Archiv der Kategorie: Film

Kino: „Ich war noch niemals in New York“

Musicals, bei denen Passanten durch deutlich erkennbare Studiokulissen laufen um plötzlich in perfekt choreographierte Tänze auszubrechen schienen lange Zeit so tot wie Sandalenfilme oder heroische Western. Aber totgesagte leben länger. Besonders das Musical feiert seit dem Erfolg von „Lala-Land“ eine fröhliche Wiederauferstehung.

„Ich war noch niemals in New York“ ist nun der deutsche Beitrag zu dieser Welle, basierend auf einer Bühnenrevue nach den Ohrwürmern von Udo Jürgens.

Die Story dazu geht so: Die eingebildete TV-Moderatorin Lisa (Heike Makatsch) hat nie Zeit für ihre alte Mutter (Katharina Thalbach). Bis die Seniorin eines Tages in der Küche ausrutscht und sich den Kopf anschlägt. Das einzige an was sie sich danach erinnern kann ist die Titelzeile des Liedes, das gerade im Radio lief: „Ich war noch niemals in New York“. Prompt beschließt die alte Dame das zu ändern und entert den nächsten Ozean-Dampfer in die USA. Beim Versuch sie zurückzuholen bleiben auch Lisa und ihr schwuler Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) auf dem Schiff hängen. Da sie keine Tickets haben werden sie vom Kapitän zur Arbeit verdonnert. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn unter Deck, wo viel griechischer Wein getrunken wird, geht es lustig zu. Vor allem die Mama blüht richtig auf: „Es ist großartig nicht mehr zu wissen, wer man ist – denn dann kann sein, wer man will.“ Und zum Glück wartet auf jeden der drei blinden Passagiere ein Kandidat für die große Liebe: Der schwule Zauberer Costa (Pasquale Aleardi), der alternde Gigolo Otto (Uwe Ochsenknecht) und der spröde Stochastiker Axel (Moritz Bleibtreu), der eigentlich mit seinem Sohn nach New York fährt um die Asche seiner Frau in den Wind zu schütten.

Klar, die drei parallelen Liebesgeschichten verlaufen wie auf dem Reissbrett und zwei Stunden sind eine etwas zu epische Laufzeit für solch eine schlichte Story. Aber dennoch macht der Film von Philipp Stölzl richtig Spaß. Das Tempo stimmt, die Gags sind zahlreich und das völlig aus der Zeit gefallene Kostüm und Set-Design ist eine wahre Augenweide: Von den 30ern bis heute trug man alles zusammen, was ins Farbschema passt – sogar die Container am Hamburger Hafen leuchten in hellblau, gelb und rosa. Und man merkt, welchen Spaß die Stars daran hatten, hier richtig auf den Putz zu hauen – wobei besonders Ochsenknecht und Bleibtreu intime Momente liefern, die immer wieder vergessen lassen, dass man hier eine Nummernrevue absitzt. Und die Gassenhauer von Udo Jürgens sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Dieses New York ist eine Reise wert.

WERTUNG: 2

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Kino: „Nurejew – the white crow“

Der will doch nur tanzen: In seiner dritten Regiearbeit „Nurejev – the white crow“ schafft Ralph Fiennes ein vielschichtiges Portrait des russischen Ballett-Tänzers Rudolf Nurejew.

Anfang der 60er Jahre geht der kalte Krieg gerade in seine heiße Phase: In Berlin wird die Mauer gebaut, die USA verhängen Sanktionen gegen Kuba, im Kongo findet ein „Stellvertreterkrieg“ zwischen Ost und West statt.

In diesem Klima fährt erstmals das Leningrader Kirow-Ballett zu Auftritten nach Paris. Wobei die bunten Ballettvögel stets von Funktionären in gedeckten Anzügen bewacht werden. Reden mit den Franzosen? Verboten! Mit einer westlichen Frau ausgehen? Völlig unmöglich!

