Archiv der Kategorie: Film

Kino: „Andere Leute“

Jesus rapt in der Straßenbahn. Aktuell läuft die 17. Polnische Filmwoche in Nürnberg. Zu den Gästen gehörte auch Autorin Dorota Masłowska, die die Verfilmung ihres Romans „Andere Leute“ vorstellte.

So hat man Jesus auch noch nicht gesehen: Mit Dornekrone auf dem Baseballcap und dem großen Herzen auf dem Hoodie sitzt er (gespielt von Sebastian Fabijanski) in einer Warschauer Straßenbahn und rapt vor sich hin. Er begleitet Kamil (Jacek Beler), einen jungen Mann, der davon träumt als Rapper groß rauszukommen. Doch der Erfolg lies auf sich warten und mit 32 hockt Kamil noch immer bei seiner Mutter und schlägt sich eher schlecht als recht durchs Leben. Abwechslung – und etwas Geld – bringt Sex mit der wohlhabenden, aber einsamen Iwona (Sonia Bohosiewicz). Da beide aber noch anderweitig verbandelt sind läuft die Affaire unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu…

Was „Andere Leute“ von thematisch ähnlichen Filmen unterscheidet und zu einem Höhepunkt der 17. Polnischen Filmwoche macht ist die Sprache: Die Personen reden nicht einfach, sondern rappen ihren Text. Zudem hält Regisseurin Aleksandra Terpińska immer wieder die Zeit an, damit die Figuren wie in einer Oper, zu dicken Beats des polnischen Komponisten Auer, ihr Innenleben nach außen kehren können. Teils mit deftigen Kraftausdrücken.

Diese frische und zugleich poetische Sprache machte Autorin Dorota Masłowska bei ihrem Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“ in ihrer Heimat schlagartig berühmt – und berüchtigt. Solch klare Worte – von einer damals 19-jährigen – hatte man in Polen vorher noch nicht vernommen. Diesem Stil blieb sie bis heute treu.

„Meine Werke werden oft als ‚provokant‘ bezeichnet, aber der Begriff gefällt mir gar nicht“, sagt die Autorin bei ihrem Besuch in Nürnberg. „Sicher habe ich etwas provokatives in mir, dass manchmal gern Leute aufzieht – aber in erster Linie arbeite ich intuitiv, an Themen, die ich interessant finde. Manche Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen – sie fühlen sich verletzt und aggressiv. Und geben dann mir die Schuld dafür, weil ich es angesprochen habe.“

Aber auch auf der anderen Seite des Atlantiks fürchtet man die poetische Wucht von Masłowskas Prosa: Der amerikanische Verleiher Warner Brothers bestand darauf, dass vor dem Film mehrere Trigger-Warnungen zu lesen sind: Wer Angst vor Gewalt oder Probleme mit Esstörung hat, sollte lieber nicht weiterschauen.
Klingt nach ziemlich heftigem Stoff. Umso überraschender dann der weitgehend freundliche, teils sogar humorige Tonfall des Films. Wer mit Sarah Kane, Michael Haneke oder Gaspar Noé aufgewachsen ist wird hier nichts finden, was die Grenzen des Zumutbaren auch nur annähernd berührt. Die einzige Herausforderung für nicht polnisch sprechende Menschen ist es, die Untertitel der rasend schnellen Texte mitzulesen.

WERTUNG: 2

The War of the Ring? Eine kurze Chronik des Streits um „Rings of Power“

Wer ist der Herr der Ringe? Im Vorfeld der neuen ‚Rings of Power‘-Serie legt sich Produzent Amazon massiv mit den Fans an. Es geht um Frisuren, Hautfarben und jede Menge Kohle.

In der Nacht auf den 14. Februar 2022 hatten viele Tolkien-Fans in Europa ihren Wecker auf 2 Uhr gestellt. Denn in der Halbzeitpause des „Super-Bowl“ sollten die ersten bewegten Bilder aus der neuen Serie „Die Ringe der Macht“ zu sehen sein – eine Art Vorgeschichte zu den „Herr der Ringe“ und „Hobbit“-Filmen von Peter Jackson.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Amazon Prime striktes Schweigen über die Produktion verhängt und nur eine handvoll Standfotos und trockene Statements veröffentlicht.

Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung der Fans: Was würde der Paketzusteller liefern? Immerhin ist J.R.R. Tolkiens Schöpfung nicht irgendeine Fantasy-Story, sondern der Stammvater des Genres. Eine Welt, so lebendig und ausgefeilt, dass noch heute zahllose Menschen einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit verbringen, sie zu erforschen.

Wie Andreas Zeilinger, Sprecher des Nürnberger Tolkien-Stammtisches und ausgewiesener Experte für das Zweite Zeitalter von Mittelerde, in dem die Serie spielen soll. Er verzichtete zwar darauf sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, machte sich aber gleich am Morgen ans Werk: „Ich bin den Trailer in Zeitlupe Bild für Bild durchgegangen“, erzählt er. „Und ich finde es sieht aus wie viele andere Fantasy Serien auch. Hübsch anzuschauen, aber vom Hocker reißt es mich nicht.“

Damit urteilt der Fürther noch relativ milde: „Kein Inhalt, schlechte Digital-Effekte, viel zu glatt – eher Marvel als Mittelerde“ lauteten die gängien Einschätzungen aus dem Fandom zu der gerade mal eine Minute langen Vorschau.

