Kino: „Ailos Reise“

Eine Kindheit in der Eiswüste: Der Dokumentarfilm „Ailos Reise“ begleitet ein Rentier in Lappland durch sein erstes Lebensjahr.

Nordlichter, schneebedeckte Wälder, riesige zugefrorene Seen: In dieser Welt der fast unberührten Natur verbrachte Tier-Dokumentarfilmer Guillaume Maidatchevsky ein ganzes Jahr. Er begleitete das junge Rentier Ailo von der Geburt bis zum frühen Mannesalter. Denn das geht bei den Rentieren sehr schnell: Innerhalb von fünf Minuten nach der Geburt müssen sie laufen lernen, innerhalb eines Jahres sind sie bereits dabei mit ihren kleinen Geweihen Rivalenkämpfe auszufechten.

Der Dokumentarfilm „Ailos Reise“ sieht zuerst einmal hervorragend aus: Die Kamera fängt immer wieder stimmungsvolle Naturbilder ein und kommt unterschiedlichen Tieren ganz, ganz nahe. Denn auf seiner Reise begegnet Ailo unter anderem einem neugierigem Eichhörnchen, einem quirrligen Hermelin und einem schneeweißen Polarfuchs. Aber auch Raubtieren, wie dem Vielfraß, der es auf das Fleisch der Rentiere abgesehen hat. Denn auch in Lappland gilt das Gesetz des Dschungels: Fressen oder Gefressen werden. Und selbst innerhalb der eigenen Gattung gilt das Recht des Stärkeren: Die männlichen Rentiere bekämpfen sich untereinander um die Gunst der Weibchen – und das jedes Jahr neu.

Der Film spart diese Seiten nicht aus. Und er zeigt auch kurz, wie der Mensch diese Natur zu zerstören droht. Dabei wird jedoch immer darauf geachtet, dass es auch für kleine Kinder verständlich und verträglich ist. So bestehen etwa die Jagdszenen aus viel Gerenne, bei dem die Beute stets entkommt. Und ab und zu gibt es sogar etwas zu lachen – etwa wenn der Hermelin einen Jäger durch wildes Gewusel verwirrt.

Verstärkt wird dieser leichtfüßige Eindruck durch die Musik und den Kommentar von Anke Engelke. Sie erzählt einfühlsam, kindgerecht und humorvoll. In dem Bemühen um Verständlichkeit geht der Text aber oft einen Schritt zu weit: Da wird behauptet, dass Ailo nun „in die Schule geht“, „Nachbarn trifft“ oder „einen guten Freund wieder sieht“ – wenn in echt halt nur ein Hase an dem Rentier vorbei läuft. Darf man Kindern denn nicht zumuten, einfach einen Film über eine Herde Tiere anzusehen? Unterm Strich eine hübsche Doku, die es stellenweise aber etwas zu gut meint.
WERTUNG: 3

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Film: „Glück ist was für Weicheier“

Mobbing, Tod und Teufel: In „Glück ist was für Weicheier“ müssen sich ein Vater und seine beiden Töchter mit einer Welt auseinandersetzen, in der das Sterben nicht die schlechteste Alternative ist.

Versunken sitzt die 12-jährige Jessica (Ella Frey) abseits ihrer Mitschüler und richtet ihre Socken. Immer und immer wieder. Sie hat das Gefühl für die unheilbare Lungenkrankheit ihrer großen Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf) verantwortlich zu sein und das treibt sie immer wieder zu diesen Zwangshandlungen.

Der Vater (Martin Wuttke) ist keine große Hilfe: Seit seine Frau vor elf Jahren bei einem Autounfall um’s Leben kam kreisen seine Gedanken nur noch um den Tod. Deshalb engagiert sich der Bademeister als ehrenamtlicher Sterbebegleiter im Krankenhaus – wo er sich als ähnlich inkompetent erweist, wie zu Hause. Da herrschen seltsame Regeln: Internet ist böse – Zombievideos und esoterische Bücher sind aber okay.

