Kino: „Fisherman’s Friends“

Willkommen bei den Schan’tys: In „Fisherman’s Friends“ fährt ein Londoner an die Küste Cornwalls und findet Liebe und Erfüllung. Und die älteste Boygroup der Welt.

Eigentlich wollten Danny (Daniel Mays) und seine Kollegen von der Plattenfirma nur einen kurzen Zwischenstopp in dem verschlafenen Küstenstädtchen Port Isaac machen. Doch dann fällt Dannys Chef (Noel Clarke) die Gruppe von rauhbeinigen Fischern auf, die am Hafen ihre Seemanslieder schmettert. Er gibt Danny den Auftrag mit den Seebären eine Platte zu machen – was eigentlich nur ein Scherz ist. Doch Danny ist – nach anfänglichem Zögern – bald wirklich überzeugt, hier einen Schatz an authentischer Musik heben zu können. Und tatsächlich liegt ein bischen Magie in der Luft, wenn die Herren singen: Selbst bei stürmischem Wetter auf einem Boot klingt alles wie eine tip-top-Studioproduktion, inklusive Musik, obwohl keiner der Kerle ein Instrument dabei hat. Und natürlich hilft es auch, dass der Chorleiter Jim (James Purefoy) eine hübsche Tochter (Tuppence Middleton) hat, die Danny nicht aus dem Kopf geht. Doch die Fischer haben gar kein großes Interesse daran als „älteste Boygroup der Welt“ vermarktet zu werden. Denn hier in Cornwall, so wird Danny belehrt, sind Freundschaft, Integrität und und ein Leben im Einklang mit der Natur viel wichtiger als Geld und Erfolg…

„Fisherman’s Friends“ basiert lose auf der Biografie der gleichnamigen Band, die 2010 von einem Radiomoderator auf Urlaub entdeckt wurde und die seither große Erfolge feiert. Regisseur Chris Foggin machte daraus ein recht gelacktes Filmchen von der Stange, das die üblichen Stationen des Genres ohne große Überraschungen abhakt. Wer die „Sch’tis“, „Wie im Himmel“ oder den „Engländer, der auf einen Hügel stieg…“ gesehen hat braucht die singenden Fischer nicht wirklich. Die Filmemacher sehen das allerdings definitiv anders: „Fisherman’s Friends 2“ ist bereits in der Mache. Ein Schelm, wer da doch hinter den Shantys auch den Lockruf des Geldes hört…

WERTUNG: 5

Kino: „Leberkäs-Junkie“

Und ewig frotzeln die Niederkaltenbacher: Die Reihe um Dorfpolizist Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) ist auch in der sechsten Folge weiter auf Erfolgskurs. Waren die Provinzkrimis nach den Romanen von Rita Falk am Anfang nur südlich des Weißwurstäquators Kino-Hits, so lacht inzwischen ganz Deutschland über die skurilen, manchmal ekligen und doch stets irgendwo liebenswerten Bayern. Man merkt einfach, dass sich hier über die Jahre ein Team zusammengefunden hat, das diese Filme mit Herzblut macht.

 

Und „Leberkäs-Junkie“ bietet erneut all das, was die Reihe groß gemacht hat: Staubtrockenen Humor, Schauspieler mit Mut zur Hässlichkeit und einen genauen Blick auf das Leben in der Provinz. Und nicht zu vergessen: Jene überraschenden Momente, wenn die eigentlich als Karikaturen angelegten Figuren plötzlich über ihre Klischeehaftigkeit hinauswachsen und einem unerwartet nah gehen. Etwa, wenn Eberhofer und sein Vater (Eisi Gulp) sich über die verstorbene Mutter unterhalten oder wenn ganz nebenbei Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie eingestreut werden.

Wer also die Reihe bisher mochte, kann auch beim „Leberkäs-Junkie“ beherzt zugreifen. Für Einsteiger ist die Folge dagegen weniger geeignet, da es diesmal vor allem um die behutsame Weiterentwicklung des bekannten Figurenensembles geht. Der Mordfall ist eher Nebensache: Bei einem Hausbrand wird eine völlig verkohlte Leiche gefunden. Hauptverdächtiger ist der farbige Fußballstar des Dorfvereins Buengo – „Der Fuß Gottes“ (Castro Dokyi Affum). Doch Eberhofer glaubt nicht an die Schuld des Angolaners – seine Spur führt ihn statt dessen zu einem umstrittenen Neubaugebiet am Rande des Dorfes…

