Archiv der Kategorie: Film

Kino: „So weit“

Bewegung im Jahr des Stillstands: Für seinen Film „So weit“ radelte Musiker Till Seifert einmal quer durch Deutschland.

Frustriert liegt Liedermacher Till Seifert auf der heimatlichen Couch: Über 60 Konzerte hatte er für 2020 geplant, die nun alle ausgefallen sind. „Ich war am tiefsten Punkt – und von da an kann es nur noch aufwärts gehen“, erzählt er bei seinem Besuch beim Nürnberger Sommernachtfilmfestival. Und tatsächlich kam ihm die rettende Idee: Eine Tour durch ganz Deutschland mit Konzerten in jedem Ort – entweder in kleinen Locations mit Hygienekonzept oder als Livestream. Und damit wirklich Bewegung in die Sache kommt findet die Tour nicht mit dem Auto statt, sondern mit seinem klapprigen Rennrad ohne Gangschaltung.

„Ich habe einfach auf der Karte eine Luftline gezogen und alle 80 Kilometer einen Ort markiert“, erinnert er sich. „Erst als ich losgefahren bin merkte ich, dass ich gar nicht Luftlinie fahren kann. Und dass es so was wie Höhenunterschiede gibt.“

Oder dass die gewählte Navi-App nur in dem Bundesland kostenlos ist, in dem sie erstmals gestartet wird. In Tills Fall war das Hamburg.

Zum Glück fuhr Freund Nick mit dem Wohnmobil hinterher, das während der knapp drei Tourwochen als Küche, Schlafstätte und Aufwärm-Station diente. Der gesponsorte Bus war übrigens die einzige finanzielle Unterstützung des Projekts.

An einen Film war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht: „Wir wollten lediglich ein paar Konzerte für ein Musikvideo mitschneiden und ein paar kurze Schnipsel für die sozialen Medien. Doch als die Tour vorbei war fragte mich der Nordpolaris Verleih, ob ich das Ergebnis nicht ins Kino bringen wollte“. Also wurde in Windeseile aus Instagram-Stories, Sprachnachrichten, wackeligen Go-Pro-Videos, statischen Konzert-Aufnahmen und vereinzelten Drohnen-Bildern der Film ‚So weit‘ geschnitten.

Das Ergebnis sieht aus wie die gefürchteten Urlaubs-Dia-Abende der 70er: Till am Hamburger Hafen. Till auf der Zugspitze. Till im Marienbergpark.

Klar gibt’s lustige Momente: Etwa wenn Till ‚Badersee‘ mit ‚Badesee‘ verwechselt oder wenn ein Bamberger Taxifahrer das Team in die völlig falsche Richtung kutschiert. Das wird dann in richtig guten Animationen des Braunschweiger Illustrators Jacob Müller gezeigt. Aber meist sieht man nur Landstraße. Die tollen Begegnungen mit den interessanten Menschen werden nur behauptet. Um die Städte wird ein Bogen gemacht, da die Zeit drängt.

Sehr schade, weil die Grundidee wirklich gut ist. Aber ein Kinofilm funktioniert dann eben doch nach anderen Regeln als ein Internet-Video. So wird ‚So weit‘ eher zur unfreiwilligen Parodie auf die ‚Generation Selfie‘, die während einer globalen Pandemie völlig losgelöst durchs Land tingelt und überall nichts anderes findet als das eigene Gesicht.

Zum Glück erscheint Till Seifert in Echt weit weniger narzisstisch als im Film – und als Songwriter hat er wirklich Talent.

Und wenn man die Entstehungsgeschichte kennt, kann der Film sogar inspirierend wirken: Als Zeichen dafür, das Spontanität und Enthusiasmus manchmal wichtiger sind als Fachkenntnis und Planung.

WERTUNG: 4

Kino „Homo Communis“

Überleben in der Welt von morgen: In ihrem Dokumentarfilm „Homo Communis“ stellt Regisseurin Carmen Eckhardt moderne Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens vor.

„Mir macht es einfach Spaß, Dinge zu probieren, von denen die anderen Leute sagen: Das geht nicht oder ist verboten“, erzählt ein junger Mann, der sich in der Wuppertaler „Utopiastadt“ engagiert. Einem Verbund ganz unterschiedlicher Menschen, die hier gemeinsam Ideen für eine bessere Zukunft ausprobieren.

