Gesehen: „Die beste aller Welten“

iFür den siebenjährigen Adrian (Jeremy Miliker) ist die Umgebung in der er aufwächst „Die Beste aller Welten“. Er, seine Mutter Helga (Verena Altenberger) und Stiefvater Günter (Lukas Miko) sind viel draußen am Fluss und erleben Abenteuer in der Natur. Aber auch zu Hause wird es nie langweilig. Dafür sorgen die Freunde von Mama, die immer für komische Ideen gut sind. Vor allem, wenn sie viel geraucht, getrunken und sich zu geheimnisvollen anderen Tätigkeiten ins Nebenzimmer zurückgezogen haben.

Denn Helgas Wohnung ist in den späten 90er Jahren ein Treff der Salzburger Drogenszene. Aufgeräumt wird nur, wenn das Sozialamt vor der Tür steht. Ansonsten weht stets dichter Zigarettenqualm durch die Bierdosen. Aber Helga – die ihren Sohn von Herzen liebt – gibt sich alle erdenkliche Mühe, dem Buben trotz ihrer Sucht ein möglichst schönes Leben zu bereiten. Mit fantastischen Erklärungen macht sie ihm ihre Welt verständlich. Doch natürlich spürt auch Adrian, dass hier etwas nicht stimmt. Denn im Rausch kommen auch die dunklen Seiten der Freunde der Mutter zum Vorschein. In seiner Fantasie zieht der Junge gegen diese „Dämonen“ in den Kampf – als Krieger mit Schwert und Bogen. Doch irgendwann lässt sich die Wirklichkeit nicht mehr aufhalten…

Die beste alle Welten“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt: Die Geschichte einer starken Mutter-Kind-Beziehung, druckvoll inszeniert, sowie überzeugend und einfühlsam dargestellt von Jeremy Miliker und Verena Altenberger. Der Film fällt kein Urteil über die Personen, sondern bringt uns Zuschauer ganz nah in ihre Lebenswelt heran und lässt uns bis zum Schluss hoffen, dass ihnen der Ausbruch gelingen wird.

Schon als ’normaler‘ Debut-Film eines jungen Regisseurs wäre „Die beste aller Welten“ erstaunlich. Doch dem 26-jährigen Salzburger Adrian Goginger gelingt hier noch mehr: Er erzählt eine wahre Geschichte – seine eigene. Und errichtet damit auch seiner 2012 verstorbenen Mutter ein Denkmal. Dabei gelingt ihm stets die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zu den Figuren, sowie zwischen den düsteren und den unbeschwerten Momenten dieser Kindheit, wobei jedes der beiden jederzeit ins andere umkippen kann. Kurz: Eine Meisterleistung.

Wertung: A

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Gesehen: „Lipstick under my Burkha“

„Lipstick under my Burkha“ erzählt die Geschichten von vier Frauen in der indischen Millionenstadt Bophal, die versuchen aus den sie unterdrückenden Umständen herauszuwachsen. Da ist Rehana (Plabita Borthakur), die im Burkha-Laden ihrer Eltern diese Kleidungsstücke näht, aber von einer Karriere als Sängerin träumt und als Studentin dafür demonstriert, dass Mädchen Jeans tragen dürfen. Oder die Verkäuferin Shireen (Konkona Sen Sharma), die ihrem Mann verheimlicht, dass sie selbst Geld verdient. Denn es ist schon schwer genug ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht zum vierten mal Mutter werden will. Oder die 55-jährige Usha (Ratna Pathak), die sich in der vielleicht schönsten Geschichte des Films in einen wesentlich jüngeren Schwimmlehrer verliebt. Die Regisseuriny Alankrita Shrivastava verwebt diese Geschichten mit leichter Hand zu einem engagierten Plädoyer für die Rechte der Frauen.

Aus deutscher Sicht wirken die dargestellten Konflikte etwas antiquiert – dass Frauen arbeiten und Hosen, tragen ist bei uns schon lange kein Aufreger mehr. Ganz anders in Indien, wo der Film bei seiner Veröffentlichung wegen „zu frauenorientierter Inhalte“ verboten wurde.