Letztere bringen die Mädchen auf eine ungewöhnliche Idee: Ein magisches Ritual, dass besagt, dass eine Krankheit durch Sex von einer Person auf die andere übertragen werden kann. Um ihre Schwester zu retten sucht Jessica nun einen Liebespartner für Sabrina…

 

Heiderzacken: Zwangsstörungen, Sterbebegleitung, Okkultismus, Mediale Gewalt, Mobbing, Geschlechter-Identität, erste Liebe und Sexualität… Die Liste der Themen an denen sich „Glück ist was für Weicheier“ abarbeitet scheint ebenso endlos wie die 94 Minuten des Films. Dabei hätte das ein klappen können: Das Schauspieler-Ensemble ist toll, die Musik von Vivan und Ketan Bhatti sogar großartig. Und wenn die Kamera gerade mal nicht alles in gewollter Unschärfe absinken lässt sieht er sogar gut aus. Wenn Regisseurin Anca Miruna Lazarescu die Hälfte der Probleme rausgeschmissen hätte und sich für eine reine Komödie entschieden hätte! Oder noch besser: Für einen Film, der seine Personen (auch die Nebenfiguren!) wirklich ernst nimmt und nicht zu wandelnden Klischees reduziert. So bleibt es eine vertane Chance.

WERTUNG: 5

Gelesen: „Illuminati“

Im Schweizer Forschungszentrum CERN wird ein Wissenschaftler tot aufgefunden. Auf der Brust ein seltsames Zeichen. Symbolforscher Robert Langdon wird hinzu gerufen und befindet sich bald auf der Jagd nach einer Bombe – im Vatikan!

„Illuminati“ aus dem Jahr 2000 war Dan Browns erster Roman um Robert Langdon. Und er wirkt im Vergleich zu den zwei anderen, die ich gelesen habe, auch wie das Werk eines jungen Schriftstellers, der mal so richtig auf die Pauke hauen will.

Denn eigentlich reicht ja „eine Bombe im Vatikan“ völlig aus als Grundlage für einen ordentlichen Thriller. Aber hier ist es eine ANTI-MATERIE-BOMBE! aus CERN!. Und sie liegt natürlich nicht irgendwann im Vatikan, sondern während eines KONKLAVE! Und dann gibt es da noch die GEHEIMGESELLSCHAFT! mit ihrem JAHRHUNDERTEALTEN PFAD! Und KARDINÄLE WURDEN ENTFÜHRT! Und EIN PAPST WURDE ERMORDET! Und…

Jaja, irgendwie macht es schon Spaß, was Brown hier alles auffährt. Gerade in der ersten Hälfte funktioniert das sehr gut.  Sein Konzept des „Thinking Man’s James Bond“ tendiert hier noch deutlich zu „James Bond“ – inklusive Superwissenschaftlerin in Hot Pants. Zudem beweist Brown hier schon sein Talent Orte und Kunstwerke anschaulich vorzuführen. (Liebeszenen kann er dagegen noch gar nicht).

Leider hängt es ab der Hälfte etwas durch: Der geheime Weg hat vier Stationen, vier Karidnäle,  vier Brandmale. Das wird alles Schritt für Schritt und ohne große Überraschungen abgehakt, so dass ich ordentlich Zeit hatte zu erraten wer der Schurke ist. So ist das Ende sehr absehbar, gerade wenn man schon andere Langdon-Bücher kennt.

Aber natürlich kann man diesem Roman nicht vorwerfen, dass er sich sehr grob und einfach an das Langdon-Muster hält – denn immerhin hat er es erfunden. Deshalb schafft es „Illuminati“ noch locker auf Platz 2 meiner aktuellen Brown-Hitliste:

1. Origin
2. Illuminati
3. Das verlorene Symbol

 

Gesehen: „Manaslu“

Von den Menschen, die in den letzten 35 Jahren das gemacht haben, was ich mache sind heute 80% tot“, resümiert Extrem-Bergsteiger Hans Kammerlander. In seinem ohnehin sehr riskanten Metier gilt er als einer der wagemutigsten: 1996 stieg er ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest – um als erster Mensch mit Skiern wieder runter zu fahren – und festzustellen, dass das wirklich nicht zu empfehlen ist.

