Kino: „Der Teufelsgeiger“

Im Schatten des Gehörnten: Mit dem Paganini-Biopic „Der Teufelsgeiger“ erfüllte sich David Garret einen Lebenstraum und schickt die Zuschauer auf eine Reise ins Jahr 1830.

Es gibt eine Hölle für Geiger, sagt man. Und sie besteht aus den 24 Solo-Stücken, die der der Geigenvirtuose Niccolò Paganini für sein Instrument schrieb. Schon zu Lebzeiten warf man ihm deshalb (und wegen seines unsteten Lebenswandels) vor mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Im Film klopft der Leibhaftige in Gestalt des undurchsichtigen Herrn Urbani (Jared Harris) an die Tür des noch erfolglosen Paganini (David Garret). Seine Musik sei zu neu, das Publikum traue sich noch nicht, sie gut zu finden, erzählt der Herr mit dem Ziegenbart und bietet dem Geiger einen Pakt an: Ewiger Ruhm in diesem Leben – für Knechtschaft im nächsten. Paganini, der nicht ans Leben nach dem Tode glaubt willigt ein und schon bald beginnt ein beispielloser Aufstieg – der jedoch stets vom Absturz bedroht ist, da Paganini den Frauen und dem Glücksspiel noch mehr verfallen scheint als seiner Musik. Zur entscheidenden Phase in seinem Leben wird ein Engagement in London, der Metropole Europas, für das der britische Veranstalter John Watson (Christian McKay) nicht nur sein gesamtes Vermögen, sondern auch seine Beziehung zu seiner Lebensgefährtin (Veronica Ferris) und seiner Tochter Charlotte (Andrea Deck) riskiert, die er als Dienstmädchen verkleidet zu dem geheimnisumwitterten Genie schickt…

Mit der Verkörperung des von 1782 bis 1840 lebenden Paganini erfüllte sich Geiger David Garret ganz offensichtlich einen Lebenstraum. Neben der Titelrolle war er auch noch als Produzent und Mitkomponist des wuchtigen Soundtracks und treibende Kraft im Hintergrund dieses Films. Regie, Drehbuch und Kamera legte er dagegen in die Hände des Briten Bernard Rose der sich mit dem Beethoven-Biopic „Immortal Beloved“ schon als Klassik-Kenner ausgewiesen hatte. Vom musikalischen gibt’s am „Teufelsgeiger“ dementsprechend auch nichts zu mäkeln. Garret ist hier voll und ganz in seinem Element. In die Konzert-Szenen legt er seine ganze Leidenschaft und macht selbst ein kurzes „God save the king“ noch zum Hörerlebnis. Auch seine körperliche Erscheinung mit langem Haar und schwarzer Kutte prädestiniert ihn als Rockstar für jedes Zeitalter. Zudem spürt man sein ehrliches Engagment. Keine Frage, die Rolle bedeutet ihm etwas und passt zu seinem Anspruch, auch solche Menschen für Klassik zu interessieren, die mit dieser Musik sonst nichts am Hut haben. Die Fragen wie viel von Garret in diesem Paganini steckt und wie sehr die Mördergrube des Musikbusiness des 19. Jahrhunderts der des 21. gleicht macht den Film zusätzlich pikant. Auf der anderen Seite sind Garrets schauspielerische Fähigkeiten doch eher übersichtlich: Den Frauenhelden Paganini stellt er sehr überzeugend als Charmeur mit Dackelblick und sanfter Schlafzimmerstimme dar. Den tragisch leidenden Künstler spielt er – nun ja: genauso. Nur ein leichtes Zusammenziehen der Augenbrauen ist in dramatischen Momenten als Veränderung erkennbar. Das kann man als Minimalismus durchgehen lassen, steht aber doch im starken Kontrast zur kein Pathos scheuenden Filmmusik. Was genau diesen Garret/Paganini umtreibt, ihn zwischen Rausch und Rückzug hin- und herwirft, vermittelt der Film jedenfalls nicht.

Eitel in Szene setzt sich der Geigenstar allerdings nie – im Gegenteil: Dank seines leisen Auftretens bleibt viel Raum für klar gezeichnete Nebenfiguren, wie die aggressive Journalistin Ethel (Joely Richardson) oder die „Frauen gegen Teufelsanbetung“, die Paganini zu Verhängnis zu werden drohen. Viele solcher kleiner Geschichten erzählt dieser Film und verliert dabei manchmal sein Zentrum aus den Augen, so dass am Ende vor allem die fulminanten Konzertszenen in Erinnerung bleiben. Dazu die darstellerischen Leistungen von Andrea Deck als stolzer Bürgertochter Charlotte, die nicht das Klischee des ’star-struck-girl‘ erfüllt und Jared Harris, der seinen Herrn Urbani effektiv mit einer Aura des Ungewissen versieht: Ist er wirklich der Leibhaftige? Oder doch nur ein Spinner mit großem Hut? Unterm Strich bleibt ein Film der sicher kein „Amadeus“ ist – aber auch noch lange nicht die Hölle auf Erden.

WERTUNG: 3

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