Kino: „Friedensschlag“

Am Anfang steht die Entscheidung: Willst du in den Knast – oder willst du zu ‚Work and Box‘? Unter Knast können sich die Jungs zwischen 16 und 21 etwas vorstellen, schließlich kommen sie meist aus einem Umfeld in dem Drogen, Gewalt und Polizei zum Alltag gehören. Aber eine Einrichtung in der man durch Boxen und Arbeit zu sich selbst finden soll? Wie geht das?

Der Dokumentarfilm „Friedensschlag“ von Gerardo Milsztein lässt uns hinter die Kulissen der 2003 gegründeten „Work and Box-Company“ vor den Toren Münchens blicken. Hier wird innerhalb eines Jahres versucht, jungen Männern zu zeigen, dass sie mehr sind als nur Täter und Opfer. „Wir kümmern uns um die, die sonst nur Ablehnung erfahren“, meint Initiator Rupert Voß. „Und wer sich einmal für uns entscheidet, den begleiten wir auch – auch wenn das bedeutet, dass wir ihn monatelang täglich von zu Hause abholen und herbringen müssen.“

Wahrlich: Die Arbeit ist kein Zuckerschlecken: Beschimpfungen, Drohungen und Ablehnung gehören zum Alltag bei „Work and Box“. Durch intensive Gespräche und die kontrollierte Körperlichkeit im Boxring wird versucht an die Seele der Jungs heranzukommen, an ihre Verletzungen. Teils werden die Teilnehmer bewusst an ihre Grenzen geführt – um dann zu erleben, dass es aus Stressituationen auch andere Auswege gibt als Gewalt und Gegengewalt.

Friedensschlag“ zeigt uns das Projekt vornehmlich aus der Sicht der Jugendlichen: Sie erzählen von ihrer Perspektivlosigkeit, zeigen ehrlich ihre Ablehnung, die, wenn alles gut läuft, irgendwann in die Erkentnis umschlägt: „Das bringt mir was!“. Wir sehen, wie die Jugendlichen sich im Laufe des Jahres öffnen und Vertrauen fassen und schließlich sogar den Schritt auf den ersten Arbeitsmarkt wagen. Mit Erfolg: 80% der Teilnehmer fanden bisher einen Ausbildungsplatz.

Man spürt als Zuschauer, dass nicht nur das „Work and Box“-Projekt, sondern auch der Dokumentarfilm mit Herzblut betrieben werden. Der in Argentinien geborene Regisseur Gerardo Milsztein wäre sogar bereit gewesen den Film „als Hobby zu machen, wenn sich kein Produzent gefunden hätte“. So entstand aus über 300 Stunden Rohmaterial ein spannender fast zweistündiger Film. Einzig die Band „P:LOT“, die für den Soundtrack zuständig war schießt bei ihrem löblichen Versuch dem Musikklischee „Jugendgewalt = Rap“ aus dem Weg zu gehen etwas übers Ziel hinaus und schafft verkopfte Soundscapes, die oft unnötig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ansonsten eine sehr sehenswerte Dokumentation.

WERTUNG: 2

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