Diese ungnädige Reaktion mag auch damit zusammenhängen, dass Amazon den Fans bisher wenig entgegengekommen war. Im Gegensatz zu Peter Jackson, der das Publikum bei seinen Herr-der-Ringe-Kinofilmen stets hinter die Kulissen mitnahm, machte Amazon lange dicht. Und als dann Anfang Februar ersten Bilder veröffentlicht wurden zeigten sie ungewohntes: Zwerge ohne Bart, Elben mit kurzen Haaren und eine Besetzung bei der die Betonung auf Vielfalt gelegt wurde: „Wir haben die ersten People of Colour als Zwerge und Elben besetzt“, freut sich Amazon-Produzentin Lindsey Weber. „Unser Traum war es, eine Tolkien-Adaption zu machen, die abbildet wie unsere Welt wirklich aussieht“
Denn Tolkiens Mittelerde, wie es bisher dargestellt wurde, schien den Amazon-Experten wie Mariana Rios Maldonado ein latent rassistischer Ort, an dem hellhäutige Männer Helden sind und die Bösen schwarz. Ein Relikt der Kolonialzeit, das dringend einer modernen Revision bedarf.
Viele Fans dagegen sahen das als Vorwand, um eine Serie zu schaffen, welche die aktuellen Hollywood-Klischees bedient und weit mehr mit der Bevölkerungsstruktur der heutigen USA zu tun hat, als mit Tolkiens mythischer Version eines vorgeschichtlichen Europas.

Es dauerte nicht lange und beide Seiten lagen in den virtuellen Schützengräben von Twitter und Co. und befeuerten sich mit begriffen wie Rassismus, Tokenismus, virtue signaling oder cultural appropriation.

„Ich finde diese ganze Hautfarben-Diskussion unsäglich“, seufzt Andreas Zeilinger. „Tolkien schreibt nirgends etwas über die Hautfarben von Elben und Zwergen. Er erwähnt Hobbits und Menschen mit dunklerer Haut, also erscheint es mir logisch, dass es auch bei Elben unterschiedliche Teints gibt. Letztlich ist das aber alles sehr oberflächlichl“ Was ihm viel mehr Sorge bereitet ist der laxe Umgang mit der Geschichte Mittelerdes: „Sie wollen die mehr als 3400 Jahre des zweiten Zeitalters auf ein Menschenleben verdichten. Das ist als würde man eine Serie machen, in der Alexander der Große auf Napoleon trifft und sie trotzdem als historisch bezeichnen. Besser wäre es gewesen, sich einzelne Momete herauszupicken und diese auszugestalten.“

Aber letztlich geht es bei einer Produktion dieser Größenordnung nicht vorrangig um die korrekte Darstellung von Minderheiten oder fiktiven Welten. Sondern um Geld.

Mit etwa 460 Millionen ist die erste Staffel von „Ringe der Macht“ doppelt so teuer wie Jacksons drei „Herr der Ringe“-Filme zusammen. Damit sich das rentiert braucht es viel Öffentlichkeit. Und dafür ist ein saftiger Rassismus-Streit weit besser geeignet als eine nerdige Diskussion über die korrekte Barttracht von Zwerginnen.

„Wir werden wohl noch bis September warten müssen, um die Qualität wirklich einschätzen zu können“, meint Zeilinger. Aber einen Trost hat er für besorgte Fans: „„Egal, was Amazon da macht – es kann gar keine Tolkien-Verfilmung werden, da sie nur die Rechte an ein paar Seiten über das zweite Zeitalter haben. Deshalb ist das was da entsteht nicht kanonisch, sondern einfach nur Fan-Fiction – wenn auch die teuerste der Welt.“

Kino: „The Other Side of the River“

Filmemachen als Abenteuer: Regisseurin Antonia Kilian lebte ein Jahr in Kurdistan um zu dokumentieren, wie eine junge Frau sich zur Polizistin ausbilden lässt. Nun präsentierte sie ihren Film „The Other Side Of The River“ im Filmhauskino.

