Gelesen: „Türkei verstehen“ von Gerhard Schweizer

Muss sich die pluralistische Gesellschaft Europas vor Zuwanderern aus der Türkei fürchten? Diese Frage, die gerne auch im aktuellen Wahlkampf gerne wieder plakativ gestellt wird, verspricht das Buch „Türkei verstehen“ von Gerhard Schweizer zu beantworten. Schweizer ist ein Kulturwissenschaftler, der sich auf den Nahen Osten und Bücher darüber („Syrien verstehen“, „Islam verstehen“) spezialisiert hat. Dann wollen wir doch mal sehen, was es da zu verstehen gibt.

Eine erste Fassung des Buches erschien 2008 unter dem Titel „Die Türkei – Zerreisprobe zwischen Islam und Nationalismus“, was wesentlich treffender ist als „Türkei verstehen“. Denn über Kultur und Leben der Türken erfährt man praktisch nix (Sport, Geografie, Geschichte vor Atatürk – alles Fehlanzeige!). Die fast 500 Seiten Text befassen sich fast ausschließlich mit der politischen Geschichte der Türkei von der Staatsgründung 1923 bis zum Herbst 2016. Es endet also topaktuell mit dem letzten Militärputsch und der heftigen Reaktion von Präsident Erdogan.

Schweizer stellt die Türkei als ein zutiefst zerissenes Land vor – unter dem Motto: „Alle gegen Alle“: Land gegen Großstadt, Arm gegen Reich, Muslim gegen Laizistisch, Sunniten gegen Aleviten, Militär gegen Zivilregierung, Türken gegen Kurden, Volk gegen Politiker, Islamische Politiker gegen Islamistische Politiker… und so weiter.

Spannend fand ich, dass die Türkei als ein strikt weltlicher Staat begann. Staatsgründer Atatürk lehnte Religionen als rückständig ab: „Der Islam ist ein Kadaver, der unser Leben vergiftet“, sagte er. Erst seit den 80ern und besonders unter Erdogan ging der Trend zurück zum religiösen.

Die im Eingang gestellte Frage, ob all das eine Bedrohung für das pluralistische Europa ist beantwortet das Buch schließlich nicht. Es zeigt aber zumindest auf, dass der Gegensatz Christentum-Europa / Islam-Türkei so einfach gar nicht funktioniert, weil „Der Islam“ und „Die Türken“ mindenstens genauso zersplittert sind, wie wir selbst. Beruhigend fand ich auch, dass Schweizer überzeugend darlegt, dass Erdogan zwar oft als ein machthungirger Polterkopf im Namen des Islam oder des Türkentums auftritt – in Wirklichkeit aber nur ein ganz normaler Poltkerkopf ist, der alles andere gern mal für seine Machtsucht instrumentalisiert. Das solls ja bei uns auch geben. Insofern: Willkommen in Europa!

 

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