Ein Motto, das auch für Regisseurin Carmen Eckhardt gilt. Unabhängig von TV-Sendern und Fördergeldern – finanziert durch Crowdfunding – reiste sie mit einem Mini-Team bestehend aus Kameramann Gerardo Milsztein und dem Nürnberger Tontechniker Robert Kellner durch die Welt um Initiativen zu portraitieren, in denen ein neues Miteinander gelebt wird. Davon gibt es erstaunlich viele: „Wir haben über 100 anrecherchiert“; erzählt Eckhard. „40 haben wir uns angeschaut und bei 20 gedreht. Im Film zeigen wir schließlich acht.“

Die Kooperative „Cecosesola“ in Venezuela etwa, die in gemeinschaftlicher Arbeit von der Hebamme bis zum Sarg alles bereit hat – und nebenbei noch Lebensmittel für hunderttausende Menschen in dem von Armut geplagten Land produziert. Oder die Aktivistinnen, die im Hambacher Forst seit 10 Jahren für den Erhalt des Waldes demonstrieren.

Alle haben gemeinsam, dass sie versuchen hierarchische Strukturen zu vermeiden und alles demokratisch zu entscheiden: Bei Cecosesola mussten alle aktiven 1300 Mitglieder gefragt werden, ob sie das Drehteam filmen lassen.

„Das ist natürlich super anstrengend“, meint Eckhardt. „Aber es ist notwendig. Für das Leben in einer Gesellschaft nach dem Kollaps. Und dass der kommt, wird immer wahrscheinlicher.“

Ein bischen fühlt sich ihr Film deshalb an wie eine reale Version von Isaac Asimovs „Foundation“-Romanen: Der Zusammenbruch der alten Welt ist nicht mehr aufzuhalten. Statt immer verzweifelter am Erhalt des Status Quo zu arbeiten, sollte der Blick deshalb in die Zukunft, die Zeit nach dem Kapitalismus gerichtet werden: „Die Zukunft gehört nicht mehr den großen Konzernen und dem weltweiten Wettstreit – sondern lokalen Gemeinschaften, die für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.“

Ob das funktionieren kann?

„Der Schlüssel ist, dass wir lernen, unsere Konflikte zu bearbeiten ohne dass die Beziehungen darunter leiden“, ist Eckhardt überzeugt. „Das geht vor allem durch achtsame Kommunikation“.
Dafür liefert ihr Film viele eindringliche und inspirierende Beispiele, wobei ich persönlich finde, dass die Auswahl etwas vielfältiger sein könnte: Es werden nur ökologisch oder sozial motivierte Gruppen vorgestellt, keine mit religiösen Hintergründen. Dabei haben doch seit den ersten Mönchen solche Gruppen immer eine wichtige Rolle im Ausprobieren neuer Gemeinschaften gespielt.

WERTUNG: 2

Kino: „Kunst kommt aus dem Schnabel, so wie er gewachsen ist“

Malen wie Meditation: In ihrem Dokumentarfilm „Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist“ stellt Sabine Herpich die „Mosaik“-Werkstatt für Künstlerinnen mit Behinderung vor.

„Ich hasse das Bode-Museum. Es ist so hässlich, das kann ich gar nicht sehen“, klagt Künstlerin Suzy van Zehlendorf und wirft ein paar Decken über das Styropor-Modell eben jenes Museums, an dem sie gerade arbeitet. „Wenn es fertig ist, werde ich es mit Dart-Pfeilen bewerfen!“

Währenddessen malt Gabriele Beer geduldig kleine Skelette auf ein großes Papier. Am liebsten auf die untere Hälfte des Bogens, denn um oben zu malen müsste sie aufstehen und dazu hat sie heute keine Lust.

Adolf Beutler malt gar nicht, sondern weint ausgiebig. Das macht er fast jeden Tag. Irgendwann greift er zur Farbe. Das Weinen ist zu Ende. Die Kunst beginnt.

Beutler, Beer und Zehlendorf arbeiten in der „Mosaik-Werkstatt“ in Berlin-Spandau für Menschen mit Behinderung.

