Kino: „Invictus“

Nur ein Sportfilm?

Eigentlich kann man ja bei Clint Eastwood nix falsch machen, trotzdem fand ich die Ankündigung „Eastwood verfilmt in ‚Invictus‚ wie Nelson Mandela 1995 die Rugby WM gewann“ (sinngemäß)  etwas enttäuschend. Warum den kein „richtiges“ Mandela-Biopic? Warum nur ein Sportfilm? Was ist denn so wichtig an dieser Rugby-Meisterschaft, dass sie so zentral stehen muss?

Witzigerweise ist das auch eine Frage, welche die anderen Personen im Film immer wieder an den Präsidenten Mandela richten: „Haben Sie nichts wichtigeres zu tun als dieses Spiel?“ „Warum ist es so verdammt wichtig, in welchen Trikotfarben die Spieler einlaufen?“ Und wie sie lernen auch wir Zuschauer nach und nach, dass es tatsächlich eine Bedeutung hat.

Das Wunder von Cape Town

Was Eastwood in dieser neuen Episode seines Alterswerks tut, hat nichts von Vereinfachung, sondern von Konzentration: Anhand des Mikrokosmoses rund um die WM entsteht ein vielschichtiges Bild Südafrikas während der Umbruchszeit. Am deutlichsten und präzisesten eingefangen in der Gruppe der Leibwächter – vier schwarze und vier weiße – die sich ein viel zu kleines Büro teilen und erst nach und nach zusammen finden und mit ihrem neuen Boss umzugehen lernen, der fordert, dass sie nicht nur für Sicherheit sorgen – sondern dabei auch noch lächeln.

„Für ihn ist niemand unsichtbar“

beschreibt einer von ihnen das besondere an Mandela. Und es gilt natürlich auch für den Blick von Eastwood. Die „kleinen Leute“, die an vielen Stellen auftauchen, sind ihm genauso wichtig, erhalten ebenso sorgfältige Miniaturen wie die Staats- oder Spieltragenden Personen. Und spätestens wenn *MINOR SPOILER AHEAD* das Rugby-Team das Gefägnis besucht in dem Mandela einsaß, weiss man, warum Eastwood keinen Film zu machen brauchte, der zeigt wie Freeman 27 Jahre als ‚Verurteilter‘ rumsitzt – es reicht, wenn wir es durch die Perspektive des von Matt Damon ruhig verkörperten Mannschaftskapitäns François Pienaar sehen, der in der Zelle steht und seine Arme streckt um deren Enge zu erfassen, während der Geist Mandelas schon nach draussen strebt: Bilder der Befreiung, nicht der Gefangenschaft. *SPOILER END*

Linien

Freemann (der nicht zuunrecht bereits als Gott zu sehen war) spielt auch Mandela als moderne Version des ‚guten Königs‘, der seine Mitbürger als „Familie“ sieht und alles für sie zu geben bereit ist: Selbst denen zu vergeben, die ihn jahrzehntelang gepeinigt haben. Damit zieht sich eine direkte Linie zur Versöhnungs- und Erlösungsthematik des letzten Eastwood Films „Gran Tourino“,

In einer zweiten Linie verbindet sich der Film aber auch mit der kritischen Sicht aus Eastwoods Filmen: Wir sehen nicht nur die Begeisterung, sondern auch wie sie gemacht wird. Die Logistik der Versöhnung. Und zuguterletzt ist „Invictus“ wie alle späten Eastwood-Filme auch ein Stück Musik: Eine Choreographie aus Schnitten, ein Tanz mit Sonne und Licht, ein Balett aus Geräuschen, wie in dem finalen Spiel.

Ich aber sage: Hui Buh ist ein Gespenst!

Fazit: Freilich ist Eastwood kein Auteur im klassischen Sinne, da er die Filme nicht schreibt, sondern vielmehr dafür bekannt ist, Drehbücher, die ihm gefallen sehr genau und vorlagengetreu zu verfilmen. Aber er ist Autor seines Oeuvres und in der Wahl seiner Stoffe inzwischen bei einer sehr starken Mischung aus Präzision, Sanftheit und Menschlichkeit angekommen, bei der das Thema „Versöhnung“ immer breiteren Raum einnimmt. Das ruft freilich auch  gleich Kritiker auf den Plan: Ist das nicht zu nett? Zu versöhnlich? Zu naiv-amerikanisch?

Gegenfrage: Kann man zu versöhnlich sein? Vorsicht! Nicht zu schnell antworten! Geniessen, nachdenken und freuen über dieses starke Stück americana unter der Sonne Afrikas

WERTUNG: 1

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