Kino: „Kunst kommt aus dem Schnabel, so wie er gewachsen ist“

Malen wie Meditation: In ihrem Dokumentarfilm „Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist“ stellt Sabine Herpich die „Mosaik“-Werkstatt für Künstlerinnen mit Behinderung vor.

„Ich hasse das Bode-Museum. Es ist so hässlich, das kann ich gar nicht sehen“, klagt Künstlerin Suzy van Zehlendorf und wirft ein paar Decken über das Styropor-Modell eben jenes Museums, an dem sie gerade arbeitet. „Wenn es fertig ist, werde ich es mit Dart-Pfeilen bewerfen!“

Währenddessen malt Gabriele Beer geduldig kleine Skelette auf ein großes Papier. Am liebsten auf die untere Hälfte des Bogens, denn um oben zu malen müsste sie aufstehen und dazu hat sie heute keine Lust.

Adolf Beutler malt gar nicht, sondern weint ausgiebig. Das macht er fast jeden Tag. Irgendwann greift er zur Farbe. Das Weinen ist zu Ende. Die Kunst beginnt.

Beutler, Beer und Zehlendorf arbeiten in der „Mosaik-Werkstatt“ in Berlin-Spandau für Menschen mit Behinderung.

„Als ich von dieser Kunstwerkstatt gehört habe wusste ich, dass ich darüber einen Film machen muss“, erzählt Sabine Herpich bei der Premiere in Nürnberg. Herpich ist ein Ein-Frau-Drehteam: Kamera, Schnitt, Regie, Ton – alles macht sie selbst. Und finanziert ihre Filme unbahängig aus eigener Tasche. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Sie ist die richtige Frau für dieses Thema. Viele Wochen verbringt sie in der Werkstatt, lebt das Leben dort und erspürt den entschleunigten Rhythmus dieser ungewöhnlichen Einrichtung. Mit einer Engelsgeduld blickt sie den Kunstschaffenden über die Schulter, stellt aus dem Off einfühlsame Fragen.

Zuerst sehen wir nur die Werke und die Arbeitsweisen – erst dann öffnet sich der Blick: Wir erfahren, dass die Werkstatt kein frei mäandrierender Kreativkurs ist, sondern ein Ort an dem Kunst geschaffen wird, die sich auf dem Markt behaupten muss. Deshalb greift Leiterin Nina Pfannstiel auch sanft ein, wenn etwa Gabriele Beer zum dritten Mal ein Bild über „Flugdinos im Baum“ malen will. Bilder mit Skeletten und Grabsteinen verkaufen sich besser.

„Es ist eine schmale Gratwanderung“, erzählt Herpich. „Einerseits sollen die Menschen größtmögliche Freiheit haben, andererseits sollen auch Werke entstehen, für die sich Galeristen interessieren.“

Das scheint zu klappen: „Mir ist es nicht wichtig, ob die Leute hier Behinderungen haben“, meint ein Galerist, der die Werkstatt besucht. „Jeder hat doch irgendwas – der eine trinkt, der andere hinkt – wichtig ist doch nur, dass das Werk uns berührt.“

Mit dem Weg nach draußen in den Kunstbetrieb erfahren wir auch etwas über die Biografien der Künstlerinnen, die uns zu diesem Zeitpunkt durch ihre Arbeit schon so nahe sind: Dass Zehlendorf in einer katholischen Gruppe aufwuchs in der ihre Bilder als Teufelzeug zerissen wurden. Oder dass Beutler 40 Jahre lang in einer geschlossenen Anstalt lebte – eine Zeit aus der es kaum Aufzeichnungen und keinerlei Kunstwerke gibt. Und die vielleicht Anlass für sein tägliches Weinen ist.

„Beim Weinen habe ich mir lange überlegt, ob ich es filmen soll – es erschien mir privat“, meint Herpich. „Aber nachdem er es jeden Tag gemacht hat, denke ich, dass es einfach zu seiner Persönlichkeit und seinem Schaffensprozess dazugehört.“

Auch Herpichs eigenes Schaffen erlebte dunkle Momente: Da es nicht gelang eine Förderung für einen Kinostart zu bekommen, war sie kurz davor, das bereits gedrehte Material zu vernichten: „Aber dann habe ich es mir noch einmal angesehen und mir überlegt, dass ich den Film zumindest für die Menschen in der Werkstatt fertig mache.“

Über eine Crowdfunding-Kampagne konnte schließlich doch genug Geld zusammen bekommen um den Film Kinofit zu machen – und er wurde sogar für das Programm der Berlinale ausgewählt. Bei uns ist er aktuell im Filmhaus Nürnberg zu sehen.
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