Kino: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“

Die Poesie des Zerbrechlichen: Zum 10. Todestag von Christoph Schlingensief lädt die Filmbiografie „Schlingensief – in das Schweigen hinausschreien“ zu einer Wiederentdeckung des Multikünstlers ein.

„Wenn alle 6 Millionen Arbeitslosen Deutschlands zum gleichen Zeitpunkt in den Wolfgangssee springen, wird der Wasserspiegel so weit steigen, dass der Keller von Helmut Kohls Ferienhaus überflutet wird.“

Wer so eine Idee ausbrütet ist genial. Wer versucht sie praktisch umzusetzen ist irre.

Und wer am Ende traurig ist, dass nur knapp 100 Leute mitgebadet haben, der ist wohl ziemlich zerbrechlich.

Willkommen in der Welt von Christoph Schlingensief. Ein Querdenker. Ein Unruhestifter.

Einer, dem es scheinbar total egal war, ob die Leute ihn mochten. Er forderte öffentlich die Ermordung von Jürgen Möllemann, lies im Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“ Ossis von Westdeutschen zu Wurst verarbeiten oder steckte in der Installation „Ausländer raus!“ Asylbewerber in Container, um sie von Passanten in Big-Brother-Manier zur Abschiebung auswählen zu lassen.

Was steckt hinter diesen Aktionen? Selbstdarstellung? Satirisch-abstrahierte Gesellschaftskritik? Oder pure Lust an der Provokation?

Diesen Fragen geht Regisseurin Bettina Böhler in ihrer Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ nach, die fast punktgenau zu seinem 10. Todestag erscheint. Die erfahrene Cutterin lässt in diesem Film keine Zeitzeugen zu Wort kommen – nur Schlingensief selbst spricht in alten Interviews, die geschickt mit Ausschnitten aus seinen Filmen und Bühnenwerken verwoben werden. Dabei folgt sie im großen der chronologischen Entwicklung: Schlingensief wird 1960 im Ruhrgebiet geboren. Zu dieser Zeit sind die Wunden, welche die Nazis hinterlassen haben noch lange nicht verheilt. Besonders nicht in einer Familie, die über ein paar Ecken mit Joseph Goebbels verwandt ist. Schon früh wird der Junge unbewusst in die Rolle dessen gedrängt, der die Depression seiner Eltern lindern soll.

„Ich habe mich nie als Provokateur gesehen“, sagt er. „Eher wie jemand, der sich selbst einen Impfstoff verabreicht: Ich zeige mir selbst das in kleinen Dosen, was mich im großen erschreckt.“ Das sind autoritäre Lehrer, die Erinnungen an die Nazis, aber auch jede andere Form von Uniformiertheit. Schlingensief mag das unfertige, das verletzliche. Das was knistert und brennt. Nur nicht stehenbleiben! Immer dann wenn ihn die Gesellschaft zu sehr in ein Schema stecken will – egal ob als kindisches „Enfant Terrible“ oder als arrivierter Opernregisseur in Bayreuth – bricht er aus und versucht wieder etwas ganz anderes. Etwa ein Opernhaus in Afrika aufzubauen. Vierzig Jahre arbeitet er wie besessen. Dann kommt der Krebs – den er weiter zu einem Kunstwerk transformiert. Aber eines, aus dem er nicht mehr aussteigen kann. Der Vorhang fällt für Schlingensief mit nur 49 Jahren.

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