Gelesen: Goebbels – Tagebücher

Das Tagebuch von Joseph Goebbels 1925 – 1945.

Jetzt echt?
2186 Seiten biographische Notizen des Nazi-Propagandaministers?!

Manchmal wundere ich mich schon selbst über die Wahl meines Lesestoffes.
Doch nach dem  „Nationalsozialismus im Film“ – Buch und seiner Kritik an Dokumenten aus zweiter und dritter Hand wollte ich einmal versuchen zur Quelle zurückzugehen.

Und da ist der manische Vielschreiber Joseph Goebbels, der zehntausende von Tagebuchseiten hinterlassen hat, derjenige, der einen am nähsten an den kranken Kern des Regimes bringen kann. (Die Schwarte vom ‚Führer‘ selber entstand ja schon Jahre vorher und ist obendrein noch ziemlich dröge.)

Obwohl ich das Ende schon kenne und auch eine deutliche Meinung zum Wirken von Herrn G. habe, will ich auch ihm  das gleiche zuzugestehen, wie jedem anderem biographischem Autor: Dass ich seine Texte erst mal lesen und verstehen und erst anschließend werten will. Ich hoffe nur, dass das keine bleibenden Schäden hinterlässt….  Denn mal los!

Diary of a madman – Die Ausgabe

 Goebbels schrieb etwa 50 000 Tagebuchseiten – zuerst handschriftlich, später diktierte er sie und lies sie kopieren und in besonderen Behältern aufbewahren, damit sie ja nicht vernichtet werden. Dennoch ist einiges verloren gegangen oder zerstört worden.
Die vollständigste Ausgabe enthält etwa 80% des geschätzten Gesamttextes – kostet aber selbst digital ein paar tausend Euro. Ich leihe mir aus der Bibliothek die fünf Bände, die von Ralf G. Reuth zusammengestellt wurden und etwa 20% des gesamten Textvolumens enthalten. Das reicht!
(Lustigerweise haben die Bände einen Wasserschaden und simulieren somit ganz physisch die Atmosphäre des kaputten, welche sich durch den Text zieht.)
Zum Teil stehen auch lustige Anmerkungen drin (siehe Foto unten). Zudem helfen Fußnoten das ganze einzuordnen und klären auch die (häufigen) Verdrehungen und Übertreibungen des Autors auf.

Band 1 – 1924-1929 – Portrait of the artist as a young %@&*!

Hier begegnen wir Goebbels als spätpubertärem Studenten. Was er studiert kommt nie deutlich raus, da er in der Zeit nur an Frauen interessiert ist. Und daran einen Ersatzvater zu finden, der ihn aus Lebensüberdruss und Orientierungslosigkeit führt. Immer wieder checkt er ältere Männer ab, ob sie ihm Vorbild sein können. Schließlich findet er diese Vaterfigur ausgerechnet in dem nur acht Jahre älteren Adolf Hitler. Die beiden trinken Wein, schenken sich Rosen und sitzen zusammen auf dem Berg, bis sich eine Wolke über ihnen zum Hakenkreuz formt.
Schon an dieser Stelle drängt sich der Gedanke förmlich auf, dass Goebbels – und die Welt – wahrscheinlich besser gefahren wären, wenn er sich zu seinen homoerotischen Neigungen offen bekannt hätte, statt hier zu verdrängen und zu projezieren…
Ansonsten ist dieser Teil aber noch der ehrlichste aller Bände, da Goebbels hier nur für sich privat schreibt. Hitler ist noch nicht der „Führer“, sonder der „Chef“ und wird sogar kritisiert, weil er sich nur für Architektur interessiert und wenig entscheidet…

Band 2 – 1930 – 1934 – Talkin about a Revolution

Goebbels geht nach Berlin und bekämpft die deutsche Republik mit neuartigen Werbemethoden: Wahlkampf per Flugzeug und geschulten Rednern.
Hier erleben wir die Nazipartei als einen Verein der Loser: Der dicke Göring, der kleine Hitler, der kurzsichtige Himmler, der dürre Bücherwurm Goebbels passten weder in die aristokratisch geprägte Politik, noch in das preusische Militär. Ihre Minderwertigkeitsgefühle kompensieren sie mit Allmachtsphantasien und bis zum Jahr 1932 sieht es so aus, als würde es auch dabei bleiben. Die Partei ist innerlich zerstritten und steht kurz vor der Auflösung. Beinahe wäre der braune Kelch an Deutschland vorüber gegangen! Das ist für mich eine erste Überraschung. Liegt wahrscheinlich daran, dass in den Dokus und den Selbstdarstellungen der Partei immer deren Gefährlichkeit und Einheit betont wird. Hier zeigt sich dagegen, wie zerbrechlich, wie menschlich, das alles war.