Es gibt so Filmemacherinnen, die ihre Projekte jahrelang bis ins Detail planen. Andere packen ihre Kameras und fahren spontan los. Wie Antonia Kilian. Als die Kamerafrau 2016 hörte, dass die kurdischen Kräfte in Nordsyrien die mehrjährige Herrschaft des islamischen Staates beendet hatten, beschloss sie ihre Koffer zu packen und einen Dokumentarfilm darüber zu machen: „Ich bin nur mit meiner Kamera hingefahren, ohne Budget, ohne Crew und ohne ein Wort Arabisch zu können“, erzählt sie im Filmhauskino. „Ich habe gedacht, dass sich das alles vor Ort schon ergeben würde.“

Der Wagemut zahlte sich aus: Tatsächlich lernte sie schnell Menschen aus der syrischen Filmszene kennen, die ihr bei der Produktion halfen – vor allem aber traf sie auf Hala.
Die 19-jährige war zusammen mit ihrer Schwester aus ihrem Elternhaus geflüchtet, weil ihr Vater sie zwangsverheiraten wollte. Mit einem IS-Kämpfer, um das Haus vor deren Aggression zu schützen. „Ich bin zwanzig Jahre lang ohne Mann ausgekommen – und ich schaffe es noch hundert weitere“, sagt Hala und es klingt wie ein Mantra. Kilian trifft die Schwestern in einer kurdischen Militärakademie, in der bewusst Frauen ausgebildet werden um als Soldatinnen oder Polizistinnen in ihre Heimatdörfer zurückzukehren: Uniform statt Schleier. Kalaschnikov statt Kochgeschirr.
„In den links-feministischen Kreisen des Westens, aus denen ich komme, wird das als große emanzipatorische Tat gepriesen“, erzählt Antonia Kilian. „Es gibt zahlreiche Bücher, welche diese Frauen als moderne Amazonen feiern. Die Realität sieht dann doch etwas anders aus.“


Die Frauen, die wir in ihrem Film kennen lernen sind in erster Linie verwundete Seelen. Viele von ihnen haben entsetzliche Gräuel erlebt – den Tod von Verwandten durch Steinigung, den allgegenwärtigen Krieg – und lernen nun an der Akademie, dieses Grauen in eine harte Schale zu kleiden.
Wir sehen die müden Gesichter der Rekrutinnen, während ihre Ausbilderinnen markige Reden halten, die vom Opfermut der Frauen und der Bosheit der Männer handeln: „Liebe gibt es nicht. Lieber opfere ich mein Leben im Kampf, als mich jemals wieder mit einem Mann einzulassen.“ Werden hier wirklich Menschen befreit? Oder wird der Gehorsam gegenüber der Familie nur durch einen neuen ersetzt?

Es ist ein großes Verdienst von Antonia Kilian, dass sie trotz ihrer starken Sympathie für das Projekt in keinem Moment einen Werbefilm abliefert. Immer will sie genau hinsehen und verstehen, was sich hinter der Fassade verbirgt.
Als die Frauen zurück auf den Straßen ihres Heimatortes sind, bekommt die toughe Schale dann auch deutliche Risse: Von vielen Seiten schlägt den jungen Polizistinnen offene Feindschaft entgegen – auch aus der eigenen Familie. Die empfindet es als „Schande“, was die Töchter tun und versucht sie zu überzeugen zurückzukommen und zu heiraten. Das treibt den Konflikt schließlich auf die Spitze…

Ein ganzes Jahr verbrachte Antonia Kilian für ihren Film in dieser Welt. Viele hundert Stunden Material drehte sie – teilweise ohne ein einziges Wort von dem zu verstehen, was dort gesagt wird, aber in einem immer tieferen emotionalen Zusammenhalt mit ihrer Protagonistin. Denn Halas Persönlichkeit und ihr Schicksal sind der Fixpunkt des Films.

Alle anderen Dimensionen bleiben dagegen völlig vage: Wo genau das Geschehen stattfindet, welche politischen Motivationen dahinter stehen ist unklar. So etwas einfaches wie die Einblendung einer Karte zu Beginn hätte viel geholfen.
Aber auch der eigentliche Anlass für den Film – dass die Gegend ein Sehnsuchtsort für westliche Feministinnen ist – erfahren wir nur durch das Gespräch mit der Regisseurin. Dadurch verliert der an sich starke Film leider viel an Kraft auch Menschen außerhalb einer links-feministischen Blase zu erreichen. Er bleibt aber doch ein Zeugnis für mutiges Filmemachen.
WERTUNG: 3

Kino: „Das schwarze Quadrat“

Elivs rettet die Show: Im Film „Das Schwarze Quadrat“ müssen zwei Kunstdiebe in die Rollen von Popstars schlüpfen, um eine Dampferfahrt unerkannt zu überstehen.

Eigentlich war der Plan simpel: Nach dem erfolgreichen Diebstahl des millionenschweren Gemäldes „Das Schwarze Quadrat“ erschleichen sich die Amateur-Kunsträuber Vincent (Bernhard Schütz) und Nils (Jacob Matschenz) Plätze auf einem Kreuzfahrtschiff. Unterwegs wollen sie das Bild in aller Ruhe ihrem Auftraggeber überreichen.