Manaslu“ von Gerald Selima zeichnet die Karriere Kammerlanders vom 8-jährigen Bauernbub in Südtirol bis ins Jahr 2017 nach, in dem sich der 60-jährige erneut seinem „Schicksalberg“, dem Manaslu in Nepal, stellt. Der ist für ihn mit einem großen Trauma verbunden: Bei einer früheren Expedition starben hier an einem Tag gleich zwei seiner Begleiter.

Der Film fährt dabei alles auf was möglich ist: Neben historischen Dokumentar-Aufnahmen gibt es auch liebevoll nachgestellte Kletterszenen, gedreht an Original Schauplätzen. Dazu kommen aktuelle Interviews bei denen auch Regielegende Werner Herzog aushilft, der mit seiner sensiblen – und doch unerbittlichen – Art zu fragen einen guten Gegenpol zur effekthascherischen Inszenierung setzt.

Schön auch, dass der Film nicht nur bärtige Typen im Schnee zeigt, sondern auch ab und zu über den Bergrand hinausblickt: Auf die Situation der Menschen in Nepal etwa oder auf Kammerlanders Probleme mit dem Ruhm klar zu kommen. Etwas nervig sind dagegen die bräsige 80er-Jahre-Synthie-Musik, die arg glatt geratenen Kindheitszenen (in denen stets blitzsaubere Bergbauern in Stall und Steinofen hantieren) und die Tendenz die schönsten Bilder mit Text zu überladen.

WERTUNG: 2

Gesehen: „Mary Poppins Rückkehr“

Marry Poppins kehrt zurück: Nach 54 Jahren wagt sich Walt Disney an eine Neubelebung ihres Musical-Klassikers. Und trifft dabei einige gewagte Entscheidungen.

London, 1930 – Die Weltwirtschaftskrise hat die Hauptstadt des britischen Empires fest im Griff. Auch die ehemals gut situierte Familie Banks muss um ihr Haus bangen. Denn seit seine Frau gestorben ist und ihn mit drei Kindern zurückließ, wächst Michael Banks (Ben Wishaw) alles über den Kopf. Nur fünf Tage bleiben ihm und seiner Schwester Jane (Emily Mortimer) ein wertvolles altes Dokument aufzutreiben, um das Haus behalten zu können – eine fast unmögliche Mission. Bis in einem Sturm eine alte (oder besser: ewig junge) Bekannte hereingeschwebt kommt: Mary Poppins (Emily Blunt), die vor 25 Jahren ihr Kindermädchen gewesen war. Und schon bald hält wieder zauberhafte Magie im Hause Banks Einzug – doch selbst die würde ohne die tatkräftige Hilfe des Lampenanzünders Jack (Lin-Manuel Miranda) wohl nicht ausreichen, um die Familie vor dem geldgierigen Bankier Wilkins (Colin Firth) zu retten…

Zuerst einmal Hut ab vor den Entscheidern bei Disney, dass sie ihren allseits beliebten Klassiker von 1964 nicht einfach als zeitgenössisches Remake („Mary Poppins in New York“ oder dergleichen) verwursten. Statt dessen legen sich Regisseur Rob Marshall und sein Team mächtig ins Zeug, die Ästhetik einer längst vergangenen Kino-Ära heraufzubeschwören. Mit Erfolg: Wären da nicht das krispe Cinemascope-Bild und das satte Sound-Design könnte man fast meinen hier wären alten Filmrollen entdeckt worden, die über ein halbes Jahrhundert verschollen gewesen waren.

Die Zeichentrick-Sequenzen sind von Hand gemalt und auch die Special-Effekts wirken stets so, als hätte man sie auch in den 50ern so machen können. Zudem wird sehr viel getanzt und gesungen. Ob das beim heutigen Publikum ankommt? Die Schauspieler jedenfalls agieren mit viel Spielfreude. Emily Blunt spielt ihre Mary Poppins strenger und unnahbahrer als einst Julie Andrews und bleibt damit näher an den Romanvorlagen von P.L. Travers. Colin Firth scheint glücklich zu sein, endlich mal den Bösewicht zu geben und Lin-Manuel Miranda stiehlt als Sänger und Tänzer allen die Show.

