Kino: „Der Hauptmann“

Kleider machen Mörder: Im Film „Der Hauptmann“ schlüpft ein einfacher Landser in den letzten Kriegswochen in die Uniform eines Offiziers – und beginnt eine verhängnisvolle zweite Karriere.

Ein Nazifilm in dem Juden nur am Rande vorkommen? Ein Weltkriegsfilm aus der Sicht eines Täters? Keine Frage: „Der Hauptmann“ ist ein wirklich ungewöhnlicher Film. Das fängt schon mit seinem Regisseur und Drehbuchautor an. Der 1968 geborene Robert Schwentke ist einer der wenigen Deutschen, die in Hollywood in der ersten Liga mitspielen. 15 Jahre lang drehte er dort Comicverfilmungen und Thriller mit Bruce Willis oder Jodie Foster.

Nun ist er nach Hause zurückgekehrt und legt einen Film mit einem urdeutschen Thema vor: Es sind die letzten Tage des zweiten Weltkrieges, die Wehrmacht befindet sich in Auflösung. Überall desertieren die Männer und ziehen als Plünderer und Vagabunden durch die Lande. Unter ihnen ist auch der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher), der mehrfach dem Tod von der Schippe springt, bis er zufällig eine Hauptmanns-Uniform findet. Er schlüpft hinein und beginnt ein neues Leben als Offizier.

Zwar können seine zu langen Hosen ihn jederzeit verraten – doch schon bald stellt er fest, dass die meisten Menschen den Hauptmann mit offenen Armen empfangen: Endlich einer, der ihnen hilft, sich am Krieg zu bereichern oder ihre unrühmlichen Spuren darin zu verwischen. Jemand, der bereit ist, für alles die Verantwortung zu übernehmen…

Der Hauptmann“ beruht auf der wahren Geschichte des ‚Henkers vom Emsland‘ Willi Herold. Der Film zeigt was Herold getan hat ohne den Zuschauer moralisch an die Hand zu nehmen. Statt dessen konzentriert er sich auf die Hauptfigur, der sich bald zwei Soldaten wie Engelchen und Teufelchen anschließen: Der freundliche Freytag (Milan Peschel) und der sadistische Kipinski (Frederic Lau). Durch diese drei Personen wird nicht nur die ganze Geschichte des „Dritten Reiches“ auf einen essentiellen Kern verdichtet – sondern darüber hinaus auch auf allgemein menschliche Fragen verwiesen: Darf wer dem Tod ins Auge sieht alles tun, um ihn abzuwenden? Wo ist die Grenze zwischen dem Soldaten und dem Mörder? Wo ist das Recht in einer Welt, die zerfällt?

Technisch ist alles auf höchstem Niveau: Musik, Sounddesign und vor allem die prächtige schwarz-weiß Kameraarbeit von Florian Ballhaus verleihen dem Film trotz seiner düsteren Thematik eine berückende Schönheit und eine archaische Wucht.

Ein starkes, kompromissloses Stück Kino – formal und inhaltlich auf Augenhöhe mit dem thematisch verwandten „Wege zum Ruhm“ von Stanley Kubrick.

WERTUNG: A

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Gesehen: „Call me by your Name“

Ein Sommer in Italien: Der für vier Oscars nominierte Film „Call me by your name“ ist eine sonnige Ode an die Liebe und die Jugend.

Es sind die frühen 80er Jahre in Italien. Die Menschen fahren Rad und Motorroller, hören Synthie-Pop und rauchen ununterbrochen. Für den 17-jährigen Elio Perlman (Timothée Chalamet), einen ruhigen Jungen, der am liebsten in der elterlichen Villa sitzt und Musik transkribiert, wird dieser Sommer aber zu etwas ganz besonderem. Denn jedes Jahr zieht über die Sommermonate ein Student ein, der Elios Vater (Michael Stuhlbarg) bei seiner archäologischen Arbeit hilft. Und das ist diesmal Jahr der 24-jährige Oliver (Arnie Hammer), der in vielem so ist, wie Elio gern sein würde: kontaktfreudig, sportlich und schlauer als alle anderen. Lange bleibt in der Schwebe was sich zwischen den beiden entspinnen wird: Eine Rivalität? Eine Freundschaft? Oder gar eine Liebe? Denn obwohl sich Elio gerne mit Mädchen trifft, geht von dem Neuankömmling eine mächtige Anziehungskraft auf ihn aus – die möglicherweise nicht nur einseitig ist…