Nicht für den dickköpfigen Rudolf Nureyev (Oleg Iwenko). Er ist der aufstrebende Stern des Ensembles. Ein Bauernbursche, geboren in einem Zug und deshalb irgendwie von Anfang an heimatlos. Sein Auftreten ebenso schillernd wie seine Sexualität. „Ich bin eine weiße Krähe“, sagt er von sich selbst. Jemand der nirgends dazugehört. Ein Außenseiter – aber auch jemand, der gerade deswegen die Möglichkeit hat, die Grenzen zwischen den festgefahrenen Gruppen zu überwinden: To boldly go… Gemeinsam mit der jungen Chilenin Clara (Adèle Exarchopoulos) erkundet er das nächtliche Paris. Seine Tage verbringt er in den Museen: Jeden Tag will er ein Bild genau studieren. Um zu lernen, wie man aus Schmerz Kunst, aus Verzweiflung Schönheit macht. Freilich passt das seinem Bewacher, KGB Agent Strizhevksy (Alexsey Morozov), gar nicht. Die Begegnungen der beiden werden immer mehr zu Duellen – bis eine Entscheidung nicht mehr aufgeschoben werden kann. Denn der Mikrokosmos des Balletts spiegelt auch den eigentlichen Kampf der Systeme und Denkweisen. Ein getanzter Stellvertreterkrieg.

Schauspieler Ralph Fiennes nahm für „Nurejew – the white crow“ zum dritten mal im Regiestuhl Platz. Und spielt als Nurejews Tanzlehrer auch eine wichtige Nebenrolle: „Das war mehr aus Pragmatismus, um den Film finanzieren zu können“, meint er. „Denn obwohl die meisten Rollen mit namhaften russischen Schauspielern besetzt sind, hilft das bei der internationalen Vermarktung nicht viel.“

Und Fiennes machte auch keine Kompromisse: Gedreht wurde auf russisch und französisch, der Hauptdarsteller ist ein ukrainischer Tänzer und auf lineares Erzählen pfeift der Film mit seinen drei Zeitebenen von Anfang an.

Überhaupt bricht der Schauspieler Finnes viele der Regeln, an die ‚echte‘ Regisseure sich normalerweise halten: Da wird in Bilder reingezoomt, sprunghaft geschnitten oder der Ton abrupt in völlige Stille abgesenkt. Dass daraus kein Chaos entsteht, sondern ein emotional berührender Film, der zu gleichen Teilen Musical, Charakterdrama und Spionagethriller ist, das ist das große Verdienst einer weißen Krähe namens Fiennes.

WERTUNG: 1

Kino „Toy Story 4“

Als Pixar Animation 1995 den ersten „Toy Story“-Film auf die Leinwand brachte war die Welt noch eine andere: Noch niemand hatte je zuvor einen kompletten Film mit Computern animiert. Während alles staunte, zuckte Regisseur John Lasseter nur mit den Schultern: „Der Computer ist nur ein Werkzeug“, sagte er damals. „Wichtig ist, was man daraus macht.“

Über 20 Jahre später kann man sehen was daraus wurde: Ein Meer von CGI-Filmen aus aller Herren Länder – aus dem die Werke von Pixar noch immer wie Leuchttürme aus den Fluten hervorragen.

Das gilt selbstverständlich auch für den mittlerweile vierten Teil der „Toy Story“: Die Animationen sind auf dem höchsten Stand der Kunst. Dazu kommen atemberaubende Action, Herz, Hirn und Humor sowie erneut eine mitreißender Score von Randy Newman.

Ach ja, eine Handlung gibt es natürlich auch: Die kleine Bonnie muss in den Kindergarten – und zwar ohne ihre Spielzeuge. Das macht sie total traurig. Also schleicht Cowboy Woody (gesprochen von Bully Herbig) sich mit und hilft Bonnie aus Resten die Behelfspuppe Forky (Marc Oliver Schulze) zu bauen. Diese begreift aber nicht, dass sie jetzt Spielzeug ist und versucht immer wieder in den Müll zurückzukehren, aus dem sie kam. Die anderen Spielzeuge wollen Forky helfen, indem sie sein Selbstvertrauen stärken – oder ihm einfach nachjagen, wenn er wieder mal davonläuft. Bei einer solchen Aktion geraten sie auch in einen finsteren Antiquitätenladen, der von der bedrohlichen Puppe Gabby beherrscht wird…

Die Regie von Josh Cooley findet stets die richtige Balance zwischen Witz und Ernst – greift allerdings auch ein paar mal zu oft zu lauten Buh-Effekten, um die Zuschauer aus den Sitzen zu heben. Zudem nehmen die Verfolgungsjagden diesmal sehr, sehr viel Raum ein, so dass die zwischenmenschlichen (oder zwischenpuppigen) Momente etwas kurz geraten. Die haben es aber dann in sich: Der wackelig zusammengeklebte Forky ist zum schießen komisch. Und dass ausgerechnet die zerbrechliche Schäferinnen-Figur Porzelinchen sich zur unerschrockenen Abenteurerin entwickeln darf ist ein cooler Beitrag zur Gender Debatte.