Komponist Marc Shaiman (der mit dem „South Park“-Film eine Oscar-gekrönte Parodie klassischer Musicals ablieferte) trifft mit seinen Songs genau das Zeitkolorit, schafft es aber leider nicht einen Ohrwurm wie „Chim-Chim-Cheree“ oder „Supercalifragilisticexpialigetisch“ abzuliefern. Gewürzt wird das ganze noch mit kurzen Gastauftritten von Stars wie Meryl Streep oder Dick van Dyke (der bereits im Original dabei war). Auch Ur-Mary-Poppins Julie Andrews wurde für ein Cameo angefragt – sagte aber ab. An ihrer Stelle taucht eine andere magische Disney-Dame auf. Doch mehr soll nicht verraten werden. Insgesamt eine gelungene Fortsetzung, die auch ohne Kenntnis des Originals Freude macht – sofern man klassische Musicals mag.

WERTUNG: 3

Gesehen: „Astrid“

Wo die Geschichten herkommen: Der Film „Astrid“ erzählt von den entscheidenden Jugendjahren von Autorin „Astrid Lindgren“.

Ob Pippi Langstrumpf, die Brüder Löwenherz oder Ronja Räubertochter: Die Schwedin Astrid Lindgren zählt unzweifelhaft zu den wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Doch kaum jemand kennt die Person hinter all den Geschichten. Eine Frau, die im echten Leben ähnlichen Mut und Eigensinn bewies, wie ihre literarischen Figuren.

Auch für die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen war Astrid Lindgren stets ein leuchtendes Vorbild. Nun machte sie sich zusammen mit dem Kinder- und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson daran, ihrer Heldin ein Denkmal zu setzen.

Dabei entschieden sie sich nicht das ganze Leben der Autorin als Spielfilm zu erzählen, sondern lediglich jene prägenden Jahre ihrer Jugend.

Damals nimmt die junge Astrid Ericsson (Alba August) einen Job bei der Zeitung in der Nachbarstadt an Die ist das Ein-Mann-Unternehmen des Verlegers Blomberg (Henrik Rafaelsen). Bald beginnt sie eine Affäre mit dem 30 Jahre älteren Mann – aus der Astrid bald schwanger hervorgeht. In ihrem kleinen, von der Kirche geprägten Heimatdorf ist das undenkbar. Blomberg vertröstet die junge Frau: Sobald seine Scheidung durch ist, will er Astrid heiraten und für das Kind da sein. Doch zur Welt kommen muss das Kind weit weg – in Norwegen. Und auch Astrid muss die Provinz verlassen und eine Sekretärinnen-Ausbildung in Stockholm beginnen, damit niemand ihren Baby-Bauch sieht…

Der Film „Astrid“ sammelt an vielen Ecken Pluspunkte. Da sind die großartigen Schauspieler, allen voran Alba August, welche die Personen trotz des historischen Dekors sehr aktuell und nachvollziehbar erscheinen lassen. Gelungen ist auch der Kniff mit der Rahmenhandlung: Hier hört die 80-jährige Astrid-Lindgren (Maria Fahl-Vikander) fast nur als Schattenriss sichtbar – in ihrer Wohnung eine Kassette mit Glückwünschen von Grundschülern. Diese sagen ihr auch, was sie von ihren Büchern halten und stellen ihr Fragen zu deren Entstehung. Das ist immens wichtig, da der Film auf Lindgrens schriftstellerische Tätigkeit nur minimal eingeht. Im Zentrum stehen ganz die Beziehungen zu Blomberg, zu ihrer Mutter und zu Hanna (Maria Bonnevie), die in Norwegen eine Ersatzmutter für ihren Sohn wird. Am stärksten ist der Film dann auch in den Szenen, in denen die Frauen untereinander agieren. Astrids Mutter (Tryne Dyrholm) erscheint zuerst wie eine jener bigotten, unterkühlten Figuren, wie man sie aus zahlreichen Skandinavischen Filmen kennt – offenbart jedoch dann ungeahnte Dimensionen. Am schwächsten ist „Astrid“ wenn Blomberg auftritt. Das dieser Typ, der ständig nur auf Zeit spielt, nicht der richtige für die clevere Astrid ist merkt man nicht erst, als ihr nächster Chef als „Herr Lindgren“ eingeführt wird. Hier hätte dem Film die eine oder andere Straffung durchaus gut getan. Die langsame Erzählweise und die dick auftragende Musik betonen stets den Ernst der Situation – verlieren dabei aber etwas aus den Augen, was die Werke von Astrid Lindgren stets auszeichnete – selbst wenn diese sich mit Tod und Verlust beschäftigten: Ihren Humor und ihre Lebensfreude.

