Archiv der Kategorie: Film

KINO: „Trautmann“

Deutsch-Englische Freundschaft: Marcus H. Rosenmüller verfilmte das Leben von Bert Trautmann, der vom Kriegsgefangenen zum Star-Torhüter von Manchester City wurde.

Die Geschichte dieses Films beginnt in Nürnberg: 2008 lernten sich auf der Gala der Deutschen Akademie für Fußballkultur der Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) und Preisträger Bernd Trautmann kennen. Rosenmüller war fasziniert von der Lebensgeschichte des Torhüters: Als Kriegsgefangener war er nach England gekommen und hatte sich in zäher Hingabe das Vertrauen der Engländer erspielt – und schließlich 500 Spiele als Torwart für Manchester City bestritten. Eines davon mit gebrochenem Genick… „Das musste ich erzählen!“, wusste Rosenmüller.

Eine Woche lang sprach er mit Trautmann und verdichtete dessen Erinnerungen in ein Drehbuch. Im Film ist es nun David Kross, der den jungen Soldaten spielt, der sich nach den traumatischen Erfahrungen des Krieges in einem englischen Gefangenen-Lager wiederfindet. Deutschland hat gerade kapituliert und zwischen den Insassen kochen die Spannungen, da einige Altnazis den Traum von der Herrenrasse nicht aufgegeben haben. Und auch die Briten lassen die Deutschen deutlich spüren, was sie von ihnen halten: Trautmanns Hauptjob ist das Auskratzen der Latrine. Erleichterung bietet allein das Fußballspiel und bald fallen Trautmanns Torhüter-Qualitäten dem Trainer des Lokalvereins Jack Friar (John Henshaw) auf. Auch seiner Tochter Margaret (Freya Mayor) gefällt der junge Mann. Aber einem „Kraut“ und Ex-Wehrmachtler kann man doch nicht trauen – oder?

Für Rosenmüller, eigentlich einem Spezialisten für bayerische Stoffe, war es der erste Dreh mit britischen Darstellern: „Ich war sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste wie sie auf mich reagieren. Gerade bei Gary Lewis, von dem ich ein großer Fan bin. Aber er umarmte mich gleich und sagte: ‚Wir müssen diesen Film machen! Gegen Brexit! Gegen Trump!'“

Da war es dann auch Ehrensache, dass in diesem Film alles historisch korrekt ist: Vom lokalen Dialekt (der leider erst in der zweisprachigen DVD-Fassung zu hören sein wird) bis hin zur Rekonstruktion der Fußball-Spiele: „Wir wussten sogar ob mit dem Außenrist gespielt wurde“, so Rosenmüller. Mit digitalen Tricks und durch Aufnahmen in alten Stadien Europas wurden auch die inzwischen abgerissenen Arenen von Manchester und Wembley wiederbelebt.

Im Gegensatz zum „Wunder von Bern“ bläst Rosenmüllers Film aber den Fußball nie zum Symbol für die Lage der Nation auf. Es darf ein Spiel bleiben. Wenn auch ein ernstes: In einer starken Szene lassen Trautmann und sein Rivale ein Elfmeter-Schießen im Regen darüber entscheiden, wem Margarets Liebe gehören soll.

„Trautmann“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte der zögernden Annäherung und schließlich Freundschaft von Deutschen und Briten. Dabei punktet der unaufgeregte Film vor allem mit den intimen Momenten: Wenn Trautmann und Margaret einen Vogel fangen oder er sich mit Jack um eine Zigarettenschachtel balgt. „So wollte Trautmann auch in Erinnerung bleiben“, sagt Rosenmüller. „Nicht als der Torwart mit dem gebrochenen Genick, sondern als einer, der sich für die Völkerverständigung eingesetzt hat.“

WERTUNG: 3

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KINO: „Kirschblüten & Dämonen“

Japanische Geister in bayerischen Bauernhöfen: In „Kirschblüten & Dämonen“ besucht Regisseurin Doris Dörrie erneut die Familie aus ihrem Film „Kirschblüten – Hanami“ von 2008.