WERTUNG: 3

Gesehen: „The Circle“

 

Ich denke das Buch „The Circle“ ist wichtig. Mit seiner Vision einer modernen, offenen Gesellschaft, die sich zur totalen (Selbst-)Überwachung entwickelt ist es quasi das 1984 unserer Tage. Umso schöner, dass es jetzt einen mit Emma Watson und Tom Hanks sehr prominent besetzten Film dazu gibt.

Die Story hält sich eng ans Buch: Mae Holland bekommt ihren Traumjob bei der Technologie-Vorzeige Firma „The Circle“ (=Facebook + Google + eBay + IBM + etc.). Als Frischling setzt sie alles daran, sich in dem Unternehmen zu beweisen – auch wenn das dazu führt, dass sie ihr ganzes Freizetverhalten ändern muss. Denn der Circle sieht fast alles und will den Rest auch noch wissen… und ist bei den Methoden nicht zimperich.

Der Film von James Ponsoldt macht – natürlich – einige entscheidende Kürzungen: die Meetings, bei denen der Circle junge Start-Ups aussaugt, die Abstimmung über Tod und Leben per direkter Demokratie und die Backstory der Gründer, samt dazugehöriger Fisch-Metapher (war ohnehin seltsam). Aber alle wichtigen Punkte der Story sind da und vieles ist sehr gut getroffen. Die Besetzung hat mehrere Coups: Ausgerechnet Mr. Vertraunswürdig Tom Hanks als dubioser Chef! Und Ellar Coltrane, der für Boyhood schon seit Kindesbeinen vor der Kamera stand, als der Typ der eben nicht gefilmt werden will – coole Sache!

Zum Ende sag ich unten gleich noch was. Hier erst mal die

WERTUNG: 2

Spoiler Alert

Ja, das Ende. Es ist happy. Aber deswegen nicht unbedingt schlechter. Das düstere Ende des Buches ist cool, könnte aber im Film auch wie ein Hieb mit der Moral Keule wirken. Dann lieber ein versöhnlicherer Schluss in einem Film, der eh zum kritischen Gucken auffordert. (Obwohl ich glaube, dass Emma Watson das Buch Ende auch super spielen hätte können – das wäre ein schöner Bonus für eine DVD.) Aber immerhin hat auch Dave Eggers das neue Ende persönlich abgenickt. Sagt zumindest das Internet. Und dem kann man ja vertrauen. Immer.

Spoiler End

Gesehen: „Barry Seal – Only in America“

„Barry Seal – Only in America“ – Wer denkt sich eigentlich diese sperrigen ‚deutschen‘ Titel aus. Zum Glück ist der Film, der in echt schlicht „American Made“ heißt, weit cooler.

Zu Beginn arbeitet Barry Seal (Tom Cruise) als Pilot bei einer amerikanischen Linienfluggesellschaft, der sich sein Gehalt nebenbei mit dem Schmuggel von kubanischen Zigarren aufbessert. Doch eines Tages tritt das CIA, in der Person von Agent Monty Schafer (Domhnall Gleeson) an ihn heran. Er will den waghalsigen, aber etwas naiven Piloten für eine besondere Mission gewinnen: Mit einem neuartigen Flugzeug Aufklärungsfotos von Soldatencamps in Südamerika zu schießen. Barry sagt zu, obwohl er diese neue Tätigkeit natürlich vor seiner Frau (Sarah Wright Olsen) geheim halten muss. Doch sein Ruf verbreitet sich trotzdem: Bald sprechen kolumbianische Drogenhändler ihn an, ob er für sie nicht auch noch ein paar Pakete mitnehmen könnte. Und das ist erst der Anfang…

