Kino: „Der Unsichtbare“

Cecilia (Elisabeth Moss) packt ihre Koffer: Ihr Freund Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen) ist zwar reich und brilliant – aber auch narzistisch und kontrollsüchtig. Aber der Abbruch der Beziehung hat fatale Folgen: Zwei Wochen später erfährt Cecilia, dass Adrian sich umgebracht hat. Doch trotzdem spürt sie seine Präsenz allenthalben. Ist sie paranoid? Oder hat der geniale Ingenieur seinen Tod nur vorgetäuscht und folgt ihr tatsächlich? Immerhin bastelte er im Keller seiner Villa an seltsamen optischen Geräten…

Der Unsichtbare gehört, wie die der Wolfsmann oder der Schrecken vom Amazonas, zu den klassischen Horror-Figuren an denen das Universal-Studio seit vielen Jahren die Rechte hat – und mit denen es selten etwas sinnvolles anfangen konnte.

„Der Unsichtbare“ von Leigh Whannell, Stammautor der Reihen „Saw“ und „Insidious“, macht da keine Ausnahme.

Zwar schreibt Whannell ein ordentliches Psychodrama mit liebenswerten Charakteren und einigen guten Dialogen – vergeigt aber alles in den grob gestrickten Horror-Szenen.

Denn ganz abgesehen davon, dass ein Unsichtbarer im Zeitalter von Wärmebild-Kameras und Sonar-Geräten nicht wirklich gefährlich ist, ist er auch nicht sehr filmisch: Viel zu oft starren wir zu gruseligem Soundtrack auf leere Räume, bis wir vom nächsten Krach erschreckt werden oder schauen den Darstellern dabei zu, wie sie mit Luft kämpfen. Was immerhin ab und zu unfreiwillig komisch ist. Vermutlich hätte dem 2-Stunden-Epos auch eine ordentliche Kürzung nicht geschadet. Fazit: Den Unsichtbaren muss man nicht sehen.

WERTUNG: 4

Kino: „Das geheime Leben der Bäume“

Der Förster und Hobby-Autor Peter Wohlleben hatte bereits 15 Bücher über den Wald geschrieben, als ihn „Das geheime Leben der Bäume“ im Jahr 2015 quasi über Nacht zum Star-Autor machte. Seine Kernthese: Bäume sind schlauer als wir denken. Sie kommunizieren und formen Sozialverbände, die einander in schwierigen Situationen beistehen. Zugleich übte er Kritik an einer Gesellschaft, die Bäume als schnelle Holzlieferanten fabrikmäßig züchtet. Für viele Forstwirtschaftler wurde er dadurch zum Buhmann – er selbst sieht sich aber eher als „Übersetzer“ zwischen den Welten der Wissenschaft, der Wälder und der Allgemeinheit.

Nun machten sich gleich zwei preisgekrönte Dokumentarfilmer daran, sein Buch und sein Leben als Film umzusetzen. Jan Haft („Die Wiese“) zeigt hypnotische Zeitraffer- und Nahaufnahmen von Pflanzen und Tieren, während Jörg Adolph („Erwachsenenschule“) den Autor zwei Jahre begleitete: Bei Wald-Seminaren in der heimischen Eifel, bei Talkshows oder Signierstunden.

Da steht banales (Seminarräume vorbereiten) neben berührendem (Audienz beim ältesten Baum der Welt) – und oft knirscht es bei den Übergängen von einem zum anderen. Was aber auch wieder passt für einen Film, der durchaus ein Spreißel im Getriebe einer gut geölten Wald-Nutzung-Maschinerie sein will.

WERTUNG: 3

Kino: „Crescendo“

Kann die Kraft der Musik uns helfen, Konflikte beizulegen?
Diese Frage stellte sich Pianist Daniel Barenboim, als er 1999 das Orchester „Ost-Westlicher Diwan“ gründete, das zu gleichen Teilen aus Palästinensern und Israelis besteht und das als Inspiration für den Film „Crescendo“ diente.