Welche Rolle ein Kind im Leben zu spielen hat ist meist ein Geheimnis. Nicht so bei den Angermaiers: In ihrem Bauernhof bekommt jedes Familienmitglied seine Aufgabe eindeutig auf den Tisch – in Form eines Emaille-Tellers mit einem entsprechenden Tiermotiv darauf. Papa (Elmar Wepper) ist die Wildsau, die Tochter (Birgit Minichmayr) der schlaue Fuchs. Für den jüngsten Sohn Karl (Golo Euler) bleibt nur das Rebhuhn: Nervös, feige und ganz gar unmännlich.

So ähnlich gestaltet sich auch sein Erwachsenen-Leben: Nach der Trennung von Frau und Kind wird er zum Alkoholiker und steht kurz vorm Rande des Abgrunds. Bis ihm eines Tages die geheimnisvolle Japanerin Yu (Aya Irizuki) begegnet. Diese begleitete vor zehn Jahren den Vater auf seiner letzten Reise durch Tokio. Und sie ist bei weiten nicht der einzige Geist, der durch das alte Bauernhaus der Angermaiers spukt…

Wiederholt drehte Regisseurin Doris Dörrie in Japan. Dabei lies sich die (nach eigenem Bekunden) „nüchterne Norddeutsche“ vom Geisterglauben der Japaner faszinieren: „Das ist ja nur eine Frage der Worte: Wenn ich Erinnerungen Geister nenne, dann lebe auch ich mit Geistern“, sagt sie.

Und so wagte sie sich an eine Fortsetzung ihres Films „Kirschblüten – Hanami“, der von der letzten Reise von Rudi und Trudi Angermaier (Elmar Wepper und Hannelore Elsner) erzählte – die nun als Geister zurückkehren um Karl zu plagen oder zu retten. Je nach dem, was er daraus macht.

„Kirschblüten & Dämonen“ ist ein Film voll spröder Poesie. Oft greift er zu stark theatralischen Mitteln: Die Darsteller tragen Masken oder interagieren mit betont künstlichen Requisiten, wie einem riesigem rosa Telefon. Als starker Kontrast wirken die satirisch zugespitzten Realitätsbezüge: Karls Bruder (Felix Eitner) engagiert sich in der rechten Partei „AFP“ – woraufhin sich sein Sohn aus Protest ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert und in seinem Zimmer einschließt. Manchmal droht es den Film zwischen all seinen Ideen und Einflüssen zu zerreißen – und dann bietet er doch wieder Momente, die zeigen, wie nah sich Japan und Bayern sind: In der Fetischisierung von Kleidung, im tief verwurzelten Geisterglauben oder in der puren Schönheit der Natur.

WERTUNG: 3

KINO: „Reiss aus“

Zwei Jahre in Afrika: Lena Wendt und Ulrich Stirnat zeichnen in ihrem ungewöhnlichen Dokumentarfilm „Reiss aus“ das Bild eines vielfältigen Kontinents.

„Seit ich denken kann, wollte ich immer nach Afrika – vielleicht weil es die Heimat der Menschheit ist“, erzählt die Filmemacherin Lena Wendt bei ihrem Besuch im Babylon Kino. Schon früh machte sie ihren Traum wahr: Als Rucksacktouristin tourte sie durch den Kontinent und drehte youtube-Videos über verschiedene afrikanische Länder.

Mit Hilfe einer Crowd-Funding-Campange realisierte sie schließlich ein großes Projekt: Zusammen mit ihrem Freund Ulrich Stirnat fuhr sie zwei Jahre lang in einem alten Jeep kreuz und quer durch Westafrika: „Eigentlich war der Plan von Norden nach Süden zu fahren, doch Ebola und viele Grenzprobleme machten das unmöglich“, erzählt Wendt.

Von ihrer Reise brachten die beiden einen Film mit, der ihre Abenteuer dokumentiert: Er zeigt die schönen Seiten Afrikas – die Gastfreundschaft, die traumhaften Strände, das Engagement der Menschen. Aber wir sehen auch die Schattenseiten: Schlechte Medizinische Versorgung, Armut und Raubbau an der Natur. Und wir lernen zwei Menschen kennen, die versuchen ihre Beziehung am laufen zu halten, während sie mit den Tücken der Umwelt kämpfen: Mal bleibt das Auto im Sand stecken, mal setzen endlose Regenfälle die Straßen unter Wasser. Besonders für Stirnat war es eine Herausforderung: „Im Gegensatz zu Lena bin ich kein Afrika-Fan. Die Reise brachte mich deshalb oft an meine Grenzen und darüber hinaus.“