Die Geschichte von „Barry Seal – Only in America“ ist so übertrieben und vollgepackt mit Verwicklungen, dass Drehbuchautoren sich dafür schämen müssten. Wenn sie nicht wahr wäre. In den 80ern flog Barry Seal tatsächlich für die unterschiedlichsten Auftraggeber zwischen Nord- und Südamerika hin und her. Tom Cruise und sein Regisseur Doug Liam (die schon bei „Edge of tomorrow“ erfolgreich zusammenarbeiteten) machten aus dieser Biografie eine überraschend leichtfüssige Geschichtsstunde, bei der man viel über die politischen Verwicklungen Amerikas Anfang der 80er erfährt, ohne das Spaß und Action zu kurz kommen. Mit seiner kreativen Montage, der Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, sowie einer auf Retro getrimmten Optik liegt „Barry Seal“ näher an „Wolf of Wallstreet“ als an „Mission Impossible“. Der Scorcese-Film, den Scorcese nicht machte! Dabei hält der Film stets die Balance zwischen Humor und dem Gefühl einer latenten Bedrohung. Und Tom Cruise gibt als Barry eine der besten Vorstellungen seiner Karriere. Sehr sehenswert.

WERTUNG: 1

 

Gelesen: „Türkei verstehen“ von Gerhard Schweizer

Muss sich die pluralistische Gesellschaft Europas vor Zuwanderern aus der Türkei fürchten? Diese Frage, die gerne auch im aktuellen Wahlkampf gerne wieder plakativ gestellt wird, verspricht das Buch „Türkei verstehen“ von Gerhard Schweizer zu beantworten. Schweizer ist ein Kulturwissenschaftler, der sich auf den Nahen Osten und Bücher darüber („Syrien verstehen“, „Islam verstehen“) spezialisiert hat. Dann wollen wir doch mal sehen, was es da zu verstehen gibt.

Eine erste Fassung des Buches erschien 2008 unter dem Titel „Die Türkei – Zerreisprobe zwischen Islam und Nationalismus“, was wesentlich treffender ist als „Türkei verstehen“. Denn über Kultur und Leben der Türken erfährt man praktisch nix (Sport, Geografie, Geschichte vor Atatürk – alles Fehlanzeige!). Die fast 500 Seiten Text befassen sich fast ausschließlich mit der politischen Geschichte der Türkei von der Staatsgründung 1923 bis zum Herbst 2016. Es endet also topaktuell mit dem letzten Militärputsch und der heftigen Reaktion von Präsident Erdogan.

Schweizer stellt die Türkei als ein zutiefst zerissenes Land vor – unter dem Motto: „Alle gegen Alle“: Land gegen Großstadt, Arm gegen Reich, Muslim gegen Laizistisch, Sunniten gegen Aleviten, Militär gegen Zivilregierung, Türken gegen Kurden, Volk gegen Politiker, Islamische Politiker gegen Islamistische Politiker… und so weiter.

Spannend fand ich, dass die Türkei als ein strikt weltlicher Staat begann. Staatsgründer Atatürk lehnte Religionen als rückständig ab: „Der Islam ist ein Kadaver, der unser Leben vergiftet“, sagte er. Erst seit den 80ern und besonders unter Erdogan ging der Trend zurück zum religiösen.

Die im Eingang gestellte Frage, ob all das eine Bedrohung für das pluralistische Europa ist beantwortet das Buch schließlich nicht. Es zeigt aber zumindest auf, dass der Gegensatz Christentum-Europa / Islam-Türkei so einfach gar nicht funktioniert, weil „Der Islam“ und „Die Türken“ mindenstens genauso zersplittert sind, wie wir selbst. Beruhigend fand ich auch, dass Schweizer überzeugend darlegt, dass Erdogan zwar oft als ein machthungirger Polterkopf im Namen des Islam oder des Türkentums auftritt – in Wirklichkeit aber nur ein ganz normaler Poltkerkopf ist, der alles andere gern mal für seine Machtsucht instrumentalisiert. Das solls ja bei uns auch geben. Insofern: Willkommen in Europa!

 

Gesehen: „Shot in the dark“

Bruce, Pete und Sonia sind Fotografen, deren Bilder weltweit gefeiert werden. Und sie sind blind. Während Bruce noch Bilder erkennen kann, wenn er sich ganz nah an etwas heranbegibt, ist Pete über den Lauf von 12 Jahren völlig erblindet. Trotzdem fotografieren alle drei mit Leidenschaft und die Qualität ihrer Werke lässt staunen.