Doch mit dem Verstecken unter Deck wird es nichts. Denn ihre geklauten Tickets gehören nicht irgendwelchen Passagieren, sondern zwei Künstlern des Showprogramms. Und so finden sich die beiden unfreiwillig auf der Bühne wieder – als Doubles von Elvis und David Bowie.
Dass Vincent dem jungen Bowie so ganz und gar nicht ähnlich sieht sorgt für einen Auftritt jenseits aller Vorstellung – bringt ihm aber die Zuneigung der kunstaffinen Martha (Sandra Hüller) ein. Aber nichts ist, wie es scheint und als die beiden Männer endlich in ihre Kabine zurückkehren können erwartet sie eine böse Überraschung, die neue, noch verrücktere Pläne nötig macht…


https://www.youtube.com/watch?v=AGAG7eTw3co

Der 34-jährige Regisseur Peter Meister war bisher vor allem mit Kurzfilmen erfolgreich. Auf Filmfestivals galt er stets als heißer Kandidat für den Publikumspreis. Warum das so ist erkennt man auch in seinem ersten Spielfilm. Die Charaktere sind glaubwürdig und liebenswert, die Atmosphäre rundum stimmig. Durch seine mosaikhafte Machart bietet „Das schwarze Quadrat“ zudem für fast jeden etwas: Er funktioniert als derbe Boulevard-Komödie, bei der man an mehreren Stellen vor Lachen aus dem Stuhl fliegen kann.

Aber genauso ist er auch ein höchst spannender Krimi, der mit seinem Katz-und-Maus-Spiel und unerwarteten Wendungen stets bei Laune hält. Und wer tiefer einsteigen will findet darüber hinaus auch Denkanreize zum Verhältnis von Original und Fälschung oder zur transformierenden Kraft der Kunst.

Denn das „Schwarze Quadrat“ gibt es wirklich: Das 1915 entstandene Gemälde von Kasimir Malewitsch eine Art Initialzündung der Moderne in Osteuropa. Viele Kunstschaffende sahen in seiner radikalen Einfachheit eine Einladung traditionelle Formen hinter sich zu lassen und neues auszuprobieren. Genau das bewirkt das Bild übrigens auch bei den Personen im Film: Wer das Quadrat einmal in der Hand gehalten hat, wird ein anderer. Vielleicht sogar Elvis oder David Bowie.

WERTUNG: 1

Kino: „Hannes“

Einmal nicht der Eberhofer: Mit „Hannes“ wurde der bisher persönlichste Roman von Rita Falk verfilmt. Zur Franken-Premiere kam die Starautorin ins Cinecitta.

Die Freunde Hannes (Johannes Nussbaum) und Moritz (Leonard Schleicher) düsen im schönsten Sonnenschein mit ihren alten Motorrädern über malerische Bergpässe. Sie lachen, sie machen Quatsch – bis Hannes plötzlich die Kontrolle über seine Maschine verliert und in den Abgrund schlittert.

Er überlebt, liegt aber im Koma. Moritz, der sich am Unfall seines Freundes mitschuldig fühlt, beschließt alles zu tun, um Hannes zurück ins Leben zu bringen. Er übernachtet bei ihm, führt für ihn Tagebuch und übernimmt schließlich sogar Hannes Arbeit in einer psychiatrischen Einrichtung, damit dieser nicht den Job verliert. Fast unmerklich lernt er dabei sein eigenes Leben zu leben und zu gestalten…

Auf den ersten Blick fällt es gar nicht auf, dass dieser nachdenkliche Film über das Erwachsenwerden und das Loslassen aus der selben Feder stammt, wie die derb-fröhlichen Provinz-Krimis um Dorfpolizist Franz Eberhofer.

‚„Hannes“ ist sicher ein besonderes und mein persönlichstes Buch, weil es auf einer wahren Geschichte beruht“, verrät Autorin Rita Falk dann auch. „Mit 30 kam eine gute Freundin von mir bei einem Verkehrsunfall ums Leben – aber anders als Moritz hatte ich nicht die Möglichkeit, mich wirklich von ihr zu verabschieden. Deshalb habe ich diese Trauer in diesem Roman verarbeitet.“

Und bei genauerem Hinsehen entdeckt man auch in ‚Hannes‘ die Markenzeichen der Autorin: Die Liebe zur Heimat, das detailgetreue Erzählen und vor allem die Art einen ganzen Mini-Kosmos von Figuren aufzuspannen, die dem Publikum schnell ans Herz wachsen. Um das als Film umzusetzen brauchte es einen passenden Regisseur, der das Gefühl hinter dem Buch verstand:

„Es geht da immer um Vertrauen“, meint Falk. „Ich möchte nicht, dass meine Figuren in Filmen falsch dargestellt werden – aber ich will auch nicht jedem Tag am Drehort auftauchen und nachgucken ob alles passt. Deswegen freue ich mich, wenn ich Menschen gefunden habe, denen ich vertrauen kann: Wie dem Team der Eberhofer-Filme oder jetzt Hans Steinblicher.“

Der Schweizer Regisseur überzeugte Falk vor allem durch seinen Film „Eine unerhörte Frau“, in dem es um den Umgang mit einer schweren Krankheit ging. Er war von dem Stoff sofort begeistert: „Ich habe den Roman gelesen und er traf mich ins Herz! Er hat eine Gravitation, die mich anzog. Es ist eine Geschichte die vom Verlust erzählt und wie man damit umgeht und das kenne ich natürlich. Während der Dreharbeiten starben meine Eltern und der Film half mir weil er zeigt: Man muss nicht depressiv werden, sondern kann am Verlust auch wachsen.“

