Kino: „Kokon“

Im Sommer 2018 bringt eine mörderische Hitze die Menschen der Stadt Berlin fast um den Verstand: Die 14-jährige Nora (Lena Urzendowsky) und ihre große Schwester Jule (Lena Klenke) verstecken sich im Freibad oder auf Indoor-Parties. Sie gehören zur Mittelschicht: Die Mutter (Anja Schneider) interessiert sich für Gender-Studies und Alkohol. Für ihre Töchter eher weniger. Auch an der Schule geht es rabiat zu: Wer nicht dem Schönheitsideal der Internet-Welt entspricht ist ein Opfer. Nora würde sich am liebsten raushalten. Ihre Leidenschaft sind ihre Raupen, die sie liebevoll in Gläsern im Schlafzimmer züchtet. Aber diese Welt ist nicht die ihre und sie verlangt, dass Nora mitspielt. Zum Beispiel beim „Finger-Klopf-Spiel“. Hier muss man Jungs küssen oder Schmerzen aushalten bis es nicht mehr geht. Nora hält aus und bleibt mit einer gebrochenen Hand in einer fremden Klasse zurück. Und das genau in der Woche, in der sie ihre erste Periode hat.

Als Lichtblick erscheint ihr da Romy (Jella Haase). Die ältere Schülerin ist eine der wenigen, die Nora mit Freundlichkeit begegnet. Oder ist da sogar noch mehr? Nora – die sich selbst ganz ähnlich intensiv beobachtet, wie ihre Raupen – stellt fest, dass ihr Herz höher schlägt, wenn Romy in der Nähe ist. Dass sie sie so ansieht, wie Jungs Mädchen ansehen, auch wenn sie nicht genau sagen kann, was da den Unterschied macht. Bedeutet das, dass sie Lesbisch ist? Weder Lehrerinnen noch Internet-Tutorials können ihr weiterhelfen – Nora muss selbst den Schritt in diese neue Welt wagen.

„Kokon“, der zweite Spielfilm der 1985 geborenen Regisseurin Leonie Krippendorf, ist eine sehr liebevolle und sorgfältig gemachte Geschichte über das Erwachsenwerden. Keine der Figuren ist ein Klischee, alle Entwicklungen sind glaubwürdig und berührend. Und oft auch sehr traurig. Denn was die jungen Darstellerinnen hier zeigen ist nicht weniger als ein Kampf ums Überleben in einer feindlichen Welt. Oder genauer: In mehreren Welten.

Da gibt es die Welt der Smartphones, die nur die Mitte der Kinoleinwand fühlt. Ort der Innerlichkeit, aber auch der sozialen Kontrolle. Dann die Welt der Schule, gezeigt in einem engen, fast quadratischem Format. Erst als Nora ihre ersten Schritte zu Freundschaft (und vielleicht Liebe) tut, erweitert sich der Blick bis das Bild die ganze Kinoleinwand füllt. Denn das ist das hoffnungsvolle Fazit: Es gibt Glück. Jenseits des Kokons.

WERTUNG: 2

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