P42 – 33: Vier Apostel und ein Messias

< Die Wahrheit über München

Wahrheit ist begrenzt.

Wahrheit ist zeitlich begrenzt.

Im Mittelalter wäre wohl niemand auf die Idee gekommen einen „Sinn“ zu suchen. Die Wahrheit war ja sonnenklar: Oben Gott, darunter die Priester und die Könige, darunter der Rest.

Doch dann fingen die Leute plötzlich an, von vielen Seiten an dieser Wahrheit herumzuhämmern um zu sehen, ob sie standhielt.

In der Geographie war es die Entdeckung Amerikas, in der Technik die Erfindung des Buchdrucks, Luther und Co. spalteten die Religion, Kopernikus verrückte die Erde aus der Mitte in die Peripherie.

Auch in der Kunst gab es ein Bild, das das Mittelalter beendete:

Dürers Selbstbildnis im Pelzrock.

In einer Pose, die bisher für Christus und Könige reserviert war hatte das Nürnberger Genie sich selbst abgebildet – und sich damit symbolisch weit nach oben in der kosmischen Rangordnung katapultiert. Von nun an stand der Mensch selbst im Mittelpunkt – der Mensch als sein eigener König und Erlöser. Ob Dürer das geahnt oder sogar geplant hat?

Dazugeschrieben hat er in seinem typisch sachlichen Ton auf Latein nur etwas wie „da hab ich mich selbst gemalt mit realistischen Farben“, was ja nicht verkehrt ist.

Ehrensache also, dass ich an einem meiner letzten Tage in München in der alten Pinakothek vorbeischaue, um dieses epochale Werk im Original zu sehen. Die Pinakothek ist ein großer, fensterloser Bau mit vielen Bildern und (das muss ich franken-ketzerisch sagen) mit seiner neuklassischen Pracht ein würdigerer Ort für Dürers Meisterwerke als wir ihn in Nürnberg zu bieten hätten.

Das Selbstportrait hängt im ersten Stock in einem Raum mit mehreren anderen Bildern – die aber beim hereinkommen allesamt erschlagen werden von der wuchtigen Wirkung eines anderen Dürer-Bildes:

Die „Vier Apostel“ sehen in der Reproduktion immer etwas komisch aus: Vier staksige Gestalten, an denen nicht wirklich viel dran ist. In Echt sind sie umwerfend! Übermannshoch dominieren sie den Raum. Die langen Gewänder wirken in diesen Dimensionen wie Säulen. Ein Ruhe- und Kraftpunkt ohne Gleichen.

Selbst Altdorfers „Alexanderschlacht“ wirkt neben diesen Giganten wie ein albernes Wimmelbild. Genau genommen gibt es in dem ganzen Raum nur ein einziges Werk, welches der Wucht der Vier standhalten kann.

Das Selbstbildnis im Pelzrock.

Das hängt gleich links daneben, wie eine Signatur oder als stünde Dürer selbst neben den Vieren um zu sehen, wie sein Werk auf die Besucher wirkt.

Das Selbstbildnis ist lebensgroß und so aufgehängt, dass ich ihm direkt in die Augen sehen kann. Es wirkt in echt düsterer. Dürer schaut fast traurig. Ja, es scheint, dass Renaissance-Genie wusste, was es tat, als es die Position Christi einnahm und sei es auch nur für diesen Moment.

Wie ernst das ganze wurde zeigt ein kleines Bild, das einen Raum weiter hängt: Vor dem goldenen Grund des Mittelalters spazieren, von Dürers Hand gemalt, vier weitere Heilige herum. Sie lachen, gestikulieren, fröhliche Menschen einer Welt, die geordnet ist. Wenn man von diesem Bild aus einen Blick durch den Torrahmen zu den „Vier Aposteln“ wirft, wirken diese, bei aller Macht geradezu wie eine Verzweiflungstat: Als hätte Dürer in den Wirren von Reformation und Gegenreformation mit diesem, seinem letzten, Bild noch einmal die alte Ordnung wie Säulen hinstellen wollen, wie als wollte er sagen: Sorry, ich wollt’s nicht durcheinander bringen. Können wir nicht noch mal eine Religion, eine Welt, einen Sinn haben?

Nö.

Wie die Zukunft stattdessen aussah sehen wir in einem anderen Bild von Dürer (das nicht in der Pinakothek hängt, weil es ein Stich ist, das aber vermutlich auf seine Art ebenfalls auf Augenhöhe mit den Vieren wäre):

In „Melecolia § I“ gibt es keine saubere Ordnung mehr.

Die abgebildeten Dinge liegen in fast unübersehbar großer Zahl herum. Ihre Bedeutung ist nicht mehr aus jahrhundertealter Gewohnheit definiert. Es ist die Wirrnis des Konflux in der das Individuum schauen kann wo es bleibt, wo es trotz seiner Flügel im Nachsinnen verharrt und sich aus der göttlichen Mitte wieder an die Peripherie der Erscheinungen verdrängen hat lassen.

Auch das ist natürlich nur eine Interpretation des Betrachters, der von nun an allein ist. It’s up to you.

„Melencolia § 1“ ist das erste Bild der Moderne.

Als er es erfand war Dürer 42.

> Ein Modell des Konflux (mit See)

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