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Can´t start a fire without a Spock: Discovery Staffel 2

Die erste Staffel von „Star Trek Discovery“ war ein zwiespältiges Vergnügen: Tolle Optik, guter Cast, aber auch viel Düsternis und Krieg. Zudem schien jeder Autor sein ganz eigenes Süppchen zu kochen: Manche wollten ernste Stories über Posttraumatischen Stress erzählen, andere Spaß mit dem Spiegeluniversum und Zeitreisen haben. Wieder anderen war es völlig egal worum es ging. Hauptsache es wurde ganz viel Klingonisch gesprochen.

Für die zweite Staffel haben sich die Autoren die Kritik der Fans spürbar zu Herzen genommen und präsentieren in den 14 Folgen viele klassische Trek-Abenteuer der Begegnung mit dem Unbekannten. Eingebettet ist das ganze wieder in eine durchgehende Rahmenhandlung:

Kurz nach dem Ende des Krieges mit den Klingonen stößt die „Discovery“ auf etwas merkwürdiges: An unterschiedlichen Punkten der Galaxis tauchen plötzlich Leuchtsignale unbekannter Herkunft auf. Bei den Nachforschungen begegnet die Crew dem geheimnisvollen „Red Angel“. Diese schemenhafte Gestalt scheint in ganz besonderer Verbindung zu einem der prominentesten Mitglieder der Sternenflotte zu stehen: Mr. Spock, der sich zur Zeit aber an einem sehr ungewöhnlichen Ort befindet….

 

Mit Pike, Spock, Number One und natürlich der Enterprise in Action wird der klassichen Serie viel Tribut gezollt. Sogar im amerikansichen Starttermin am 17. Januar steckt eine Hommage. Auch sonst werden viele Dinge bereingt: Die Leute auf der Brücke bekommen endlich Namen und die Unstimmigkeiten mit der Classic-Serie (Warum haben die Klingonen keine langen Haare? Warum hat die Enterprise Hologramme? Und vor allem: Warum haben wir in all den Jahren noch nie etwas von Spocks ‚Schwester‘ Michael gehört?) werden witzig erklärt. Mehr kann man sich hier nicht wünschen.


Natürlich gibt es auch hier Gurkenfolgen, die sich ewig in die Länge ziehen („The Red Angel“, ausgerechnet!)
Zudem scheinen die Autoren noch nie etwas von Subtext gehört zu haben: Jede Figur spricht ihre Gefühle immer 1:1 aus. Hier könnte man den Darstellern ruhig noch mehr zutrauen. Insgesammt aber eine große Steigerung, die viel für die Zukunft verspricht.

Here be spoilers

Mit dem Rätsel um die Identität des Red Angels hat die Serie einen starken Focus

Ich hatte erwartet, dass es Spock ist.
Gehofft, dass es Picard ist.
Gefürchtet, dass es Michael Burnham ist.

Die Auflösung war unerwartet, aber letztlich gelungen.

Wenn der Titel nicht schon vergeben wäre, hätte diese Staffel auch „The search for Spock“ heißen können. Geschickt bauen die Autoren die Spannung auf, bis der berühmte Vulkanier endlich auf der Brücke steht. Und Ethan Pecks Spock ist die Wartezeit wert. Ich mochte den Bart und die tiefe Stimme. Obwohl er stets ruhig agiert spürt man deutlich wie unter der Oberfläche der Konflikt zwischen Logik und Emotion tobt.

Ebenfalls sehr leise in den Mitteln – und sehr stark in der Wirkung – ist Anson Mount. Sein Pike ist ein toller, klassischer Captain. Dass er im Laufe der Folgen einen Einblick in seine traurige Zukunft bekommt (die wir aus der klassischen Kirk-Serie schon kennen), gibt der Figur Tiefe und Tragik. Als er sich in der vorletzten Folge von der Crew verabschiedet hatte ich wirklich den Impuls ebenfalls aufzustehen um diesem Captain den letzten Salut zu geben.

Auch die Folgen um Saru fand ich Klasse, wobei es mir hier etwas zu schnell ging. Wenn wir diesen Typen noch länger als ängstlich erlebt hätten wäre seine Wandlung spektakulärer gewesen.