Richtig radikal neu ist aber, wie der Konflikts zwischen der bösen Gabby und Woody gelöst wird: Beide Parteien setzen sich in Ruhe zusammen, reden darüber, was sie jeweils wirklich brauchen und finden dann gemeinsam eine Lösung. Das ist nicht nur für einen Kinderfilm vorbildlich.

WERTUNG: 2

Kino: „Fisherman’s Friends“

Willkommen bei den Schan’tys: In „Fisherman’s Friends“ fährt ein Londoner an die Küste Cornwalls und findet Liebe und Erfüllung. Und die älteste Boygroup der Welt.

Eigentlich wollten Danny (Daniel Mays) und seine Kollegen von der Plattenfirma nur einen kurzen Zwischenstopp in dem verschlafenen Küstenstädtchen Port Isaac machen. Doch dann fällt Dannys Chef (Noel Clarke) die Gruppe von rauhbeinigen Fischern auf, die am Hafen ihre Seemanslieder schmettert. Er gibt Danny den Auftrag mit den Seebären eine Platte zu machen – was eigentlich nur ein Scherz ist. Doch Danny ist – nach anfänglichem Zögern – bald wirklich überzeugt, hier einen Schatz an authentischer Musik heben zu können. Und tatsächlich liegt ein bischen Magie in der Luft, wenn die Herren singen: Selbst bei stürmischem Wetter auf einem Boot klingt alles wie eine tip-top-Studioproduktion, inklusive Musik, obwohl keiner der Kerle ein Instrument dabei hat. Und natürlich hilft es auch, dass der Chorleiter Jim (James Purefoy) eine hübsche Tochter (Tuppence Middleton) hat, die Danny nicht aus dem Kopf geht. Doch die Fischer haben gar kein großes Interesse daran als „älteste Boygroup der Welt“ vermarktet zu werden. Denn hier in Cornwall, so wird Danny belehrt, sind Freundschaft, Integrität und und ein Leben im Einklang mit der Natur viel wichtiger als Geld und Erfolg…

„Fisherman’s Friends“ basiert lose auf der Biografie der gleichnamigen Band, die 2010 von einem Radiomoderator auf Urlaub entdeckt wurde und die seither große Erfolge feiert. Regisseur Chris Foggin machte daraus ein recht gelacktes Filmchen von der Stange, das die üblichen Stationen des Genres ohne große Überraschungen abhakt. Wer die „Sch’tis“, „Wie im Himmel“ oder den „Engländer, der auf einen Hügel stieg…“ gesehen hat braucht die singenden Fischer nicht wirklich. Die Filmemacher sehen das allerdings definitiv anders: „Fisherman’s Friends 2“ ist bereits in der Mache. Ein Schelm, wer da doch hinter den Shantys auch den Lockruf des Geldes hört…

WERTUNG: 5

Kino: „Leberkäs-Junkie“

Und ewig frotzeln die Niederkaltenbacher: Die Reihe um Dorfpolizist Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) ist auch in der sechsten Folge weiter auf Erfolgskurs. Waren die Provinzkrimis nach den Romanen von Rita Falk am Anfang nur südlich des Weißwurstäquators Kino-Hits, so lacht inzwischen ganz Deutschland über die skurilen, manchmal ekligen und doch stets irgendwo liebenswerten Bayern. Man merkt einfach, dass sich hier über die Jahre ein Team zusammengefunden hat, das diese Filme mit Herzblut macht.

