Kino: „Moskauer Prozesse“

Wie wären die Verhandlungen gegen „Pussy Riot“ und andere russische Künstler ausgegangen, wenn sie gerecht verlaufen wären? Der Schweizer Dokumentarfilmer Milo Rau nahm das Verfahren in den „Moskauer Prozessen“ auf spielerische Weise auf.

Zwei Jahre ist es her, dass der Schauprozess gegen die Band „Pussy Riot“ die Augen der Welt auf Russland lenkte. Schon in den Jahren zuvor gab es ähnliche Prozesse, als die Macher der Kunstausstellungen „Achtung! Religion“ und „Verbotene Kunst“ sich gegen den Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle vor Gericht verantworten mussten. Wie wären diese Verfahren ausgegangen, wenn damals alles fair und getreu der russischen Verfassung verlaufen wäre? Um diese Frage zu beantworten wagte der Schweizer Dokumentarfilmer Milo Rau ein ungewöhnliches Experiment: Er holte Beteiligte der drei Prozesse, wie etwa Katja Samuzewitsch von Pussy Riot, den konservativen Moderator Maxim Schewtschenko oder Erzpriester Wsewolod Tschaplin in Moskau zusammen und lies sie die Verfahren in einer Art Laientheater noch einmal durchspielen – aber diesmal mit offenem Ausgang und mit gerechter Redezeit für alle Beteiligten. Drei Tage hatten die Vertreter von Kunst und Kirche Zeit um eine bunt gemischte Jury von Schuld oder Unschuld zu überzeugen.

Obwohl das ganze „nur gespielt“ ist kämpfen alle Beteiligten, als ginge es ums ganze. Der Film bleibt dabei weitestgehend neutral. So erfahren wir für westliche Verhältnisse überraschend viel über die Haltung Orthodoxer Russen, die in einer Verbindung zwischen Kirche und Staat ein schützenswertes Kulturgut sehen, dass es vor der Bedrohung des Liberalismus zu bewahren gilt. Überhaupt sind sich die Kontrahenten in ihrer Art gar nicht so unähnlich: Beide Fraktionen zeigen kaum Selbstkritik, beschimpfen den Gegner als faschistisch und geben an „instinktiv“ für das eingestanden zu sein, was ihnen am Herzen liegt: Den Schutz der Religion oder die Freiheit der Kunst.

Spannung erhält der Film dadurch, dass wir viel über „Ankläger“ und „Verteidiger“ erfahren, aber nichts über die sieben Juroren, die schließlich das Urteil fällen. Wichtiger als deren Entscheid (der hier natürlich nicht verraten wird) erscheint ein Detail am Rande: Als am dritten „Prozess“-Tag plötzlich die echte Staatsmacht erscheint und versucht die Veranstaltung zu stoppen sind sich für einen kurzen Moment alle Parteien einig: Sie wollen ungestört vom Staat weiter streiten! Die „Moskauer Prozesse“ sind ein höchst spannendes und lehrreiches Stück Polit-Kunst – das noch stärker ausgefallen wäre, wenn die Macher auf die tendenziellen Vor- und Nachworte verzichtet und dafür die im Westen recht wenig bekannten Ausstellungen genauer vorgestellt hätten.

WERTUNG: 2

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