Kino: „Zu jeder Zeit“

Lachen, weinen, Spritzen setzen: Der ungewöhnliche Dokumentarfilm „Zu jeder Zeit“ begleitet angehende Krankenpfleger durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung.

Es beginnt ganz einfach: Mit Händen unter Wasser. Denn das allererste, was die jungen Krankenpflegerinnen lernen ist, dass es drei Zustände gibt: Dreckig, Sauber und Steril. Und nur steril ist gut genug. Denn in ihrem Job geht es stets um Gesundheit. Und manchmal sogar um Leben und Tod.

Es sind junge Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen, die sich in diesem Kurs zusammengefunden haben, um gemeinsam zu lernen. Und zu lachen und zu leiden. Denn dass ihre Ausbildung eine hochemotionale Sache ist, merken die Teilnehmer spätestens, als sie lernen müssen eine Spritze zu setzen: „Eine schnelle Bewegung, 90 Grad“, grinst der Ausbilder und befördert das Gerät elegant in den vorbereiteten Dummy. Bei den Schülerinnen ist das weit schwieriger. Was ist, wenn jemand Linkshänder ist? Wenn die Nadel daneben geht?

Obwohl bei diesen Trockenübungen viel gekichert und herumgealbert wird merkt man den großen Respekt, den alle Beteiligten an den Tag legen. Die Auszubildenden sind hoch motiviert, die Trainer gründlich und immer bereit mit den Schülerinnen und Schülern das erlebte zu reflektieren.

Wie wichtig das ist, merkt man im zweiten Teil des Films: Hier gehen die Azubis in Krankenhäuser und Heime. Statt Dummies und grinsenden Kollegen sitzen plötzlich kranke Alte und verletzte Kinder vor ihnen. Neben all dem Fachwissen und praktischem Geschick ist nun auch viel emotionale Stärke von den angehenden Pflegern gefragt. Denn das Umfeld im Arbeitsalltag ist oft nicht so wohlwollend, wie auf der Schule.

Der dritte Teil des Films zeigt die Auszubildenden wieder zurück bei ihren Lehrern, wie sie das im Praktikum erlebte reflektieren: Begegnungen mit dem Tod, Konflikte mit Hierarchien und die stete Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Viele brechen in diesem Moment in Tränen aus.

Regisseur Nicolas Philibert, bekannt für seine einfühlsamen und zurückhaltenden Dokumentationen, legt hier einen Film vor, der auf den ersten Blick karg und schlicht wirkt:

Es gibt keine Interviews. Keine Schauwerte, keine Musik und auch keine Hauptperson. Und dennoch – und das ist die große Kunst – erreicht uns der Film emotional! Als Zuschauer bekommt man das Gefühl, selbst Teil dieses Kurses zu werden. Am Ende hat man nicht das Portrait einer Person gesehen, sondern das einer Ausbildung.

Selbst wer mit Pflege nichts am Hut hat ist gut beraten „Zu jeder Zeit“ zu sehen. Denn die Sorgfalt, Rexflexionsbereitschaft und Achtsamkeit, die Azubis und Ausbilder hier an den Tag legen, wünscht man sich auch für viele andere Berufe. Auch für die weit besser bezahlten.
WERTUNG: 1

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