Kino: „Bittere Kirschen“

Die Fahrt ins innere: In Didi Danquarts experimentellen Film „Bittere Kirschen“ wird eine Reise nach Polen für eine enttäuschte Schauspielerin, einen Pfarrer und einen alten Mann zu einer Auseinandersetzung mit ihren verdrängten Erinnerungen.

Es ist wahrlich kein guter Tag für Schauspielerin Lena (Anna Stieblich, die Mutter aus „Türkisch für Anfänger“): Zuerst eine mittelmäßige Aufführung, dann ein Rüffel vom Theaterleiter, der ihr vorhält, sie hätte nie ‚das Gesicht‘ gehabt, das die Leute sehen wollen und schließlich der Anruf, dass ihre Mutter gestorben ist.

Das ist für sie Anlass genug endlich alles hinzuschmeißen und eine Reise in die Heimat ihrer Mutter anzutreten – nach Polen, genauer: Nach Auschwitz, dem deutschen Symbol schmerzhafter Vergangenheit schlechthin. Bald schließen sich ihr zwei Männer an, die ähnlich wie Lena unter ihrer starren Fassade unaufgelöste Konflikte und bohrende Erinnerungen mit sich tragen.

Erzählt wird das alles nicht als realistisches Road-Movie, sondern als stellenweise fast abstrakte, theaterhafte Szenenfolge. Da plaudert die tote Mutter noch mal in der Kirche mit Lena, bevor sie wieder in den Sarg steigt, da speisen SS-Offiziere in knallbunten 70er Jahre Tankstellen während die Hauptdarsteller tiefgründige Sentenzen austauschen.

Regisseur Didi Danquart entwickelte den Film ausgehend von Judith Kuckarts Roman „Lenas Liebe“, erweiterte ihr Frauenportrait aber um zwei gleichwertige Männerfiguren: Den alten Julius (Martin Lüttge) der in Auschwitz als Sohn eines der Lageraufseher aufwuchs und der sich nun seiner Rolle zwischen ‚Täterkind‘ und Opfer des Faschismus in seiner Familie stellen wird, sowie den katholischen Priester Richard (cool: Wolfram Koch) der sich in Gegenwart Lenas zwischen seinem Berufsstand und seiner nie versiegten Liebe zu Frauen entscheiden muss.

Hoch anzurechnen ist Didi Danquart, dass er beim Thema Auschwitz eben nicht auf die längst überstrapazierten Erinnerungs-Klischees wie Lagerbilder, nachgestellte Szenen in Schwarzweiß oder tragische Bratschenmusik zurückgreift, sondern einen ganz eigenen experimentellen Ansatz findet, der sich in vielfältiger Weise mit dem Phänomen der Erinnerungen – und wie wir mit ihnen leben – beschäftigt.

Mir isses zu ‚DEUTSCH‘. Ich habs lieber wenn die Leute wie echte Menschen reden und das Theater auf den Brettern bleibt. Aber für Leute die sowas mögen sicher eine feine Sache.

WERTUNG: 4

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