Hier ist es die Bankerin Carla (Bibliana Beglau), die den bekannten Dirigenten Eduard Sporck (Peter Simonischek) für ein ehrgeiziges Projekt gewinnt: Im Rahmen einer Friedenskonferenz in Südtirol soll ein Kammerorchester aus Jugendlichen aus Israel und Palästina spielen. Doch die Probleme beginnen schon beim Casting: Die Israelis können ungehindert vorspielen, während die Palästinenser noch in der Grenzkontrollle hängen. Zudem sind die musikalischen Fähigkeiten ungleich verteilt – es gibt einfach nicht genug talentierte Palästinenser für eine paritätische Aufteilung. „Ich habe jüdische Freunde, die arabisch aussehen“, bietet Geiger Ron (Daniel Donskoy) eine Scheinlösung an. Damit schafft er sich gleich eine erbitterte Feindin in Layla (Sabrina Amali) von der West Bank, die ebenfalls Geige spielt.

Als die Gruppe sich ins Tiroler Bergidyll zurückzieht eskalieren die Konflikte und die Proben werden immer mehr zu Therapiesitzungen. Und als wäre die Situation nicht schwierig genug muss sich Sporck auch noch mit dem Erbe seiner eigenen Vergangenheit herumschlagen. Das „Make Music not War“-Vorzeigeprojekt droht ins Gegenteil zu kippen…

TV-Regisseur Dror Zahavi, vor allem bekannt durch seine Tator-Folgen – hat sich hier viel vorgenommen: Im Mikrokosmos des Orchesters sollen komplexe Zusammenhänge auf einen überschaubaren Rahmen verdichtet werden.
Das ergibt ein paar ergreifende Szenen, wenn die Teilnehmer sich ihrer Vergangenheit und ihren Gefühlen stellen und erschreckt erkennen, dass die andere Seite ganz ähnlich empfindet.

Leider wird das alles übertrieben manieriert in Szene gesetzt: Wuchtige Kamerafahrten, gewollte Unschärfen und Überbelichtungen lenken von den Charakteren ab.
Zudem empfihelt es sich polyglott zu sein: 80% des Films sind auf Englisch. Der Rest verteilt sich auf Hebräisch, Arabisch und Deutsch. Das meiste versteht man aber sogar ohne Untertitel: Die Konflikte sind plakativ, die Charaktere simpel gestrickt („Der Sensible“, „Die Mutige“). Die Dialoge, die man versteht, sind ungelenk und ohne Subtext: Jeder spricht 1:1 aus, was er sich denkt.

Mit dieser Schlichtheit eignet sich „Crescendo“ sicher gut als Diskussionsgrundlage für Schulvorstellungen oder Nahost-Themenabende. Als pures Kinoerlebnis dagegen scheitert er. “

Das war gut gemeint“, sagt der Dirigent am Ende. „Aber gut gemeint reicht nicht“.

Exakt.

WERTUNG: 5

Kino: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“

Mit Intelligenz und Liebe gegen das Grauen: Oscarpreisträgerin Caroline Link adaptierte Judith Kerrs Autobiografie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ als optimistische Familiengeschichte.

Berlin, 1933. In der Weimarer Republik stehen Reichstagswahlen an und der scharfe Wind, der von rechts weht, ist in der intellektuellen Szene der Hauptstadt schon deutlich zu spüren. Der bekannte jüdische Journalist Arthur Kemper (Oliver Masucci) hält noch einmal eine flammende Rundfunk-Rede gegen die Nazis – und packt dann seine Koffer. Denn wenn die NSDAP regiert, muss er fürchten, dass noch mehr brennen wird, als die von ihm geschriebenen Bücher: „Wenn Sie verlieren komme ich sofort zurück“, verspricht er seiner Frau (Carla Juri) und den beiden Kindern Max (Marinus Hohmann) und Anna (Riva Krymalowski).

