Gelesen: „Nordkorea“ von Rüdiger Frank

Dicke Diktatoren mit skurilen Frisuren, rauschende Massenfeste, Hunger und Militär: Nordkorea wirkt auf den europäischen Betrachter wie aus der Zeit gefallen. Ein Land, bei dem ich mich unwillkürlich frage: Würde Deutschland heute so aussehen, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? (Oder besser: Wenn die Nazis sich eingeigelt hätten, statt sich an drei, vier Fronten gleichzeitig aufzureiben…).

Dass mein Bild von Nordkorea etwas klischeehaft ist zeigte mir das Buch „Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates“ von Rüdiger Frank. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und Nordkorea-Experte und war sogar schon einige Male in dem stark abgeschotteten Land zu Besuch.

Anhand der Geschichte Koreas erklärt er, wie es überhaupt zur Teilung kam und warum die Nordkoreaner trotz Hungersnöten lange auf „Militär zuerst“ setzen: Das Land hat schon lange das Gefühl, dass die anderen Länder feindlich oder unzuverlässig sind und dass es selber stark sein muss um zu überleben.

Denn – erste Überraschung – Nordkorea ist zwar ein armes Land, hat aber viele wichtige Rohstoffe, wie seltene Erden. Ist also deshalb ein interessantes Ziel für (aus nordkoreanischer Sicht) ausländische Ausbeuter.

Und – zweite Überraschung – Wirtschaftssanktionen oder gar militärische Drohungen helfen laut Ansicht von Rüdiger Frank gar nichts, weil sie die Nordkoreaner nur in diesem Vorurteil bestärken, dass alle anderen ihnen böses wollen. Das einzige was hilft sind Wirtschaftsbeziehungen (Ob Trump das weis?)

„Nordkorea“ ist ein sehr spannendes und sehr kenntnisreiches Buch, wobei Frank auch immer angibt, wo die Grenzen seines Wissens liegen und wo er spekulieren muss, weil Nordkorea mit Fakten sehr zögerlich ist.

Leider ist das Werk in manchen Teilen sehr trocken (der Autor ist halt Wirtschaftswissenschaftler und lässt sich lange über das Potential der Freihandelszonen aus. Ein wirkliches Bild vom Leben in Nordkorea entsteht eher nebenbei. (Dafür empfehle ich den Comic „Pjönjang“ von Guy Delisle, der anschaulich seine Zeit in der Hauptsadt Nordkoreas schildert.)

Herausragend ist dabei das Kapitel „Arirang“ über das gleichnamige Massenspektakel, das wirklich einen guten Einblick in Kultur und Propaganda Nordkoreas gibt.

Dieses Buch habe ich übrigens für den BBSB eingesprochen. Blinde und Sehbehinderte können es im BIT-Zentrum als kostenlose Daisy-CD bestellen (wenn ihr mich 19 Stunden lang reden hören wollt….) Viel Spaß damit!

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