Gedreht wurde „Hannes“ schon vor der Pandemie, wurde aber bis jetzt zurückgehalten, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Denn obwohl Rita Falk mit ihren Eberhofer-Büchern regelmäßig Bestseller liefert blieb der Roman „Hannes“ eher ein Geheimtipp: „Es ist mir aber wichtig, auch solche Bücher zu schreiben“, sagt Falk. „Da lasse ich mir auch vom Erfolg nichts vorschreiben. Ich will genau die Bücher machen, an denen ich selber Spaß habe – und am Ende ist ja auch keines nur lustig oder nur traurig, sondern hoffentlich eine gute Mischung.“

Die gute Mischung zwischen Falk und Steinbichler soll übrigens auch weitere Früchte tragen: „Wir haben Ideen, die sich sehr ähnlich sind und werden uns Anfang des nächsten Jahres zusammensetzen und über ein neues Projekt beraten“, verrät Falk.


WERTUNG: 2

Polnische Filmtage mit Mariusz Wilczyński

Wie ein Zeichentrick-Film entsteht ist – sofern er nicht aus dem Computer kommt – ist für die meisten Menschen eher ein Geheimnis. Bei den „Polnischen Filmtagen“ hatte das Publikum im Heilig-Geist-Saal die Möglichkeit, einem echten Meister des Metiers live bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

Animationskünstler Mariusz Wilczyński aus Łodzi ist einer der wenigen seines Faches, die mit einer eigenen Ausstellung im Museum of Modern Art geehrt wurden. An seinem mehrfach preisgekröntem Spielfilm-Debüt „Kill it and leave this town“, das auf düster-poetische Weise von seiner Kindheit und dem Abschied von seinen Vorfahren erzählte arbeitete er satte 14 Jahre lang.

An diesem Abend präsentiert er einen Ausschnitt aus seiner Arbeit: Vor der großen Kinoleinwand baut er seinen Tisch mit Farben und Pinseln auf. An einer Staffelei montiert er eine ganze Reihe von Taschenlampen. Als die Saal-Lichter erlöschen, ist dies das einzige Licht. Hier beginnt er zu malen: Eine feine Linie, wie aus einem Seismografen. Aus der erwächst ein Horizont, eine Mondnacht. All das filmt Wilczyński mit der Linken Hand, so dass das Publikum die Metamorphosen auf der großen Leinwand verfolgen kann. Es folgt eine magische, aber auch traurige Reise: Eine Mutter, die ihr Kind in den Fluss wirft. Das Mädchen wird von einem Dampfer versenkt, findet sich sich dann aber im Spülbecken eines Mannes mit angeklebten Flügeln wieder.

Es ist weniger eine durchgehende Geschichte, als ein Spiel mit Leitmotiven an: Immer wieder sehen wir Dampfer, angeklebte Flügel und Kronen, ein Streben nach oben und ein unvermeidliches Versinken.
Der Sog entsteht dabei durch den natürlichen Fluss des ganzen: Immer wieder winkt Wilczyński leise dem Techniker zu und die vor Ort produzierten Teile gehen fast unmerklich in vorproduzierte Filme über, während er unten die nächste Szene vorbereitet.
Gemeinsam mit der hypnotischen Musik von Marcel Markowski, dem ersten Cellisten des Orchesters Sinfonia Varsovia, entsteht so ein beeindruckendes Erlebnis, sehr weit weg von den Grenzen des Animations-Mainstreams.
Neben dem Live-Performance war Wilczyński auch Juror eines Kurzfilmwettbewerbs, den die Polnische Filmwoche in diesem Jahr als panemiebedingten Ersatz für ein Festival ausgeschrieben hatte. Den ersten Preis erhielt die deutsch-polnische Filmemacherin Evelina Winkler für ihren Film „Kochana Babciu“ (‚Liebe Oma‘), der von der Sehnsucht einer migrantischen Enkelin erzählt. Weitere Preisträger waren Antoni Kuźniarz – der mit „Corvin Orphans“ ebenfalls eine düstere Animation vorlegte und Michał Szufla mit seiner filmischen Interpretation des polnischen Sprichworts „Im Elternhaus muss man viel Gymnastik machen“.

Kino: „So weit“

Bewegung im Jahr des Stillstands: Für seinen Film „So weit“ radelte Musiker Till Seifert einmal quer durch Deutschland.

Frustriert liegt Liedermacher Till Seifert auf der heimatlichen Couch: Über 60 Konzerte hatte er für 2020 geplant, die nun alle ausgefallen sind. „Ich war am tiefsten Punkt – und von da an kann es nur noch aufwärts gehen“, erzählt er bei seinem Besuch beim Nürnberger Sommernachtfilmfestival. Und tatsächlich kam ihm die rettende Idee: Eine Tour durch ganz Deutschland mit Konzerten in jedem Ort – entweder in kleinen Locations mit Hygienekonzept oder als Livestream. Und damit wirklich Bewegung in die Sache kommt findet die Tour nicht mit dem Auto statt, sondern mit seinem klapprigen Rennrad ohne Gangschaltung.

