Buch: „Der Nationalsozialismus im Film“ von Sonja M. Schultz

Dieses Sachbuch beruht auf einer wissenschaftlichen Arbeit der Autorin, die sich dafür durch hunderte von Produktionen geguckt hat: Von den (wenigen) Propagandafilmen der Nazis selbst über die Exploitation-Welle der 70er (‚Ilsa, She-Wolf of the SS“) bis hin zu den großen TV- und Kinoproduktionen der letzten Jahre („Dresden“, „Der Untergang“).

Dabei zeigt Schultz auch immer klar auf, wie sich die unterschiedlichen Generationen dem Thema immer neu genähert haben – oder auch nicht. So herrschte in der ersten Zeit nach dem Krieg eine starke Verweigerungshaltung vor, sich überhaupt noch einmal mit der Nazi-Epoche zu beschäftigen. Dies betraf übrigens nicht nur die Deutschen: Selbst jüdische Filmemacher klammerten die schlimmen Erfahrungen aus, da man zu diesem Zeitpunkt keine Opfer, sondern starke Kämpfer für den jungen Staat Israel („Muskeljuden“) zeigen wollte.

Umso vehementer forderten die Filmemacher der 70er dann die Aufarbeitung der Geschichte ein und starteten zum Teil biographische Projekte bis die Serie „Holocaust“ dem Massenmord an den Juden nicht nur ein breitenwirksames Gesicht, sondern auch einen bis heute verwendeten Namen gab.

Im den 90ern und im neuen Jahrtausend schließlich standen Produktionen im Vordergrund, die auf Versöhnung setzten und allen Nationen einen Teil der Opferrolle zugestanden, wie die TV-Produktionen „Dresden“ oder „Gustloff“.

Das Buch ist, wie bei den Filmpublikationen des Fischer + Bertz Verlages üblich, reichhaltig und liebevoll bebildert, wobei die Autorin bewusst auf „Greuel-Bilder“ aus KZ-Dokus verzichtet, um die Würde der abgebildeten Menschen nicht noch einmal visuell zu verletzen.

Überhaupt wird kritisch auf den oft unreflektierten Umgang mit den verfügbaren Archivbildern eingegangen: So kann sich kaum eine Nazi-Doku den Tableaus von Leni-Riefenstahl entziehen, welche die NS-Diktatur viel geschlossener und stärker inszenierte, als es in Wirklichkeit der Fall war.

Persönlich freue ich mich hier nicht nur zahlreiche interessant klingende Filme kennenzulernen, von denen ich noch nie gehört habe (etwa „Wundkanal“ von Veit Harlans Sohn Thomas), sondern auch, dass hier wissenschaftliche Argumente oft meine Kino-Erfahrung stützen:

Dass mit den Dokus von Guildo Knopp irgendwas nicht stimmt sagt mir mein Bauchgefühl. Sonja Schultz legt überzeugend dar, dass dessen Produktionen sehr auf Emotionalisierung und Personalisierung der prominenten Nazis setzen, als wäre die NS-Zeit die Sache ein paar gruseliger Film-Bösewichter gewesen und nicht die Folge sehr komplexer sozialer Zusammenhänge, die sich durch alle Schichten des Volkes zogen.

Oder warum es aus wissenschaftlicher Sicht sehr unglücklich war wenn „Der Untergang“ zwar den Tod der Goebbels-Kinder ausführlich zelebriert, den Selbstmord des ‚Führers‘ aber ungesehen im Off passieren lässt.

Fazit: Eine reichhaltige und spannende Fundgrube von Filmen aus acht Jahrzehnten, die nebenbei auch eine Denkschrift über die Macht und Ohnmacht der Bilder ist. Sehr lesenswert für alle Film- oder Geschichtsinteressierten.

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