„Als ich von dieser Kunstwerkstatt gehört habe wusste ich, dass ich darüber einen Film machen muss“, erzählt Sabine Herpich bei der Premiere in Nürnberg. Herpich ist ein Ein-Frau-Drehteam: Kamera, Schnitt, Regie, Ton – alles macht sie selbst. Und finanziert ihre Filme unbahängig aus eigener Tasche. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Sie ist die richtige Frau für dieses Thema. Viele Wochen verbringt sie in der Werkstatt, lebt das Leben dort und erspürt den entschleunigten Rhythmus dieser ungewöhnlichen Einrichtung. Mit einer Engelsgeduld blickt sie den Kunstschaffenden über die Schulter, stellt aus dem Off einfühlsame Fragen.

Zuerst sehen wir nur die Werke und die Arbeitsweisen – erst dann öffnet sich der Blick: Wir erfahren, dass die Werkstatt kein frei mäandrierender Kreativkurs ist, sondern ein Ort an dem Kunst geschaffen wird, die sich auf dem Markt behaupten muss. Deshalb greift Leiterin Nina Pfannstiel auch sanft ein, wenn etwa Gabriele Beer zum dritten Mal ein Bild über „Flugdinos im Baum“ malen will. Bilder mit Skeletten und Grabsteinen verkaufen sich besser.

„Es ist eine schmale Gratwanderung“, erzählt Herpich. „Einerseits sollen die Menschen größtmögliche Freiheit haben, andererseits sollen auch Werke entstehen, für die sich Galeristen interessieren.“

Das scheint zu klappen: „Mir ist es nicht wichtig, ob die Leute hier Behinderungen haben“, meint ein Galerist, der die Werkstatt besucht. „Jeder hat doch irgendwas – der eine trinkt, der andere hinkt – wichtig ist doch nur, dass das Werk uns berührt.“

Mit dem Weg nach draußen in den Kunstbetrieb erfahren wir auch etwas über die Biografien der Künstlerinnen, die uns zu diesem Zeitpunkt durch ihre Arbeit schon so nahe sind: Dass Zehlendorf in einer katholischen Gruppe aufwuchs in der ihre Bilder als Teufelzeug zerissen wurden. Oder dass Beutler 40 Jahre lang in einer geschlossenen Anstalt lebte – eine Zeit aus der es kaum Aufzeichnungen und keinerlei Kunstwerke gibt. Und die vielleicht Anlass für sein tägliches Weinen ist.

„Beim Weinen habe ich mir lange überlegt, ob ich es filmen soll – es erschien mir privat“, meint Herpich. „Aber nachdem er es jeden Tag gemacht hat, denke ich, dass es einfach zu seiner Persönlichkeit und seinem Schaffensprozess dazugehört.“

Auch Herpichs eigenes Schaffen erlebte dunkle Momente: Da es nicht gelang eine Förderung für einen Kinostart zu bekommen, war sie kurz davor, das bereits gedrehte Material zu vernichten: „Aber dann habe ich es mir noch einmal angesehen und mir überlegt, dass ich den Film zumindest für die Menschen in der Werkstatt fertig mache.“

Über eine Crowdfunding-Kampagne konnte schließlich doch genug Geld zusammen bekommen um den Film Kinofit zu machen – und er wurde sogar für das Programm der Berlinale ausgewählt. Bei uns ist er aktuell im Filmhaus Nürnberg zu sehen.
WERTUNG: 2

Kino: „Courage“

Eine Revolution braucht Geduld: Regisseur Aliaksei Paluyan stellte seinen Film „Courage“ über den Widerstand der Bevölkerung gegen den Diktator Lukaschenko im Cinecitta vor.

„Etwas liegt in der Luft – das habe ich Anfang letzten Jahres gespührt“, erzählt Aliaksei Paluyan. „Es war die richtige Zeit, um nach Hause zu fahren.“

Seit 2012 lebt Paluyan in Deutschland. An der Kunsthochschule in Kassel studierte er Film und Fernsehregie. Aber seine Heimat ist Belarus („Weißrussland“), jenes Land, das seit 1994 von Präsident Alexander Lukaschenko regiert wird.

Anfang 2020 sah es so aus, als ob die Präsidentschaftswahlen im August endlich den Abschied von diesem Politiker bringen würden, den viele als „letzten Diktator Europas“ ansehen. Also fuhr Paluyan zusammen mit Kamerafrau Tanya Haurylchyk nach Minsk, um die Ereignisse zu dokumentieren.

