Kino: Ein Nachmittag mit „Carlos“

„Man langweilt sich keine Sekunde“, meinte Jörg Taszmann im Deutschlandradio über das epische Terroristen-Portrait Carlos von Regisseur Olivier Assayas. Ein beachtliches Urteil über einen Film, der schlappe fünfeinhalb Stunden geht. Grund genug, das selbst zu testen.

Tatsächlich vergehen die ersten dreieinhalb Stunden wie im Flug. In denen verdingt sich der junge Venezolaner Ilich Ramirez Sanchez – Kampfname „Carlos“ – als Nachwuchs-Terrorist, der von Mordanschlägen bis hin zur Entführung einer kompletten internationalen Ministerriege alles übernimmt. Durch seine zunehmend spektakulären Aktionen wird er bald zu einem seltsamen Medienstar, obwohl kaum jemand sein Gesicht kennt.

Das erinnert ein bischen an Jaques Mesrine in Public Enemy Nr. 1 wird aber hier „seriöser“ dargestellt. Der ganze Film hat einen Semi-Dokumentarischen Stil mit wenig (aber wirkungsvollen) Musikeinsätzen.  Neue Orte und Personen werden mit Einblendungen vorgestellt – und von denen gibt es jede Menge. Hier zeigt sich auch wie gut der Film gemacht ist: Trotz etwa 40+ Sprechrollen und 20 Jahre erzählter Zeit verliert man nicht den Überblick, da sämtliche Darsteller nicht nur extrem glaubwürdig spielen, sondern auch Charakterköpfe sind, die man sich gut merken kann.

Action macht dabei nur einen geringen Prozentsatz aus (der Abspann listet magere vier Stuntmen), die meisten Szenen sind intensive Schauspielerstücke in Cafés, Flughäfen und konspirativen Wohnungen.  Den Höhepunkt bildet dabei die Entführung der OPEC-Minister und ihre Irrfahrt über internationale Flughäfen. Schade ist nur, dass von der Sprachvielfalt, die alle an der französischen Originalversion loben, nichts geblieben ist: Hier sprechen alle Deutsch, nur halt mit mehr oder minder seltsamen Akzenten (die Deutschen sprechen z.b. gern langsam. Tun sich wohl etwas schwer 🙂 )

Trotzdem: Bis zur Pause stimmt es. „Carlos“ langweilt keine Minute und bei jeder langen Abblende denke ich mir „Bitte weiter!“ – abgesehen von Hunger, Harndrang und dem zunehmend ungemütlichen Kinostuhl im Metropolis.

Bei den letzten beiden Stunden sieht es dann etwas anders aus. Carlos unbeholfener Versuch sich sein eigenes Netzwerk aufzubauen, seine Anbiederungen an jede beliebige Ideologie, die ihm Kampf und Ruhm verspricht und schließlich sein Niedergang bringen dann etwas Leerlauf, zumal auch viele interessante Personen aus der ersten Hälfte ins Gefängnis wandern oder ins Gras beissen. Am Schluss ist mir dann auch nicht mehr ganz so klar, welche Fraktion ihn jetzt wohin schleppt. Kann aber auch schlicht daran liegen, dass nach fünf Stunden einfach die Luft raus und die Konzentration weg ist. Am Ende ist man vor allem eins: Platt.

Fazit: Kein Film, den ich kaufen oder bald wiedersehen muss, aber als einmaliges Kinoereignis von gigantischer Dimension durchaus zu empfehlen.

WERTUNG: 2

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