Kino: „Der Hauptmann“

Kleider machen Mörder: Im Film „Der Hauptmann“ schlüpft ein einfacher Landser in den letzten Kriegswochen in die Uniform eines Offiziers – und beginnt eine verhängnisvolle zweite Karriere.

Ein Nazifilm in dem Juden nur am Rande vorkommen? Ein Weltkriegsfilm aus der Sicht eines Täters? Keine Frage: „Der Hauptmann“ ist ein wirklich ungewöhnlicher Film. Das fängt schon mit seinem Regisseur und Drehbuchautor an. Der 1968 geborene Robert Schwentke ist einer der wenigen Deutschen, die in Hollywood in der ersten Liga mitspielen. 15 Jahre lang drehte er dort Comicverfilmungen und Thriller mit Bruce Willis oder Jodie Foster.

Nun ist er nach Hause zurückgekehrt und legt einen Film mit einem urdeutschen Thema vor: Es sind die letzten Tage des zweiten Weltkrieges, die Wehrmacht befindet sich in Auflösung. Überall desertieren die Männer und ziehen als Plünderer und Vagabunden durch die Lande. Unter ihnen ist auch der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher), der mehrfach dem Tod von der Schippe springt, bis er zufällig eine Hauptmanns-Uniform findet. Er schlüpft hinein und beginnt ein neues Leben als Offizier.

Zwar können seine zu langen Hosen ihn jederzeit verraten – doch schon bald stellt er fest, dass die meisten Menschen den Hauptmann mit offenen Armen empfangen: Endlich einer, der ihnen hilft, sich am Krieg zu bereichern oder ihre unrühmlichen Spuren darin zu verwischen. Jemand, der bereit ist, für alles die Verantwortung zu übernehmen…

Der Hauptmann“ beruht auf der wahren Geschichte des ‚Henkers vom Emsland‘ Willi Herold. Der Film zeigt was Herold getan hat ohne den Zuschauer moralisch an die Hand zu nehmen. Statt dessen konzentriert er sich auf die Hauptfigur, der sich bald zwei Soldaten wie Engelchen und Teufelchen anschließen: Der freundliche Freytag (Milan Peschel) und der sadistische Kipinski (Frederic Lau). Durch diese drei Personen wird nicht nur die ganze Geschichte des „Dritten Reiches“ auf einen essentiellen Kern verdichtet – sondern darüber hinaus auch auf allgemein menschliche Fragen verwiesen: Darf wer dem Tod ins Auge sieht alles tun, um ihn abzuwenden? Wo ist die Grenze zwischen dem Soldaten und dem Mörder? Wo ist das Recht in einer Welt, die zerfällt?

Technisch ist alles auf höchstem Niveau: Musik, Sounddesign und vor allem die prächtige schwarz-weiß Kameraarbeit von Florian Ballhaus verleihen dem Film trotz seiner düsteren Thematik eine berückende Schönheit und eine archaische Wucht.

Ein starkes, kompromissloses Stück Kino – formal und inhaltlich auf Augenhöhe mit dem thematisch verwandten „Wege zum Ruhm“ von Stanley Kubrick.

WERTUNG: A

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