Während die Regie also das große Drama anpeilt, schlägt die Bildgestaltung eine ganz eigene Route ein: Stets wackelt die Handkamera unruhig herum und klebt ganz nah an den Personen, als wolle sie um jeden Preis vermeiden, eine schwedische Idylle zu zeigen. Vermutlich soll das die Isoliertheit und die Bedrängnis der Personen symbolisieren. Nervig ist es trotzdem.

Unterm Schnitt bleibt „Astrid“ ein ambitioniertes Projekt, dem man die Begeisterung seiner Macher für Astrid Lindgren deutlich anmerkt – das aber formal nicht an thematisch verwandte Projekte wie „Das Mädchen aus dem Norden“ anknüpfen kann und inhaltlich ein bischen zu düster geraten ist.

WERTUNG: 4

Gesehen: „Der Mann, der Weihnachten erfand“

Die Geister, die er rief: Der biografische Film „Der Mann, der Weihnachten erfand“ beschreibt das Leben des Schriftstellers Charles Dickens und die Entstehung seiner berühmten „Weihnachtsgeschichte“.

Charles Dickens (Dan Stevens) schreibt um sein Leben. Es ist der Herbst des Jahres 1843 und er braucht dringend Inspiration. Denn alles was er nach seinem gefeierten Debütroman „Oliver Twist“ schrieb, blieb wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen liegen – dekoriert mit schlechten Kritiken. Und das große Haus in London nagt beständig an den Finanzvorräten des 31-jährigen. Ganz zu schweigen von seiner Familie mit den vier Kindern, denen bald ein fünftes folgen wird. Und dann steht plötzlich auch noch sein Vater (Jonathan Pryce) vor der Tür und will Geld. Nun kann nur noch ein Bestseller helfen – und so stellt sich Dickens der Herausforderung in nur sechs Wochen bis zum 25. Dezember nicht nur eine moderne Weihnachtsgeschichte zu schreiben, sondern diese auch noch drucken und mit Zeichnungen versehen zu lassen.

Zum Glück hat er neben der Unterstützung durch Seine Ehefrau Kate (Morfydd Clark) auch noch Inspiration durch das Kindermädchen Tara (Anna Murphy). Deren Spukgeschichten aus ihrer irischen Heimat setzen Dickens schließlich auf eine ungewöhnliche, aber erfolgversprechende Fährte: Eine Weihnachtsgeschichte mit Geistern!

Nach ersten tastenden Versuchen beginnen die Romanfiguren schließlich lebendig zu werden, was die Sache auch nicht leichter macht: Der geizige Ebenezer Scrooge (Christopher Plummer) knurrt Dickens bei jeder Zeile ein „Humbug!“ ins Ohr oder krittelt an den bereits geschriebenen Passagen herum. Wenn aus diesem Chaos noch etwas sinnvolles entstehen soll, muss Dickens weiter gehen als je zuvor – und sich seinen ganz eigenen Geistern stellen…

Der Mann, der Weihnachten erfand“ wirft uns mitten hinein in ein liebevoll nachgebautes viktorianisches London und in die Vorstellungswelt von Charles Dickens. Der hatte tatsächlich die Angewohnheit, mit seinen Romanfiguren Gespräche zu führen – sagt zumindest Dickens-Biograf Les Standiford.

