Kino: „Eine größere Welt“

Als wir Corine (Cécile de France) zum ersten Mal begegnen tollt sie fröhlich mit ihrem Mann Paul (Jeremy Alonzi) im Bett herum. Doch bereits in diesen ersten Bildern wirkt das weiß der Laken zu makellos, die Szene bei aller Intimität zu abstrakt um wahr zu sein. Und prompt erwacht Corine dann auch allein. Ihr langjähriger Partner ist verstorben und sie blieb mit jeder Menge Traurigkeit zurück. Weder ihre fürsorgliche Schwester Louise (Ludivine Sagnier) noch die Arbeit als Tontechnikerin können ihr helfen. Alles was sie will ist weg. Weit weg. Also nimmt sie den extremsten Auftrag an, den sie finden kann: Für einen Dokumentarfilm Geräusche und Gesänge der Nomaden in der mongolischen Steppe aufzunehmen.

Dort wird sie freundlich empfangen – doch als sie das erste Mal ihr Mikrofon auf die Ritual-Gesänge der Schamanin Oyun (Tserendarizav Dashnyam) richtet, passiert etwas unerwartetes: Corine fällt selbst in Trance und hat eine Vision. Für die Mongolen ein klarer Fall – Corine ist eine Schamanin und von den Geistern auserwählt. Ihre Schwester hat einen anderen Verdacht: Vielleicht stimmt etwas mit ihrem Gehirn nicht. Corine begibt sich auf eine dreifache Reise – in die Welt der Geister, in ihr eigenes Inneres und zurück in die Steppe – um die Wahrheit herauszufinden…

Mit ihrem Film „Eine größere Welt“ hat Regisseurin Fabienne Berthaud in Frankreich bereits einen Publikumshit gelandet. Kein Wunder, denn über weite Strecken gelingt dem Film die Balance zwischen Magie und Alltag ganz hervorragend. Besonders die Art, wie sich der Zauber über die Tonspur einschleicht (immerhin ist das hier ein Film über eine Tontechnikerin) ist bemerkenswert. Auch sonst spürt man in jeder Szene die Liebe und das Engagement, das alle Beteiligten in diese Produktion steckten. Über ein Monat wurde vor Ort in der Mongolei gedreht. Ohne Strom und Internet oder auch nur fließend Wasser. Dafür aber mit nomadischen Laienschauspielern und hunderten von Rentieren. Mit Cécile de France hat sie dabei eine Hauptdarstellerin gefunden, die sich ebenso mutig in das Abenteuer stürzt, wie die von ihr verkörperte Figur. Die übrigens ein reales Vorbild hat: Die echte Corine Sombrun lebte viele Jahre bei den mongolischen Nomaden und war die erste Europäerin, die in den Trance-Techniken der Schamanen unterrichtet wurde. Ihre spezifische Mischung aus direktem Erleben und wissenschaftlicher Distanz prägt auch den Film, der das Nomadenleben nie zum Idyll verkitscht, sondern immer auch als Projektionsfläche für westliche Sehnsüchte zeigt.

WERTUNG: 2

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