Schließlich kamen die beiden jedoch mit einer Erkenntnis zurück: „Es ist möglich, seine Träume zu verwirklichen! Immer wenn man glaubt es geht nicht mehr weiter, dann kommt jemand, der einem hilft!“ Sie merkten aber auch, dass die Lösung der Probleme nicht in der Ferne liegt: „Meine Ängste und Sorgen reisen immer mit mir, deswegen ist es gut sich zu fragen, wer man ist und was man will“, erzählt Stirnat, der nach dem Afrika-Abenteuer auch zur Mediation gefunden hat.

Inzwischen sind die beiden wieder auf Tour – diesmal aber durch Deutschland um ihren Film vorzustellen. In Fürth trafen sie dabei auf einen fast vollen Kinosaal und ein interessiertes Publikum, das auch wissen wollte, ob sie noch Kontakt zu den Menschen in Afrika haben: „Zu den meisten ja“, erzählt Wendt. „Und mit dem Verkauf von Soundtracks. Büchern oder Postern finanzieren wir auch Projekte vor Ort, wie ein Heim für Straßenhunde oder eine Küche für ein Waisenhaus.“

Trotz gelegentlicher Redundanz ist „Reiss aus“ mehr als beachtlich – immerhin ist das hier ein Film von nur zwei Leuten mit minimalem Budget! Vor allem die Musik und der Schnitt sorgen für eine abwechslungsreiche Reise durch Afrika voller Entdeckungen.

WERTUNG: 2

KINO: „The Hate U Give“

Der steinige Weg zur Gleichberechtigung: „The Hate U Give“ zeigt das Leben einer jungen Afro-Amerikanerin zwischen Rassismus und Anpassung.

Mit Schuluniform und beherrschter Miene schreitet Starr Carter (Amandala Stenberg) durch die Gänge der Privatschule. Niemand ihrer weißen Klassenkameraden soll sie für ein Mädchen aus dem Ghetto halten. Schließlich haben ihre Eltern sie extra hierher geschickt um den Teufelskreis aus Armut und Kriminalität zu brechen, in dem sie selbst in ihrer Jugend gefangen waren. Denn auf den Straßen ihres Viertels herrschen noch immer die Drogendealer und manche Party endet mit Schüssen.

Und obwohl die Carters längst in der Mittelschicht angekommen sind und in einem netten Haus wohnen ist die Familie von Gleichberechtigung noch weit entfernt: „Wenn ein Cop euch anhält, dann legt die Hände aufs Armaturen-Brett, damit er sehen kann, dass ihr unbewaffnet seit“, schärft der Vater Starr und ihren Brüdern immer wieder ein.

Wie recht er hat merkt Starr, als sie eines Nachts zusammen mit ihrem Sandkasten-Kumpel Khalil (Algee Smith) von einer Streife angehalten wird – prompt eskaliert die Situation und Khalil liegt blutend auf der Straße. Ein Fall von Polizisten-Willkür oder Notwehr? Nur Starr könnte das aufklären. Aber sie zögert – aus zwei Gründen: Sie möchte ihr Highschool-Leben nicht noch komplizierter machen und sich nicht den Zorn der Gangs zuziehen. Denn Khalil war kein unbeschriebenes Blatt…

„The Hate U Give“ beruht auf dem autobiografischen Roman von Angie Thomas. Er zeigt uns keine abgefuckte Ghetto-Welt, sondern eine liebevolle Familie, die droht zwischen den unterschiedlichen Anforderungen zerrieben zu werden.

Mit der jungen Amandala Stenberg hat der Film ein starkes Zentrum. Sie macht Starr Carter zu einer glaubwürdigen und vielschichtigen jungen Frau, die abwägen muss, was ihr wichtiger ist: Ihre eigene Sicherheit, ihre Freunde oder die Werte der Ehre, von denen ihr Vater immer redet. Dabei liefert der Film keine einfachen Antworten, sondern stellt komplexe moralische Fragen. Dabei kommen die Sichtweisen unterschiedlichster Menschen zur Sprache: Der Cops, der Bürgerrechts-Aktivisten, aber auch der weißen Mitschüler, die sich gern mit Pro-Gleichberechtigungs-Sprüchen hinter Hashtags schmücken – aber auch ungern etwas von ihren Privilegien abgeben wollen.