Auch Kameramann Frank Amann ist ein Bildermacher von Beruf. Mit „Shot in the Dark“ legt er seinen ersten Film als Regisseur vor. Die Dokumentation folgt den drei unterschiedlichen Fotografen durch ein paar Tage ihres Lebens zeigt sie bei der Arbeit an ihren Bildern, aber auch privat. Wobei sich beides oft überschneidet: Pete inszeniert Fotos mit seiner Frau in der Küche und Bruce hat seine beiden autistischen Söhne zu einem seiner Hauptmotive gemacht.

Der Film kommt ohne Kommentar aus und verlässt sich auf seine Bilder und die hypnotische Musik von F.M. Einheit. „Ich wollte keinen Erklärfilm machen, sondern meine Faszination mit dem Werk dieser Künstler weitergeben, die Bilder machen, obwohl sie selbst nichts mehr sehen.“

Ein ungewöhnliches Thema, ansprechend, wenn auch manchmal etwas sprunghaft umgesetzt!

WERTUNG: 2

Gesehen: „Grießnockerlaffäre“

Rückkehr nach Niederkaltenbach: In seinem vierten Kinoabenteuer „Grießnockerlaffäre“ wird es für Dorfpolizist Polizist Franz Eberhofer gefährlicher denn je. Denn er gerät selbst unter Mordverdacht.

Eigentlich schiebt Franz Eberhofer (Sebastian Bezzl) ja meist eine ruhige Kugel. Meist haben er und die anderen Polizisten in Niederkaltenbach mehr Zeit Bier zu trinken und sich untereinander zu kappeln, als Verbrecher zu jagen. Doch nach einer feuchtfröhlichen Hochzeitsnacht wird Eberhofers fieser Vorgesetzter Barschl (Francis Fulton-Smith) tot aufgefunden – mit Franzls Brotzeitmesser im Rücken. Plötzlich findet sich der Gesetzeshüter selbst in der Zelle wieder. Nun liegt es an ihm und seinem besten Freund Rudi (Simon Schwarz) der strengen internen Ermittlerin (Nora von Waldstätten) seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden. Zu allem Unglück kriselt es auch noch auf dem heimatlichen Hof: Ein alter Verehrer von Oma Eberhöfer taucht auf und stürzt die alte Dame in ein völlig neues Abenteuer…

Mit staubtrockenem Humor und einer ungewöhnlichen Bildsprache, bei der die Darsteller oft direkt in die Kamera gucken, wirkt auch dieser vierte Film in der Eberhofer-Reihe wie ein Fremdkörper in der oft recht gefällig daherkommenden deutschen Komödienproduktion. Die „Grießnockerlaffäre“ ist ein derb-bodenständiges Stück bayerisches Kino, angesiedelt irgendwo im weiten Niemandsland zwischen Satire, Spannung und sinnfreiem Blödsinn.

Das Team um Regisseur Ed Herzog, der auch die drei Vorgänger inszenierte, ist mittlerweile perfekt eingespielt und geht mit großer Spielfreude an die Sache heran. Diesmal sind es vor allem Eisi Gulp und Enzi Fuchs, die als Papa und Oma Eberhöfer neue Facetten ihrer Charaktere zeigen können.

Wer die bisherigen drei Filme mochte, kann hier bedenkenlos reingehen. Aber auch, wer noch nie in Niederkaltenbach war, kann diesen Film als Startpunkt nehmen. Alles was für die Handlung wichtig ist wird erklärt und da Eberhofers debile Zechkumpanen diesmal nur Randfiguren sind, ist der Anteil an Fremdschäm-Komik deutlich zurückgenommen, was den Einstieg erleichtert. Die Grießnockerln schmecken!

WERTUNG: 2

Gelesen: „Gardens of the Moon“ von Steven Erikson

Auf der Suche nach etwas, was die Wartezeit auf die „Game of Thrones“-Fortsetzungen verkürzt, bin ich auf Steve Eriksons „Malazan Book of the Fallen“ (auf Deutsch: „Spiel der Götter“) gestoßen. Es gilt als eines der besten – aber auch schwer zugänglichsten Fantasy-Epen.

