sein Team mischen hier geschickt die modernen Interviews mit den Zeitzeugen, Archiv-Aufnahmen und nachgestellte Szenen zu einem Film, der keine Sekunde langweilig ist und der durch die verschiedenen parallel gesetzten Ebenen eine gelungene Mischung aus Nähe und Distanz, aus Sachlichkeit und Emotion, herstellt

Störend in dem an sich faszinierenden Experiment wirken nur die recht konventionelle Musik (Hallo! Wir wissen, dass die Nazis böse sind. Da brauchen wir keine düsteren Streicher!) Zudem hätte ich mir gewünscht etwas mehr von dem Leben der vier nach dem Kriegs-Ende zu erfahren. Wie wirkten sich die Spannungen zwischen Exilanten und Lager-Überlebenden auf die dritte Gruppe der Untergetauchten aus? Aber wie üblich ist im Frühjahr ’45 Schluss. Der Rest ist Texttafeln.

WERTUNG: 2

Gesehen: „Die Einsiedler“

Lahmarschiger Kunst-Schmunst über maulfaule Bergtypen.

Irgendwann hab ich Schattenspiele auf der Leinwand gemacht.

Wertung: 5

Und für Freunde der ausführlichen Kritik hier noch mein Zeitungstext:

Grüezi Tristesse: Der Film „Die Einsiedler“ erzählt von den Sorgen Südtiroler Bergbauern fernab aller „Heidi“-Klischees.

Bergbauerin Marianne Egger (Ingrid Burkhard) ist keine Frau der großen Worte: „Vom Reden wird die Hütten ned warm!“ mahnt sie ihren Sohn Albert (Andreas Lust). Denn auf ihrem abgelegenem Hof muss sie fast alles selber machen, seit Albert unten im Tal arbeitet und ihr Mann Rudl (Peter Mitterrutzner) sich den Fuß gebrochen hat: Holzhacken, das lecke Dach flicken, sich um Schafe, Ziegen und Hund kümmern, die hier durch den Matsch stapfen.

Doch auch auf der unteren Seite des selbstgebauten Lifts der Eggers herrscht keine Fröhlichkeit: Im Steinbruch in dem Albert schafft besteht der größte Spaß darin, Witze über Ausländer zu machen oder dem als homosexuell verdächtigen Kollegen auf den Rucksack zu pinkeln. Und wenn es darum geht die süße Kantinenkraft Paola (Orsi Tóth) anzusprechen hilft dem Mittdreißiger die von der Mutter gelernte Schweigsamkeit auch nicht gerade weiter. Als es dann auch noch zu einem Todesfall kommt wird die Last die auf die Personen drückt fast nicht mehr auszuhalten…

Regisseur Ronny Trocker, der selbst in einem Bergdorf in den italienischen Alpen aufwuchs, legt mit „Die Einsiedler“ seinen ersten Spielfilm vor, mit dem er das zerbrechliche innere, seiner nach außen hin rauen und Wettergegerbten Protagonisten zeigen will. Er zieht das Publikum mit den Mitteln des Kunstkinos auf Gedeih und Verderb in diese Welt: Extrem lange Einstellungen, in denen extrem wenig passiert. Gewollte Unschärfen. Keine Musik. Sicher weit ehrlicher als „Heidi“ – aber auch reichlich trist.

In Memorian: Kurt Keerl

Die Wirklichkeit abzubilden ist die Aufgabe eines Dokumentarfilmers. Doch wie geht das? Verändern wir die Wirklichkeit nicht schon dadurch, dass wir unsere Lichter aufstellen und Stühle verrücken? Oder bereits dadurch, dass wir überhaupt mit unseren Kameras auftauchen? Was ist zu tun um das echte Leben einzufangen?

Solche Fragen stellte sich Kurt Keerl, Mitbegründer der Medienwerkstatt Franken und Urgestein der Nürnberger Dokumentarfilmszene. Die Antworten gab er 35 Jahre lang ganz praktisch in unzähligen Dokus, die er selbst als Redakteur betreute.

In diesem Sommer machten wir ein gemeinsames Projekt: Die Doku „10 Jahre Familienmagazin Famos“. Und so oft es ging war Kurt live mit beim Dreh dabei – was für Geschäftsführer nicht gerade selbstverständlich ist.

Mehr noch: Die Fotos, die ich an den Drehtagen machte, zeigen Kurt ausnahmslos bei Arbeiten, die andere Chefs eher ihren Praktikanten aufgedrückt hätten: Mikros hinknipsen, als Licht-Double rumsitzen, das ‚Weiß‘ in die Kamera halten:

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Eigentlich sollte dieser Film das erste gemeinsame Projekt sein – das nächste war schon in Planung. Niemand hat damit gerechnet, dass es auch das letzte sein würde. Ich bin sehr froh und stolz, die Zeit mit ihm erlebt zu haben. In meinem Alter treffe ich nur selten neue Vorbilder. Kurt war eins.