Als Bezugspersonen dienen ihm dabei drei Schauspielerinnen vom „Freien Theater Minsk“ – einer unabhängigen Theatergruppe, die seit 15 Jahren politisch-kritische Stücke auf die Bühne bringt. Zumindest soweit das in Belarus möglich ist: „Meine letzte Arbeit wurde nur acht mal aufgeführt und dann als satanistisch verboten“, erzählt ein Schauspieler. „Acht mal ist besser als kein mal – die Saat wurde ausgebracht“, antwortet ein anderer.

Geduld und die Politik der ganz kleinen Schritte – das ist es worauf die Menschen in Belarus setzen. Für die Wahl im August bereiten sie sich besonders vor: Die einen fotografieren ihre Stimmzettel ab, damit sie bei einem Wahlbetrug belegen können, zahlreich gegen Lukaschenko gestimmt zu haben. Andere sammeln Klopapier, für den Fall verhaftet zu werden: „Bitte geht abwechselnd demonstrieren“, rät der Regisseur der Theatergruppe: „Nur wenn nicht mehr als die Hälfte von euch eingesperrt sind können wir spielen.“

Und dann kommt jener kurze Moment, in dem die Träume der Menschen Wirklichkeit zu werden beginnen: Lukaschenko verliert die Wahl, die Menschen tanzen auf den Straßen. Ein Feuerwerk wird gezündet. Aber es ist kein Feuerwerk. Es sind die Blendgranaten des Militärs. Der Diktator bleibt und die Menschen rennen.

Ein paar Tage lang ist nicht klar, was nun folgt: Stilles Ducken? Demonstrationen? Bürgerkrieg? Statt Texten wird im Theater jetzt Armbrustschießen geübt.

Aliaksei Paluyans Film beobachtet das alles möglichst ruhig. Statt Bildern blutiger Kämpfe, die es durchaus auch gab, zeigt er leise Szenen: Wie Namen von vermissten Personen verlesen werden. Wie Menschen schweigend protestieren. „Ich fand das stärker und auch trauriger“, meint er. „Als Filmemacher bin ich kein Reporter, der alle Fakten sammeln und sortieren muss, sondern ein Künstler, der vor allem eine Stimmung einfangen will.“

Ab und zu zeigt sein Film auch die andere Seite: Junger Sicherheitskräfte, die als lebendes Sperrgitter zwischen den protestierenden Menschen und dem Präsidentenpalast stehen: „In allen von uns ist in diesen Tagen etwas zerbrochen – und bei diesen jungen Menschen von der Polizei, die etwas tun müssen, was sie zum Teil selbst nicht für richtig halten, noch mehr als bei den anderen.“

In Nürnberg sind viele Landsleute von Paluyan ins Kino gekommen. Zum Teil gehüllt in die Flagge von Belarus, zum Teil mit Fotos der über 400 Menschen, die aktuell noch eingesperrt oder vermisst sind. Vor der Vorstellung halten sie sie hoch. Stumm und lange: „Dies ist eine Revolution der Geduld“, meint Paluyan. „Aber ich habe gute Hoffnung, denn dieser August hat das Denken der Menschen verändert – und da gibt es kein zurück mehr.“

WERTUNG: 2

Kino: „May, die dritte Frau“

Wie ein Liebesbrief an die Großmutter zu einem Kinoerfolg (und zu einem Skandal) wurde. Zur Wiederaufnahme der Vorstellungen im „Filmhauskino“ präsentierte Regisseurin Ash Mayfair ihren Spielfilm „May, die dritte Frau“.

Grandiose Berge, weite Seen, üppiges Grün – gleich zu Beginn von „May, die dritte Frau“ empfängt uns die prachtvolle Landschaft Vietnams, als wir mit der Titelheldin (gespielt von Nguyen Phuong Tra My) einer ungewissen Zukunft entgegenfahren. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und May ist auf dem Weg zu ihrem Ehemann, dem reichen Seidenbauern Hung. Sie hat den Mann nie gesehen, der dort mit seinen ersten beiden Ehefrauen auf sie wartet. Von Liebe ist keine Rede. Frauen sind hier vor allem Handelsware. Ihre einzige Aufgabe: Kinder gebären, wenn möglich Söhne.