Mit „Call me by your name“ legt der italienische Regisseur Luca Guadagnino („A bigger splash“) einen Film vor, der das Flair der 80er Jahre in vielen liebevollen Details wiederauferstehen lässt und der mit seinen sonnendurchfluteten Bildern idyllischer Landschaften zum Träumen einlädt. Ungewöhnlich ist, dass im Mittelpunkt der Romanze zwei junge Männer stehen – ohne dass der Film deswegen als „Coming Out“-Geschichte zu verstehen ist. Denn im Mittelpunkt steht hier nicht eine homosexuelle Selbstfindung, sondern die Liebe und die Kraft der Jugend an sich. Hier wandelt der Film geschickt auf einem schmalen Grat zwischen Sensibilität und Intimität, was nur deshalb funktioniert, weil alle handelnden Personen außergewöhnlich intelligent, kultiviert und sensibel agieren.

Das liegt sicher auch am Drehbuch von James Ivory („Was vom Tage übrigblieb“) – ein Experte für gehobenes Gefühlskino, der hier den 2007 erschienenen Roman „Ruf mich bei Deinem Namen“ von André Aciman adaptierte.

Heraus kommt eine sinnliche Beschwörung der Jugend und eine enge Verbindung von Landschaft und Schicksalen, die an Bernardo Bertolluccis „Gefühl und Verführung“, Jaques Rivettes „Schöne Querulantin“ oder die Filme von Éric Rohmer denken lassen. Nicht zu unrecht: Guadagnino bezeichnet die diese Meister des intelligenten europäischen Beziehungs-Kinos als seine cineastischen Väter – und widmet ihnen „Call me by your name“.

So entsteht ein kluger und leidenschaftlicher Film über die Liebe und das Leben, der für vier Oscars – bester Film, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller (Chalamet) und bester Titelsong – nominiert wurde.

WERTUNG: 2

Ist das noch Trek? „Star Trek Discovery Season 1“

„Star Trek – Discovery“, die erste Serie aus dem Trek-Universum seit 13 Jahren sorgte schon im Vorfeld für viel Diskussion: Neuer Look, mehr Action und eine Heldin mit Männernamen stellten die zentrale Frage: „Ist das noch Trek?“

Hier meine Antwort nach allen fünfzehn Folgen von

Star Trek – Discovery (Staffel 1)

Story:
Zehn Jahre vor Captain Kirk stolpert die Förderation in einen Krieg mit den Klingonen. Das Forschungsschiff „Discovery“ findet sich an vorderster Front wieder – unter dem Kommando eines Captains, der mehr mit dem Säbel rasselt, als es den Wissenschaftlern lieb ist. Und die Klingonen sind nicht die einzige Bedrohung…

Look:
Hier gab es anfangs viel Kritik von den Fans: Wie kann eine Serie, die 10 Jahre vor Kirk spielt moderner aussehen als TNG? Warum haben die Klingonen nun Eierköpfe und ägyptisches Interiereur statt Zotteln und Höhlen?
(P.S.: Dass die Planeten nicht mehr aus Pappmachée-Felsen und Topfpflanzen bestehen ist auch seltsam. Hat aber niemand gestört).

Nach kurzer Gewöhnung finde ich den Look gut. Trek-Serien versuchten ja immer so modern wie nur möglich auszusehen und tricktechnisch auf der Höhe der Zeit zu sein.  Da macht „Discovery“ alles richtig. Abgesehen davon, dass die Sternenflotte hier durch eine recht fade blau-grau Phase geht. Sogar die Planeten sind hier gerne blau.

