The War of the Ring? Eine kurze Chronik des Streits um „Rings of Power“

Wer ist der Herr der Ringe? Im Vorfeld der neuen ‚Rings of Power‘-Serie legt sich Produzent Amazon massiv mit den Fans an. Es geht um Frisuren, Hautfarben und jede Menge Kohle.

In der Nacht auf den 14. Februar 2022 hatten viele Tolkien-Fans in Europa ihren Wecker auf 2 Uhr gestellt. Denn in der Halbzeitpause des „Super-Bowl“ sollten die ersten bewegten Bilder aus der neuen Serie „Die Ringe der Macht“ zu sehen sein – eine Art Vorgeschichte zu den „Herr der Ringe“ und „Hobbit“-Filmen von Peter Jackson.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Amazon Prime striktes Schweigen über die Produktion verhängt und nur eine handvoll Standfotos und trockene Statements veröffentlicht.

Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung der Fans: Was würde der Paketzusteller liefern? Immerhin ist J.R.R. Tolkiens Schöpfung nicht irgendeine Fantasy-Story, sondern der Stammvater des Genres. Eine Welt, so lebendig und ausgefeilt, dass noch heute zahllose Menschen einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit verbringen, sie zu erforschen.

Wie Andreas Zeilinger, Sprecher des Nürnberger Tolkien-Stammtisches und ausgewiesener Experte für das Zweite Zeitalter von Mittelerde, in dem die Serie spielen soll. Er verzichtete zwar darauf sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, machte sich aber gleich am Morgen ans Werk: „Ich bin den Trailer in Zeitlupe Bild für Bild durchgegangen“, erzählt er. „Und ich finde es sieht aus wie viele andere Fantasy Serien auch. Hübsch anzuschauen, aber vom Hocker reißt es mich nicht.“

Damit urteilt der Fürther noch relativ milde: „Kein Inhalt, schlechte Digital-Effekte, viel zu glatt – eher Marvel als Mittelerde“ lauteten die gängien Einschätzungen aus dem Fandom zu der gerade mal eine Minute langen Vorschau.

Diese ungnädige Reaktion mag auch damit zusammenhängen, dass Amazon den Fans bisher wenig entgegengekommen war. Im Gegensatz zu Peter Jackson, der das Publikum bei seinen Herr-der-Ringe-Kinofilmen stets hinter die Kulissen mitnahm, machte Amazon lange dicht. Und als dann Anfang Februar ersten Bilder veröffentlicht wurden zeigten sie ungewohntes: Zwerge ohne Bart, Elben mit kurzen Haaren und eine Besetzung bei der die Betonung auf Vielfalt gelegt wurde: „Wir haben die ersten People of Colour als Zwerge und Elben besetzt“, freut sich Amazon-Produzentin Lindsey Weber. „Unser Traum war es, eine Tolkien-Adaption zu machen, die abbildet wie unsere Welt wirklich aussieht“
Denn Tolkiens Mittelerde, wie es bisher dargestellt wurde, schien den Amazon-Experten wie Mariana Rios Maldonado ein latent rassistischer Ort, an dem hellhäutige Männer Helden sind und die Bösen schwarz. Ein Relikt der Kolonialzeit, das dringend einer modernen Revision bedarf.
Viele Fans dagegen sahen das als Vorwand, um eine Serie zu schaffen, welche die aktuellen Hollywood-Klischees bedient und weit mehr mit der Bevölkerungsstruktur der heutigen USA zu tun hat, als mit Tolkiens mythischer Version eines vorgeschichtlichen Europas.

Es dauerte nicht lange und beide Seiten lagen in den virtuellen Schützengräben von Twitter und Co. und befeuerten sich mit begriffen wie Rassismus, Tokenismus, virtue signaling oder cultural appropriation.

„Ich finde diese ganze Hautfarben-Diskussion unsäglich“, seufzt Andreas Zeilinger. „Tolkien schreibt nirgends etwas über die Hautfarben von Elben und Zwergen. Er erwähnt Hobbits und Menschen mit dunklerer Haut, also erscheint es mir logisch, dass es auch bei Elben unterschiedliche Teints gibt. Letztlich ist das aber alles sehr oberflächlichl“ Was ihm viel mehr Sorge bereitet ist der laxe Umgang mit der Geschichte Mittelerdes: „Sie wollen die mehr als 3400 Jahre des zweiten Zeitalters auf ein Menschenleben verdichten. Das ist als würde man eine Serie machen, in der Alexander der Große auf Napoleon trifft und sie trotzdem als historisch bezeichnen. Besser wäre es gewesen, sich einzelne Momete herauszupicken und diese auszugestalten.“

Aber letztlich geht es bei einer Produktion dieser Größenordnung nicht vorrangig um die korrekte Darstellung von Minderheiten oder fiktiven Welten. Sondern um Geld.

Mit etwa 460 Millionen ist die erste Staffel von „Ringe der Macht“ doppelt so teuer wie Jacksons drei „Herr der Ringe“-Filme zusammen. Damit sich das rentiert braucht es viel Öffentlichkeit. Und dafür ist ein saftiger Rassismus-Streit weit besser geeignet als eine nerdige Diskussion über die korrekte Barttracht von Zwerginnen.

„Wir werden wohl noch bis September warten müssen, um die Qualität wirklich einschätzen zu können“, meint Zeilinger. Aber einen Trost hat er für besorgte Fans: „„Egal, was Amazon da macht – es kann gar keine Tolkien-Verfilmung werden, da sie nur die Rechte an ein paar Seiten über das zweite Zeitalter haben. Deshalb ist das was da entsteht nicht kanonisch, sondern einfach nur Fan-Fiction – wenn auch die teuerste der Welt.“

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