Bei allem inhaltlichem Tiefgang ist „The Hate U Give“ dennoch kein schwerer Film: Er fließt leicht dahin wie ein Musikvideo, ist exzellent fotografiert und in seiner humanistischen Grundhaltung sehr berührend und ermutigend. Go, see it!
WERTUNG: 1

The Boys are back: „The Irishman“

Selten hat mich ein Trailer so gethrillt wie dieser hier – und das obwohl er praktisch nichts erzählt, keine Bilder zeigt, sondern nur Namen. Aber nicht irgendwelche Namen, sondern diese:

Zwischen 1967 und 1995 schrieben die Herren Scorcese, DeNiro, Pesci und Keitel zusammen Kinogeschichte. Und erfanden den Gangster-Film neu. Doch nach „Casino“ war Schluss und jeder hing seinen Projekten nach. Sie jetzt wieder zusammen zu sehen ist ein tolles Geschenk. Es ist (was aus dem Trailer gar nicht klar wird 🙂 ) die Story eines historischen Mafia-Killers (DeNiro), welcher den Gewerkschafftsboss Jimmi Hoffa (Stallone, äh nein, Pacino) auf der Abschussliste hat.

Cool ist auch, dass der Film über mehrere Jahrzehnte erzählt, wobei die Darsteller mittels CGI verjüngt werden. Vermutlich ein nettes Spiegelbild zu „Once upon a time in America“, bei dem der junge DeNiro (mittels Maske und Schauspielkunst) ebenfalls einen Mafiosi über mehrere Jahrzehnte spielt. Ich bin gespannt!

Kino: „Ailos Reise“

Eine Kindheit in der Eiswüste: Der Dokumentarfilm „Ailos Reise“ begleitet ein Rentier in Lappland durch sein erstes Lebensjahr.

Nordlichter, schneebedeckte Wälder, riesige zugefrorene Seen: In dieser Welt der fast unberührten Natur verbrachte Tier-Dokumentarfilmer Guillaume Maidatchevsky ein ganzes Jahr. Er begleitete das junge Rentier Ailo von der Geburt bis zum frühen Mannesalter. Denn das geht bei den Rentieren sehr schnell: Innerhalb von fünf Minuten nach der Geburt müssen sie laufen lernen, innerhalb eines Jahres sind sie bereits dabei mit ihren kleinen Geweihen Rivalenkämpfe auszufechten.

Der Dokumentarfilm „Ailos Reise“ sieht zuerst einmal hervorragend aus: Die Kamera fängt immer wieder stimmungsvolle Naturbilder ein und kommt unterschiedlichen Tieren ganz, ganz nahe. Denn auf seiner Reise begegnet Ailo unter anderem einem neugierigem Eichhörnchen, einem quirrligen Hermelin und einem schneeweißen Polarfuchs. Aber auch Raubtieren, wie dem Vielfraß, der es auf das Fleisch der Rentiere abgesehen hat. Denn auch in Lappland gilt das Gesetz des Dschungels: Fressen oder Gefressen werden. Und selbst innerhalb der eigenen Gattung gilt das Recht des Stärkeren: Die männlichen Rentiere bekämpfen sich untereinander um die Gunst der Weibchen – und das jedes Jahr neu.

Der Film spart diese Seiten nicht aus. Und er zeigt auch kurz, wie der Mensch diese Natur zu zerstören droht. Dabei wird jedoch immer darauf geachtet, dass es auch für kleine Kinder verständlich und verträglich ist. So bestehen etwa die Jagdszenen aus viel Gerenne, bei dem die Beute stets entkommt. Und ab und zu gibt es sogar etwas zu lachen – etwa wenn der Hermelin einen Jäger durch wildes Gewusel verwirrt.