Cast:
Das ist leicht: Super! Doug Jones, der Meister der Monster und ein großer Star-Trek-Fan darf hier als Kelpianer Saru endlich auf einer Brücke stehen, Jason Isaacs ist Klasse als undurchsichtiger Captain und mit Michelle Yeoh ist sogar ein echter Weltstar an Bord. Auch die Nebenrollen sind charaktervoll besetzt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist Hauptdarstellerin Sonequa Martin-Green, die mit einem einzigen Gesichtsausdruck durch die Staffel zu kommen versucht (was aber immerhin inhaltlich begründet wird).

Stimmung:
Düster. Gerade in den ersten Folgen ist der aufziehende Krieg überall spürbar. Menschen (und andere Wesen) werden getötet und gefoltert, es wird geblutet und geflucht. Wer als Fan von Kirks fröhlichen Raubauken oder der höflichen „Next Generation“-Crew auf die Discovery kommt, wird einen harten Einstieg haben.

Schauempfehlung:
„Discovery“ erzählt eine durchgehende Geschichte (auch wenn diese sich in mehrere ‚Kapitel‘ mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufteilt) und sollte deshalb von Anfang bis Ende gesehen werden. Mein Tipp für klassische Trek-Fans: Durchhalten bis Folge 6,  in der die Charaktere endlich etwas Background bekommen. Vorher wirkt es eher wie eine Mixtur aus Alien und Dune.

Also: Ist das noch Trek?
Wir sehen hier definitiv eine andere Förderation als in den Vorgänger-Serien. Die Befehlskette funktioniert gar nicht: Anweisungen werden eher kritisiert oder ignoriert als befolgt. Und auch die moralischen Ideale der Förderation (Verhandeln statt Ballern, keine Misshandlung von Gefangenen, keine Todesstrafe) geraten ins Wanken. Wir erleben eine Förderation unter Beschuss, die sich fragen muss, was ihr wichtiger ist: Ihre Werte oder ihr Überleben. Das ist an sich spannend – wird aber in dieser Season oft auch etwas Holzhammer-mäßig dargeboten. Der Spagat zwischen klassichem Trek und Einsteigerfreundlichkeit, zwischen Action und „Sense of Wonder“ tut hier oft noch weh. Es bleibt zu hoffen, dass hier in Zukunft eine bessere Balance gefunden wird.

Fazit:
Ich habe den Eindruck, dass „Discovery“ eine Serie ist, die definitiv von Fans gemacht wurde. Aber von experimentierfreudigen Fans. Der sichere Weg wäre es gewesen, einfach die sieben Jahre zu erzählen die Burnham und Georgiou auf der „Shenzou“ mit fröhlichem Raumerforschen verbracht haben – und dann den Kriegskram in Staffel 8 zu bringen. So werfen sie uns von Anfang an in ein unbekanntes Land und lassen uns Zuschauern die Aufgabe, mit diesem Fremden zurecht zu kommen. Und das ist in seinem Herzen natürlich auch Trek.

Ausblick:
Wir haben hier großartige Schauspieler, gute Tricks und interessante Charaktere, sowie defintiv Trek-liebende Macher hinter den Kulissen. Wenn sie es in der kommenden Season schaffen etwas weniger Folter, etwas mehr Farben und vor allem mehr von dem Gefühl „Wir erforschen zusammen die Sterne“ reinzubekommen – und weiterhin den Mut haben eigenständige, durchgehende Geschichten zu erzählen – dann kann dies eine der großen Serien des Trek-Universums werden.

