Kino: „David Copperfield“

David Copperfield ist jetzt ein Inder. Die Neuverfilmung des Romans von Charles Dickens punktet mit viel Witz und einer „farbenblinden“ Besetzung. Dabei übersieht sie aber leider etwas wichtiges.

Vermutlich hätte sich Charles Dickens nicht träumen lassen, dass sein 1850 entstandener, autobiografisch gefärbter Roman „David Copperfield“ die Menschen noch fast zwei Jahrhunderte später begeistern und inspirieren würde. Die Geschichte des Jungen, der sich im viktorianischen England vom verarmten Kind zum beliebten Schriftsteller emporarbeitet – und dabei romantische, komische und tragische Verwicklungen überstehen muss – wurde bereits über ein Dutzend mal verfilmt. Nun nimmt sich Armando Iannucci („The death of Stalin“) der Sache an. Für ihn ist der Film eine Herzensangelegenheit: „Copperfield ist ein Außenseiter – wie ich. Als ich in Schottland aufwuchs galt ich als Italiener, in England als Schotte und in Amerika als Engländer.“ Aus dem reichhaltigen Fundus des 600-Seiten Romans pickt er sich vor allem die komischen Momente heraus: Copperfields Tante (Tilda Swinton), die gegen Esel kämpft oder die Abenteuer von Mr. Dick (Hugh Laurie), in dessen Kopf der Geist von King Charles herumspukt.

Was dem Film im Vorfeld die meiste Aufmerksamkeit bescherte, ist aber die Besetzung: David Copperfield wird vom indischstämmigen Dev Patel gespielt. Und auch alle anderen Rollen wurden völlig unabhängig von der Hautfarbe besetzt: Schwarze, weiße und Asiaten spielen hier Vater und Tochter, Mutter und Sohn, bunt gemischt.

Das passt natürlich wie die Faust auf’s Auge in eine Zeit, in der Hollywood mit den Schlagworten diversity (Vielfalt) und wokeness (wach, gegen die Unterdrückung von Minderheiten) neue Sympathien – und Dollars – sammeln will.

Doch Iannuccis farbenblinde Darstellerwahl hat vor allem persönliche Gründe: Er hatte schlicht Lust mit Dev Patel zu drehen. Der Rest ergab sich daraus: „Im Theater spielen auch nicht nur Italiener Romeo und Julia“.

Da ist was dran. Und die bunte Mischung sieht nach anfänglicher Irritation nicht nur gut aus, sondern macht auch viel Spaß. Sie produziert aber auch ein Problem: „Copperfield“ erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der seinen Platz in der ganz und gar nicht diversen britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sucht. Die sieht aber nun aus wie ein woke-Wunderland, in dem alle gleich sind. Wer hier Außenseiter ist, ist selbst schuld.

Ein nachdenklicherer Film hätte dies vielleicht zum Thema gemacht. Wie liberal und divers sind wir unter der bunten Oberfläche wirklich? In dieser Klamauk-betonten Variante wird der Besetzungs-Coup allerdings schnell zu einem weiteren Gag unter vielen.

Vermutlich wird erst mit Abstand ersichtlich, was dieser Film wirklich war: Ein skuriles Kind des Zeitgeistes? Ein Vorläufer echter Gleichberechtigung? Oder einfach nur eine verdammt lustige Dickens-Verfilmung!

WERTUNG: 3

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