Ein paar Wochen später packen auch diese drei ihre Sachen und lassen alles zurück: Ihr Reihenhaus, ihre wertvollen handsignierten Erstausgaben, ihre Haushälterin (Ursula Werner) und Annas rosa Stoffkaninchen. Die neunjährige kann die Aufregung gar nicht verstehen: Die Nazis kennt sie vor allem in Form der Hitlerjungen, die immer wieder Prügeleien anzetteln. Aber mit denen wird ihr großer Bruder doch fertig. Und religiös ist ihre Familie ja auch nicht: „Wir sind doch Sozialisten“.

Mit der Abreise beginnt auch ein sozialer Abstieg von der oberen Mittelklasse in die Armut: Kemper ist kein Einstein oder Mann, dass ihm die Welt alle Türen öffnen würde – aber doch bekannt genug, dass viele die neutral bleiben wollen scheuen, dem offenen Nazi-Kritiker Arbeit zu geben. Auch die Mutter muss ihre Karriere als Musikerin für die Rolle hinterm Topf aufgeben. Und für die Kinder heißt es, sich immer wieder in neue Orte, neue Sprachen, neue Sitten einzufinden auf dieser Suche nach einer neuen Heimat…

„Ein Buch, vor dem man keine Angst haben muss“, soll Judith Kerr ihren autobiografischen Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ einmal genannt haben. Und tatsächlich: Im Vergleich zu anderen Kinder-Geschichten aus der Nazizeit, wie Anne Franks Tagebüchern oder der Uri Orlevs „Insel in der Vogelstraße“ ist ihre von einem großen Optimismus (und womöglich einer guten Portion nachträglicher Verklärung) getragen: Ein Loblied auf eine Familie, die es schafft in Zeiten großer äußerer Bedrohung mit viel Intelligenz und Liebe zu überleben.

Kurz nach seinem Erscheinen in den 70ern wurde der Roman schon einmal fürs Fernsehen adaptiert. Nun nahm sich mit Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“) eine der profiliertesten deutschen Regisseurinnen des Stoffes an. Sie fährt Kerrs Verklärung der Eltern etwas zurück und bürstet den Film visuell gegen den Strich: Kein Hitler, keine gelben Sterne, keine hochgereckten Arme. Die Nazis kommen nur als Schulhof-Rabauken und grummelige Nachbarn vor. Das macht den Film zu einem Balance-Akt auf dem schmalen Grad zwischen Ent-Dämonsieriung und Verharmlosung. Ein Experiment, dass dank der präzisen Regie und der mit viel Hingabe agierenden Darsteller gut gelingt: Selbst im Schweizer Alpenidyll bleibt die Bedrohung indirekt präsent. Und dadurch, dass die Nazis nie ins Bild kommen, kann man den Film über weite Strecken auch losgelöst vom historischen Kontext betrachten: Als Geschichte einer Flucht vor Tyrannei oder als Loblied auf eine Familie, die versucht, sich ihren Humor und ihre Kultur auch in Zeiten bitterer Armut zu bewahren.

WERTUNG: 2

Kino: „PJ Harvey – A dog called Money“

Wie ein Kunstwerk entsteht: Der Dokumentarfilm „A dog called money“ begleitet die Musikerin PJ Harvey bei Vorbereitung und Aufnahmen ihres Albums „The Hope Six Demolition Project“.

Seit etwa zehn Jahren arbeitet die britische Sängerin und Songschreiberin Polly Jean Harvey immer wieder mit dem irischen Filmemacher und Fotografen Seamus Murphy zusammen. Sie schrieb Songs zu seinen Bildern, er drehte Musikvideos zu ihren Liedern und gemeinsam veröffentlichten sie auch einen Bildband mit Photos und Gedichten.