Und endet auch schon fast dort, denn plötzlich fällt Eberhofer auf offener Straße um: Eine Folge seiner schlechten Ernährung. Die vegane Diät von Oma will dem Leberkäs-Junkie nicht so recht schmecken. Und dann ist da auch noch die stets prekäre Beziehung zu seiner Susi (Lisa Maria Potthoff), die nach der Geburt des Sohnes Paul vollends in die Brüche zu gehen droht. Die Szenen mit dem Baby gehören dann zu den komödiantischen Highlights des Films: Wenn Eberhofer den Bub mit in die Pathologie nimmt oder selbst einen Ausflug ins Kugelbad unternimmt bleibt kaum ein Auge trocken.

Inszeniert ist das von Stammregisseur Ed Herzog mit gewohnt gutem Timing und dem richtigen Gespür dafür, wann Schluss mit Lustig sein muss. Auch die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen wieder großartig. Naja – mit einer Ausnahme: Klaus Augenthaler als Trainer des Dorfvereins zu besetzen klingt witzig, scheitert aber daran, dass bei ihm jeder Satz wie abgelesen wirkt. Da merkt man erst, was der Rest der Schauspieler leistet, diese „ganz natürlichen“ Typen derart glaubhaft zum Leben zu erwecken.

WERTUNG: 2

Kino: „Die 3 !!!“

Als die „Drei ???“ 1964 das Licht der Welt erblickten, war political correctness noch nicht erfunden und so versäumte man es den drei Jugendbuch- und Hörspieldetektiven ein Alibi-Mädchen an die Seite zu stellen.

Ein Fehler, den man beim Franckh-Kosmos Verlag 2006 erkannte und mit den „Drei !!!“ ein Mädelstrio nach genau dem gleichen Muster auf den Markt warf. Über 70 Fälle haben die Girls seitdem gelöst. Da wurde es natürlich höchste Zeit für einen Film. Immerhin haben die Jungs schon zwei. Und sogar TKKG hat einen!

Unter der Regie von Viviane Andereggen betreten also die sportliche Franzi (Alexandra Petzschmann), die schlaue Kim (Lillie Marie Lacher) und die modebewusste Marie (Paula Renzler) die Bühne. Und bekommen es mit dem Phantom der Oper zu tun. Denn in dem alten Theater, in dem sie unter der Leitung des seltsamen Herrn Wilhelms (Jürgen Vogel) für ein Stück proben, spukt es. Natürlich glauben die drei nicht an Geister und machen sich auf die Spurensuche…

„Die !!!“ pfeift auf eine Einleitung – die drei Hauptfiguren werden als bekannt vorausgesetzt. Macht nichts – ihre Charaktere beschränken sich ohnehin auf das Adjektiv vor dem Namen. Die Inszenierung schwankt zwischen Musical und James Bond: Unsere Heldinnen singen, tanzen, entschärfen Bomben und foltern sogar Verdächtige. Für Erwachsene erträglich wird die Sache durch den überkandibelt aufspielenden Jürgen Vogel und das liebevolle Set-Design, dass jedes Bild mit interessantem Krimskrams vollstopft. Ansonsten aber nur für die Zielgruppe der 7 bis 13-jährigen sehenswert.

WERTUNG: 4

Kino: „Kaviar“

Manche Filme kommen genau zur rechten Zeit: Als Regisseurin Elena Tikhonova im Jahr 2011 ihre ersten Ideen für eine Geschichte notierte, in der russische Millionäre die österreichische Politik korrumpieren konnte sie noch nicht ahnen, dass die Premiere zusammenfallen würde mit der „Ibiza-Affäre“ von Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Und doch weist ihre Story viele Ähnlichkeiten auf: Bei ihr ist es die Wiener Lokalpolitik, die Euro-Zeichen vor den Augen sieht, als Oligarch Igor (Mikhail Evlanov) anfragt, ob er ein Haus mitten auf der Schwedenbrücke – einer zentralen Verkehrsader – bauen kann. Schnell werden Gesetze zurecht und Augen zu gedrückt. Doch die gierigen Männer haben nicht mit einem mutigen Frauentrio rund um die Dolmetscherin Nadja (Margarita Breitkreiz) gerechnet, dass sich nach Jahren der Demütigung durch die Kerle nun einen handfesten Anteil an der Summe holen will…

Starke Frauenfiguren und aktueller Bezug sind schon mal zwei Pluspunkte des Films. Dazu kennt die Regisseurin, als gebürtige Russin, die seit 2000 in Wien lebt, die Szene, von der sie erzählt, aus erster Hand. Und was macht sie draus?