Der Film fokussiert sich meist auf die Beziehung zwischen den drei Frauen: Vor allem die jüngere Xuan (Mai Thu Huong) ist es, die May inspiriert – denn sie hat einen Weg gefunden, wie sie die recht freudlosen Bettstunden mit dem Ehemann erotisch aufladen kann. Doch dieser Weg ist nicht ohne Gefahr…

Regisseurin Ash Mayfair – die nach der Vorstellung live aus den USA zugeschaltet wird – entwickelte die Geschichte aus den Lebenserinnerungen ihrer eigenen Großmutter: „Ich wollte ihr damit eine Art Liebesbrief schreiben“, sagt sie. „Ich finde diese Frauen waren sehr mutig. Es wäre leicht, sie als Opfer zu zeigen – aber für mich sind sie Heldinnen!“ Eine erste Version des Films entstand als Abschlussarbeit an der New Yorker Filmhochschule – mit dieser gelang es ihr Förderung für die Umsetzung als richtigen Spielfilm zu bekommen: Etwa 900 000 Dollar, ein echtes Schnäppchen für einen Film, der im Ausland in historischen Kostümen und Kulissen gedreht wird.

„Zur Vorbereitung lebten die Darstellerinnen und ich einige Wochen auf der Farm in der vietnamesischen Provinz“, erzählt Mayfair. „Wir hatten nur ein sehr kurzes Drehbuch dabei und viele Szenen entstanden durch Improvisation.“

Das fertige Werk bildet dann auch eine gelungene Mischung aus historisch-akkurater Familienbiografie, spontanem Spiel und eigenen Erfahrungen von Mayfair, die sie in die Vergangenheit projezierte.

Auf Filmfestivals weltweit, aber vor allem in ihrer vietnamesischen Heimat traf der Film einen Nerv: „Die Kinos waren rappelvoll“, erinnert sich Ash Mayfair. „Bei der Premiere waren es vor allem ältere Damen in Rollstühlen.“ In nur vier Tagen wurde „May, die dritte Frau“ zur erfolgreichsten vietnamesischen Kinoproduktion der letzten Jahre. Dann zog der Verleih den Stecker und den Film zurück: Konservative Kräfte hatten gegen den Film opponiert, weil er angeblich pornografische Elemente enthielt.

Davon kann keine Rede sein. Der fast komplett von Frauen entworfene und gedrehte Film behandelt zwar das Thema Sexualität, stellt es aber nie voyeuristisch aus, sondern richtet in allegorischen Bildern (wie der Fahrt des Flusses durch die Höhle) den Blick nach innen.

„Dafür, dass ich den Film eigentlich nur für meine Großmutter machen wollte, war ich sehr überrascht von seiner Wirkung“, meint Mayfair. „Ich habe dadurch erst begriffen, welch wichtiges Werkzeug wir Filmemacherinnen haben, um andere Menschen zu inspirieren, über das zu reden, was ihnen wichtig ist.“

Die Großmutter hat den Film übrigens gesehen.

Sie fand ihn toll. Vor allem die schönen Kostüme.

WERTUNG 3
(Weil für mich schon die meisten westlichen Menschen ziemlich gleich aussehen. In diesem Film wusste ich nie, wer wer ist. Die sehen alle aus wie Björk. Sogar die Männer.
Für Leute die weniger propagnosisch und am Thema interessiert sind aber eine vorbehaltlose Empfehlung).

Kino: „Weißbier im Blut“

Das Kino ist wieder da: Und gleich mit einer Deutschlandpremiere – „Weißbier im Blut“

Der Film, den Kinseher und Zimmerschied in Nürnberg vorstellten ist ein echtes Herzensprojekt: „Vor zwölf Jahren wollten wir ihn schon machen, aber wir haben ihn schließlich als Hörspiel umgesetzt – denn er galt damals noch als unverfilmbar.“

Das lag einerseits daran, dass bayerische Stoffe als Kassengift angesehen wurden – selbst innerhalb des Freistaats: „Deshalb haben wir das Hörspiel auch nicht mit dem BR gemacht, sondern für den Deutschlandfunk.“ Andererseits ist „Weißbier im Blut“ auch kein gewöhnlicher Krimi. Denn nicht die Auflösung des Falles – eine Mordserie mit Mähdrescher! – steht im Mittelpunkt, sondern das Dilemma von Komissar Kreuzeder (Zimmerschied). Der war einst der beste Ermittler von Passau. Aber nach vielen Jahren, in denen er sich in den Geisteszustand von Mörderinnen versetzte fand er immer weniger Sinn in seiner Arbeit: „Die meisten sind keine Monster, sondern arme Hunde. Sollte ich da nicht lieber helfen?“ Da er das nicht kann, verbringt er mehr Zeit in der Wirtschaft bei Weißbier und Kellnerin Gerda (Kinseher) als im Büro.

