Kino: „City Lights“ mit Orchester

So muss Kino sein: Dirigent Frank Strobel und die Staatsphilharmonie Nürnberg zeigten Charlie Chaplins romantische Komödie „Lichter der Großstadt“ („City Lights“) von 1930 im Opernhaus.

Von solch einem Abend hat der Perfektionist Charles Chaplin wohl höchstens träumen können: Einer seiner amüsantesten Filme, in gigantischer digitaler Projektion, live begleitet von einem spielfreudigen und präzisen Orchester vor fast ausverkauftem Haus. Und mit einem begeisterten Publikum, dass aus dem Lachen kaum mehr rauskommt.

Denn „City Lights“ ist ohne Zweifel ein Meilenstein in dem an Höhepunkten wahrlich nicht armen Werk von Charles Chaplin. Entstanden 1929 bis 1930 in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm vereint er klassischen Slapstick in Vollendung mit den neu ermöglichten akustischen Gags. Da gibt es Politiker, die quäkend reden oder die Trillerpfeife die Chaplin verschluckt, und die fortan aus seinem Bauch heraus quietscht.

Noch dazu hat der Film trotz seiner etwas tragisch angehauchten Geschichte – Tramp rettet blindes Blumenmädchen indem er die verrücktesten Jobs annimmt – nichts von jener tiefen Melancholie, die viele andere Chaplin-Werke so traurig erscheinen lässt. „City Lights“ ist auch im 21. Jahrhundert vor allem eines: Saukomisch!

Zudem ist es auch der erste Film zu dem das Multitalent Chaplin neben Hauptrolle, Produktion, Regie und Drehbuch auch noch die Musik komponierte: Eine wilde Mischung aus Jazz, Vaudeville, träumerischen Melodien und musikalischer Lautmalerei, in ihrer ganzen Vielfalt stehts perfekt dargeboten von den Nürnberger Philharmonikern.

Dafür garantiert auch Frank Strobel am Pult, der unter anderem die spektakuläre Restauration von „Metropolis“ auf der Berlinale 2010 dirigierte und als einer der größten Experten für die symphonische Begleitung der frühen Filme gilt. Die er übrigens bewusst nicht als „Stummfilme“ bezeichnet: „Stumm waren die nie!“, erklärt der 46-jährige Münchner. „Immer gab es mindestens Klavierbegleitung. Deswegen wirken sie ohne Musik auch unvollständig, langsam oder schwerfällig – was sie in Wirklichkeit aber gar nicht sind!“

Im Gegenteil: Gerade „City Lights“ fließt in dieser Fassung fast schwerelos dahin. Ton und Bild bilden von Anfang an eine stimmige Einheit, die meilenweit entfernt ist von den beliebigen Piano-Boogie-Woogie-Untermalungen, die man aus dem Fernsehen kennt.

Dazu passt, dass auch die Soundeffekte – wie Schüsse oder Schläge – ebenfalls nicht aus der Konserve kommen, sondern live auf den Punkt gespielt werden.

Um das umzusetzen greifen Strobel und die Staatsphilharmonie auf keine technischen Hilfsmittel des Digitalzeitalters zurück. Einzig über 1500 Anmerkungen in der Partitur („Chaplin setzt sich“) geben dem Dirigenten Aufschluss, ob er sich noch exakt an der richtigen Stelle befindet. „Deswegen ist auch jede Aufführung einzigartig“, erzählt Strobel. „Es ist als würden wir einen Tänzer begleiten.“

Und was für einen Tänzer! Die Eleganz von Chaplins akrobatischen Einlagen als Boxer, Denkmal-Kletterer oder Luftschlangen-Esser hat auch nach über 80 Jahren nichts von ihrem Charme und ihrem Humor verloren. Keine Frage: „Lichter der Großstadt“ ist ein zeitloses Meisterwerk, das man gesehen haben sollte. Und zwar am besten in dieser Form.

WERTUNG: A

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