Was für mich dagegen gar nicht funktioniert ist „Section 31“. Michelle Yeoh ist als Edle Heldin unschlagbar. Als grinsende Schurkin im 80er-Jahre-Billy-Idol-Fanclub-Outfit dagegen eine Fehlbesetzung. Und endlose Sterbeszenen von Menschen, die man entweder in der selben Folge erst kennengelernt hat oder die dann erwartungsgemäß doch nicht sterben sind seit Game of Thrones nicht mehr zeitgemäß

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KINO: „Ayka“

Es begann mit einer Zeitungsmeldung: „Im Jahr 2010 blieben in Moskauer Kliniken 248 Kinder zurück, die von Müttern aus Kirgisistan verlassen wurden“. Der russische Regisseur Sergey Dvortsevoy („Tulpan“) las das und war entsetzt: „Was kann eine Mutter dazu bewegen, ihr Kind in einem fremden Land zurückzulassen?“. Er machte sich auf die Spurensuche. Was er herausgefunden hat, präsentiert er in einem Spielfilm, der über weite Strecken wie eine Dokumentation wirkt: Mit lockerer Handkamera verfolgt er die junge Ayka (Samal Yeslyamova) durch die verschneiten Straßen Moskaus. Die Frau ist gerade aus einer Geburtsklinik geflüchtet und hat ihr Kind zurückgelassen. Statt ins Wochenbett geht es für Ayka an die Arbeit. Hühner rupfen in einem dunklem Keller. Schnee schippen. Eine Tierarzt-Praxis putzen. Bald beginnt sie zu bluten und die aufs Stillen vorbereiteten Brüste beginnen zu schmerzen. Zudem sieht sie sich überall mit Zeichen von Mütterlichkeit konfrontiert: Die säugende Dackelhündin in der Tierarztpraxis oder die Putzfrau, die sich für ihren kranken Sohn abarbeitet. Und als ob das noch nicht reichen würde, wird sie gleich zweifach verfolgt: Von der korrupten Polizei, die illegale Einwanderer jagt und von Kredit-Gangstern, denen sie Geld schuldet. Denn eigentlich hatte Ayka einen ganz anderen Traum…

Ayka“ ist ein rohes, heftiges Stück Kino. Die Hauptdarstellerin geht in diesen fast zwei Stunden körperlich und seelisch durch die Hölle – und wurde damit für den Preis als beste Schauspielerin in Cannes ausgezeichnet. Für Regisseur Dvortsevoy steht sie damit stellvertretend für viele starke Frauen, die vor fast unlösbaren moralischen Entscheidungen stehen. Leider ist das ganze auch ziemlich redundant. Gut gefallen hat mir der namenlose Gangster, der Ayka ständig mit Hollywood-artigen Drohungen aufwartet – und dabei ein Gesicht macht als würde er das Mädchen am liebsten adoptieren und beschützen. Sonst aber eher depro.
WERTUNG: 4

KINO: „Christo – Walking on Water“

Der verhüllte Reichstag, ein Vorhang zwischen zwei Bergen in den Rocky Mountains oder über 7000 Tore im Central Park von New York: Immer wieder verwirklichten Christo und seine Frau und Partnerin Jeanne-Claude monumentale Werke.

Als Jeanne-Claude 2009 starb zog Christo sich zurück – viele dachten für immer.

Doch im stillen arbeitete der greise Meister daran, ein Projekt zu verwirklichen, das er und Jean-Claude bereits 1970 geplant hatten: Die „Floating Piers“ – mit buntem Stoff überzogene Pontons, die einem ermöglichen auf einem See kilometerweit „auf dem Wasser zu gehen“.

Dokumentarfilmer Andrey Paounov begleitete Christo bei der Realisierung dieses Projekts im Jahr 2016 – und blättert die Chronik einer Katastrophe auf: Die kleine italienische Stadt Sulzano kann Christo nicht mal ein funktionierendes Mikrofon stellen, geschweige denn den Ansturm von 50 000 Besuchern pro Tag organisieren. Die Bürokratie und das Wetter am Iseosee erschweren die Lage weiter. Und der Meister selbst ist mit seiner cholerischen Art keine Hilfe: Er flucht, schimpft und feuert auch schon mal spontan Mitarbeiter, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht…

 

 

Christo – Walking on water“ ist definitv keine Lobhudelei. Mit wackeliger Handkamera folgen die Filmemacher Christo auf Schritt und Tritt durch die Niederungen des Kunstbetriebs. Wir sehen, wie er für potentielle Geldgeber dünn in die Handykameras lächelt, als Stärkung ein Ei ausschlürft oder sich die Wimpern von Faktotum Vladimir Yavachev mit der Schere stutzen lässt.

