Kino: „The Living Nikelodeon“

Witzig: Gerade mokiere ich mich darüber, dass Kino ziemlich langweilig geworden ist und dass ich momentan die statische Schönheit der Comix vorziehe – da stolpere ich in die Veranstaltung „The Living Nikelodeon“ von Rick Altman, Filmprofessor aus Iowa.

Er zeigt etwas ganz besonderes: Dias, welche die Geschichte eines Songs erzählen (meist ein Bild pro Zeile), kunstvoll gestaltet und in Farbe. Diese „Illustrated Songs“ bzw. „Singing Slides“ waren der Hit in America von 1905 bis 1913 – also etwa von der Verbreitung der frühen Kinos bis hin zum Durchbruch langer Spielfilme.

„Cinema is not a technique – cinema is an idea“ sagt Altman – und in diesem Fall scheint die Idee zu sein: Leute in einem dunklen Raum zusammenzubringen und sie gemeinsam singen zu lassen. Denn die Songs kommen natürlich nicht von Platte, sondern werden vom Pianisten und Sänger live dargeboten, wobei das Publikum beim letzten Refrain immer selber mitsingen kann, weil er auf dem letzten Dia abgedruckt ist. Damit das leichter geht hat Mr. Altman einige der Texte (manchmal niedlich falsch) auf Deutsch übersetzt.

Das ganze ist eine Riesengaudi und sehr erhellend. So dachte ich ja bisher die „postmoderne“ mit ihrer selbstbewusstheit und ironischen Selbstreflexion der Kunst ginge irgendwo von Warhol bis Tarantino. Pustekuchen! Schon um 1908 legten die Musiker bekannte Melodien unter Stummfilme und gaben ihnen dadurch neue Bedeutung – allein durch die Melodie, ohne Worte. Z.b. Kommt die Schwiegermutter zu Besuch und der Pianist spielt „The old gray Mare“ (= „Das olle graue Pferd“).

Ein anderer Film „My loving picture man“ von 1910 zeigt wie ein Filmstar die Leinwand zerreist und seine Hand einem Mädchen im Publikum entgegenreckt. Sounds familiar, Mr. Allen? Mir scheint, jede Epoche hat so ihre eigene Postmoderne. Wie auch immer:

Respekt, Mr. Altman für diesen skurilen Abend!

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