„Die Hauptfigur schwankt zwischen Fatalismus, Menschenliebe und Anarchie – damit habe ich mich von Anfang an identifiziert“, meint Zimmerschied. In vier Hörspielen und zahlreichen Lesungen eignete er sich die Figur vollkommen an: „Der Kreuzeder – das bin ich!“, sagt er heute.

Dass er ihn nun endlich auf die Leinwand bringen kann liegt vor allem am unerwarteten Erfolg der Franz-Eberhofer-Filme (in denen Zimmerschied auch mitspielt). Die machten bayerische Krimis mit schwarzem Humor bundesweit salonfähig. Dass die Trailer und Poster „Weißbier…“ nun folgerichtig wie einen weiteren Eberhofer-Teil aussehen lassen, schmeckt Luise Kinseher nicht unbedingt: „Da werden einige Leute sehr überrascht sein, da die Stimmung doch wesentlich melancholischer ist. Ich glaube aber, der Film bietet für alle etwas: Man kann einfach reingehen und sich über die Gags amüsieren – aber wer tiefer einsteigen will, findet auch etwas zum nachdenken. Etwa über die Frage nach dem Wesen der Schuld.“

Und – soviel sei verraten – der Film bietet trotz düsterer Momente auch viel fürs Herz und eine fast märchenhafte Auflösung, die wunderbar zu diesem Premierentag passt: Ein echtes Happy End.

WERTUNG: 2

Kino: „The Booksellers“

Wer jemals versucht hat, eine Bücherkiste zu heben, der weiß: Buchhändler ist ein Knochenjob. Gerade, wenn man sich auf antiquarische Werke mit ihren dicken Ledereinbänden spezialisiert hat. Zudem ist es ein wirtschaftlich harter Job: Das Angebot ist klein, die Käuferschaft überschaubar. Und trotzdem würden die meisten der Buchhändler in David Wyatt Youngs Dokumentation „The Booksellers“ ihren Beruf wieder ergreifen. Denn es geht eine unerklärliche Magie von Büchern aus, die selbst im Internet-Zeitalter noch spürbar ist: „Man sieht gerade junge Menschen in der U-Bahn jetzt wieder echte Bücher lesen“

Der Film macht diese Faszination sichtbar: Immer wieder schwelgt die Kamera in wunderschönen Einbänden, Handschriften oder Text-Illustrationen oder gibt Einblicke schön gestaltete Bibliotheken. Zentrum ist die New Yorker Messe für antiquarische Bücher und die Tradition der Stadt mit ihren einst 300 kleinen Buchhandlungen – von denen aktuell noch knapp 80 übrig sind. Ein bischen gleicht Youngs Film auch so einem Kramladen: Da gibt es tolle Entdeckungen, lustiges, schauriges (ein Buch in Menschenhaut gebunden!) und banales. Und reichlich unsortiert ist es auch: Ab und zu werden Vornamen eingeblendet, doch wer die Interviewpartner sind erschließt sich nicht immer. Dass zudem neben den titelgebenden Händlern auch noch passionierte Sammler und Autoren zu Wort kommen macht das ganze noch unkonzentrierter. Aber so sind sie halt, die Liebhaber und Sammler.