Über seine künstlerische Arbeit erfahren wir dagegen fast nichts. Es gibt keine Interviews und sein bisheriges Schaffen wird in einer spröden Texttafel zusammengefasst: „Christo und Jeanne-Claude realisierten 23 Werke“. Das ist zu dünn!

Sehenswert machen den Film aber die Einblicke in die haptische Arbeit hinter den Kulissen: Wie mittels Hubschraubern und hunderten von Helfern der See innerhalb weniger Tage in ein Kunstwerk verwandelt wird, ist visuell berauschend. Dazu passt die von Perkussion getriebene Filmmusik, die das mechanische des Arbeitsprozesses elegant in den Zauber des fertigen Werkes überleitet.

WERTUNG: 4

KINO: „Dumbo“

Dumbo“ fliegt wieder: Im Remake des Disney-Films von 1941 brennt Kultregisseur Tim Burton erneut ein Bilderfeuerwerk ab.

Was soll denn das sein?“ Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) ist entsetzt. Eigentlich hatte er ein süßes, kleines Elefantenbaby bestellt, dass seinen maroden Reisezirkus sanieren sollte. Doch statt dessen sitzt vor ihm ein Wesen mit viel zu großen Ohren: Dumbo, der laut Medici höchstens für die Clownsnummer taugt. Als Pfleger für das kleine Tier wird Ex-Kunstreiter Holt Farrier (Colin Farrel) ausgesucht. Der ist selbst eine Art Restposten: Im Krieg verlor er seinen linken Arm, durch eine Krankheit seine Frau und Partnerin. Gut, dass er noch seine beiden Kinder hat: Den lebensfrohen Joe (Finley Hobbins) und die smarte Milly (Nico Parker), die gerne Wissenschaftlerin werden möchte, wie Marie Curie. Doch es ist 1919 und der Geist der Zeit hat ganz andere Rollen für Frauen vorgesehen. Zum Beispiel als schönes Accesoire eines Mannes an dessen Seite zu stehen. So ergeht es Trapez-Artistin Colette (Eva Green), die sich bald mit der Familie Farrier anfreundet, nachdem die Kinder eine Entdeckung gemacht haben: Dumbo, der scheinbar wertlose Elefant, besitzt eine ganz besondere Gabe: Jedesmal wenn er eine Feder verschluckt kann er tatsächlich mit seinen großen Ohren fliegen. Doch traut sich das Baby das auch in der Manege?

Sicher hätte das Disney-Studio keinen besseren Regisseur diesen Stoff finden können als Tim Burton. Die Bande liebenswerter Außenseiter, das Zirkus-Setting und die fantastischen Elemente scheinen wie geschaffen für den Meisterregisseur. Und besonders in der ersten Hälfte funktioniert das hervorragend: Burton brennt ein visuelles Feuerwerk ab, bei dem es ständig was zu staunen und zu entdecken gibt. Selbst auf Chinesisch würde man diesen Film verstehen, da wirklich alles wichtige bildlich dargestellt wird!

Aber dann fangen die Probleme an. Der Original-Dumbo von 1941 dauerte nur gut eine Stunde, weil das Studio nach dem Kassenflop der ambitionierten „Fantasia“ auf Sparflamme kochte. Um auf Spielfilmlänge zu kommen musste der neue „Dumbo“ also ordentlich gestreckt werden – und das machten die Autoren, in dem sie die selbe Geschichte einfach noch mal erzählen: Statt im Zirkus muss Dumbo nun im seelenlosen Freizeitpark von V.A.Vandevere (Michael Keaton) seine Mutprobe bestehen. Hier passiert das gleiche wie vorher, nur bombastischer.

Ist das subversiv? Ein Disney-Film, der Betreiber von Freizeitparks als geldgeile Typen darstellt, die ihr Publikum mit hohlem Bombast blenden um ihm das immergleiche vorzusetzen? Eines ist sicher: Irgendwer wird hier kräftig durch den Kakao gezogen. Und ich fürchte es sind wir: Die Zuschauer.