Doch dann kommen die Wahlerfolge und alles ändert sich: Binnen nur drei Monaten (zweite Überraschung) ist die Demokratie völlig verschwunden und alles auf Diktatur und (dritte Überraschung!) auf Krieg eingestellt.
Goebbels macht unmissverständlich klar, dass die ‚friedlichen‘ Anfangsjahre des Nationalsozialismus nur eine Tarnung waren um möglichst eilig aufrüsten und angreifen zu können. Fortan sollte es zu Goebbels Aufgaben gehören, diese Tarnung durch Reden aufrecht zu erhalten und das Bild des neuen Staates mitzuformen.

Band 3 – 1935 – 1939 – Du musst Deinen Selbsthass nun auf andere projezieren…

Die außenpolitisch erfolgreichste Phase der Nazis war für Goebbels – noch eine Überraschung – eine der schlimmsten in seinem Leben. Man sollte meinen, dass er als Oberster Filmproduzent und Propagandachef des ‚Reiches‘ sein Leben nun in vollen Zügen genießen könnte – aber Pustekuchen. Er scheint regelrecht unglücklich, dass er nun für all den Hass, den er unentwegt innerlich produziert, kein offizielles Ziel mehr hat.

Die Besessenheit gegen die Juden nimmt in dieser Phase besonders stark zu und Goebbels wird zum Motor von deren Verfolgung. Als die Diktatur dann langsam auf Krieg einschwenkt scheint Goebbels richtig froh zu sein, nun wieder seinen ganzen Hass rauslassen zu dürfen – egal ob gegen „Bolschewisten“, „Plutokraten“ oder „Spießer“. Wenn Hitler gegen die Ameisen in den Krieg gezogen wäre, Goebbels hätte auch die auf Kommando inbrünstig gehasst.

Goeb

Bezeichnend für die Moral der Zeit ist auch folgende Episode, die Goebbels als größte Krise des Regimes sieht: Hitler ist Trauzeuge einer Hochzeit und es stellt sich heraus, dass es von der Braut Nacktfotos gibt. Goebbels schimpft seitenweise auf diese Frau, denn er ist überzeugt: Wenn das Volk das herausbekommt ist das Regime moralisch erledigt. (Mit Völkermord und Krieg hatte er dagegen kein Problem).

Spätestens ab da wird der Autor auch beim besten Willen sehr unsympathisch…

Band 4 und 5 – 1940 bis 1945 – Burn, motherfucker, burn

Die letzten beiden Bände sind vom Krieg und vom Niedergang geprägt. Für Goebbels sind sie die Zeit, wo er sich ständig einredet, dass alles in Ordnung ist, obwohl die militärische Lage (vor allem durch wirklich dusselige Entscheidungen der Deutschen!!) immer kritischer wird. Diese Selbst-Propaganda gelingt ihm immer weniger. Als er einem Überlebenden von Stalingrad (wo 250 000 Soldaten für das Regime starben) persönlich gegenübersteht muss selbst er bekennen: „Jetzt müsste ich mich eigentlich schämen.“

Geholfen hat es aber leider nichts, das Leiden ging noch zwei Jahre weiter. Hitlers Ankündigung: „Ich höre grundsätzlich erst fünf nach zwölf auf“, war eines der wenigen gehaltenen Versprechen des Diktators.

Das Buch endet dann sehr abrupt. Etwa ein Monat vor seinem Selbstmord verstummt Goebbels. Der Text schließt ohne Apotheose oder Katharsis.

Fazit:

In seinem Nachwort dankt Herausgeber Ralf Reuth seiner Frau, dass sie den ungebetenen „Gast“ Goebbels so lange in ihrem Hause ertragen hat und dass sie nun wohl froh ist, wenn er wieder geht.

Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.

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