Gesehen: Star Wars 8 – Der letzte Jedi Macht das Licht aus

…und dann war da noch: Star Wars.
Letztes Jahr hat es die Reihe mit dem flotten „Rogue One“ fast geschafft, mich zum Fan zu machen – so locker und knackig kam dieses nette B-Movie mit seinen schönen Anspielungen auf die alte Trilogie daher. Da war ich dann schon gespannt ob die neue „offzielle“ Folge diesen Drive beibehalten kann…

„Die letzten Jedi“ ist dagegen Star Wars wie man es kennt. Die selben Elemente wie seit den 70ern, nur in anderer Reihenfolge. Sogar die blöden Wischblenden sind wieder da. Ich hätte sie nicht vermisst, wenn sie weggeblieben wären.

Auf der Haben-Seite finden sich hier gute Raumschlachten, ein Auftritt eines grünen Sympathieträgers, ein sehr schöner Epilog und natürlich die Musik von John Williams. Allein um die in Surround zu hören, rentiert sich natürlich ein Besuch in Star Wars.
Was mir auch gut gefallen hat ist die seltsame Romeo-und-Julia-Story zwischen Rey und Ben, sowie das Star Wars hier erstmals wirklichen Dialogwitz bietet.

Sehr nervig fand ich dagegen den neuen Depro-Luke, der anderthalb Stunden nur rumjammert, bevor er sich zum Schlusskampf aufrafft. Muss das sein? Auch die anderen Rätsel die J.J.Abrams in Epsiode 7 so geschickt aufbaute – z.b. Wer sind Reys Eltern? – werden hier entweder ignoriert – oder erschreckend banal aufgelöst.

So ist der neue Herrscher des Bösen weder der zurückgekehrte Imperator, noch der wiedergeborene Darth Vader, sondern einfach nur ein dünner Typ in einem roten Raum, der sich nicht besonders clever anstellt.

Im Schnitt ein Star Wars von der Stange, das – positiv ausgedrückt – für die nächsten Jahre noch Raum nach oben lässt.

WERTUNG: 3

Gesehen: „Wunder“

Auggie (Jacob Tremblay) ist in fast allem ein ganz normaler Zehnjähriger: Er mag „Star Wars“, Halloween und möchte später Astronaut werden. Aber Auggie hat aufgrund eines Gendefekts auch ein entstelltes Gesicht. Deswegen hat ihn seine Mutter (Julia Roberts) bisher zu Hause unterrichtet, aus Angst vor den Hänseleien anderer Kinder. Doch nun kommt Auggie in die Schule und muss lernen, mit den Mitschülern zurechtzukommen. Das stellt sich als schwieriger heraus als gedacht, denn auch andere Menschen tragen ihre Verletzungen mit sich herum – wenn auch nicht so offensichtlich wie Auggie.

In „Wunder“ erzählt Regisseur Stephen Chbosky eine glaubwürdige Geschichte über Mut und Freundschaft in der ist sehr menschlich, aber nie übertrieben kitschig zugeht. Das liegt nicht nur am guten Darsteller-Ensemble, sondern vor allem daran, dass der Film mehrfach die Perspektiven wechselt und wir neben Auggie auch noch die Erfahrungen seiner Schwester Via (Izabela Vidovic) und einiger Mitschüler kennenlernen. Ein angenehmer Film mit einer optimistischen Grundhaltung, der witzige Momente geschickt mit nachdenklichen und traurigen Elementen mischt. Für die Gestaltung von Auggies Gesicht, das nur auf den ersten Blick gruselig wirkt, wurde der Film für den Oscar für das beste Make-Up nominiert.

WERTUNG: 2

 

Pfote hoch für „Wunder“: Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und die Darsteller wirken authentisch. Eine nette Geschichte auf mehrern Ebenen. Ein abwechslungsreicher Film, der „feelgood“- Stimmung hinterlassen hat.

Katzenwertung: 1

Gesehen: „Der andere Liebhaber“

Gruselig, geheimnisvoll, sexy: In „Der andere Liebhaber“ lässt sich eine Frau auf ein doppeltes Spiel ein – mit zwei Varianten des selben Mannes.