Einen Streifen, wie sie in den 90ern reihenweise entstanden sind, als Filmemacher weltweit versuchten, den Stil von „Pulp Fiction“ und „Trainspotting“ zu kopieren: Gewollter Trash. Das ging damals nur selten gut. Und das ist heute nicht anders.

Bei „Kaviar“ weis man gar nicht, was am meisten nervt: Das Overacting der Darsteller, die monotone Drei-Noten-Balaleika-Musik, die Sex- und Fäkal-Witzchen oder das holprige Timing. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dialoge (Österreichisch mit russischem Akzent) oft an der Grenze zur Unverständlichkeit balancieren.

Kaviar? Von wegen! Das hier reicht noch nicht mal für kalten Borscht.

WERTUNG: 5

Kino: „Mamacita“

Mamacita hat immer recht: „Die Pfanne läuft nicht über“, sagt die fast Hundertjährige und wer widerspricht wird übel beschimpft – auch wenn die Soße schon vom Herd runtertropft. „Ich bin schön“, sagt Mamacita auch, obwohl sie aussieht wie ein Skeksis aus dem ‚Dunklen Kristall‘.

Für den jungen Filmstudenten José Pablo Estrada Torrescano war seine Großmutter schon immer eine Figur, die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung beobachtet hat. Immerhin hatte die resolute Dame es geschafft in Mexico zu einer Ikone der Schönheit zu werden und mit eigenen Beauty-Farmen richtig viel Geld zu verdienen. Glücklich hat es sie nicht gemacht.

Ihre acht Töchter – und zwei Dutzend Enkel – waren Staffage und wurden wie Personal herumkommandiert. So musste José vor dem Filmstudium in Deutschland versprechen, heimzukommen und eine Doku über „Mamacita“ zu drehen. Das macht er auch – allerdings mit eigenen Hintergedanken: Er will herausfinden, woher der Fluch der Lieblosigkeit kommt, der über seiner Familie liegt.

Es beginnt eine kafkaeske Reise in das Schloss der alten Dame und bald merkt José, dass er mit den normalen Möglichkeiten des Dokumentarfilms – beobachten, Fragen stellen – nicht weit kommt. Darum trifft er eine radikale Entscheidung…

Ein mutiger, aber auch sehr bitterer Film, der nach dem Abspann noch eine Pointe bereit hält, die je nach Betrachtung als versöhnlich oder grausam empfunden werden kann.
Respekt, für den Mut des jungen Filmemachers – aber zweimal würde ich das nicht gucken.

WERTUNG 2

Kino: „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“

Der 20-jährige Kleinganove Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) aus der Pariser Vorstadt kann einfach an keinem Klavier vorbeigehen. Selbst als er mit seinen Kumpels in eine Villa einbricht bleibt er versonnen am Flügel hocken – und wird prompt geschnappt.

Doch überraschenderweise bietet ihm Pierre Geithner (Lambert Wilson), Lehrer am Pariser Konservatorium, einen Deal an: Klavier statt Knast. Er glaubt in Malinski ein Jahrhundert-Talent entdeckt zu haben – und genau ein solches braucht er, um seine marode Schule wieder in ein positives Licht zu rücken.

Nur widerwillig geht Mathieu zu den Stunden bei der „Gräfin“ (Kristin Scott Thomas), der strengsten und besten Lehrerin der Schule, die ihm erst mal erklären muss, was die seltsamen italienischen Wörter über den Noten bedeuten. Die Zeit drängt, denn Geithner hat Mathieu zu einem internationalen Wettbewerb angemeldet – so dass in sechs Monaten aus dem Straßenjungen ein perfekter Pianist werden muss…

Was ausgerechnet diesen, doch recht faulen Pianisten so viel besser macht als seine Mitschüler, vermag der Film nicht glaubwürdig zu vermitteln. Auch sonst hakt die Story an vielen Punkten. Man hat den Eindruck, als hätte Regisseur Ludovic Bernard für „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ einfach das Drehbuch von „Good Will Hunting“ genommen und Mathematik durch Musik ersetzt. Dabei blieben aber die Warmherzigkeit und der Tiefgang des Originals auf der Strecke. Zu platt sind die Dialoge, zu fad die Charaktere, zu groß der Leerlauf. Einzig Kristin Scott Thomas verleiht dem Geschehen etwas Witz und Würde.

