Gesehen: „Astrid“

Wo die Geschichten herkommen: Der Film „Astrid“ erzählt von den entscheidenden Jugendjahren von Autorin „Astrid Lindgren“.

Ob Pippi Langstrumpf, die Brüder Löwenherz oder Ronja Räubertochter: Die Schwedin Astrid Lindgren zählt unzweifelhaft zu den wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Doch kaum jemand kennt die Person hinter all den Geschichten. Eine Frau, die im echten Leben ähnlichen Mut und Eigensinn bewies, wie ihre literarischen Figuren.

Auch für die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen war Astrid Lindgren stets ein leuchtendes Vorbild. Nun machte sie sich zusammen mit dem Kinder- und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson daran, ihrer Heldin ein Denkmal zu setzen.

Dabei entschieden sie sich nicht das ganze Leben der Autorin als Spielfilm zu erzählen, sondern lediglich jene prägenden Jahre ihrer Jugend.

Damals nimmt die junge Astrid Ericsson (Alba August) einen Job bei der Zeitung in der Nachbarstadt an Die ist das Ein-Mann-Unternehmen des Verlegers Blomberg (Henrik Rafaelsen). Bald beginnt sie eine Affäre mit dem 30 Jahre älteren Mann – aus der Astrid bald schwanger hervorgeht. In ihrem kleinen, von der Kirche geprägten Heimatdorf ist das undenkbar. Blomberg vertröstet die junge Frau: Sobald seine Scheidung durch ist, will er Astrid heiraten und für das Kind da sein. Doch zur Welt kommen muss das Kind weit weg – in Norwegen. Und auch Astrid muss die Provinz verlassen und eine Sekretärinnen-Ausbildung in Stockholm beginnen, damit niemand ihren Baby-Bauch sieht…

Der Film „Astrid“ sammelt an vielen Ecken Pluspunkte. Da sind die großartigen Schauspieler, allen voran Alba August, welche die Personen trotz des historischen Dekors sehr aktuell und nachvollziehbar erscheinen lassen. Gelungen ist auch der Kniff mit der Rahmenhandlung: Hier hört die 80-jährige Astrid-Lindgren (Maria Fahl-Vikander) fast nur als Schattenriss sichtbar – in ihrer Wohnung eine Kassette mit Glückwünschen von Grundschülern. Diese sagen ihr auch, was sie von ihren Büchern halten und stellen ihr Fragen zu deren Entstehung. Das ist immens wichtig, da der Film auf Lindgrens schriftstellerische Tätigkeit nur minimal eingeht. Im Zentrum stehen ganz die Beziehungen zu Blomberg, zu ihrer Mutter und zu Hanna (Maria Bonnevie), die in Norwegen eine Ersatzmutter für ihren Sohn wird. Am stärksten ist der Film dann auch in den Szenen, in denen die Frauen untereinander agieren. Astrids Mutter (Tryne Dyrholm) erscheint zuerst wie eine jener bigotten, unterkühlten Figuren, wie man sie aus zahlreichen Skandinavischen Filmen kennt – offenbart jedoch dann ungeahnte Dimensionen. Am schwächsten ist „Astrid“ wenn Blomberg auftritt. Das dieser Typ, der ständig nur auf Zeit spielt, nicht der richtige für die clevere Astrid ist merkt man nicht erst, als ihr nächster Chef als „Herr Lindgren“ eingeführt wird. Hier hätte dem Film die eine oder andere Straffung durchaus gut getan. Die langsame Erzählweise und die dick auftragende Musik betonen stets den Ernst der Situation – verlieren dabei aber etwas aus den Augen, was die Werke von Astrid Lindgren stets auszeichnete – selbst wenn diese sich mit Tod und Verlust beschäftigten: Ihren Humor und ihre Lebensfreude.

Während die Regie also das große Drama anpeilt, schlägt die Bildgestaltung eine ganz eigene Route ein: Stets wackelt die Handkamera unruhig herum und klebt ganz nah an den Personen, als wolle sie um jeden Preis vermeiden, eine schwedische Idylle zu zeigen. Vermutlich soll das die Isoliertheit und die Bedrängnis der Personen symbolisieren. Nervig ist es trotzdem.

Unterm Schnitt bleibt „Astrid“ ein ambitioniertes Projekt, dem man die Begeisterung seiner Macher für Astrid Lindgren deutlich anmerkt – das aber formal nicht an thematisch verwandte Projekte wie „Das Mädchen aus dem Norden“ anknüpfen kann und inhaltlich ein bischen zu düster geraten ist.

WERTUNG: 4

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