Und tatsächlich ist der erste Band eine ziemliche Kopfnuss. Kurz gesagt, geht es um das Malazanische Imperium, welches den Nachbarkontinent mit Schwert und Magie angreift. Kompliziert wird es dadurch, dass es sowohl innerhalb des Imperiums, als auch in den „Freien Städten“, die sich ihm entgegenstellen, viele Personen und Fraktionen gibt, die jeweils ganz eigene Interessen verfolgen. Dazu kommen verschiedene legendäre Ältere Rassen, Gestaltwandler, Drachen, schlafende Götter…

Ehrlich gesagt, hab ich das Buch vier mal angefangen, um halbwegs durchzublicken. Anders als bei Tolkien oder Martin gibt es nämlich keinen kleinen Hobbit oder Stark-Nachwuchs, der die Welt mit uns zusammen vom Rand her entdeckt. Stattdessen werden wir mitten rein geworfen in eine Welt, welche Autor Erikson und sein Kumpel I.C.Esselmont über Jahre als Pen-and-Paper-Rollenspiel entwickelt haben. Erikson kennt sich also in Malazan so gut aus, dass er es nicht für nötig hält, irgendwas zu erklären. Weis doch jeder was ein ‚Ascendant‘ ist, oder ein ‚Denul Warren‘ – gell?

(Die Warrens hab ich jetzt am Ende halbwegs begriffen. Was einen ‚Ascendant‘ von einem ‚God‘ unterscheidet und was die titelgebenden Mondgärten sind weis ich immer noch ned).

Definitiv also ein Buch für Leute die gerne lesen, grübeln, im Glossar nachschlagen, weiterlesen, grübeln und noch mal von vorne lesen. Denn ja: Die Serie scheint es wert zu sein. Die Charaktere sind teils flach, teils sehr sympathisch und die Welt ist auf jeden Fall reich und spannend.

Übrigens: Ähnlich wie beim ‚Song of Ice and Fire‘ kann man hier immens viel Kohle sparen, wenn man die Bücher auf Englisch liest. Denn im Deutschen wurden sie wieder mal geteilt: Ein englisches Buch (ca. 8 €) gibts als zwei Deutsche für je 15€… Wobei die Sprache recht anspruchsvoll ist. Wörter wie accoutrements oder conflagration sind da keine Seltenheit. Und dann ist da noch Kruppe. Seine Kapitel sind… wirklich Kapitel für sich.

Fazit: Wer leichte Kost mag sollte woanders suchen (Brandon Sanderson! Schnelle Lektüre mit viel Spaß!) Wer aber die „Dune“-Romane (ein Vorbild für Erikson) mag kann bei „Malazan“ einen Blick riskieren. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es weitergeht.

 

Gelesen: „Nordkorea“ von Rüdiger Frank

Dicke Diktatoren mit skurilen Frisuren, rauschende Massenfeste, Hunger und Militär: Nordkorea wirkt auf den europäischen Betrachter wie aus der Zeit gefallen. Ein Land, bei dem ich mich unwillkürlich frage: Würde Deutschland heute so aussehen, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? (Oder besser: Wenn die Nazis sich eingeigelt hätten, statt sich an drei, vier Fronten gleichzeitig aufzureiben…).

Dass mein Bild von Nordkorea etwas klischeehaft ist zeigte mir das Buch „Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates“ von Rüdiger Frank. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und Nordkorea-Experte und war sogar schon einige Male in dem stark abgeschotteten Land zu Besuch.

Anhand der Geschichte Koreas erklärt er, wie es überhaupt zur Teilung kam und warum die Nordkoreaner trotz Hungersnöten lange auf „Militär zuerst“ setzen: Das Land hat schon lange das Gefühl, dass die anderen Länder feindlich oder unzuverlässig sind und dass es selber stark sein muss um zu überleben.

Denn – erste Überraschung – Nordkorea ist zwar ein armes Land, hat aber viele wichtige Rohstoffe, wie seltene Erden. Ist also deshalb ein interessantes Ziel für (aus nordkoreanischer Sicht) ausländische Ausbeuter.