Verstärkt wird dieser leichtfüßige Eindruck durch die Musik und den Kommentar von Anke Engelke. Sie erzählt einfühlsam, kindgerecht und humorvoll. In dem Bemühen um Verständlichkeit geht der Text aber oft einen Schritt zu weit: Da wird behauptet, dass Ailo nun „in die Schule geht“, „Nachbarn trifft“ oder „einen guten Freund wieder sieht“ – wenn in echt halt nur ein Hase an dem Rentier vorbei läuft. Darf man Kindern denn nicht zumuten, einfach einen Film über eine Herde Tiere anzusehen? Unterm Strich eine hübsche Doku, die es stellenweise aber etwas zu gut meint.
WERTUNG: 3

Film: „Glück ist was für Weicheier“

Mobbing, Tod und Teufel: In „Glück ist was für Weicheier“ müssen sich ein Vater und seine beiden Töchter mit einer Welt auseinandersetzen, in der das Sterben nicht die schlechteste Alternative ist.

Versunken sitzt die 12-jährige Jessica (Ella Frey) abseits ihrer Mitschüler und richtet ihre Socken. Immer und immer wieder. Sie hat das Gefühl für die unheilbare Lungenkrankheit ihrer großen Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf) verantwortlich zu sein und das treibt sie immer wieder zu diesen Zwangshandlungen.

Der Vater (Martin Wuttke) ist keine große Hilfe: Seit seine Frau vor elf Jahren bei einem Autounfall um’s Leben kam kreisen seine Gedanken nur noch um den Tod. Deshalb engagiert sich der Bademeister als ehrenamtlicher Sterbebegleiter im Krankenhaus – wo er sich als ähnlich inkompetent erweist, wie zu Hause. Da herrschen seltsame Regeln: Internet ist böse – Zombievideos und esoterische Bücher sind aber okay.

Letztere bringen die Mädchen auf eine ungewöhnliche Idee: Ein magisches Ritual, dass besagt, dass eine Krankheit durch Sex von einer Person auf die andere übertragen werden kann. Um ihre Schwester zu retten sucht Jessica nun einen Liebespartner für Sabrina…

 

Heiderzacken: Zwangsstörungen, Sterbebegleitung, Okkultismus, Mediale Gewalt, Mobbing, Geschlechter-Identität, erste Liebe und Sexualität… Die Liste der Themen an denen sich „Glück ist was für Weicheier“ abarbeitet scheint ebenso endlos wie die 94 Minuten des Films. Dabei hätte das ein klappen können: Das Schauspieler-Ensemble ist toll, die Musik von Vivan und Ketan Bhatti sogar großartig. Und wenn die Kamera gerade mal nicht alles in gewollter Unschärfe absinken lässt sieht er sogar gut aus. Wenn Regisseurin Anca Miruna Lazarescu die Hälfte der Probleme rausgeschmissen hätte und sich für eine reine Komödie entschieden hätte! Oder noch besser: Für einen Film, der seine Personen (auch die Nebenfiguren!) wirklich ernst nimmt und nicht zu wandelnden Klischees reduziert. So bleibt es eine vertane Chance.

WERTUNG: 5

Gesehen: „Manaslu“

Von den Menschen, die in den letzten 35 Jahren das gemacht haben, was ich mache sind heute 80% tot“, resümiert Extrem-Bergsteiger Hans Kammerlander. In seinem ohnehin sehr riskanten Metier gilt er als einer der wagemutigsten: 1996 stieg er ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest – um als erster Mensch mit Skiern wieder runter zu fahren – und festzustellen, dass das wirklich nicht zu empfehlen ist.

Manaslu“ von Gerald Selima zeichnet die Karriere Kammerlanders vom 8-jährigen Bauernbub in Südtirol bis ins Jahr 2017 nach, in dem sich der 60-jährige erneut seinem „Schicksalberg“, dem Manaslu in Nepal, stellt. Der ist für ihn mit einem großen Trauma verbunden: Bei einer früheren Expedition starben hier an einem Tag gleich zwei seiner Begleiter.

Der Film fährt dabei alles auf was möglich ist: Neben historischen Dokumentar-Aufnahmen gibt es auch liebevoll nachgestellte Kletterszenen, gedreht an Original Schauplätzen. Dazu kommen aktuelle Interviews bei denen auch Regielegende Werner Herzog aushilft, der mit seiner sensiblen – und doch unerbittlichen – Art zu fragen einen guten Gegenpol zur effekthascherischen Inszenierung setzt.

