Projekt 42 – 19: Meister Takuan und die Deutsche Bahn

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Die Zen-Aufgabe dieser Woche „Auf den eigenen Mittelpunkt (‚hara‘) achten“ empfand ich als besondere Herausforderung. Denn im Alltag spielt dieser Körperschwerpunkt im Gegensatz zu Hören, Sehen (und sogar in Vergleich mit der Angst) –  eine recht zurückhaltende Rolle. Das „hara“ drängt sich nicht auf, sondern ich muss mich wirklich bewusst darauf zu konzentrieren um es zu spüren.

Am leichtesten geht es bei Übungen die Balance erfordern, weil der Schwerpunkt hier spürbaren Halt gibt. Deshalb begann ich damit möglichst Kung-Fu-ig Treppen zu steigen, auf den Stufen zu balancieren und auf das Hara zu achten. Als es mich dabei fast auf die Schnauze haute verwarf ich die Methode.

Doch dann bekam ich unerwartet Unterstützung – von der Deutschen Bahn!
Da mein ICE ausfiel fand ich mich in einem Abteil der Regionalbahn wieder, das eigentlich zum Transport von Fahrrädern gedacht ist. Mitten im Wagen und umringt von dutzenden von anderen gab es keine Möglichkeit mich festzuhalten – aber eine umso tollere Möglichkeit in die Knie zu gehen und Balance zu üben.

Nach ein paar Weichen fühlte ich mich so sicher, dass ich mein aktuelles Reisebuch „Die geheimnisvolle Aufzeichnung von der bewegungslosen Weisheit“ von Meister Takuan aus der Tasche zog und weiter balancierend zu schmökern begann. Es ist ein Buch, bei dem einem leicht der Kopf schwirren kann, da es ständig Gegensätze total durcheinander wirft: Kampfloser Kampf, bewegungslose Bewegung, das nicht-denken denken. Hier ein paar Kostproben:

Bewegungslos heist nicht zu bewegen.
Bewegungslos heist nicht anzuhalten.
Wir achten den Geist, der nirgends Halt macht.
Der nicht anhaltende Geist wird nicht bewegt.

Ist es nicht auch so mit den Zügen der Deutschen Bahn?
Werden Sie nicht bewegt machen sie nicht Halt.
Bewegt man sich in Ihnen scheint man im Wagen stillzustehen,
während man rasend schnell über Land fährt.
Und die Autos, die im Stau stehen,
fahren Rückwärts.
Die bewegungslose Bewegung.

Einen Zug der Fährt gibt es nicht.
Nur die Warhnehmung davon.

Nur das ist worauf ich meinen Geist lege.

Was ist also der Sinn des buddhistischen Gesetzes?
Der Zug im Banhof.

Für die Suche bedeutet dass, dass es egal ist ob und zu welcher Lösung ich komme.
Meine Antworten werden nie die „Wirklichkeit“ abbilden, sondern immer die Struktur meines Denkens.

Sonne scheint durch die Zugfenster auf das Buch
und sie scheint mir schöner als die Zeilen von Meister Takuan.
Alles ist gut.

Jedenfalls danke ich der Belegschaft der Deutschen Bahn ganz herzlich für ihre selbstlose Beteiligung an Projekt 42 und dafür dass sie meine Auseinandersetzung mit dem ‚hara‘ und den großen Menscheitsfragen so wichtig fanden, dafür sechs Tage lang zu streiken! Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Glück bei der Verwirklichung dessen, was ihnen wichtig ist!

Trotzdem greine ich nicht, wenn nächste Woche der ICE wieder fährt.

> 20 Münchner Impressionen

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