 

Und „Leberkäs-Junkie“ bietet erneut all das, was die Reihe groß gemacht hat: Staubtrockenen Humor, Schauspieler mit Mut zur Hässlichkeit und einen genauen Blick auf das Leben in der Provinz. Und nicht zu vergessen: Jene überraschenden Momente, wenn die eigentlich als Karikaturen angelegten Figuren plötzlich über ihre Klischeehaftigkeit hinauswachsen und einem unerwartet nah gehen. Etwa, wenn Eberhofer und sein Vater (Eisi Gulp) sich über die verstorbene Mutter unterhalten oder wenn ganz nebenbei Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie eingestreut werden.

Wer also die Reihe bisher mochte, kann auch beim „Leberkäs-Junkie“ beherzt zugreifen. Für Einsteiger ist die Folge dagegen weniger geeignet, da es diesmal vor allem um die behutsame Weiterentwicklung des bekannten Figurenensembles geht. Der Mordfall ist eher Nebensache: Bei einem Hausbrand wird eine völlig verkohlte Leiche gefunden. Hauptverdächtiger ist der farbige Fußballstar des Dorfvereins Buengo – „Der Fuß Gottes“ (Castro Dokyi Affum). Doch Eberhofer glaubt nicht an die Schuld des Angolaners – seine Spur führt ihn statt dessen zu einem umstrittenen Neubaugebiet am Rande des Dorfes…

Und endet auch schon fast dort, denn plötzlich fällt Eberhofer auf offener Straße um: Eine Folge seiner schlechten Ernährung. Die vegane Diät von Oma will dem Leberkäs-Junkie nicht so recht schmecken. Und dann ist da auch noch die stets prekäre Beziehung zu seiner Susi (Lisa Maria Potthoff), die nach der Geburt des Sohnes Paul vollends in die Brüche zu gehen droht. Die Szenen mit dem Baby gehören dann zu den komödiantischen Highlights des Films: Wenn Eberhofer den Bub mit in die Pathologie nimmt oder selbst einen Ausflug ins Kugelbad unternimmt bleibt kaum ein Auge trocken.

Inszeniert ist das von Stammregisseur Ed Herzog mit gewohnt gutem Timing und dem richtigen Gespür dafür, wann Schluss mit Lustig sein muss. Auch die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen wieder großartig. Naja – mit einer Ausnahme: Klaus Augenthaler als Trainer des Dorfvereins zu besetzen klingt witzig, scheitert aber daran, dass bei ihm jeder Satz wie abgelesen wirkt. Da merkt man erst, was der Rest der Schauspieler leistet, diese „ganz natürlichen“ Typen derart glaubhaft zum Leben zu erwecken.

WERTUNG: 2

Kino: „Die 3 !!!“

Als die „Drei ???“ 1964 das Licht der Welt erblickten, war political correctness noch nicht erfunden und so versäumte man es den drei Jugendbuch- und Hörspieldetektiven ein Alibi-Mädchen an die Seite zu stellen.

Ein Fehler, den man beim Franckh-Kosmos Verlag 2006 erkannte und mit den „Drei !!!“ ein Mädelstrio nach genau dem gleichen Muster auf den Markt warf. Über 70 Fälle haben die Girls seitdem gelöst. Da wurde es natürlich höchste Zeit für einen Film. Immerhin haben die Jungs schon zwei. Und sogar TKKG hat einen!

Unter der Regie von Viviane Andereggen betreten also die sportliche Franzi (Alexandra Petzschmann), die schlaue Kim (Lillie Marie Lacher) und die modebewusste Marie (Paula Renzler) die Bühne. Und bekommen es mit dem Phantom der Oper zu tun. Denn in dem alten Theater, in dem sie unter der Leitung des seltsamen Herrn Wilhelms (Jürgen Vogel) für ein Stück proben, spukt es. Natürlich glauben die drei nicht an Geister und machen sich auf die Spurensuche…

„Die !!!“ pfeift auf eine Einleitung – die drei Hauptfiguren werden als bekannt vorausgesetzt. Macht nichts – ihre Charaktere beschränken sich ohnehin auf das Adjektiv vor dem Namen. Die Inszenierung schwankt zwischen Musical und James Bond: Unsere Heldinnen singen, tanzen, entschärfen Bomben und foltern sogar Verdächtige. Für Erwachsene erträglich wird die Sache durch den überkandibelt aufspielenden Jürgen Vogel und das liebevolle Set-Design, dass jedes Bild mit interessantem Krimskrams vollstopft. Ansonsten aber nur für die Zielgruppe der 7 bis 13-jährigen sehenswert.