„Ich habe einfach auf der Karte eine Luftline gezogen und alle 80 Kilometer einen Ort markiert“, erinnert er sich. „Erst als ich losgefahren bin merkte ich, dass ich gar nicht Luftlinie fahren kann. Und dass es so was wie Höhenunterschiede gibt.“

Oder dass die gewählte Navi-App nur in dem Bundesland kostenlos ist, in dem sie erstmals gestartet wird. In Tills Fall war das Hamburg.

Zum Glück fuhr Freund Nick mit dem Wohnmobil hinterher, das während der knapp drei Tourwochen als Küche, Schlafstätte und Aufwärm-Station diente. Der gesponsorte Bus war übrigens die einzige finanzielle Unterstützung des Projekts.

An einen Film war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht: „Wir wollten lediglich ein paar Konzerte für ein Musikvideo mitschneiden und ein paar kurze Schnipsel für die sozialen Medien. Doch als die Tour vorbei war fragte mich der Nordpolaris Verleih, ob ich das Ergebnis nicht ins Kino bringen wollte“. Also wurde in Windeseile aus Instagram-Stories, Sprachnachrichten, wackeligen Go-Pro-Videos, statischen Konzert-Aufnahmen und vereinzelten Drohnen-Bildern der Film ‚So weit‘ geschnitten.

Das Ergebnis sieht aus wie die gefürchteten Urlaubs-Dia-Abende der 70er: Till am Hamburger Hafen. Till auf der Zugspitze. Till im Marienbergpark.

Klar gibt’s lustige Momente: Etwa wenn Till ‚Badersee‘ mit ‚Badesee‘ verwechselt oder wenn ein Bamberger Taxifahrer das Team in die völlig falsche Richtung kutschiert. Das wird dann in richtig guten Animationen des Braunschweiger Illustrators Jacob Müller gezeigt. Aber meist sieht man nur Landstraße. Die tollen Begegnungen mit den interessanten Menschen werden nur behauptet. Um die Städte wird ein Bogen gemacht, da die Zeit drängt.

Sehr schade, weil die Grundidee wirklich gut ist. Aber ein Kinofilm funktioniert dann eben doch nach anderen Regeln als ein Internet-Video. So wird ‚So weit‘ eher zur unfreiwilligen Parodie auf die ‚Generation Selfie‘, die während einer globalen Pandemie völlig losgelöst durchs Land tingelt und überall nichts anderes findet als das eigene Gesicht.

Zum Glück erscheint Till Seifert in Echt weit weniger narzisstisch als im Film – und als Songwriter hat er wirklich Talent.

Und wenn man die Entstehungsgeschichte kennt, kann der Film sogar inspirierend wirken: Als Zeichen dafür, das Spontanität und Enthusiasmus manchmal wichtiger sind als Fachkenntnis und Planung.

WERTUNG: 4

Kino „Homo Communis“

Überleben in der Welt von morgen: In ihrem Dokumentarfilm „Homo Communis“ stellt Regisseurin Carmen Eckhardt moderne Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens vor.

„Mir macht es einfach Spaß, Dinge zu probieren, von denen die anderen Leute sagen: Das geht nicht oder ist verboten“, erzählt ein junger Mann, der sich in der Wuppertaler „Utopiastadt“ engagiert. Einem Verbund ganz unterschiedlicher Menschen, die hier gemeinsam Ideen für eine bessere Zukunft ausprobieren.

Ein Motto, das auch für Regisseurin Carmen Eckhardt gilt. Unabhängig von TV-Sendern und Fördergeldern – finanziert durch Crowdfunding – reiste sie mit einem Mini-Team bestehend aus Kameramann Gerardo Milsztein und dem Nürnberger Tontechniker Robert Kellner durch die Welt um Initiativen zu portraitieren, in denen ein neues Miteinander gelebt wird. Davon gibt es erstaunlich viele: „Wir haben über 100 anrecherchiert“; erzählt Eckhard. „40 haben wir uns angeschaut und bei 20 gedreht. Im Film zeigen wir schließlich acht.“

Die Kooperative „Cecosesola“ in Venezuela etwa, die in gemeinschaftlicher Arbeit von der Hebamme bis zum Sarg alles bereit hat – und nebenbei noch Lebensmittel für hunderttausende Menschen in dem von Armut geplagten Land produziert. Oder die Aktivistinnen, die im Hambacher Forst seit 10 Jahren für den Erhalt des Waldes demonstrieren.

Alle haben gemeinsam, dass sie versuchen hierarchische Strukturen zu vermeiden und alles demokratisch zu entscheiden: Bei Cecosesola mussten alle aktiven 1300 Mitglieder gefragt werden, ob sie das Drehteam filmen lassen.