WERTUNG: 3

KINO: „Free Solo“

Nicht mehr allein auf dem Berg: Der Oscar-prämierte Dokumentarfilm „Free Solo“ begleitet Extrem-Kletterer Alex Honnold auf der schwersten Reise seines Lebens.

Es beginnt, wie Kletterfilme eben beginnen: Mit einem jungen Kerl, der für’s Bergsteigen brennt und mit dem Gipfel, den er unbedingt bezwingen will. In diesem Fall sind das der 30-jährige Alex Honnold, Spezialist für Solo-Touren ohne Seil und „El Capitan“ im Yosemite National Park. Praktisch eine 900 Meter hohe, senkrechte Granitwand ohne nennenswerte Haltegriffe.

Akribisch bereitet Honnold sich auf die fast unmögliche Besteigung vor: In Begleitung vom Kletter-Kollegen Tommy Caldwell erprobt er die schwiergsten Stellen und stählt seinen Geist für den Aufstieg ohne Seil. Doch dann passiert etwas, womit Honnold nicht gerechnet hat: Eine Frau tritt in sein Leben. Und die stellt ihm die schwierigste aller Fragen: Warum?

Das ist dann auch der Punkt an dem „Free Solo“ von Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi die gewohnte Dramaturgie des Bergfilms verlässt und Honnold auf eine ganz andere Reise begleitet: Nach neun Jahren im Wohnmobil geht er plötzlich ein Haus kaufen. Er lernt anders zu essen, als direkt mit dem Bratenwender aus der Pfanne. Und er geht sogar zum Gehirn-Scan. Denn langsam wachsen in ihm die Zweifel: Die meisten Solo-Free-Climber stürzen irgendwann in den Tod. Ist seine Furchtlosigkeit am Berg vielleicht krankhaft? Leidet er – wie sein Vater – am Asperger-Syndrom? Geht er allein auf Bergtouren, weil er einfach unfähig ist, sich mit Menschen zu verbinden?

Je mehr er sich auf solche Fragen einlässt, desto geringer wird sein Fokus – und er beginnt Fehltritte zu machen…

 

Den Filmemacherinnen gelingt hier eine erstaunliche Gratwanderung: Einerseits zeigen sie viel Respekt für die sportliche Leistung Honnolds und feiern die El-Cap-Besteigung in atemberaubenden Bildern und mit einem prächtigen Score von Komponist Marco Beltrami. Andererseits heben sie ihren Protagonisten nie auf ein Podest, sondern zeigen ihn als schwierigen Menschen, der seiner Umwelt viel abverlangt. Gerade im Kontrast zu seinem Begleiter Caldwell, einem umgänglichen Familienmenschen, entsteht ein spannendes Portrait eines in vieler Hinsicht extremen Lebens.
WERTUNG: 2

PETER ROMIR

KINO: „Trautmann“

Deutsch-Englische Freundschaft: Marcus H. Rosenmüller verfilmte das Leben von Bert Trautmann, der vom Kriegsgefangenen zum Star-Torhüter von Manchester City wurde.

Die Geschichte dieses Films beginnt in Nürnberg: 2008 lernten sich auf der Gala der Deutschen Akademie für Fußballkultur der Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) und Preisträger Bernd Trautmann kennen. Rosenmüller war fasziniert von der Lebensgeschichte des Torhüters: Als Kriegsgefangener war er nach England gekommen und hatte sich in zäher Hingabe das Vertrauen der Engländer erspielt – und schließlich 500 Spiele als Torwart für Manchester City bestritten. Eines davon mit gebrochenem Genick… „Das musste ich erzählen!“, wusste Rosenmüller.

Eine Woche lang sprach er mit Trautmann und verdichtete dessen Erinnerungen in ein Drehbuch. Im Film ist es nun David Kross, der den jungen Soldaten spielt, der sich nach den traumatischen Erfahrungen des Krieges in einem englischen Gefangenen-Lager wiederfindet. Deutschland hat gerade kapituliert und zwischen den Insassen kochen die Spannungen, da einige Altnazis den Traum von der Herrenrasse nicht aufgegeben haben. Und auch die Briten lassen die Deutschen deutlich spüren, was sie von ihnen halten: Trautmanns Hauptjob ist das Auskratzen der Latrine. Erleichterung bietet allein das Fußballspiel und bald fallen Trautmanns Torhüter-Qualitäten dem Trainer des Lokalvereins Jack Friar (John Henshaw) auf. Auch seiner Tochter Margaret (Freya Mayor) gefällt der junge Mann. Aber einem „Kraut“ und Ex-Wehrmachtler kann man doch nicht trauen – oder?