WERTUNG: 5

KINO: „Klasse Deutsch“

Wie die Integration von Geflüchteten gelingen kann, darüber gab es in den letzten Jahren unzählige Diskussionen. Und nur über eines herrschte wirklich Einigkeit: Wer hierher kommt, sollte schnell und gründlich die deutsche Sprache lernen.

Doch wie funktioniert das in der Praxis? Dokumentarfilmer Florian Heinzen-Ziob verbrachte sechs Monate lang jeden Vormittag in der „Vorbereitungsklasse“ der Kölner Henry-Ford-Realschule. Hier büffeln Schüler unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft täglich fünf Stunden lang Deutsch.

Angeleitet werden sie von Lehrerin Ute Vecchio, die neben ihrer fachlichen Arbeit auch noch als Seelsorgerin gefragt ist: Denn für die meisten Kinder ist es ungewiss, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben. Und oft sind es gerade die engagiertesten, welche Köln wieder verlassen müssen. Das erfahren wir in einer der wenigen Szenen, die Ute Vecchio im Gespräch mit einer Kollegin zeigen.

Meist verlässt die Kamera das Klassenzimmer nicht. Aus leicht erhöhter Perspektive blicken wir auf immer gleiche Szenen: Vecchio die geduldig im Einzelunterricht übt. Vecchio die schimpft. Schüler, die sich beklagen. Interviews gibt es keine und über die Hintergründe der Personen erfahren wir nichts. Die Zuschauer sind aufgefordert, sich alles mehr oder minder selbst zusammen zu reimen.

Dabei sind die Filmemacher aber alles andere als unsichtbar: Gerade die Jungs, die eher als Klassenclowns unterwegs sind, lugen immer wieder zur Kamera um zu sehen, ob sie gerade eine komische Wirkung erzielen.

Etwas merkwürdig auch die Entscheidung, den Film im gediegenem Schwarz-Weiß zu präsentieren. Einerseits wirkt es sehr stilvoll, verschleiert aber auch die Realität: „Ein knallbuntes Klassenzimmer“ ist laut Regisseur Heinzen-Ziob „zu unruhig und lenkt ab“. Warum die jungen Menschen dann ausgerechnet an einem solchen Ort lernen sollen – und beschimpft werden, wenn sie es nicht schaffen – wäre eine spannendere Sache, als eine weitere Gardinenpredigt von Ute Vecchio zu hören.

WERTUNG: 4

What’s so bad about waving at a train? – In Memoriam John Singleton

Diese Woche starb der amerikanische Regisseur John Singleton. Bekannt wurde er 1991 mit „Boyz in the hood“.

Ich traf ihn ein paar Jahre danach in Berlin auf einer Pressekonferenz anlässlich seines Films „Rosewood Burning“. An den Film kann ich mich kaum erinnern. An die Pressekonferenz dafür umso mehr.

Normalerweise sind Berlinale-Pressekonferenzen erstaunlich fade Angelegenheiten: Die Stars versuchen Werbung für ihre Filme zu machen, die Reporter versuchen schlüpfrige Details über das Liebesleben der Stars zu erfahren. Ums Kino geht es dabei am wenigsten.

Nichts davon hier! Diese Pressekonferenz war ein Kampf! Die europäischen Kritiker (darunter auch ich), hassten „Rosewood Burning“. Wir sahen es als typischen Macho-Rachewestern voller Klischees, nur dass diesmal ein Schwarzer die Rolle des Helden spielte.

Singleton, ein tougher Typ mit einem großem Herz, verstand gar nicht, warum niemand seinen Film liebte und nahm tapfer den Kampf gegen einen kompletten Raum voller feindlicher Leute auf.

Ein tragischer Kampf, weil beide Seiten es aus ihrer Sicht gut meinten:
Wir hatten „Boyz…“ geliebt und wollten, dass er weiter ehrliche, persönliche Filme im Sinne eines europäischen Auteurs drehte (gerne auch schwarzweiß und mit rückwärtslaufender Musik oder so).

Singleton war der Ansicht, dass er einen absolut ehrlichen und persönlichen Film gedreht hatte – im Rahmen des amerikanischen Genre-Kinos.