WERTUNG: 4

Kino: „Kaviar“

Manche Filme kommen genau zur rechten Zeit: Als Regisseurin Elena Tikhonova im Jahr 2011 ihre ersten Ideen für eine Geschichte notierte, in der russische Millionäre die österreichische Politik korrumpieren konnte sie noch nicht ahnen, dass die Premiere zusammenfallen würde mit der „Ibiza-Affäre“ von Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Und doch weist ihre Story viele Ähnlichkeiten auf: Bei ihr ist es die Wiener Lokalpolitik, die Euro-Zeichen vor den Augen sieht, als Oligarch Igor (Mikhail Evlanov) anfragt, ob er ein Haus mitten auf der Schwedenbrücke – einer zentralen Verkehrsader – bauen kann. Schnell werden Gesetze zurecht und Augen zu gedrückt. Doch die gierigen Männer haben nicht mit einem mutigen Frauentrio rund um die Dolmetscherin Nadja (Margarita Breitkreiz) gerechnet, dass sich nach Jahren der Demütigung durch die Kerle nun einen handfesten Anteil an der Summe holen will…

Starke Frauenfiguren und aktueller Bezug sind schon mal zwei Pluspunkte des Films. Dazu kennt die Regisseurin, als gebürtige Russin, die seit 2000 in Wien lebt, die Szene, von der sie erzählt, aus erster Hand. Und was macht sie draus?

Einen Streifen, wie sie in den 90ern reihenweise entstanden sind, als Filmemacher weltweit versuchten, den Stil von „Pulp Fiction“ und „Trainspotting“ zu kopieren: Gewollter Trash. Das ging damals nur selten gut. Und das ist heute nicht anders.

Bei „Kaviar“ weis man gar nicht, was am meisten nervt: Das Overacting der Darsteller, die monotone Drei-Noten-Balaleika-Musik, die Sex- und Fäkal-Witzchen oder das holprige Timing. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dialoge (Österreichisch mit russischem Akzent) oft an der Grenze zur Unverständlichkeit balancieren.

Kaviar? Von wegen! Das hier reicht noch nicht mal für kalten Borscht.

WERTUNG: 5

Kino: „Mamacita“

Mamacita hat immer recht: „Die Pfanne läuft nicht über“, sagt die fast Hundertjährige und wer widerspricht wird übel beschimpft – auch wenn die Soße schon vom Herd runtertropft. „Ich bin schön“, sagt Mamacita auch, obwohl sie aussieht wie ein Skeksis aus dem ‚Dunklen Kristall‘.

Für den jungen Filmstudenten José Pablo Estrada Torrescano war seine Großmutter schon immer eine Figur, die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung beobachtet hat. Immerhin hatte die resolute Dame es geschafft in Mexico zu einer Ikone der Schönheit zu werden und mit eigenen Beauty-Farmen richtig viel Geld zu verdienen. Glücklich hat es sie nicht gemacht.

Ihre acht Töchter – und zwei Dutzend Enkel – waren Staffage und wurden wie Personal herumkommandiert. So musste José vor dem Filmstudium in Deutschland versprechen, heimzukommen und eine Doku über „Mamacita“ zu drehen. Das macht er auch – allerdings mit eigenen Hintergedanken: Er will herausfinden, woher der Fluch der Lieblosigkeit kommt, der über seiner Familie liegt.

Es beginnt eine kafkaeske Reise in das Schloss der alten Dame und bald merkt José, dass er mit den normalen Möglichkeiten des Dokumentarfilms – beobachten, Fragen stellen – nicht weit kommt. Darum trifft er eine radikale Entscheidung…

Ein mutiger, aber auch sehr bitterer Film, der nach dem Abspann noch eine Pointe bereit hält, die je nach Betrachtung als versöhnlich oder grausam empfunden werden kann.
Respekt, für den Mut des jungen Filmemachers – aber zweimal würde ich das nicht gucken.

