Wagner: Die Walküre (Akt 2)

AKT 2
Nachdem ich Akt 1 mehr so abgesessen habe hat mich Akt 2 nun kalt erwischt: Während musikalisch die Post abgeht, schwenkt die Geschichte  zurück zu den Göttern – und offenbart erstmals tiefe moralische Fallgruben.

Seit den Ereignissen des „Rheingolds“ ist einige Zeit vergangen, aber Wotan (jetzt mit angegrauten Haaren) hockt noch immer auf dem kahlen Berge. Denn sein teuer erkauftes Walhalla ist voll. Voll mit Kriegern, die er dort für die letzte Schlacht gegen Alberich sammelt.

(Anmerkung: Überraschung. Bisher hatte ich Walhalla immer so als den Platz wahrgenommen an dem die gefallenen Helden mit ihren Vätern und Vätervätern zum ewigen Zechen zusammenkommen. Dass das nur eine Zwischenstation bis zum Endkampf ist hab ich gar nicht so deutlich mitbekommen. Bin ich wohl auf die Werbung reingefallen 🙂 ).

Die Begegnung mit dem Ring, Alberichs Fluch und Erdas Warnung haben Wotans Gemüt verdunkelt. Alle seine Gedanken kreisen um das Ende. Es götterdämmert ihm wohl, dass es nicht so clever war, den Ring den Riesen zu geben – aber sein Versprechen hält ihn davon ab ihn wieder zurückzuholen. Es sei denn…. er findet jemand, der die Drecksarbeit für ihn macht. Jemand der aus freien Stücken handelt und nicht offiziell im Auftrag von Wotan. Am besten einer, der dafür bekannt ist, wie sehr er die Götter hasst. Wotan nennt diese Person freien Held. Man könnte auch sagen Dieb, V-Mann. Guerilla. Terrorist.

Diesen „freien Helden“ wollte er eigentlich in Wehwald heranzüchten – all die haarsträubenden Zufälle des ersten Aktes waren Wotans Plan um diesen Helden zu schaffen. Doch nun geht alles schief: Fricka kommt ihm drauf und Wotan muss ein noch größeres Bauernopfer bringen – seine Tochter, die Walküre.

Ging es im „Rheingold“ noch um die simple Frage Macht oder Minne (bzw. Geld oder Liebe) so wird es nun moralisch sehr komplex. Freiheit oder Pflicht? In Liebe untergehen oder über Leichen gehen um möglicherweise ein Unheil abzuwenden?

Wotan handelt dabei ziemlich ungeschickt und stürzt seine Göttersippe in ein dunkles Familiendrama: Um das prophezeite Aussterben der Gätter zu verhindern zeugt Wotan reihenweise Kinder – und muss sie dann eines nach dem anderen opfern.

Also ehrlich. Wagner mag dreimal der Lieblingsmusiker Hitlers gewesen sein. Aber seine Ring-Erzählung ist meilenweit weg vom gut-böse Schema der Nazis. Staatliche Macht und Heldentum werden hier zumindest als zweifelhaft, wenn nicht gar als gefährlich und dumm gezeigt. Natürlich nur, wenn man auch die Texte zum Gesang liest. Wenn die Deutschen 1933 schon Untertitel gehabt hätten, wäre der Welt vieles erspart geblieben!

Die musikalische Seite ist in diesem Akt über jeden Zweifel erhaben. Ein wunderschönes intimes Gespräch zwischen Wotan und Brünnhilde, Rückschau auf das heroische Walhalla-Thema aus dem Rheingold und ein erste Ausblicke auf den Oberohrwurm des Walkürenritts lassen kaum Wünsche offen.

Ach ja: Schwert gekämpft wird schließlich auch. Wenn auch nur im typischen Halbdunkel dieser Inszenierung. Aber immerhin.

Bin jetzt wieder sehr hochgestimmt und gespannt auf die Fortsetzung. Und wie man vielleicht merkt erstmals nicht mehr nur musikalisch, sondern auch inhaltlich und emotional sehr interessiert…

< Akt 3 >

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