„Das ist natürlich super anstrengend“, meint Eckhardt. „Aber es ist notwendig. Für das Leben in einer Gesellschaft nach dem Kollaps. Und dass der kommt, wird immer wahrscheinlicher.“

Ein bischen fühlt sich ihr Film deshalb an wie eine reale Version von Isaac Asimovs „Foundation“-Romanen: Der Zusammenbruch der alten Welt ist nicht mehr aufzuhalten. Statt immer verzweifelter am Erhalt des Status Quo zu arbeiten, sollte der Blick deshalb in die Zukunft, die Zeit nach dem Kapitalismus gerichtet werden: „Die Zukunft gehört nicht mehr den großen Konzernen und dem weltweiten Wettstreit – sondern lokalen Gemeinschaften, die für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.“

Ob das funktionieren kann?

„Der Schlüssel ist, dass wir lernen, unsere Konflikte zu bearbeiten ohne dass die Beziehungen darunter leiden“, ist Eckhardt überzeugt. „Das geht vor allem durch achtsame Kommunikation“.
Dafür liefert ihr Film viele eindringliche und inspirierende Beispiele, wobei ich persönlich finde, dass die Auswahl etwas vielfältiger sein könnte: Es werden nur ökologisch oder sozial motivierte Gruppen vorgestellt, keine mit religiösen Hintergründen. Dabei haben doch seit den ersten Mönchen solche Gruppen immer eine wichtige Rolle im Ausprobieren neuer Gemeinschaften gespielt.

WERTUNG: 2

Kino: „Kunst kommt aus dem Schnabel, so wie er gewachsen ist“

Malen wie Meditation: In ihrem Dokumentarfilm „Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist“ stellt Sabine Herpich die „Mosaik“-Werkstatt für Künstlerinnen mit Behinderung vor.

„Ich hasse das Bode-Museum. Es ist so hässlich, das kann ich gar nicht sehen“, klagt Künstlerin Suzy van Zehlendorf und wirft ein paar Decken über das Styropor-Modell eben jenes Museums, an dem sie gerade arbeitet. „Wenn es fertig ist, werde ich es mit Dart-Pfeilen bewerfen!“

Währenddessen malt Gabriele Beer geduldig kleine Skelette auf ein großes Papier. Am liebsten auf die untere Hälfte des Bogens, denn um oben zu malen müsste sie aufstehen und dazu hat sie heute keine Lust.

Adolf Beutler malt gar nicht, sondern weint ausgiebig. Das macht er fast jeden Tag. Irgendwann greift er zur Farbe. Das Weinen ist zu Ende. Die Kunst beginnt.

Beutler, Beer und Zehlendorf arbeiten in der „Mosaik-Werkstatt“ in Berlin-Spandau für Menschen mit Behinderung.

„Als ich von dieser Kunstwerkstatt gehört habe wusste ich, dass ich darüber einen Film machen muss“, erzählt Sabine Herpich bei der Premiere in Nürnberg. Herpich ist ein Ein-Frau-Drehteam: Kamera, Schnitt, Regie, Ton – alles macht sie selbst. Und finanziert ihre Filme unbahängig aus eigener Tasche. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Sie ist die richtige Frau für dieses Thema. Viele Wochen verbringt sie in der Werkstatt, lebt das Leben dort und erspürt den entschleunigten Rhythmus dieser ungewöhnlichen Einrichtung. Mit einer Engelsgeduld blickt sie den Kunstschaffenden über die Schulter, stellt aus dem Off einfühlsame Fragen.

Zuerst sehen wir nur die Werke und die Arbeitsweisen – erst dann öffnet sich der Blick: Wir erfahren, dass die Werkstatt kein frei mäandrierender Kreativkurs ist, sondern ein Ort an dem Kunst geschaffen wird, die sich auf dem Markt behaupten muss. Deshalb greift Leiterin Nina Pfannstiel auch sanft ein, wenn etwa Gabriele Beer zum dritten Mal ein Bild über „Flugdinos im Baum“ malen will. Bilder mit Skeletten und Grabsteinen verkaufen sich besser.

„Es ist eine schmale Gratwanderung“, erzählt Herpich. „Einerseits sollen die Menschen größtmögliche Freiheit haben, andererseits sollen auch Werke entstehen, für die sich Galeristen interessieren.“

Das scheint zu klappen: „Mir ist es nicht wichtig, ob die Leute hier Behinderungen haben“, meint ein Galerist, der die Werkstatt besucht. „Jeder hat doch irgendwas – der eine trinkt, der andere hinkt – wichtig ist doch nur, dass das Werk uns berührt.“

Mit dem Weg nach draußen in den Kunstbetrieb erfahren wir auch etwas über die Biografien der Künstlerinnen, die uns zu diesem Zeitpunkt durch ihre Arbeit schon so nahe sind: Dass Zehlendorf in einer katholischen Gruppe aufwuchs in der ihre Bilder als Teufelzeug zerissen wurden. Oder dass Beutler 40 Jahre lang in einer geschlossenen Anstalt lebte – eine Zeit aus der es kaum Aufzeichnungen und keinerlei Kunstwerke gibt. Und die vielleicht Anlass für sein tägliches Weinen ist.

