Kino: „Nurejew – the white crow“

Der will doch nur tanzen: In seiner dritten Regiearbeit „Nurejev – the white crow“ schafft Ralph Fiennes ein vielschichtiges Portrait des russischen Ballett-Tänzers Rudolf Nurejew.

Anfang der 60er Jahre geht der kalte Krieg gerade in seine heiße Phase: In Berlin wird die Mauer gebaut, die USA verhängen Sanktionen gegen Kuba, im Kongo findet ein „Stellvertreterkrieg“ zwischen Ost und West statt.

In diesem Klima fährt erstmals das Leningrader Kirow-Ballett zu Auftritten nach Paris. Wobei die bunten Ballettvögel stets von Funktionären in gedeckten Anzügen bewacht werden. Reden mit den Franzosen? Verboten! Mit einer westlichen Frau ausgehen? Völlig unmöglich!

Nicht für den dickköpfigen Rudolf Nureyev (Oleg Iwenko). Er ist der aufstrebende Stern des Ensembles. Ein Bauernbursche, geboren in einem Zug und deshalb irgendwie von Anfang an heimatlos. Sein Auftreten ebenso schillernd wie seine Sexualität. „Ich bin eine weiße Krähe“, sagt er von sich selbst. Jemand der nirgends dazugehört. Ein Außenseiter – aber auch jemand, der gerade deswegen die Möglichkeit hat, die Grenzen zwischen den festgefahrenen Gruppen zu überwinden: To boldly go… Gemeinsam mit der jungen Chilenin Clara (Adèle Exarchopoulos) erkundet er das nächtliche Paris. Seine Tage verbringt er in den Museen: Jeden Tag will er ein Bild genau studieren. Um zu lernen, wie man aus Schmerz Kunst, aus Verzweiflung Schönheit macht. Freilich passt das seinem Bewacher, KGB Agent Strizhevksy (Alexsey Morozov), gar nicht. Die Begegnungen der beiden werden immer mehr zu Duellen – bis eine Entscheidung nicht mehr aufgeschoben werden kann. Denn der Mikrokosmos des Balletts spiegelt auch den eigentlichen Kampf der Systeme und Denkweisen. Ein getanzter Stellvertreterkrieg.

Schauspieler Ralph Fiennes nahm für „Nurejew – the white crow“ zum dritten mal im Regiestuhl Platz. Und spielt als Nurejews Tanzlehrer auch eine wichtige Nebenrolle: „Das war mehr aus Pragmatismus, um den Film finanzieren zu können“, meint er. „Denn obwohl die meisten Rollen mit namhaften russischen Schauspielern besetzt sind, hilft das bei der internationalen Vermarktung nicht viel.“

Und Fiennes machte auch keine Kompromisse: Gedreht wurde auf russisch und französisch, der Hauptdarsteller ist ein ukrainischer Tänzer und auf lineares Erzählen pfeift der Film mit seinen drei Zeitebenen von Anfang an.

Überhaupt bricht der Schauspieler Finnes viele der Regeln, an die ‚echte‘ Regisseure sich normalerweise halten: Da wird in Bilder reingezoomt, sprunghaft geschnitten oder der Ton abrupt in völlige Stille abgesenkt. Dass daraus kein Chaos entsteht, sondern ein emotional berührender Film, der zu gleichen Teilen Musical, Charakterdrama und Spionagethriller ist, das ist das große Verdienst einer weißen Krähe namens Fiennes.

WERTUNG: 1

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s