WERTUNG: 3

Kino: „Die Misswahl“

„Eine Frau zu sein bedeutet, dass unsere Arbeit unterbezahlt und unser Verstand unterbewertet wird.“ Was klingt wie ein Slogan aus der aktuellen Gleichberechtigungsdebatte ist schon etliche Jahrzehnte alt. Im Film „Die Misswahl“ sagt es eine Womans-Liberation-Sprecherin im Jahr 1970 vor jungen Frauen aus London. Diese kommen aus ganz unterschiedlichen Schichten: Die geschiedene Sally (Keira Knightley) studiert Kunstgeschichte, hat eine kleine Tochter zu Hause. Jo (Jessie Buckley) lebt in einer Kommune und haut ihre Frustration mit Graffiti an die Wände. Vereint werden sie durch ein gemeinsames Ziel: Die Veränderung einer Welt, in der Männer unwidersprochen schreckliche Frisuren tragen und auf dicke Hose machen, während die Frauen den Laden schmeissen und dabei gefälligst noch nett auszusehen haben.

Fokuspunkt für die Abneigung der Aktivistinnen wird der Wettbewerb um die „Miss World“ – zu jener Zeit ein Publikumsmagnet mit mehr Zuschauern als die Mondlandung. Eine Veranstaltung, bei der die Maße der Teilnehmerinnen mit dem Megafon verkündet werden, bevor diese mit zusammengekniffenen Pobacken einem Gremium alter, weißer Herren präsentiert werden. Sally und Jo beschließen, diesen „Viehmarkt“ zu infiltrieren und ein öffentlich wirksames Zeichen zu setzen…

Das schöne an Philippa Lowthorpes Film ist, dass er es nicht bei einer Perspektive belässt. So lernen wir auch die Teilnehmerinnen des Wettbewerbs kennen, die teilweise ganz andere Sorgen haben, als die britischen Aktivistinnen: Mrs. Granada, Jennifer Hosten (Mbatha-Raw) möchte mit ihrem Vorbild zeigen, dass auch schwarze Mädchen das erreichen können, was für weiße selbstverständlich ist. Mrs. USA möchte verzweilft raus aus irgendwo in Illinois.

Und dann ist da noch das Ehepaar Morley (Keeley Hawes und Rhys Ifans), das den Wettbewerb seit zwanzig Jahren organisiert und nun den rauen Wind eines neuen Zeitgeistes spürt. Selbst als sie erstmals eine farbige Kandidatin aus Südafrika zulassen, bekommen sie die Häme der Presse zu fühlen: Ein Kniefall vor dem Apartheid-Regime sei das. Das sieht „Mrs. Africa Süd“ Pearl Jansen (Loreece Harrison) ganz anders: Für sie ist es ein Ausbruch aus der Fabrik in der sie lebt – aber auch ein gefährlicher Trip: Das Regime drohte ihr bei dem kleinsten Aufreger mit der Verschleppung ihrer Familie.

Der Film hat sich wirklich viel vorgenommen. Manchmal zu viel. Ein weiterer Handlungsstrang um den alternden Chauvi-Entertainer Bob Hope (Greg Kinnear) bremst mehr als er bringt. Zudem wirken manche Szenen stark konstruiert: Parolen und Positionen werden ausgetauscht, nicht Gedanken und Gefühle.

Dennoch bleibt „Die Misswahl“ ein starkes Stück Kino, das deutlich zeigt, dass in einer repressiven Gesellschaft jeder leidet und dass die Grenze zwischen Befreiung und Ausbeutung viel schwerer festzumachen ist, als die Aktivisten es gerne hätten.

WERTUNG: 2

Kino: „David Copperfield“

David Copperfield ist jetzt ein Inder. Die Neuverfilmung des Romans von Charles Dickens punktet mit viel Witz und einer „farbenblinden“ Besetzung. Dabei übersieht sie aber leider etwas wichtiges.

Vermutlich hätte sich Charles Dickens nicht träumen lassen, dass sein 1850 entstandener, autobiografisch gefärbter Roman „David Copperfield“ die Menschen noch fast zwei Jahrhunderte später begeistern und inspirieren würde. Die Geschichte des Jungen, der sich im viktorianischen England vom verarmten Kind zum beliebten Schriftsteller emporarbeitet – und dabei romantische, komische und tragische Verwicklungen überstehen muss – wurde bereits über ein Dutzend mal verfilmt. Nun nimmt sich Armando Iannucci („The death of Stalin“) der Sache an. Für ihn ist der Film eine Herzensangelegenheit: „Copperfield ist ein Außenseiter – wie ich. Als ich in Schottland aufwuchs galt ich als Italiener, in England als Schotte und in Amerika als Engländer.“ Aus dem reichhaltigen Fundus des 600-Seiten Romans pickt er sich vor allem die komischen Momente heraus: Copperfields Tante (Tilda Swinton), die gegen Esel kämpft oder die Abenteuer von Mr. Dick (Hugh Laurie), in dessen Kopf der Geist von King Charles herumspukt.