„Beim Weinen habe ich mir lange überlegt, ob ich es filmen soll – es erschien mir privat“, meint Herpich. „Aber nachdem er es jeden Tag gemacht hat, denke ich, dass es einfach zu seiner Persönlichkeit und seinem Schaffensprozess dazugehört.“

Auch Herpichs eigenes Schaffen erlebte dunkle Momente: Da es nicht gelang eine Förderung für einen Kinostart zu bekommen, war sie kurz davor, das bereits gedrehte Material zu vernichten: „Aber dann habe ich es mir noch einmal angesehen und mir überlegt, dass ich den Film zumindest für die Menschen in der Werkstatt fertig mache.“

Über eine Crowdfunding-Kampagne konnte schließlich doch genug Geld zusammen bekommen um den Film Kinofit zu machen – und er wurde sogar für das Programm der Berlinale ausgewählt. Bei uns ist er aktuell im Filmhaus Nürnberg zu sehen.
WERTUNG: 2

Kino: „Courage“

Eine Revolution braucht Geduld: Regisseur Aliaksei Paluyan stellte seinen Film „Courage“ über den Widerstand der Bevölkerung gegen den Diktator Lukaschenko im Cinecitta vor.

„Etwas liegt in der Luft – das habe ich Anfang letzten Jahres gespührt“, erzählt Aliaksei Paluyan. „Es war die richtige Zeit, um nach Hause zu fahren.“

Seit 2012 lebt Paluyan in Deutschland. An der Kunsthochschule in Kassel studierte er Film und Fernsehregie. Aber seine Heimat ist Belarus („Weißrussland“), jenes Land, das seit 1994 von Präsident Alexander Lukaschenko regiert wird.

Anfang 2020 sah es so aus, als ob die Präsidentschaftswahlen im August endlich den Abschied von diesem Politiker bringen würden, den viele als „letzten Diktator Europas“ ansehen. Also fuhr Paluyan zusammen mit Kamerafrau Tanya Haurylchyk nach Minsk, um die Ereignisse zu dokumentieren.

Als Bezugspersonen dienen ihm dabei drei Schauspielerinnen vom „Freien Theater Minsk“ – einer unabhängigen Theatergruppe, die seit 15 Jahren politisch-kritische Stücke auf die Bühne bringt. Zumindest soweit das in Belarus möglich ist: „Meine letzte Arbeit wurde nur acht mal aufgeführt und dann als satanistisch verboten“, erzählt ein Schauspieler. „Acht mal ist besser als kein mal – die Saat wurde ausgebracht“, antwortet ein anderer.

Geduld und die Politik der ganz kleinen Schritte – das ist es worauf die Menschen in Belarus setzen. Für die Wahl im August bereiten sie sich besonders vor: Die einen fotografieren ihre Stimmzettel ab, damit sie bei einem Wahlbetrug belegen können, zahlreich gegen Lukaschenko gestimmt zu haben. Andere sammeln Klopapier, für den Fall verhaftet zu werden: „Bitte geht abwechselnd demonstrieren“, rät der Regisseur der Theatergruppe: „Nur wenn nicht mehr als die Hälfte von euch eingesperrt sind können wir spielen.“

Und dann kommt jener kurze Moment, in dem die Träume der Menschen Wirklichkeit zu werden beginnen: Lukaschenko verliert die Wahl, die Menschen tanzen auf den Straßen. Ein Feuerwerk wird gezündet. Aber es ist kein Feuerwerk. Es sind die Blendgranaten des Militärs. Der Diktator bleibt und die Menschen rennen.

Ein paar Tage lang ist nicht klar, was nun folgt: Stilles Ducken? Demonstrationen? Bürgerkrieg? Statt Texten wird im Theater jetzt Armbrustschießen geübt.

Aliaksei Paluyans Film beobachtet das alles möglichst ruhig. Statt Bildern blutiger Kämpfe, die es durchaus auch gab, zeigt er leise Szenen: Wie Namen von vermissten Personen verlesen werden. Wie Menschen schweigend protestieren. „Ich fand das stärker und auch trauriger“, meint er. „Als Filmemacher bin ich kein Reporter, der alle Fakten sammeln und sortieren muss, sondern ein Künstler, der vor allem eine Stimmung einfangen will.“

Ab und zu zeigt sein Film auch die andere Seite: Junger Sicherheitskräfte, die als lebendes Sperrgitter zwischen den protestierenden Menschen und dem Präsidentenpalast stehen: „In allen von uns ist in diesen Tagen etwas zerbrochen – und bei diesen jungen Menschen von der Polizei, die etwas tun müssen, was sie zum Teil selbst nicht für richtig halten, noch mehr als bei den anderen.“

In Nürnberg sind viele Landsleute von Paluyan ins Kino gekommen. Zum Teil gehüllt in die Flagge von Belarus, zum Teil mit Fotos der über 400 Menschen, die aktuell noch eingesperrt oder vermisst sind. Vor der Vorstellung halten sie sie hoch. Stumm und lange: „Dies ist eine Revolution der Geduld“, meint Paluyan. „Aber ich habe gute Hoffnung, denn dieser August hat das Denken der Menschen verändert – und da gibt es kein zurück mehr.“

WERTUNG: 2