In „A dog called money“ unter der Regie von Murphy geben die beiden nun Einblicke in ihren Schaffensprozess. Wir sehen wie sie auf der Suche nach Inspiration an unterschiedliche Orte fahren: In die überfüllten Städte Afghanistans, in den entvölkerten Nachkriegs-Kosovo und nach Washington DC.

Wir hören die Klänge, die sie sammelt und die Notizen, die sie sich macht. Kleine, akkurate Beobachtungen, wie die Form eines Schlüssels. Aber auch, dass in Washington die U-Bahn-Stationen so platziert sind, dass die Schwarzen aus den ärmeren Vierteln möglichst selten zu den Zentren der Macht auf der anderen Seite des Flusses fahren können.

Schließlich werden all diese Eindrücke zurück in England in (verdammt großartige) Musik umgearbeitet. Dass dies in einem ‚gläsernen‘ Studio geschieht, in das die Leute hineingucken können wie in ein Aquarium, erweist sich als unnötiger Schörkel ohne Erkenntnisgewinn für uns Zuschauer, weil wir nicht wissen welchen Einfluss das auf die Musik hatte.

Sehr schön ist dagegen, wie der Film den möglichen Vorwurf von „Elends-Tourismus“ westlicher Popstars kontert, indem er zeigt, wie PJ Harvey zumindest den Schwarzen in Washington etwas zurückgibt – in Form eines Songs, den diese als Protesthymne für den Erhalt ihres Viertels verwenden können. Sehens- und hörenswert!

WERTUNG 2

Kino: „Human Nature“

Den Code des Lebens neu schreiben: Die Dokumentation „Human Nature“ wirft einen umfassenden Blick auf die „CRISPR“-Methode mit der Genmaterial verändert werden kann.

Supersoldaten ohne Schmerzempfinden, Designer-Babys nach Wunsch, wiederbelebte Mammuts – oder einfach nur ein Leben ohne AIDS, Krebs und ähnliches. Was bis vor kurzem noch Science Fiction war ist heute fast schon Realität.

Seit etwa fünf Jahren experimentieren Forscher weltweit mit der „CRISPR“-Methode, die einen Zugriff auf das Genmaterial von Lebewesen in bisher unbekannter Präzision ermöglicht. Ein Wettlauf hat begonnen zwischen dem technisch machbaren und dem moralisch gewünschten. Bei dem vermutlich mal wieder die Technik siegt: Während man in Europa und USA noch diskutiert präsentiert China schon die ersten gentechnisch veränderten Babies…

Der Dokumentarfilmer Adam Bolt, Experte für komplexe Themen, schafft dazu mit „Human Nature“ einen sachlichen und ausgewogenen Film. Er erklärt die genetischen Grundlagen anschaulich und lässt zu den ethischen Fragen eine hochkarätige Auswahl an Fachleuten zu Wort kommen: Während manche es gar nicht erwarten können richtig loszulegen, träumen andere nachts von Hitler.

Der Film bietet eine gute Diskussionsgrundlage zum Thema, vermittelt aber bei aller Sachlichkeit auch ein beunruhigendes Gefühl: Denn Aktuell können selbst die Experten nur raten, was in der Büchse, die sie gerade öffnen, wirklich drin ist: Hoffnung oder Grauen.

WERTUNG: 1

Kino: „Verteidiger des Glaubens“

Der letzte seiner Art? In seiner Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ wirft Regisseur Christoph Röhl einen kritischen Blick auf das Pontifikat von Benedikt XVI. – und das System der katholischen Kirche allgemein.

Es beginnt mit Jubel: Im April 2005 wird aus Kardinal Joseph Ratzinger der neue Papst Benedikt XVI. Dass seine Amtszeit von Skandalen und einem rapiden Ansehensverlust der katholischen Kirche geprägt sein würde, konnte man damals noch nicht ahnen.