Reglos, wie ein Ausstellungsstück, sitzt die junge Chloé Fortin (Marine Vacth) in einem Museum. Die Ausstellung, die sie bewacht, heißt „Body & Blood“ – Blut und Körper. Und auch ihr eigener Körper macht der 25-jährigen Probleme. Unerklärliche Magenschmerzen treiben sie zum Psychologen Paul Meyer (Jérémie Renier). Der ist ein netter Kerl, kann gut zuhören und wird schließlich ihr Liebhaber. Aber er ist auch ein Mann mit dunklen Geheimnissen. Und dann trifft Chloé Louis Delord (ebenfalls Jérémie Renier). Der sieht aus wie Paul – ist aber in seinem Wesen das genaue Gegenteil, grob und bestimmend. Beide Männer faszinieren Chloé und so lässt sie sich auf ein doppeltes Spiel ein…

Mit seiner ruhigen, aber alptraumhaften Stimmung und seinem körperbezogenen Grusel wirkt „Der andere Liebhaber“ über weite Strecken wie ein Film von David Cronenberg. Es ist aber Francois Ozon – seit Jahrzehnten ein Garant für elegantes und kluges Kino – der hier die Zuschauer vor Spannung an den Rand der Sitze treibt. Dabei kommt das Grauen vor allem aus der Ungewissheit: Welche Geheimnisse verbergen Paul und Louis? Ist das ganze eine SM-Fantasie Chloés? Gibt es ein geheimes Komplott gegen sie? Oder wird sie schlicht wahnsinnig?

Das Design spiegelt das Doppelgänger-Motiv auf vielfältigen Ebenen: Von den zahlreichen Spiegeln bis hin zu Elvis – einem Zwilling – im Soundtrack. Und dann ist da natürlich noch der Sex. Die zahlreichen erotischen Begegnungen brachten dem Film den Vorwurf der Pornografie ein. Doch die kühl beobachteten Szenen dienen hier vor allem dazu, die Charaktere besser zu verstehen. Da ihre Seelen verborgen sind, machen sich die Körper nackt. Sicher kein guter Film für ein erstes Date – aber ein Muss für alle Freunde intelligenter und erwachsener Psycho-Thriller im Stile von „Die Unzertrennlichen“ oder „Rosemarys Baby“.

WERTUNG: 1

Gesehen: „Tribute von Panem“ (1-4)

Als ich vor einigen Jahren den ersten Teil besprach, hielt ich ihn für einen netten kleinen B-SciFi-Film – dass er eine Bestseller Buchreihe hinter und eine Hit-Filmreihe vor sich hatte war mir nicht klar. Deshalb freue ich mich nun endlich mal Zeit gehabt zu haben, das ganze Ding zu gucken und neu zu bewerten.

Die Geschichte kennt inzwischen fast jeder und deshalb lasse ich sie größtenteils wieder weg 🙂 und gehe gleich zum Eindruck:

Erzählt wird die Story von Katniss Everdeen, die sich über die vier Jahre von einer Kandidatin in einer tödlichen Reality-Show (Running Man meets Battle Royale, aber ab 12) zur Jeanne D’Arc einer tatsächlichen Revolution entwickelt.

Das spannende dabei ist, dass wir nicht nur Helden und Action sehen, sondern gleichzeitig auch immer ein Making – Of. Am stärksten ist das in Teil drei, wo wir die Propaganda-Maschine voll bei der Arbeit sehen: Catniss sitzt am Fluss und singt ein kleines Liedchen. Eigentlich ein intimer Moment, doch natürlich nehmen in die Kameras auf. Im Studio kommt ein Soundtrack dazu, der Produzent ändert den Text noch ein wenig und bläst es schließlich zu einer Hymne auf, zu der Menschen in die Schlacht ziehen.

Das ist unglaublich modern – zeigt es doch, dass weder Unterdrückung, noch Widerstand ohne die richtigen Slogans und den richtigen Look funktionieren (man denke an das ikonische Che-Bild, dass die Inhalte seiner Revolution bei weitem überlebte). Zugleich lässt es auch hinter die Kulissen Hollywoods blicken, weil es die versteckte Maschinerie offen zeigt, die sonst heimlich im Hintergrund läuft: So werden Helden gemacht!