Die Positionen waren unversöhnlich. Beide Seiten konnten sich nicht verstehen. Besonders ein Kollege hakte immer wieder wegen der Klischees nach: „Am Ende fährt ein Zug ab und die Leute winken ihm nach! So fad'“

Das war der Moment in dem Singleton tief Luft holte, die Arme in die Luft riss und aus tiefer Seele folgenden Satz sagte:

„What’s so bad about waving at a train?“
(Was ist so schlimm daran, einem Zug nachzuwinken?)

Darauf gab es damals keine Antwort und ich weiß auch heute keine.
Aber ich habe diese Worte bis heute nicht vergessen.

John Singleton machte weiter Filme, die Genres bedienten und deren Grenzen ein wenig erweiterten. Am 17. April 2019 hatte er einen Schlaganfall. Zwölf Tage später wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt.

Singelton starb mit nur 51 Jahren.

Und ich stehe da und winke seinem Zug nach.

Kino: „Zu jeder Zeit“

Lachen, weinen, Spritzen setzen: Der ungewöhnliche Dokumentarfilm „Zu jeder Zeit“ begleitet angehende Krankenpfleger durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung.

Es beginnt ganz einfach: Mit Händen unter Wasser. Denn das allererste, was die jungen Krankenpflegerinnen lernen ist, dass es drei Zustände gibt: Dreckig, Sauber und Steril. Und nur steril ist gut genug. Denn in ihrem Job geht es stets um Gesundheit. Und manchmal sogar um Leben und Tod.

Es sind junge Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen, die sich in diesem Kurs zusammengefunden haben, um gemeinsam zu lernen. Und zu lachen und zu leiden. Denn dass ihre Ausbildung eine hochemotionale Sache ist, merken die Teilnehmer spätestens, als sie lernen müssen eine Spritze zu setzen: „Eine schnelle Bewegung, 90 Grad“, grinst der Ausbilder und befördert das Gerät elegant in den vorbereiteten Dummy. Bei den Schülerinnen ist das weit schwieriger. Was ist, wenn jemand Linkshänder ist? Wenn die Nadel daneben geht?

Obwohl bei diesen Trockenübungen viel gekichert und herumgealbert wird merkt man den großen Respekt, den alle Beteiligten an den Tag legen. Die Auszubildenden sind hoch motiviert, die Trainer gründlich und immer bereit mit den Schülerinnen und Schülern das erlebte zu reflektieren.

Wie wichtig das ist, merkt man im zweiten Teil des Films: Hier gehen die Azubis in Krankenhäuser und Heime. Statt Dummies und grinsenden Kollegen sitzen plötzlich kranke Alte und verletzte Kinder vor ihnen. Neben all dem Fachwissen und praktischem Geschick ist nun auch viel emotionale Stärke von den angehenden Pflegern gefragt. Denn das Umfeld im Arbeitsalltag ist oft nicht so wohlwollend, wie auf der Schule.

Der dritte Teil des Films zeigt die Auszubildenden wieder zurück bei ihren Lehrern, wie sie das im Praktikum erlebte reflektieren: Begegnungen mit dem Tod, Konflikte mit Hierarchien und die stete Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Viele brechen in diesem Moment in Tränen aus.

Regisseur Nicolas Philibert, bekannt für seine einfühlsamen und zurückhaltenden Dokumentationen, legt hier einen Film vor, der auf den ersten Blick karg und schlicht wirkt:

Es gibt keine Interviews. Keine Schauwerte, keine Musik und auch keine Hauptperson. Und dennoch – und das ist die große Kunst – erreicht uns der Film emotional! Als Zuschauer bekommt man das Gefühl, selbst Teil dieses Kurses zu werden. Am Ende hat man nicht das Portrait einer Person gesehen, sondern das einer Ausbildung.

Selbst wer mit Pflege nichts am Hut hat ist gut beraten „Zu jeder Zeit“ zu sehen. Denn die Sorgfalt, Rexflexionsbereitschaft und Achtsamkeit, die Azubis und Ausbilder hier an den Tag legen, wünscht man sich auch für viele andere Berufe. Auch für die weit besser bezahlten.
WERTUNG: 1

Can´t start a fire without a Spock: Discovery Staffel 2

Die erste Staffel von „Star Trek Discovery“ war ein zwiespältiges Vergnügen: Tolle Optik, guter Cast, aber auch viel Düsternis und Krieg. Zudem schien jeder Autor sein ganz eigenes Süppchen zu kochen: Manche wollten ernste Stories über Posttraumatischen Stress erzählen, andere Spaß mit dem Spiegeluniversum und Zeitreisen haben. Wieder anderen war es völlig egal worum es ging. Hauptsache es wurde ganz viel Klingonisch gesprochen.