Oder doch? Die Biografie „Verteidiger des Glaubens“ stellt die These auf, dass Joseph Ratzinger mit seinem speziellen Charakter den Boden für die Krisen bereitet hat, welche die Kirche während seines Pontifikats trafen. Seine Weggefährten, die im Film zu Wort kommen, beschreiben den in einem bayerischen Idyll aufgewachsenen Theologen als einen integren, aber konfliktscheuen Menschen. Als Professor in Tübingen lässt er sich vorher informieren, wann Studenten Proteste planen und bleibt dann vorsichtshalber zu Hause. Als das nicht mehr funktioniert zieht er komplett ins ruhigere Regensburg um.

Er liebt die Ordnung, seine Familie, seine Kirche – was in seinem Gedankensystem immer mehr in eins zusammen fällt. Eigentlich wollte er in den Ruhestand gehen und Bücher schreiben, als plötzlich – wie er selbst sagt -das „Fallbeil auf ihn herabfällt“ und er Papst wird.

Und es kommt dicke. Bank-Skandale, massenhafter Missbrauch, dunkle Schatten im Dialog mit anderen Religionen. Der Bewahrer Benedikt setzt auf Tradition, auf eine starke und schöne Kirche. Dass es in dieser Kirche auch Böses gibt, passt nicht in sein Weltbild: Es muss der Teufel sein, der sie von außen in den Schmutz zieht. Es wiederholt sich das Muster von Tübingen: Die Umwälzungen und Proteste werden ignoriert, bis es nicht mehr geht. Schließlich legt ein abgekämpfter Benedikt den ganzen Kram seinem Nachfolger auf den Tisch und fliegt davon.

Fünf Jahre lang recherchierte Regisseur Christoph Röll für seine Dokumentation. Die meiste Zeit verbrachte er damit, im Vatikan Vertrauen aufzubauen. Bis zu Benedikt selbst kam er nicht, aber er schaffte es bis zu seinem Sekretär Georg Gänswein.

Der wirkt im Film entspannt und freundlich – was sich änderte als er das fertige Werk zu Gesicht bekam: „Ein Debakel, ein miserables Machwerk“ urteilte er.

Dabei greift der Atheist Röll in seinem zurückhaltenden und ausgewogenen Film in keiner Sekunde den katholischen Glauben an. Sehr wohl aber das hierarchische System der Kirche, das mit einer der alten Monarchien verglichen wird. Mit Benedikt als letztem Kaiser. „Ich wollte Ratzinger nie demontieren“, beteuert Röll. „Er erscheint mir als Mann, der an seinen Idealen gescheitert ist. Er wollte die Kirche stärken und hat letztlich das Gegenteil erreicht.“

Aber – und das wird am Ende zart angedeutet – durch sein Scheitern auch gezeigt, dass es so nicht weitergeht und damit den Weg bereitet für die Erneuerung der Kirche unter Franziskus.

WERTUNG: 2

Kino: „Addams Family“

Die Addams Family und der Fluch der dritten Dimension: Die Neurverfilmung der beliebten Grusel-Familie geht optisch zurück zu den Wurzeln – und inhaltlich ins Leere.

„Da-da-da-DAMM, schnipp, schnipp“ – ein halbes Dutzend Mal muss Butler Lurch ansetzen, bevor er die berühmte Titelmelodie der „Addams Family“ korrekt in die Orgeltasten haut. Die Szene steht symptomatisch für diesen Film, der vieles versucht und oft daneben haut.

Dabei ist die Grundidee durchaus vielversprechend: Nach diversen Real-Verfilmungen wird die Sippe optisch hier wieder dem originalen Look der Comics von Charles Addams angenähert, der mit seinen Zeitungscomics in den 1930ern einen Vorläufer der „Simpons“ schuf: Der amerikanische Familienkult, gewendet ins rabenschwarze. Schön auch, dass die Geschichte noch mal von vorn beginnt: Von einem wütenden Mob aus ihrer Heimat vertrieben ziehen Gomez und Morticia Addams mit ihren Kindern an einen möglichst schrecklichen Ort – New Jersey – wo sie glücklich leben, bis eine TV-Moderatorin mit Trump-Frisur versucht, aus dem Städtchen ein blitzsauberes Plastik-Paradies zu machen. Da stört die Gruselvilla auf dem Hügel natürlich und bald stehen wieder Menschen mit Fackeln vor der Tür.

