Polnische Filmtage mit Mariusz Wilczyński

Wie ein Zeichentrick-Film entsteht ist – sofern er nicht aus dem Computer kommt – ist für die meisten Menschen eher ein Geheimnis. Bei den „Polnischen Filmtagen“ hatte das Publikum im Heilig-Geist-Saal die Möglichkeit, einem echten Meister des Metiers live bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

Animationskünstler Mariusz Wilczyński aus Łodzi ist einer der wenigen seines Faches, die mit einer eigenen Ausstellung im Museum of Modern Art geehrt wurden. An seinem mehrfach preisgekröntem Spielfilm-Debüt „Kill it and leave this town“, das auf düster-poetische Weise von seiner Kindheit und dem Abschied von seinen Vorfahren erzählte arbeitete er satte 14 Jahre lang.

An diesem Abend präsentiert er einen Ausschnitt aus seiner Arbeit: Vor der großen Kinoleinwand baut er seinen Tisch mit Farben und Pinseln auf. An einer Staffelei montiert er eine ganze Reihe von Taschenlampen. Als die Saal-Lichter erlöschen, ist dies das einzige Licht. Hier beginnt er zu malen: Eine feine Linie, wie aus einem Seismografen. Aus der erwächst ein Horizont, eine Mondnacht. All das filmt Wilczyński mit der Linken Hand, so dass das Publikum die Metamorphosen auf der großen Leinwand verfolgen kann. Es folgt eine magische, aber auch traurige Reise: Eine Mutter, die ihr Kind in den Fluss wirft. Das Mädchen wird von einem Dampfer versenkt, findet sich sich dann aber im Spülbecken eines Mannes mit angeklebten Flügeln wieder.

Es ist weniger eine durchgehende Geschichte, als ein Spiel mit Leitmotiven an: Immer wieder sehen wir Dampfer, angeklebte Flügel und Kronen, ein Streben nach oben und ein unvermeidliches Versinken.
Der Sog entsteht dabei durch den natürlichen Fluss des ganzen: Immer wieder winkt Wilczyński leise dem Techniker zu und die vor Ort produzierten Teile gehen fast unmerklich in vorproduzierte Filme über, während er unten die nächste Szene vorbereitet.
Gemeinsam mit der hypnotischen Musik von Marcel Markowski, dem ersten Cellisten des Orchesters Sinfonia Varsovia, entsteht so ein beeindruckendes Erlebnis, sehr weit weg von den Grenzen des Animations-Mainstreams.
Neben dem Live-Performance war Wilczyński auch Juror eines Kurzfilmwettbewerbs, den die Polnische Filmwoche in diesem Jahr als panemiebedingten Ersatz für ein Festival ausgeschrieben hatte. Den ersten Preis erhielt die deutsch-polnische Filmemacherin Evelina Winkler für ihren Film „Kochana Babciu“ (‚Liebe Oma‘), der von der Sehnsucht einer migrantischen Enkelin erzählt. Weitere Preisträger waren Antoni Kuźniarz – der mit „Corvin Orphans“ ebenfalls eine düstere Animation vorlegte und Michał Szufla mit seiner filmischen Interpretation des polnischen Sprichworts „Im Elternhaus muss man viel Gymnastik machen“.

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