P42 – 25: Unterwegs mit Mr. Eggers

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Das schöne am Pendeln ist ja, dass ich jeden Tag etwa zwei Stunden lesen kann.
Zuerst war der Reisebegleiter der bewährte Neil Gaiman mit seinen „American Gods“ – eine schöne Fabel über das urtümliche in Amerika, in der nicht viel passiert (zu zwei dritteln fährt der Held rum und trifft Leute oder wartet in einer Kleinstadt, dass etwas geschieht), das aber von den Charakteren und den Schauplätzen lebt.

Das aktuelle Buch ist nun „The Circle“ von Dave Eggers –
und dies ist zweifellos DER Roman dieses Jahres.

Es geht um eine Internet-Company namens „The Circle“, die sich dadurh einen Namen gemacht hat, alle bisherigen Dienste in einer Hand zu sammeln. Also quasi Facebook+Google+Amazon.
Zusammen mit der Neueinsteigerin Mae Holland entdecken wir den „Campus“, das Firmengelände von „The Circle“ und die Vernetztheit aller Beteiligten zuerst als großes freundliches Abenteuer. Alle sind jung, hip, mulitikulti, aufgeschlossen und interessiert.

Was es bei „The Circle“ allerdings nicht mehr gibt ist Privatshpähre. „Privacy is theft“ ist eines der Motti welche die Firma im Lauf ihrer Entwicklung zur totalitären Überwachungsmaschine ausgibt.  Die Anspielungen auf „1984“ sind deutlich, nur dass wir in diesem Roman mal ausnahmsweise nicht erzählt bekommen, wie das ausgewachsene totalitäre System mit Dissidenten umgeht – sondern wie es entsteht.

Und zwar durch das Engagement von Leuten, die alle nichts böses wollen. Sie sind gesundheitsbewusst, essen gern vegan, mögen direkte Demokratie. Sie würden es gern sehen, wenn nie wieder Kinder entführt oder misshandelt werden und sind deshalb für Kameras in Wohnhäusern und Ortungschips in Kinderbeinen. Oder für die Tötung von Terroristen per Drohnen. Alles zu wissen, jederzeit für jedermann – macht das die Welt besser?

Gerade auf den ersten 200 Seiten ist „The Circle“ sehr furios. Flott erzählt und mit viel ironischen Seitenhieben haben auf Kommunikations-(un?)-Kultur des Web2.0. Das Fazit spoiler ahead das wir uns am Ende entscheiden müssen zwischen einem Leben in der Wüste oder als gläserner Bürger und zum hilfloses Opfer der Kommerzhaie im Web werden spoiler end kann ich nicht so ganz unterschreiben.

Optimistisch wie ich bin, denke ich, dass sich digitale Formen von Arzt-, Bank- oder Beichtgeheimnis auch digital entwickeln werden. Zumindest im Kapitalismus wird „Privatheit“ genauso wie „Partizipation“ zu einem Produkt werden: Wer es sich leisten kann wird beides bekommen.

Trotzdem ein toller Roman, mit vielen Denkanstößen, der aktueller nicht sein könnte.
Und nicht in Erfüllung zu gehen, ist ja immer noch das schönste, was einer Anti-Utopie passieren kann. Für mich ist das Buch jedenfalls eine gute Vorbereitung auf die bisher größte Herausforderung der 16 Zen-Wochen: Die gefürchtete WOCHE OHNE MEDIEN!

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