Für Rosenmüller, eigentlich einem Spezialisten für bayerische Stoffe, war es der erste Dreh mit britischen Darstellern: „Ich war sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste wie sie auf mich reagieren. Gerade bei Gary Lewis, von dem ich ein großer Fan bin. Aber er umarmte mich gleich und sagte: ‚Wir müssen diesen Film machen! Gegen Brexit! Gegen Trump!'“

Da war es dann auch Ehrensache, dass in diesem Film alles historisch korrekt ist: Vom lokalen Dialekt (der leider erst in der zweisprachigen DVD-Fassung zu hören sein wird) bis hin zur Rekonstruktion der Fußball-Spiele: „Wir wussten sogar ob mit dem Außenrist gespielt wurde“, so Rosenmüller. Mit digitalen Tricks und durch Aufnahmen in alten Stadien Europas wurden auch die inzwischen abgerissenen Arenen von Manchester und Wembley wiederbelebt.

Im Gegensatz zum „Wunder von Bern“ bläst Rosenmüllers Film aber den Fußball nie zum Symbol für die Lage der Nation auf. Es darf ein Spiel bleiben. Wenn auch ein ernstes: In einer starken Szene lassen Trautmann und sein Rivale ein Elfmeter-Schießen im Regen darüber entscheiden, wem Margarets Liebe gehören soll.

„Trautmann“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte der zögernden Annäherung und schließlich Freundschaft von Deutschen und Briten. Dabei punktet der unaufgeregte Film vor allem mit den intimen Momenten: Wenn Trautmann und Margaret einen Vogel fangen oder er sich mit Jack um eine Zigarettenschachtel balgt. „So wollte Trautmann auch in Erinnerung bleiben“, sagt Rosenmüller. „Nicht als der Torwart mit dem gebrochenen Genick, sondern als einer, der sich für die Völkerverständigung eingesetzt hat.“

WERTUNG: 3

KINO: „Kirschblüten & Dämonen“

Japanische Geister in bayerischen Bauernhöfen: In „Kirschblüten & Dämonen“ besucht Regisseurin Doris Dörrie erneut die Familie aus ihrem Film „Kirschblüten – Hanami“ von 2008.

Welche Rolle ein Kind im Leben zu spielen hat ist meist ein Geheimnis. Nicht so bei den Angermaiers: In ihrem Bauernhof bekommt jedes Familienmitglied seine Aufgabe eindeutig auf den Tisch – in Form eines Emaille-Tellers mit einem entsprechenden Tiermotiv darauf. Papa (Elmar Wepper) ist die Wildsau, die Tochter (Birgit Minichmayr) der schlaue Fuchs. Für den jüngsten Sohn Karl (Golo Euler) bleibt nur das Rebhuhn: Nervös, feige und ganz gar unmännlich.

So ähnlich gestaltet sich auch sein Erwachsenen-Leben: Nach der Trennung von Frau und Kind wird er zum Alkoholiker und steht kurz vorm Rande des Abgrunds. Bis ihm eines Tages die geheimnisvolle Japanerin Yu (Aya Irizuki) begegnet. Diese begleitete vor zehn Jahren den Vater auf seiner letzten Reise durch Tokio. Und sie ist bei weiten nicht der einzige Geist, der durch das alte Bauernhaus der Angermaiers spukt…

Wiederholt drehte Regisseurin Doris Dörrie in Japan. Dabei lies sich die (nach eigenem Bekunden) „nüchterne Norddeutsche“ vom Geisterglauben der Japaner faszinieren: „Das ist ja nur eine Frage der Worte: Wenn ich Erinnerungen Geister nenne, dann lebe auch ich mit Geistern“, sagt sie.

Und so wagte sie sich an eine Fortsetzung ihres Films „Kirschblüten – Hanami“, der von der letzten Reise von Rudi und Trudi Angermaier (Elmar Wepper und Hannelore Elsner) erzählte – die nun als Geister zurückkehren um Karl zu plagen oder zu retten. Je nach dem, was er daraus macht.