Dazu kommt ein guter Cast und ein ständig steigendes Budget, dass sich dennoch oft den smarten B-Filme-Charme des Anfangs bewaren kann, weil alles irgendwie handgemacht wirkt.

Was für mich dagegen gar nicht funzt ist die Welt: Die Leute im Capitol Raumschiffe, lebende Hologramme und Gentechnik – sind aber abhängig von Bergarbeitern und Holzfällern (!) aus den Distrikten? Aufständer verhindern sie 75 Jahre lang durch eine TV-Show? So lang gab es nicht mal ‚Wetten, dass…“
Für einen Film, der seine Betrachter immer wieder zum Nachdenken einlädt leistet sich die Reihe einfach zu viele Ungereimtheiten im Aufbau ihrerWelt. Keine Ahnung ob das in der Buchvorlage plausibler erklärt wird, im Film nerven diese eklatanten Widersprüche auf die Dauer.  (Vielleicht bin ich nach ‚Song of ice and fire‘ und ‚Malazan‘ auch nur zu anspruchsvoll geworden, was glaubhafte Fantasy-Welten angeht.)

Zudem fand ich Teil vier (nach dem überragenden 3er) eine ziemliche Gurke: Anderthalb Stunden Straßenkämpfe mit Zombies und Ölsuppe und das nicht mal besonders gut inszeniert. Der Schluss ist dann aber wieder ganz nett.

Fazit: Eine cool designte und in den besten Momenten brilliant kritische Reihe – die aber zu viel Sand im eigenen Getriebe hat, um wirklich glaubhaft zu sein.

WERTUNG: 2

Kino: „Die Lebenden reparieren“

Zwischen Spielfilm und Dokumentation: Der Film „Die Lebenden reparieren“ setzt sich sensibel mit dem Thema Organspende auseinander.

Simon (Gabin Verdet) ist ein Teenager, der sein Leben genießt: Erste Liebe, Radfahren, Wellenreiten an den Stränden der Normandie. Doch dann geschieht der Autounfall, der ihn leblos im Krankenhaus zurücklässt. Zwar atmet er noch und sein Herz schlägt, aber die Ärzte sehen trotzdem keine Hoffnung mehr: „Ihr Sohn liegt ist hirntod. Sobald wir die Maschinen abschalten, ist es vorbei“, teilt der Arzt den Eltern (Emanuelle Seigner und Kool Shen) mit.

Was für seine Familie ein unglaublicher Schock ist, ist für die Mediziner ein Glücksfall: Nur selten haben sie die Möglichkeit gesunde, junge Organe für dringend benötigte Spenden zu bekommen. Doch natürlich zögern Mutter und Vater: Hätte Simon es gewollt, dass jemand anderes sein Herz bekommt. „Er war doch erst siebzehn!“, meint die Mutter.

Der Roman „Die lebenden reparieren“ von Maylis de Kerangal war in Frankreich ein Bestseller. Regisseurin Katell Quillévéré hat ihn behutsam in einen ruhigen Film umgesetzt, der teilweise wie eine Dokumentation wirkt: Von der Befundaufnahme im Krankenhaus über die Verteilung über eine Agentur bis hin zur Operation wird der Ablauf einer Organspende detailliert und realitätsnah geschildert.

Darüber hinaus hat der Film aber auch eine durchaus poetische Ebene, wenn in kunstvollen Bildern auf die Befindlichkeiten von Nebenfiguren wie der Krankenschwester oder des Pflegers zurückgegriffen wird. Dabei scheuen sich auch internationale Stars wie Emanuelle Seigner sich nicht, sich für diesen Film ganz unglamurös zu präsentieren.

