Kino: „Verteidiger des Glaubens“

Der letzte seiner Art? In seiner Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ wirft Regisseur Christoph Röhl einen kritischen Blick auf das Pontifikat von Benedikt XVI. – und das System der katholischen Kirche allgemein.

Es beginnt mit Jubel: Im April 2005 wird aus Kardinal Joseph Ratzinger der neue Papst Benedikt XVI. Dass seine Amtszeit von Skandalen und einem rapiden Ansehensverlust der katholischen Kirche geprägt sein würde, konnte man damals noch nicht ahnen.

Oder doch? Die Biografie „Verteidiger des Glaubens“ stellt die These auf, dass Joseph Ratzinger mit seinem speziellen Charakter den Boden für die Krisen bereitet hat, welche die Kirche während seines Pontifikats trafen. Seine Weggefährten, die im Film zu Wort kommen, beschreiben den in einem bayerischen Idyll aufgewachsenen Theologen als einen integren, aber konfliktscheuen Menschen. Als Professor in Tübingen lässt er sich vorher informieren, wann Studenten Proteste planen und bleibt dann vorsichtshalber zu Hause. Als das nicht mehr funktioniert zieht er komplett ins ruhigere Regensburg um.

Er liebt die Ordnung, seine Familie, seine Kirche – was in seinem Gedankensystem immer mehr in eins zusammen fällt. Eigentlich wollte er in den Ruhestand gehen und Bücher schreiben, als plötzlich – wie er selbst sagt -das „Fallbeil auf ihn herabfällt“ und er Papst wird.

Und es kommt dicke. Bank-Skandale, massenhafter Missbrauch, dunkle Schatten im Dialog mit anderen Religionen. Der Bewahrer Benedikt setzt auf Tradition, auf eine starke und schöne Kirche. Dass es in dieser Kirche auch Böses gibt, passt nicht in sein Weltbild: Es muss der Teufel sein, der sie von außen in den Schmutz zieht. Es wiederholt sich das Muster von Tübingen: Die Umwälzungen und Proteste werden ignoriert, bis es nicht mehr geht. Schließlich legt ein abgekämpfter Benedikt den ganzen Kram seinem Nachfolger auf den Tisch und fliegt davon.

Fünf Jahre lang recherchierte Regisseur Christoph Röll für seine Dokumentation. Die meiste Zeit verbrachte er damit, im Vatikan Vertrauen aufzubauen. Bis zu Benedikt selbst kam er nicht, aber er schaffte es bis zu seinem Sekretär Georg Gänswein.

Der wirkt im Film entspannt und freundlich – was sich änderte als er das fertige Werk zu Gesicht bekam: „Ein Debakel, ein miserables Machwerk“ urteilte er.

Dabei greift der Atheist Röll in seinem zurückhaltenden und ausgewogenen Film in keiner Sekunde den katholischen Glauben an. Sehr wohl aber das hierarchische System der Kirche, das mit einer der alten Monarchien verglichen wird. Mit Benedikt als letztem Kaiser. „Ich wollte Ratzinger nie demontieren“, beteuert Röll. „Er erscheint mir als Mann, der an seinen Idealen gescheitert ist. Er wollte die Kirche stärken und hat letztlich das Gegenteil erreicht.“

Aber – und das wird am Ende zart angedeutet – durch sein Scheitern auch gezeigt, dass es so nicht weitergeht und damit den Weg bereitet für die Erneuerung der Kirche unter Franziskus.

WERTUNG: 2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s