Kino: „Andere Leute“

Jesus rapt in der Straßenbahn. Aktuell läuft die 17. Polnische Filmwoche in Nürnberg. Zu den Gästen gehörte auch Autorin Dorota Masłowska, die die Verfilmung ihres Romans „Andere Leute“ vorstellte.

So hat man Jesus auch noch nicht gesehen: Mit Dornekrone auf dem Baseballcap und dem großen Herzen auf dem Hoodie sitzt er (gespielt von Sebastian Fabijanski) in einer Warschauer Straßenbahn und rapt vor sich hin. Er begleitet Kamil (Jacek Beler), einen jungen Mann, der davon träumt als Rapper groß rauszukommen. Doch der Erfolg lies auf sich warten und mit 32 hockt Kamil noch immer bei seiner Mutter und schlägt sich eher schlecht als recht durchs Leben. Abwechslung – und etwas Geld – bringt Sex mit der wohlhabenden, aber einsamen Iwona (Sonia Bohosiewicz). Da beide aber noch anderweitig verbandelt sind läuft die Affaire unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu…

Was „Andere Leute“ von thematisch ähnlichen Filmen unterscheidet und zu einem Höhepunkt der 17. Polnischen Filmwoche macht ist die Sprache: Die Personen reden nicht einfach, sondern rappen ihren Text. Zudem hält Regisseurin Aleksandra Terpińska immer wieder die Zeit an, damit die Figuren wie in einer Oper, zu dicken Beats des polnischen Komponisten Auer, ihr Innenleben nach außen kehren können. Teils mit deftigen Kraftausdrücken.

Diese frische und zugleich poetische Sprache machte Autorin Dorota Masłowska bei ihrem Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“ in ihrer Heimat schlagartig berühmt – und berüchtigt. Solch klare Worte – von einer damals 19-jährigen – hatte man in Polen vorher noch nicht vernommen. Diesem Stil blieb sie bis heute treu.

„Meine Werke werden oft als ‚provokant‘ bezeichnet, aber der Begriff gefällt mir gar nicht“, sagt die Autorin bei ihrem Besuch in Nürnberg. „Sicher habe ich etwas provokatives in mir, dass manchmal gern Leute aufzieht – aber in erster Linie arbeite ich intuitiv, an Themen, die ich interessant finde. Manche Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen – sie fühlen sich verletzt und aggressiv. Und geben dann mir die Schuld dafür, weil ich es angesprochen habe.“

Aber auch auf der anderen Seite des Atlantiks fürchtet man die poetische Wucht von Masłowskas Prosa: Der amerikanische Verleiher Warner Brothers bestand darauf, dass vor dem Film mehrere Trigger-Warnungen zu lesen sind: Wer Angst vor Gewalt oder Probleme mit Esstörung hat, sollte lieber nicht weiterschauen.
Klingt nach ziemlich heftigem Stoff. Umso überraschender dann der weitgehend freundliche, teils sogar humorige Tonfall des Films. Wer mit Sarah Kane, Michael Haneke oder Gaspar Noé aufgewachsen ist wird hier nichts finden, was die Grenzen des Zumutbaren auch nur annähernd berührt. Die einzige Herausforderung für nicht polnisch sprechende Menschen ist es, die Untertitel der rasend schnellen Texte mitzulesen.

WERTUNG: 2

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