Kino: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“

Mit Intelligenz und Liebe gegen das Grauen: Oscarpreisträgerin Caroline Link adaptierte Judith Kerrs Autobiografie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ als optimistische Familiengeschichte.

Berlin, 1933. In der Weimarer Republik stehen Reichstagswahlen an und der scharfe Wind, der von rechts weht, ist in der intellektuellen Szene der Hauptstadt schon deutlich zu spüren. Der bekannte jüdische Journalist Arthur Kemper (Oliver Masucci) hält noch einmal eine flammende Rundfunk-Rede gegen die Nazis – und packt dann seine Koffer. Denn wenn die NSDAP regiert, muss er fürchten, dass noch mehr brennen wird, als die von ihm geschriebenen Bücher: „Wenn Sie verlieren komme ich sofort zurück“, verspricht er seiner Frau (Carla Juri) und den beiden Kindern Max (Marinus Hohmann) und Anna (Riva Krymalowski).

Ein paar Wochen später packen auch diese drei ihre Sachen und lassen alles zurück: Ihr Reihenhaus, ihre wertvollen handsignierten Erstausgaben, ihre Haushälterin (Ursula Werner) und Annas rosa Stoffkaninchen. Die neunjährige kann die Aufregung gar nicht verstehen: Die Nazis kennt sie vor allem in Form der Hitlerjungen, die immer wieder Prügeleien anzetteln. Aber mit denen wird ihr großer Bruder doch fertig. Und religiös ist ihre Familie ja auch nicht: „Wir sind doch Sozialisten“.

Mit der Abreise beginnt auch ein sozialer Abstieg von der oberen Mittelklasse in die Armut: Kemper ist kein Einstein oder Mann, dass ihm die Welt alle Türen öffnen würde – aber doch bekannt genug, dass viele die neutral bleiben wollen scheuen, dem offenen Nazi-Kritiker Arbeit zu geben. Auch die Mutter muss ihre Karriere als Musikerin für die Rolle hinterm Topf aufgeben. Und für die Kinder heißt es, sich immer wieder in neue Orte, neue Sprachen, neue Sitten einzufinden auf dieser Suche nach einer neuen Heimat…

„Ein Buch, vor dem man keine Angst haben muss“, soll Judith Kerr ihren autobiografischen Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ einmal genannt haben. Und tatsächlich: Im Vergleich zu anderen Kinder-Geschichten aus der Nazizeit, wie Anne Franks Tagebüchern oder der Uri Orlevs „Insel in der Vogelstraße“ ist ihre von einem großen Optimismus (und womöglich einer guten Portion nachträglicher Verklärung) getragen: Ein Loblied auf eine Familie, die es schafft in Zeiten großer äußerer Bedrohung mit viel Intelligenz und Liebe zu überleben.

Kurz nach seinem Erscheinen in den 70ern wurde der Roman schon einmal fürs Fernsehen adaptiert. Nun nahm sich mit Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“) eine der profiliertesten deutschen Regisseurinnen des Stoffes an. Sie fährt Kerrs Verklärung der Eltern etwas zurück und bürstet den Film visuell gegen den Strich: Kein Hitler, keine gelben Sterne, keine hochgereckten Arme. Die Nazis kommen nur als Schulhof-Rabauken und grummelige Nachbarn vor. Das macht den Film zu einem Balance-Akt auf dem schmalen Grad zwischen Ent-Dämonsieriung und Verharmlosung. Ein Experiment, dass dank der präzisen Regie und der mit viel Hingabe agierenden Darsteller gut gelingt: Selbst im Schweizer Alpenidyll bleibt die Bedrohung indirekt präsent. Und dadurch, dass die Nazis nie ins Bild kommen, kann man den Film über weite Strecken auch losgelöst vom historischen Kontext betrachten: Als Geschichte einer Flucht vor Tyrannei oder als Loblied auf eine Familie, die versucht, sich ihren Humor und ihre Kultur auch in Zeiten bitterer Armut zu bewahren.

WERTUNG: 2

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