Was dem Film im Vorfeld die meiste Aufmerksamkeit bescherte, ist aber die Besetzung: David Copperfield wird vom indischstämmigen Dev Patel gespielt. Und auch alle anderen Rollen wurden völlig unabhängig von der Hautfarbe besetzt: Schwarze, weiße und Asiaten spielen hier Vater und Tochter, Mutter und Sohn, bunt gemischt.

Das passt natürlich wie die Faust auf’s Auge in eine Zeit, in der Hollywood mit den Schlagworten diversity (Vielfalt) und wokeness (wach, gegen die Unterdrückung von Minderheiten) neue Sympathien – und Dollars – sammeln will.

Doch Iannuccis farbenblinde Darstellerwahl hat vor allem persönliche Gründe: Er hatte schlicht Lust mit Dev Patel zu drehen. Der Rest ergab sich daraus: „Im Theater spielen auch nicht nur Italiener Romeo und Julia“.

Da ist was dran. Und die bunte Mischung sieht nach anfänglicher Irritation nicht nur gut aus, sondern macht auch viel Spaß. Sie produziert aber auch ein Problem: „Copperfield“ erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der seinen Platz in der ganz und gar nicht diversen britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sucht. Die sieht aber nun aus wie ein woke-Wunderland, in dem alle gleich sind. Wer hier Außenseiter ist, ist selbst schuld.

Ein nachdenklicherer Film hätte dies vielleicht zum Thema gemacht. Wie liberal und divers sind wir unter der bunten Oberfläche wirklich? In dieser Klamauk-betonten Variante wird der Besetzungs-Coup allerdings schnell zu einem weiteren Gag unter vielen.

Vermutlich wird erst mit Abstand ersichtlich, was dieser Film wirklich war: Ein skuriles Kind des Zeitgeistes? Ein Vorläufer echter Gleichberechtigung? Oder einfach nur eine verdammt lustige Dickens-Verfilmung!

WERTUNG: 3

Kino „972 Breakdowns – auf dem Landweg nach New York“

Stalins späte Rache: Die Reisedoku „972 Breakdowns – auf dem Landweg nach New York“ ist für alle Beteiligten eine Tortour.

Es gibt diesen Moment am Ende der Ausbildung, an dem viele Menschen sich denken: „Jetzt noch mal was verrücktes machen, bevor der Ernst des Lebens beginnt!“. Im Fall von fünf Kunststudent*innen aus Halle ist das: Eine Motorradtour nach New York. Auf dem Landweg über Russland.

Gefahren wird auf alten Ural-650ern mit Beiwagen, im russischen Volksmund auch „Stalins Rache“ genannt. Geschätzte Entfernung: Gut 40 000 Kilometer, davon 80 über die Wasser der Behringstraße. „Wie wir da drüberkommen, überlegen wir uns, wenn wir dort sind“, meinen die Abenteurer.

So weit, so sympathisch. Junge Menschen, die auf heißen Öfen ins Abenteuer knattern schaut man ja immer gern – zuletzt auch im gelungenen „Ausgrissn – in Lederhosn nach Las Vegas“.

Doch leider merkt man Daniel von Rüdigers „972 Breakdowns“ schnell an, dass hier Laien am Werk sind: Selbst wenn nicht gefahren wird sind die Bilder verwackelt und unscharf, als hätte das Team in den zwei Jahren Reise nicht mal fünf Minuten Zeit gehabt, den „Fokus“-Schalter der Kamera zu suchen. Inhaltlich sieht es ähnlich düster aus: Die ersten sieben Monate (!) von Deutschland bis Georgien werden schlicht weggelassen. Die Eindrücke von Land und Leuten beschränken sich meist auf Schlammlöcher und dunkle Werkstätten. Über die Menschen auf und neben der Strecke erfahren wir nichts, stattdessen nervt der pausenlose Off-Kommentar mit Beschwerden über die Mühsal.

Schade um die Mühe – aber das hier ist höchstens für Motorrad-Bastler interessant.

WERTUNG 6