Schön auch, dass der Film nicht nur bärtige Typen im Schnee zeigt, sondern auch ab und zu über den Bergrand hinausblickt: Auf die Situation der Menschen in Nepal etwa oder auf Kammerlanders Probleme mit dem Ruhm klar zu kommen. Etwas nervig sind dagegen die bräsige 80er-Jahre-Synthie-Musik, die arg glatt geratenen Kindheitszenen (in denen stets blitzsaubere Bergbauern in Stall und Steinofen hantieren) und die Tendenz die schönsten Bilder mit Text zu überladen.

WERTUNG: 2

Gesehen: „Mary Poppins Rückkehr“

Marry Poppins kehrt zurück: Nach 54 Jahren wagt sich Walt Disney an eine Neubelebung ihres Musical-Klassikers. Und trifft dabei einige gewagte Entscheidungen.

London, 1930 – Die Weltwirtschaftskrise hat die Hauptstadt des britischen Empires fest im Griff. Auch die ehemals gut situierte Familie Banks muss um ihr Haus bangen. Denn seit seine Frau gestorben ist und ihn mit drei Kindern zurückließ, wächst Michael Banks (Ben Wishaw) alles über den Kopf. Nur fünf Tage bleiben ihm und seiner Schwester Jane (Emily Mortimer) ein wertvolles altes Dokument aufzutreiben, um das Haus behalten zu können – eine fast unmögliche Mission. Bis in einem Sturm eine alte (oder besser: ewig junge) Bekannte hereingeschwebt kommt: Mary Poppins (Emily Blunt), die vor 25 Jahren ihr Kindermädchen gewesen war. Und schon bald hält wieder zauberhafte Magie im Hause Banks Einzug – doch selbst die würde ohne die tatkräftige Hilfe des Lampenanzünders Jack (Lin-Manuel Miranda) wohl nicht ausreichen, um die Familie vor dem geldgierigen Bankier Wilkins (Colin Firth) zu retten…

Zuerst einmal Hut ab vor den Entscheidern bei Disney, dass sie ihren allseits beliebten Klassiker von 1964 nicht einfach als zeitgenössisches Remake („Mary Poppins in New York“ oder dergleichen) verwursten. Statt dessen legen sich Regisseur Rob Marshall und sein Team mächtig ins Zeug, die Ästhetik einer längst vergangenen Kino-Ära heraufzubeschwören. Mit Erfolg: Wären da nicht das krispe Cinemascope-Bild und das satte Sound-Design könnte man fast meinen hier wären alten Filmrollen entdeckt worden, die über ein halbes Jahrhundert verschollen gewesen waren.

Die Zeichentrick-Sequenzen sind von Hand gemalt und auch die Special-Effekts wirken stets so, als hätte man sie auch in den 50ern so machen können. Zudem wird sehr viel getanzt und gesungen. Ob das beim heutigen Publikum ankommt? Die Schauspieler jedenfalls agieren mit viel Spielfreude. Emily Blunt spielt ihre Mary Poppins strenger und unnahbahrer als einst Julie Andrews und bleibt damit näher an den Romanvorlagen von P.L. Travers. Colin Firth scheint glücklich zu sein, endlich mal den Bösewicht zu geben und Lin-Manuel Miranda stiehlt als Sänger und Tänzer allen die Show.

Komponist Marc Shaiman (der mit dem „South Park“-Film eine Oscar-gekrönte Parodie klassischer Musicals ablieferte) trifft mit seinen Songs genau das Zeitkolorit, schafft es aber leider nicht einen Ohrwurm wie „Chim-Chim-Cheree“ oder „Supercalifragilisticexpialigetisch“ abzuliefern. Gewürzt wird das ganze noch mit kurzen Gastauftritten von Stars wie Meryl Streep oder Dick van Dyke (der bereits im Original dabei war). Auch Ur-Mary-Poppins Julie Andrews wurde für ein Cameo angefragt – sagte aber ab. An ihrer Stelle taucht eine andere magische Disney-Dame auf. Doch mehr soll nicht verraten werden. Insgesamt eine gelungene Fortsetzung, die auch ohne Kenntnis des Originals Freude macht – sofern man klassische Musicals mag.

WERTUNG: 3

Gesehen: „Astrid“

Wo die Geschichten herkommen: Der Film „Astrid“ erzählt von den entscheidenden Jugendjahren von Autorin „Astrid Lindgren“.