„Kirschblüten & Dämonen“ ist ein Film voll spröder Poesie. Oft greift er zu stark theatralischen Mitteln: Die Darsteller tragen Masken oder interagieren mit betont künstlichen Requisiten, wie einem riesigem rosa Telefon. Als starker Kontrast wirken die satirisch zugespitzten Realitätsbezüge: Karls Bruder (Felix Eitner) engagiert sich in der rechten Partei „AFP“ – woraufhin sich sein Sohn aus Protest ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert und in seinem Zimmer einschließt. Manchmal droht es den Film zwischen all seinen Ideen und Einflüssen zu zerreißen – und dann bietet er doch wieder Momente, die zeigen, wie nah sich Japan und Bayern sind: In der Fetischisierung von Kleidung, im tief verwurzelten Geisterglauben oder in der puren Schönheit der Natur.

WERTUNG: 3

KINO: „Reiss aus“

Zwei Jahre in Afrika: Lena Wendt und Ulrich Stirnat zeichnen in ihrem ungewöhnlichen Dokumentarfilm „Reiss aus“ das Bild eines vielfältigen Kontinents.

„Seit ich denken kann, wollte ich immer nach Afrika – vielleicht weil es die Heimat der Menschheit ist“, erzählt die Filmemacherin Lena Wendt bei ihrem Besuch im Babylon Kino. Schon früh machte sie ihren Traum wahr: Als Rucksacktouristin tourte sie durch den Kontinent und drehte youtube-Videos über verschiedene afrikanische Länder.

Mit Hilfe einer Crowd-Funding-Campange realisierte sie schließlich ein großes Projekt: Zusammen mit ihrem Freund Ulrich Stirnat fuhr sie zwei Jahre lang in einem alten Jeep kreuz und quer durch Westafrika: „Eigentlich war der Plan von Norden nach Süden zu fahren, doch Ebola und viele Grenzprobleme machten das unmöglich“, erzählt Wendt.

Von ihrer Reise brachten die beiden einen Film mit, der ihre Abenteuer dokumentiert: Er zeigt die schönen Seiten Afrikas – die Gastfreundschaft, die traumhaften Strände, das Engagement der Menschen. Aber wir sehen auch die Schattenseiten: Schlechte Medizinische Versorgung, Armut und Raubbau an der Natur. Und wir lernen zwei Menschen kennen, die versuchen ihre Beziehung am laufen zu halten, während sie mit den Tücken der Umwelt kämpfen: Mal bleibt das Auto im Sand stecken, mal setzen endlose Regenfälle die Straßen unter Wasser. Besonders für Stirnat war es eine Herausforderung: „Im Gegensatz zu Lena bin ich kein Afrika-Fan. Die Reise brachte mich deshalb oft an meine Grenzen und darüber hinaus.“

Schließlich kamen die beiden jedoch mit einer Erkenntnis zurück: „Es ist möglich, seine Träume zu verwirklichen! Immer wenn man glaubt es geht nicht mehr weiter, dann kommt jemand, der einem hilft!“ Sie merkten aber auch, dass die Lösung der Probleme nicht in der Ferne liegt: „Meine Ängste und Sorgen reisen immer mit mir, deswegen ist es gut sich zu fragen, wer man ist und was man will“, erzählt Stirnat, der nach dem Afrika-Abenteuer auch zur Mediation gefunden hat.

Inzwischen sind die beiden wieder auf Tour – diesmal aber durch Deutschland um ihren Film vorzustellen. In Fürth trafen sie dabei auf einen fast vollen Kinosaal und ein interessiertes Publikum, das auch wissen wollte, ob sie noch Kontakt zu den Menschen in Afrika haben: „Zu den meisten ja“, erzählt Wendt. „Und mit dem Verkauf von Soundtracks. Büchern oder Postern finanzieren wir auch Projekte vor Ort, wie ein Heim für Straßenhunde oder eine Küche für ein Waisenhaus.“

Trotz gelegentlicher Redundanz ist „Reiss aus“ mehr als beachtlich – immerhin ist das hier ein Film von nur zwei Leuten mit minimalem Budget! Vor allem die Musik und der Schnitt sorgen für eine abwechslungsreiche Reise durch Afrika voller Entdeckungen.