Für die zweite Staffel haben sich die Autoren die Kritik der Fans spürbar zu Herzen genommen und präsentieren in den 14 Folgen viele klassische Trek-Abenteuer der Begegnung mit dem Unbekannten. Eingebettet ist das ganze wieder in eine durchgehende Rahmenhandlung:

Kurz nach dem Ende des Krieges mit den Klingonen stößt die „Discovery“ auf etwas merkwürdiges: An unterschiedlichen Punkten der Galaxis tauchen plötzlich Leuchtsignale unbekannter Herkunft auf. Bei den Nachforschungen begegnet die Crew dem geheimnisvollen „Red Angel“. Diese schemenhafte Gestalt scheint in ganz besonderer Verbindung zu einem der prominentesten Mitglieder der Sternenflotte zu stehen: Mr. Spock, der sich zur Zeit aber an einem sehr ungewöhnlichen Ort befindet….

 

Mit Pike, Spock, Number One und natürlich der Enterprise in Action wird der klassichen Serie viel Tribut gezollt. Sogar im amerikansichen Starttermin am 17. Januar steckt eine Hommage. Auch sonst werden viele Dinge bereingt: Die Leute auf der Brücke bekommen endlich Namen und die Unstimmigkeiten mit der Classic-Serie (Warum haben die Klingonen keine langen Haare? Warum hat die Enterprise Hologramme? Und vor allem: Warum haben wir in all den Jahren noch nie etwas von Spocks ‚Schwester‘ Michael gehört?) werden witzig erklärt. Mehr kann man sich hier nicht wünschen.


Natürlich gibt es auch hier Gurkenfolgen, die sich ewig in die Länge ziehen („The Red Angel“, ausgerechnet!)
Zudem scheinen die Autoren noch nie etwas von Subtext gehört zu haben: Jede Figur spricht ihre Gefühle immer 1:1 aus. Hier könnte man den Darstellern ruhig noch mehr zutrauen. Insgesammt aber eine große Steigerung, die viel für die Zukunft verspricht.

Here be spoilers

Mit dem Rätsel um die Identität des Red Angels hat die Serie einen starken Focus

Ich hatte erwartet, dass es Spock ist.
Gehofft, dass es Picard ist.
Gefürchtet, dass es Michael Burnham ist.

Die Auflösung war unerwartet, aber letztlich gelungen.

Wenn der Titel nicht schon vergeben wäre, hätte diese Staffel auch „The search for Spock“ heißen können. Geschickt bauen die Autoren die Spannung auf, bis der berühmte Vulkanier endlich auf der Brücke steht. Und Ethan Pecks Spock ist die Wartezeit wert. Ich mochte den Bart und die tiefe Stimme. Obwohl er stets ruhig agiert spürt man deutlich wie unter der Oberfläche der Konflikt zwischen Logik und Emotion tobt.

Ebenfalls sehr leise in den Mitteln – und sehr stark in der Wirkung – ist Anson Mount. Sein Pike ist ein toller, klassischer Captain. Dass er im Laufe der Folgen einen Einblick in seine traurige Zukunft bekommt (die wir aus der klassischen Kirk-Serie schon kennen), gibt der Figur Tiefe und Tragik. Als er sich in der vorletzten Folge von der Crew verabschiedet hatte ich wirklich den Impuls ebenfalls aufzustehen um diesem Captain den letzten Salut zu geben.

Auch die Folgen um Saru fand ich Klasse, wobei es mir hier etwas zu schnell ging. Wenn wir diesen Typen noch länger als ängstlich erlebt hätten wäre seine Wandlung spektakulärer gewesen.

Was für mich dagegen gar nicht funktioniert ist „Section 31“. Michelle Yeoh ist als Edle Heldin unschlagbar. Als grinsende Schurkin im 80er-Jahre-Billy-Idol-Fanclub-Outfit dagegen eine Fehlbesetzung. Und endlose Sterbeszenen von Menschen, die man entweder in der selben Folge erst kennengelernt hat oder die dann erwartungsgemäß doch nicht sterben sind seit Game of Thrones nicht mehr zeitgemäß