Und – zweite Überraschung – Wirtschaftssanktionen oder gar militärische Drohungen helfen laut Ansicht von Rüdiger Frank gar nichts, weil sie die Nordkoreaner nur in diesem Vorurteil bestärken, dass alle anderen ihnen böses wollen. Das einzige was hilft sind Wirtschaftsbeziehungen (Ob Trump das weis?)

„Nordkorea“ ist ein sehr spannendes und sehr kenntnisreiches Buch, wobei Frank auch immer angibt, wo die Grenzen seines Wissens liegen und wo er spekulieren muss, weil Nordkorea mit Fakten sehr zögerlich ist.

Leider ist das Werk in manchen Teilen sehr trocken (der Autor ist halt Wirtschaftswissenschaftler und lässt sich lange über das Potential der Freihandelszonen aus. Ein wirkliches Bild vom Leben in Nordkorea entsteht eher nebenbei. (Dafür empfehle ich den Comic „Pjönjang“ von Guy Delisle, der anschaulich seine Zeit in der Hauptsadt Nordkoreas schildert.)

Herausragend ist dabei das Kapitel „Arirang“ über das gleichnamige Massenspektakel, das wirklich einen guten Einblick in Kultur und Propaganda Nordkoreas gibt.

Dieses Buch habe ich übrigens für den BBSB eingesprochen. Blinde und Sehbehinderte können es im BIT-Zentrum als kostenlose Daisy-CD bestellen (wenn ihr mich 19 Stunden lang reden hören wollt….) Viel Spaß damit!

Kino: „Berlin Rebel High School“

Mobbing, Notendruck und Konkurrenz: Schule ist oft der pure Stress. Das es auch anders geht zeigt der Dokumentarfilm „Berlin Rebel High School“

An seine Zeit in der Regelschule hat Alex nur schlechte Erinnerungen: Der Stoff überforderte ihn, die Mitschüler mobbten den sensiblen Jungen. Mehrfach hat er die Schule gewechselt, doch Freude am Lernen kam nie auf. Bis er an die Berliner „Schule für Erwachsene“ kam. Die sieht schon äußerlich gar nicht wie eine typische Schule aus, sondern eher wie ein verwahrlostes Jugendzentrum. Graffiti an den Wänden und eine Mensa, in der die Schüler selber kochen. Denn Eigenverantwortung wird hier groß geschrieben: In der „SFE“ gibt es keinen Direktor und keine Hierarchien – Lehrer und Schüler bestimmen den Kurs der Schule gemeinsam in basisdemokratischen Vollversammlungen. Alex lässt sich auf das Schulexperiment ein – auch, weil die SFE die einzige Schule in Deutschland ist, die Menschen über einundzwanzig überhaupt noch aufnimmt.

Der Dokumentarfilm „Berlin Rebel High School“ begleitet einen Jahrgang durch die drei Schuljahre, in denen sich die jungen Erwachsenen auf das Abitur vorbereiten. Die Schüler sind dabei ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft: Von der Punkerin über den engagierten Lernbegeisterten bis hin zum Migrantenkind. Doch alle durchleben ähnliche Gefühle von Freude, Engagement und Frust. Daneben lässt Regisseur Alexander Kleider auch die Lehrer der Schule zu Wort kommen, die hier jede Menge Herzblut investieren. für einen Stundenlohn von 12,50 €…

Die Protagonisten sind klug ausgesucht und wachsen einem schnell ans Herz. Auch das Schulkonzept, das antiautoritär ist, aber gerade deswegen versucht die Schüler zu Selbstdisziplin und Engagement zu erziehen, wirkt sympathisch. Dabei ergreift der Film zwar deutlich Partei für die Reformschule, zeigt aber auch die schwierigen Phasen für alle Beteiligten. Die SFE ist kein pädagogisches Paradies – sondern ein Ort, an dem versucht wird, die unvermeidbaren Probleme durch gemeinsames Nachdenken und Handeln zu lösen. So entsteht ein kluger und flott montierter Film, der zum nachdenken einlädt – nicht nur über die Art, wie wir Schule verstehen, sondern unsere Gesellschaft an sich. Sehenswert!

WERTUNG: 1