Ob Pippi Langstrumpf, die Brüder Löwenherz oder Ronja Räubertochter: Die Schwedin Astrid Lindgren zählt unzweifelhaft zu den wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Doch kaum jemand kennt die Person hinter all den Geschichten. Eine Frau, die im echten Leben ähnlichen Mut und Eigensinn bewies, wie ihre literarischen Figuren.

Auch für die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen war Astrid Lindgren stets ein leuchtendes Vorbild. Nun machte sie sich zusammen mit dem Kinder- und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson daran, ihrer Heldin ein Denkmal zu setzen.

Dabei entschieden sie sich nicht das ganze Leben der Autorin als Spielfilm zu erzählen, sondern lediglich jene prägenden Jahre ihrer Jugend.

Damals nimmt die junge Astrid Ericsson (Alba August) einen Job bei der Zeitung in der Nachbarstadt an Die ist das Ein-Mann-Unternehmen des Verlegers Blomberg (Henrik Rafaelsen). Bald beginnt sie eine Affäre mit dem 30 Jahre älteren Mann – aus der Astrid bald schwanger hervorgeht. In ihrem kleinen, von der Kirche geprägten Heimatdorf ist das undenkbar. Blomberg vertröstet die junge Frau: Sobald seine Scheidung durch ist, will er Astrid heiraten und für das Kind da sein. Doch zur Welt kommen muss das Kind weit weg – in Norwegen. Und auch Astrid muss die Provinz verlassen und eine Sekretärinnen-Ausbildung in Stockholm beginnen, damit niemand ihren Baby-Bauch sieht…

Der Film „Astrid“ sammelt an vielen Ecken Pluspunkte. Da sind die großartigen Schauspieler, allen voran Alba August, welche die Personen trotz des historischen Dekors sehr aktuell und nachvollziehbar erscheinen lassen. Gelungen ist auch der Kniff mit der Rahmenhandlung: Hier hört die 80-jährige Astrid-Lindgren (Maria Fahl-Vikander) fast nur als Schattenriss sichtbar – in ihrer Wohnung eine Kassette mit Glückwünschen von Grundschülern. Diese sagen ihr auch, was sie von ihren Büchern halten und stellen ihr Fragen zu deren Entstehung. Das ist immens wichtig, da der Film auf Lindgrens schriftstellerische Tätigkeit nur minimal eingeht. Im Zentrum stehen ganz die Beziehungen zu Blomberg, zu ihrer Mutter und zu Hanna (Maria Bonnevie), die in Norwegen eine Ersatzmutter für ihren Sohn wird. Am stärksten ist der Film dann auch in den Szenen, in denen die Frauen untereinander agieren. Astrids Mutter (Tryne Dyrholm) erscheint zuerst wie eine jener bigotten, unterkühlten Figuren, wie man sie aus zahlreichen Skandinavischen Filmen kennt – offenbart jedoch dann ungeahnte Dimensionen. Am schwächsten ist „Astrid“ wenn Blomberg auftritt. Das dieser Typ, der ständig nur auf Zeit spielt, nicht der richtige für die clevere Astrid ist merkt man nicht erst, als ihr nächster Chef als „Herr Lindgren“ eingeführt wird. Hier hätte dem Film die eine oder andere Straffung durchaus gut getan. Die langsame Erzählweise und die dick auftragende Musik betonen stets den Ernst der Situation – verlieren dabei aber etwas aus den Augen, was die Werke von Astrid Lindgren stets auszeichnete – selbst wenn diese sich mit Tod und Verlust beschäftigten: Ihren Humor und ihre Lebensfreude.

Während die Regie also das große Drama anpeilt, schlägt die Bildgestaltung eine ganz eigene Route ein: Stets wackelt die Handkamera unruhig herum und klebt ganz nah an den Personen, als wolle sie um jeden Preis vermeiden, eine schwedische Idylle zu zeigen. Vermutlich soll das die Isoliertheit und die Bedrängnis der Personen symbolisieren. Nervig ist es trotzdem.

Unterm Schnitt bleibt „Astrid“ ein ambitioniertes Projekt, dem man die Begeisterung seiner Macher für Astrid Lindgren deutlich anmerkt – das aber formal nicht an thematisch verwandte Projekte wie „Das Mädchen aus dem Norden“ anknüpfen kann und inhaltlich ein bischen zu düster geraten ist.

WERTUNG: 4