Gelesen „Mythen Europas“ (Band 1 und 2)

Ein Buch für wache Geister und tapfere Herzen: Die 7-bändige Reihe „Mythen Europas“ stellt ‚Schlüsselfiguren der Imagination‘ aus zwei Jahrtausenden vor.

Kürzlich habe ich mal wieder versucht eine historische Gesamtschau (‚Daten der Weltgeschichte‘ aus dem Chronik-Verlag) zu lesen – und war tief enttäuscht. Dort waren hunderte von Schlachten, tausende von Königen, Päpsten, Gegenpästen und Gegenkönigen aufgezählt – aber über das Wesen der Geschichte stand dort nichts. Was bringt es mir zu wissen, wer anno dunnemals einen Landstrich erobert hat der regelmäßig alle zehn Jahre den Besitzer wechselt? Oder welcher König welchen Kontrahenten umbrachte? Das ist doch austauschbar und irgendwie nichtssagend!

Viel näher an die Essenz der Geschichte unseres Kontinents scheint mich die Reihe „Mythen Europas“ zu führen, welche besonders wichtige Schlüsselfiguren vorstellt, die über Jahrtausende die Fantasie der Europäer beflügelt haben. In sieben chronologischen Bänden schreitet sie vom babylonischen König Gilgamesh bis zur Sängerin Madonna. (Womit auch geklärt ist, dass die Personen nicht selbst aus Europa stammen müssen um hier inspirierend zu wirken). Historisch belegte Personen (wie der Heilige Franziskus) kommen ebenso vor wie solche, deren Echtheit umstritten ist (König Arthus) und solche, die ganz klare erfunden sind (etwa Dr. Jekyll und Mr. Hyde) – entscheidend ist allein ihr dauerhafter Einfluss auf die Fantasie der Menschen in Europa.

Die Buchreihe basiert auf Vorlesungen an der katholischen Universität Eichstätt und deshalb stammt jedes Kapitel von einem anderen Fachmann, was beim Lesen eine angenehme Abwechslung bietet. Die allermeisten Kapitel sind sehr anschaulich und auch für den Laien auf dem jeweiligen Gebiet verständlich geschrieben, nur ab und zu („Christologie des Augustinus“) macht sich sprödes Fachwissen breit. Meist wird aber spannend dargelegt, wie sich die Ansichten über die Personen im Laufe der Jahre geändert haben. Ein gutes Beispiel dafür ist der König Karl der Große, der von den Deutschen ganz anders gesehen wurde als von den Franzosen – und auch das in unterschiedlichen Zeiten immer wieder anders. Mal ist er ein Heiliger, mal ein Monster, mal irgendwas dazwischen…
Diese Vielschichtigkeit macht Lektüre ebenso interessant wie herausfordernd: Nach manchen Kapiteln schwirrt mir regelrecht der Kopf, so oft wurden manche Personen im Laufe der Zeit immer und immer wieder übermalt, so dass auf keinen Fall mehr auszumachen ist, wie die Person ‚wirklich‘ war.

Wer also klare, eindeutige Antworten sucht ist hier fehl am Platz – eher gibt es hier den Einblick in eine schillernde und wabernde Welt der immer neuen Deutungen, an denen unsere Generation genauso teilnimmt wie die vorherigen. So gesehen ist die Buch-/Vorlesungsreihe gerade für eine katholische Universität ein sehr gewagtes Projekt, da am Ende der Suche nicht Gottes kluges, eindeutiges Wort steht – sondern ein bodenloser Abgrund über dem ein stets wechselnden Konstrukt der Deutung balanciert.(Kein Wunder, das so viele Leute sich lieber an Daten von Schlachten und Königsherrschaften halten.)
Insofern ist die Reihe „Mythen Europas“ nur für Leser mit wachem Verstand und mutigem Herz zu empfehlen – für die aber auf jeden Fall ein Gewinn. Ich freu mich jedenfalls schon auf die verbleibenden fünf Bände!

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