Dessen Buch war die Vorlage aus der Regisseur Bharat Nalluri einen temporeichen Film machte. Dieser wechselt stets geschickt zwischen humorigen, rührenden und nachdenklichen Passagen. Dazu kann er sich auf ein starkes Ensemble verlassen:

Dan Stevens („Die Schöne und das Biest“) gibt Dickens als liebevollen und sympathischen Typen, dem man den Erfolg gerne gönnt. Und mit Christopher Plummer und Jonathan Pryce hat er zwei großartige Altstars an der Seite, die dem Film eine Extraportion Würde und einen Hauch Shakespeare verleihen.

Selbst wer Dickens „Weihnachtsgeschichte“ (oder eine ihrer über 30 Verfilmungen) nicht kennt, kann hier viel Freude haben. Selten wurde der kreative Prozess des Schreibens, so anschaulich gezeigt. Dickens ringt physisch mit seinen Figuren, turnt durch die Wohnung, schreit und diskutiert. Unterstützt wird das alles durch ein starkes Sound-Design und die Musik von Mychael Danna. Diese wechselt geschickt zwischen Anklängen an zeitgenössische Orchesterstücke und modernem Soundtrack.

WERTUNG: 1

Gesehen: „#Female Pleasure“

Können Sie sich eine Welt vorstellen, die nach 2000 Jahre alten Regeln und Tabus lebt? In der eine Hälfte der Menschen die andere nach belieben unterdrückt, missbraucht oder verstümmelt? Nein? Dann sehen sie aus dem Fenster.

Es ist unsere moderne Welt des 21. Jahrhunderts in der Frauen auf allen Kontinenten als Menschen zweiter Klasse behandelt werden und deren Sexualität vom alten Patriarchat wahlweise tabuisiert, verteufelt oder zu Werbezwecken missbraucht wird.

In ihrem Film „#Female Pleasure“ portraitiert die Schweizer Dokumentarfilmerin Barbara Miller fünf Frauen, die mutig gegen ein solches System angehen. Einige davon erlebten die sexuelle Unterdrückung in ihren religiösen Gemeinschaften, wie die ehemalige Nonne Doris Wagner oder Deborah Feldman, die mit dem Roman „Unorthodox“ ihren Ausbruch aus dem chassidischen Judentum schilderte. Aber es braucht gar keine archaische Religionsgemeinschaft: Selbst im säkularen Japan herrscht die Angst vor der Weiblichkeit.

Als die Bildhauerin und Mangaka Rokudenashiko einen 3-D-Scan ihrer Vagina macht, um daraus ein Boot zu bauen, findet sie sich plötzlich vor Gericht wieder und muss sich gegen „Obzönität“ verteidigen – während draußen gleichzeitig die Männer zum Shinto-Fest der Fruchtbarkeit Riesenpenisse durch die Straßen tragen.

#Female Pleasure“ erweist sich dabei in jeder Minute als kluger Dokumentarfilm: Die fünf Protagonistinnen sind mit Bedacht und Geschick ausgewählt. Obwohl nie irgend jemand die Schuld zugeschoben wird, schafft der Film ein Gefühl der Beklemmung angesichts von solcher Ungerechtigkeit – um schließlich doch einen Funken der Hoffnung auszusenden: Wo immer mutige Frauen (und Männer!) sich auf Werte wie Liebe und Respekt besinnen besteht noch Hoffnung für die Zukunft. Ein starkes, topaktuelles Stück Kino.

WERTUNG: 1

Gesehen: „Nanouk“

Als wir Nanouk (Mikhail Aprosimov) und Sedna (Feodosia Ivanova) das erste mal begegnen, scheinen die beiden die einzigen Menschen auf der Welt zu sein. Irgendwo im Nordsibirischen Jakutien wohnen sie in ihrer Jurte aus Rentierfellen und pflegen die Traditionen längst verschwundener Vorfahren: Eisfischen, Jagd mit Holzfallen, Erzählen von Geistergeschichten.