Und nicht nur mit Fackeln, sondern auch mit riesigen Katapulten. Denn dies ist ein 3D-Film und deshalb fliegt einem alle drei Minuten irgendein Effekt um die Ohren. Dafür bleiben die Charaktere auf der Strecke. Denn die Regisseure Conrad Vernon und Greg Tiernan („Sausage Party“) packen so viele Action-Elemente, Figuren und Nebenhandlungen in ihre schmalen 87 Minuten, dass für nichts wirklich Zeit bleibt. Als Kinderfilm ist das zu sprunghaft und als Satire viel zu bieder: Die Moral „Wir können uns alle lieb haben, auch wenn wir anders sind“ ist erstens erlogen (weil wenn sie stimmen würde, gäbe es keinen Trump und keine AfD) und passt zweitens nicht zur Addams Family.

Eines schafft der Film aber: Er macht richtig Lust auf ein Wiedersehen mit den brilliant besetzten Real-Filmen aus den 90ern. Jene Addams Family hätte mit diesen weich gespühlten Nachfahren kurzen Prozess gemacht.

WERTUNG: 4

Kino: „Ich war noch niemals in New York“

Musicals, bei denen Passanten durch deutlich erkennbare Studiokulissen laufen um plötzlich in perfekt choreographierte Tänze auszubrechen schienen lange Zeit so tot wie Sandalenfilme oder heroische Western. Aber totgesagte leben länger. Besonders das Musical feiert seit dem Erfolg von „Lala-Land“ eine fröhliche Wiederauferstehung.

„Ich war noch niemals in New York“ ist nun der deutsche Beitrag zu dieser Welle, basierend auf einer Bühnenrevue nach den Ohrwürmern von Udo Jürgens.

Die Story dazu geht so: Die eingebildete TV-Moderatorin Lisa (Heike Makatsch) hat nie Zeit für ihre alte Mutter (Katharina Thalbach). Bis die Seniorin eines Tages in der Küche ausrutscht und sich den Kopf anschlägt. Das einzige an was sie sich danach erinnern kann ist die Titelzeile des Liedes, das gerade im Radio lief: „Ich war noch niemals in New York“. Prompt beschließt die alte Dame das zu ändern und entert den nächsten Ozean-Dampfer in die USA. Beim Versuch sie zurückzuholen bleiben auch Lisa und ihr schwuler Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) auf dem Schiff hängen. Da sie keine Tickets haben werden sie vom Kapitän zur Arbeit verdonnert. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn unter Deck, wo viel griechischer Wein getrunken wird, geht es lustig zu. Vor allem die Mama blüht richtig auf: „Es ist großartig nicht mehr zu wissen, wer man ist – denn dann kann sein, wer man will.“ Und zum Glück wartet auf jeden der drei blinden Passagiere ein Kandidat für die große Liebe: Der schwule Zauberer Costa (Pasquale Aleardi), der alternde Gigolo Otto (Uwe Ochsenknecht) und der spröde Stochastiker Axel (Moritz Bleibtreu), der eigentlich mit seinem Sohn nach New York fährt um die Asche seiner Frau in den Wind zu schütten.

Klar, die drei parallelen Liebesgeschichten verlaufen wie auf dem Reissbrett und zwei Stunden sind eine etwas zu epische Laufzeit für solch eine schlichte Story. Aber dennoch macht der Film von Philipp Stölzl richtig Spaß. Das Tempo stimmt, die Gags sind zahlreich und das völlig aus der Zeit gefallene Kostüm und Set-Design ist eine wahre Augenweide: Von den 30ern bis heute trug man alles zusammen, was ins Farbschema passt – sogar die Container am Hamburger Hafen leuchten in hellblau, gelb und rosa. Und man merkt, welchen Spaß die Stars daran hatten, hier richtig auf den Putz zu hauen – wobei besonders Ochsenknecht und Bleibtreu intime Momente liefern, die immer wieder vergessen lassen, dass man hier eine Nummernrevue absitzt. Und die Gassenhauer von Udo Jürgens sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Dieses New York ist eine Reise wert.