WERTUNG: 2

KINO: „The Hate U Give“

Der steinige Weg zur Gleichberechtigung: „The Hate U Give“ zeigt das Leben einer jungen Afro-Amerikanerin zwischen Rassismus und Anpassung.

Mit Schuluniform und beherrschter Miene schreitet Starr Carter (Amandala Stenberg) durch die Gänge der Privatschule. Niemand ihrer weißen Klassenkameraden soll sie für ein Mädchen aus dem Ghetto halten. Schließlich haben ihre Eltern sie extra hierher geschickt um den Teufelskreis aus Armut und Kriminalität zu brechen, in dem sie selbst in ihrer Jugend gefangen waren. Denn auf den Straßen ihres Viertels herrschen noch immer die Drogendealer und manche Party endet mit Schüssen.

Und obwohl die Carters längst in der Mittelschicht angekommen sind und in einem netten Haus wohnen ist die Familie von Gleichberechtigung noch weit entfernt: „Wenn ein Cop euch anhält, dann legt die Hände aufs Armaturen-Brett, damit er sehen kann, dass ihr unbewaffnet seit“, schärft der Vater Starr und ihren Brüdern immer wieder ein.

Wie recht er hat merkt Starr, als sie eines Nachts zusammen mit ihrem Sandkasten-Kumpel Khalil (Algee Smith) von einer Streife angehalten wird – prompt eskaliert die Situation und Khalil liegt blutend auf der Straße. Ein Fall von Polizisten-Willkür oder Notwehr? Nur Starr könnte das aufklären. Aber sie zögert – aus zwei Gründen: Sie möchte ihr Highschool-Leben nicht noch komplizierter machen und sich nicht den Zorn der Gangs zuziehen. Denn Khalil war kein unbeschriebenes Blatt…

„The Hate U Give“ beruht auf dem autobiografischen Roman von Angie Thomas. Er zeigt uns keine abgefuckte Ghetto-Welt, sondern eine liebevolle Familie, die droht zwischen den unterschiedlichen Anforderungen zerrieben zu werden.

Mit der jungen Amandala Stenberg hat der Film ein starkes Zentrum. Sie macht Starr Carter zu einer glaubwürdigen und vielschichtigen jungen Frau, die abwägen muss, was ihr wichtiger ist: Ihre eigene Sicherheit, ihre Freunde oder die Werte der Ehre, von denen ihr Vater immer redet. Dabei liefert der Film keine einfachen Antworten, sondern stellt komplexe moralische Fragen. Dabei kommen die Sichtweisen unterschiedlichster Menschen zur Sprache: Der Cops, der Bürgerrechts-Aktivisten, aber auch der weißen Mitschüler, die sich gern mit Pro-Gleichberechtigungs-Sprüchen hinter Hashtags schmücken – aber auch ungern etwas von ihren Privilegien abgeben wollen.

Bei allem inhaltlichem Tiefgang ist „The Hate U Give“ dennoch kein schwerer Film: Er fließt leicht dahin wie ein Musikvideo, ist exzellent fotografiert und in seiner humanistischen Grundhaltung sehr berührend und ermutigend. Go, see it!
WERTUNG: 1

The Boys are back: „The Irishman“

Selten hat mich ein Trailer so gethrillt wie dieser hier – und das obwohl er praktisch nichts erzählt, keine Bilder zeigt, sondern nur Namen. Aber nicht irgendwelche Namen, sondern diese:

Zwischen 1967 und 1995 schrieben die Herren Scorcese, DeNiro, Pesci und Keitel zusammen Kinogeschichte. Und erfanden den Gangster-Film neu. Doch nach „Casino“ war Schluss und jeder hing seinen Projekten nach. Sie jetzt wieder zusammen zu sehen ist ein tolles Geschenk. Es ist (was aus dem Trailer gar nicht klar wird 🙂 ) die Story eines historischen Mafia-Killers (DeNiro), welcher den Gewerkschafftsboss Jimmi Hoffa (Stallone, äh nein, Pacino) auf der Abschussliste hat.

Cool ist auch, dass der Film über mehrere Jahrzehnte erzählt, wobei die Darsteller mittels CGI verjüngt werden. Vermutlich ein nettes Spiegelbild zu „Once upon a time in America“, bei dem der junge DeNiro (mittels Maske und Schauspielkunst) ebenfalls einen Mafiosi über mehrere Jahrzehnte spielt. Ich bin gespannt!