Doch ihr einsames Leben wird schwerer: Bei Nanouk beginnt die Demenz und Sedna vermisst ihre Tochter Ága, die in der Stadt ihr Glück suchte. Schließlich tröpfeln Stück für Stück andere Figuren in den Film: Der junge Mann (Sergey Egorov), der eine Nachricht von Ága bringt, ein leutseliger LKW-Fahrer und immer wieder Rentiere – obwohl diese hier eigentlich schon verschwunden sind. Oder ist es nur ein Traum von Nanouk?

Der bulgarische Regisseur Milko Lazarov legt mit „Nanouk“ ist einen äußerst gemächlichen Film vor. Die Kamera saugt sich fest an den Texturen eines Gewandes, der Fellwand der Jurte oder den Weiten der Steppe. Und verweilt dort auch gern noch mal gefühlte Ewigkeiten, während sich die Figuren längst aus dem Bild bewegt haben. (Die Jurte ist übrigens stets perfekt ausgeleuchtet und das kleine Radio spielt stets punktgenau Mahler-Sinfonien, wenn Dramatik gebraucht wird.) Das kann man je nach eigenem Temperament meditativ-ruhig oder gewollt bedeutungsschwanger finden. Ich tendiere zu letzterem.

WERTUNG: 4

Gesehen: „Girl“

Tanzen, lieben, erwachsen werden: In seinem Oscar-nominierten Debüt-Film „Girl“ erzählt der belgische Regisseur Lukas Dhont von einem ungewöhnlichen Mädchen.

Jeden Tag arbeitet die 15-jährige Lara daran, ihren großen Traum zu verwirklichen: Als Profi-Ballerina über die Bretter zu tanzen. Doch die Ausbilder an der Tanzschule sind skeptisch: Ihre klassische Technik ist gut, aber mit dem Spitzentanz hapert es. Sie geben ihr acht Wochen auf Bewährung. Unzählige Stunden vor dem Spiegel, blutige Füße, Rückschritte – aber auch Erfolge liegen vor ihr. Dazu kommen die ganz normalen Nöte eines Teenagers: Die Liebe, die Familie, die Freunde. Und als wäre das alles noch nicht schwierig genug, trägt Lara noch ein weiteres Problem mit sich herum: Sie wurde als Viktor geboren, möchte aber als Mädchen leben. Jeden Tag klebt sie ihren Penis ab und überprüft ob die gerade begonnene Hormon-Behandlung sich schon auf ihre Brüste auswirkt. Sie zählt die Tage bis zur Operation – doch noch ist unklar, wie sich die enormen körperlichen und seelischen Belastungen mit dem Eingriff vertragen werden.

Vieles an dem Film „Girl“ ist bemerkenswert. Zum einen das, was er nicht ist: Er ist keine Geschichte der Suche nach Identität. Von Anfang an weis Lara, dass sie ein Mädchen ist und wartet sehnsüchtig darauf, dass ihr Körper ihrer Seele folgen darf. Es ist auch kein Film über Diskriminierung. Ihr Vater (Arieh Worthalter) unterstützt sie vorbehaltlos und auch die Ballett-Kolleginnen sind eher neugierig als misstrauisch.

Statt dessen sehen wir einem Film, bei dem man die Hingabe aller Beteiligten in jeder Minute spürt: Regisseur Lukas Dhont drehte vorher nur Kurzfilme und Werbeclips, trug die Geschichte von Lara aber schon viele Jahre mit sich herum und erzählt sie sensibel, ruhig, fast wie eine Dokumentation.

Und dann ist da natürlich noch Victor Polster. Der 15-jährige Tänzer ist in jeder Szene zu sehen und schafft es Lara als junge Frau zu zeigen, die sich mutig ihren Herausforderungen stellt. So viel Engagement wurde auch belohnt: In Cannes bekam der Film Auszeichnungen für Beste Regie und Besten Darsteller, bei den nächsten Oscars geht „Girl“ für Belgien ins Rennen.

WERTUNG: 2