Beim Versuch, sein Thema möglichst umfassend zu schildern kommt dem Film in der zweiten Hälfte aber etwas die dramatische Spannung abhanden, weil er sein emotionales Zentrum (anders als der Roman) auf die Empfängerin des Herzens Claire (Anne Dorval) verlagert und sich dabei in zu vielen neuen Personen verliert.

Dennoch bleibt “Die Lebenden reparieren” ein gelungenes Werk, das gleichzeitig sachlich und gefühlvoll einlädt, ernsthaft über Leben und Tod nachzudenken.

WERTUNG: 2

Kino: „Maleika“

Wir haben oft hinter der Kamera geweint“ – Regisseur Matto Barfuss erzählte im Cinecitta über die Entstehung seiner Geparden-Doku „Maleika“.

In dramatischer Zeitlupe rennt die Gepardin Maleika über die Leinwand, ihre Beute fest im Blick – die sie dann mit einem donnernden Krach zu Boden wirft. Interessiert beobachtet von ihren fünf Kindern.

Vier Jahre lang begleitete Dokumentarfilmer Matto Barfuss die Gepardenmutter und ihren Nachwuchs durch die Steppe und zeigte, wie aus tapsigen Katzenkindern gefährliche Jäger werden. Und das aus nächster Nähe:

Der Mensch sieht für die Raubkatzen nicht wie Beute aus“, erzählt Barfuss im Cinecitta. „Deshalb kann er – wenn er keine Angst zeigt – auch sehr nahe herangehen.“ Dass das funktioniert bewies Barfuss bereits 1998, als er über Monate mit einer Gepardenfamilie lebte: „Das hat mich tief geprägt! Deshalb ist ‚Maleika‘ für mich auch nicht nur ein Film, sondern Teil meines Engagements für den Schutz der Raubkatzen – ein echtes Herzensprojekt!“

Da wundert es auch nicht, dass es in dem Film oft gewaltig menschelt: Die Off-Stimme erzählt von der Angst, dem Stolz und der Freude der Gepardin. In der englischen Version sprechen verschiedene Schauspieler die ‚Stimmen‘ der Tiere: „Ich glaube ich kann mir das erlauben“, meint Barfuss. „Denn nach so langer Zeit konnte ich wirklich ihre Gefühle an der Haltung des Kopfes oder Schweifs erkennen. Zudem sind die Fakten über Großkatzen ja bekannt. Jetzt ist es wichtig eine emotionale Bindung zu den Tieren herzustellen.“

Die gab es beim Dreh auf jeden Fall: „Wir haben oft hinter der Kamera gelacht – aber auch geweint. Etwa als Maleika sich gefährlich verletzte oder als eines ihrer Kinder den Kampf mit einem Krokodil verlor! In solchen Momenten wollte ich am liebsten eingreifen und helfen, aber das verbietet natürlich der ethische Grundsatz aller Tier-Dokumentarfilmer: Regie führt die Natur! Und die sorgt in der Summe immer für ein Gleichgewicht.“

250 Stunden Film hat er gedreht und auch dabei darauf geachtet, möglichst wenig Spuren in der Natur zu hinterlassen: „Die BBC kommt da gern mit zehn Kameras – ich hatte eine. Das war viel Arbeit! Mein normaler Tag begann um 4.30 Uhr, dann galt es Maleika zu finden und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit ihr zu drehen.“

So entstand ein Film, der ein gefühlvolles Plädoyer für den Schutz der Wildkatzen ist: „Raubtiere kann man nicht im Zoo erhalten, da sie die Wildnis brauchen um das zu lernen, was sie zum überleben benötigen.“

WERTUNG: 3
Ich fand’s gut, dass der Regisseur persönlich dabei war. Der Film alleine setzt für meinen Geschmack zu sehr auf ‚gemachte‘ Emotion. Und auch wenn ich seine Faszination für die Jagd nicht teilen kann (gefühlte 80% des Films bestehen aus Beutejagd), respektiere ich doch sein Anliegen und sein Engagement.