WERTUNG: 2

Kino: „Nurejew – the white crow“

Der will doch nur tanzen: In seiner dritten Regiearbeit „Nurejev – the white crow“ schafft Ralph Fiennes ein vielschichtiges Portrait des russischen Ballett-Tänzers Rudolf Nurejew.

Anfang der 60er Jahre geht der kalte Krieg gerade in seine heiße Phase: In Berlin wird die Mauer gebaut, die USA verhängen Sanktionen gegen Kuba, im Kongo findet ein „Stellvertreterkrieg“ zwischen Ost und West statt.

In diesem Klima fährt erstmals das Leningrader Kirow-Ballett zu Auftritten nach Paris. Wobei die bunten Ballettvögel stets von Funktionären in gedeckten Anzügen bewacht werden. Reden mit den Franzosen? Verboten! Mit einer westlichen Frau ausgehen? Völlig unmöglich!

Nicht für den dickköpfigen Rudolf Nureyev (Oleg Iwenko). Er ist der aufstrebende Stern des Ensembles. Ein Bauernbursche, geboren in einem Zug und deshalb irgendwie von Anfang an heimatlos. Sein Auftreten ebenso schillernd wie seine Sexualität. „Ich bin eine weiße Krähe“, sagt er von sich selbst. Jemand der nirgends dazugehört. Ein Außenseiter – aber auch jemand, der gerade deswegen die Möglichkeit hat, die Grenzen zwischen den festgefahrenen Gruppen zu überwinden: To boldly go… Gemeinsam mit der jungen Chilenin Clara (Adèle Exarchopoulos) erkundet er das nächtliche Paris. Seine Tage verbringt er in den Museen: Jeden Tag will er ein Bild genau studieren. Um zu lernen, wie man aus Schmerz Kunst, aus Verzweiflung Schönheit macht. Freilich passt das seinem Bewacher, KGB Agent Strizhevksy (Alexsey Morozov), gar nicht. Die Begegnungen der beiden werden immer mehr zu Duellen – bis eine Entscheidung nicht mehr aufgeschoben werden kann. Denn der Mikrokosmos des Balletts spiegelt auch den eigentlichen Kampf der Systeme und Denkweisen. Ein getanzter Stellvertreterkrieg.

Schauspieler Ralph Fiennes nahm für „Nurejew – the white crow“ zum dritten mal im Regiestuhl Platz. Und spielt als Nurejews Tanzlehrer auch eine wichtige Nebenrolle: „Das war mehr aus Pragmatismus, um den Film finanzieren zu können“, meint er. „Denn obwohl die meisten Rollen mit namhaften russischen Schauspielern besetzt sind, hilft das bei der internationalen Vermarktung nicht viel.“

Und Fiennes machte auch keine Kompromisse: Gedreht wurde auf russisch und französisch, der Hauptdarsteller ist ein ukrainischer Tänzer und auf lineares Erzählen pfeift der Film mit seinen drei Zeitebenen von Anfang an.

Überhaupt bricht der Schauspieler Finnes viele der Regeln, an die ‚echte‘ Regisseure sich normalerweise halten: Da wird in Bilder reingezoomt, sprunghaft geschnitten oder der Ton abrupt in völlige Stille abgesenkt. Dass daraus kein Chaos entsteht, sondern ein emotional berührender Film, der zu gleichen Teilen Musical, Charakterdrama und Spionagethriller ist, das ist das große Verdienst einer weißen Krähe namens Fiennes.

WERTUNG: 1