WERTUNG 2

Kino: „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“

Der 20-jährige Kleinganove Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) aus der Pariser Vorstadt kann einfach an keinem Klavier vorbeigehen. Selbst als er mit seinen Kumpels in eine Villa einbricht bleibt er versonnen am Flügel hocken – und wird prompt geschnappt.

Doch überraschenderweise bietet ihm Pierre Geithner (Lambert Wilson), Lehrer am Pariser Konservatorium, einen Deal an: Klavier statt Knast. Er glaubt in Malinski ein Jahrhundert-Talent entdeckt zu haben – und genau ein solches braucht er, um seine marode Schule wieder in ein positives Licht zu rücken.

Nur widerwillig geht Mathieu zu den Stunden bei der „Gräfin“ (Kristin Scott Thomas), der strengsten und besten Lehrerin der Schule, die ihm erst mal erklären muss, was die seltsamen italienischen Wörter über den Noten bedeuten. Die Zeit drängt, denn Geithner hat Mathieu zu einem internationalen Wettbewerb angemeldet – so dass in sechs Monaten aus dem Straßenjungen ein perfekter Pianist werden muss…

Was ausgerechnet diesen, doch recht faulen Pianisten so viel besser macht als seine Mitschüler, vermag der Film nicht glaubwürdig zu vermitteln. Auch sonst hakt die Story an vielen Punkten. Man hat den Eindruck, als hätte Regisseur Ludovic Bernard für „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ einfach das Drehbuch von „Good Will Hunting“ genommen und Mathematik durch Musik ersetzt. Dabei blieben aber die Warmherzigkeit und der Tiefgang des Originals auf der Strecke. Zu platt sind die Dialoge, zu fad die Charaktere, zu groß der Leerlauf. Einzig Kristin Scott Thomas verleiht dem Geschehen etwas Witz und Würde.

WERTUNG: 5

KINO: „Klasse Deutsch“

Wie die Integration von Geflüchteten gelingen kann, darüber gab es in den letzten Jahren unzählige Diskussionen. Und nur über eines herrschte wirklich Einigkeit: Wer hierher kommt, sollte schnell und gründlich die deutsche Sprache lernen.

Doch wie funktioniert das in der Praxis? Dokumentarfilmer Florian Heinzen-Ziob verbrachte sechs Monate lang jeden Vormittag in der „Vorbereitungsklasse“ der Kölner Henry-Ford-Realschule. Hier büffeln Schüler unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft täglich fünf Stunden lang Deutsch.

Angeleitet werden sie von Lehrerin Ute Vecchio, die neben ihrer fachlichen Arbeit auch noch als Seelsorgerin gefragt ist: Denn für die meisten Kinder ist es ungewiss, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben. Und oft sind es gerade die engagiertesten, welche Köln wieder verlassen müssen. Das erfahren wir in einer der wenigen Szenen, die Ute Vecchio im Gespräch mit einer Kollegin zeigen.

Meist verlässt die Kamera das Klassenzimmer nicht. Aus leicht erhöhter Perspektive blicken wir auf immer gleiche Szenen: Vecchio die geduldig im Einzelunterricht übt. Vecchio die schimpft. Schüler, die sich beklagen. Interviews gibt es keine und über die Hintergründe der Personen erfahren wir nichts. Die Zuschauer sind aufgefordert, sich alles mehr oder minder selbst zusammen zu reimen.

Dabei sind die Filmemacher aber alles andere als unsichtbar: Gerade die Jungs, die eher als Klassenclowns unterwegs sind, lugen immer wieder zur Kamera um zu sehen, ob sie gerade eine komische Wirkung erzielen.

Etwas merkwürdig auch die Entscheidung, den Film im gediegenem Schwarz-Weiß zu präsentieren. Einerseits wirkt es sehr stilvoll, verschleiert aber auch die Realität: „Ein knallbuntes Klassenzimmer“ ist laut Regisseur Heinzen-Ziob „zu unruhig und lenkt ab“. Warum die jungen Menschen dann ausgerechnet an einem solchen Ort lernen sollen – und beschimpft werden, wenn sie es nicht schaffen – wäre eine spannendere Sache, als eine weitere Gardinenpredigt von Ute Vecchio zu hören.

WERTUNG: 4