Kino: „Inglourious Basterds“ – und der Umgang mit der Hitlerei im deutschen Nachkriegsfilm allgemein

Schon wieder Hitler?

Ich weis ja nicht wie es ihnen geht, aber ich wurde seit der Schulzeit mit gefühlt 300 Dokus über das böse dritte Reich bombardiert, alle von Guido Knopp und alle mit rügender Bratschenmusik:  „Hitlers Hunde“,  „Hitlers Helfer“, „Hitlers vegetarischer Metzger“. Dazu kommen ungezählte US-Filme in denen die Deutschen die ewigen Schurken markieren.

Die Ankündigung, dass sich nun Quentin Tarantino des Genres Zweiter-Weltkriegs-Film annimmt stimmt mich kritisch. Ist dem großen Spieler Dr. Tarantino dazu wirklich noch etwas neues eingefallen – oder kann er seine geliebten  Zitate zumindest so anordnen, dass das abgenutzte Material wieder frisch wirkt?

Cool ist es auf jedenfall, wenn ein Weltregisseur in Deutschland dreht, mit deutschen Schauspielern und dann auch noch einen Nazi-Film. Einen ohne „Betroffenheit“. Ohne Bratsche. Einen der uns vielleicht sogar, wie es der Trailer verspricht, einen neuen Blickwinkel auf die Hitlerei gibt? Und das obwohl sich dieser Blick doch ständig verändert hat, zuletzt drastisch mit „Mein Führer“?

Mit der Kraft der vier Phasen

Wie war denn der deutsche Bewegtbildblick auf die Nazizeit bisher?

Ich versuche das mal zu sortieren: Erste Phase

Verdrängung

Gleich nach dem Krieg hatten die Leute wohl wichtigeres zu tun, als sich neben den zerstörten Städten auch an der zerstörten Biographie aufzuarbeiten. Nur wenige Filme wagten sich an die Vergangenheit. Ein frühes Beispiel – Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ von 1945 /46 – wurde in Westdeutschland erst Anfang der 70er (!) im Fernsehen gezeigt. Da war das Land schon in der zweiten Phase:

Konfrontation

Die Generation der „Söhne“ begeehrte auf, wollte wissen, was die Väter wirklich gemacht hatten. Aus der sicheren moralischen Distanz hakte der „Neue Deutsche Film“ nach, was die Leinwand von „Opas Kino“ verdeckt hatte, wollte wissen, wie aus Leuten Nazis wurden.  Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“ ist sicher der bekannteste Film dieser Epoche.

Dokumentation

Mit weiter wachsender zeitlicher Distanz wanderte das Genre inhaltlich vom Spielfilm zur Dokumentation, räumlich vom Kino ins Fernsehen. Der große Generationskonflikt der „68er“ war geschlagen, nun gings an Datensammeln von Guido Knopp bis zum „Untergang“ glaubte man dem Faszinosum der NS-Zeit mit Fakten und Re-Enactment wirksam zu Leibe rücken zu können. Ein ebenso ehrenwerter wie zweifelhafter Versuch, in einem Medium, dessen Stärke nicht Tatsachen sind – sondern Geschichten.

Und so entdeckten wir Deutschen einen vierten Blick auf den Nazi-Zeit (den sich andere Nationen freilich schon viel länger erlaubten): Das

Spiel

Dany Levis „Mein Führer“ durchbrach – trotz mancher formaler Schwächen – eine moralische Schallmauer: Die Nazis wurden offensichtlich und mainstreamtauglich zum Spielmaterial. Die Zeit, die Wunden der Geschichte anzusehen und zu betrauern war damit vorbei. Die Zeit zurückzuschlagen war gekommen. Zurückschlagen mit den Mitteln des Kinos. Die Nazis nicht übermenschlich monströs, nicht papiern toterklärt sondern kaputtgelacht zu machen.

Ein solches Spiel in neuer, globalisierter Dimension verspricht uns nun auch Tarantino, wenn er eine Riege erstklassiger deutscher Schauspieler zur ultimativen Geschichtsfälschung einläd: Ein Film in dem die Kunst nicht nur gegen die Nazis kämpft, sondern sogar gewinnt – in dem Kino stärker ist als Hitler.

Zurück zu den Bastarden

Im Frühjahr 1944 will eine Truppe amerikanischer Juden, die als blutige Skalpjäger hinter den deutschen Linien kämpfen Hitler in einem französischen Kino in die Luft sprengen, gleichzeitig bereitet dessen Besitzerin, eine junge französische Jüdin, Überlebende eines Massakers an ihrer Familie, ihren eigenen Anschlag auf die Besatzer vor.

„Inglourious Basterds“ besteht, wie so oft bei Tarantino aus einer Abfolge von Kapiteln, von denen jedes einzelne ein Kabinettstückchen für sich ist und mit eigenen visuellen, akustischen oder darstellerischen Leckerlis aufwartet: Mal gibt es eine tolle Montage zu einem David-Bowie Song, mal trieft Westernromantik von der Leinwand, mal dürfen Größen wie August Diehl die Sau rauslassen.

Das Problem – aus meiner Sicht – ist, dass sich die einzelnen Kapitel diesmal nicht um eine zentrale Person drehen (wie etwa in „Kill Bill“) oder zusammen ein vielschichtiges Mosaik ergeben (wie in „Pulp Fiction“), sondern eigentlich das gleiche Muster mehrfach wiederholen: Erst gibt es ein bissl Witz, dann ein ausgedehntes Rede-Duell, schließlich eine kurze Gewalt-Eruption und ein schwarzhumoriges Nachgeplänkel. Identifikationsfiguren gibt es keine und die Stimmung pendelt recht unentschlossen zwischen „Ich mach jetzt auf spannend“, „Ich zitier mal schnell was“, „Jetzt kommt ein derber Witz“ und „Jetzt kommt noch eine Anspielung auf einen Film“.

Wie gesagt, es macht schon Spaß es anzusehen, aber eine neue Sichtweise auf das Nazizeug bringt er nicht wirklich und darum, dass Hitler am Schluss ein bischen tot ist können wir uns in echt ja auch nix kaufen. Ein „Meisterwerk“ sind die „Basterds“ nicht, aber ein ehrenwerter Witz: Das Kino kann – leider – gegen Hitler nicht gewinnen. Nur immer wieder gegen ihn anrennen.

WERTUNG: 2

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Ein Gedanke zu “Kino: „Inglourious Basterds“ – und der Umgang mit der Hitlerei im deutschen Nachkriegsfilm allgemein

  1. Hehe, das klingt doch verdächtig wie die Sicht des Veteranen ungezählter Filmnächte und rezensierter Streifen von heftig wechselnder Qualität. Wobei ist die Wertung 2 durchaus angemessen finde, vielleicht noch mit einem kleinen „plus“ des Gelegenheits-Filme-Schauers versehen, der sich über die gesamte, mit über 150 Minuten nicht zu unterschätzende Länge des Films gut unterhalten fühlte.

    „Kill Bill“ sticht der Film in meinen Augen sogar aus, aber das mag auch daran liegen, dass ich ein großer Fan von eiskalt und rational agierenden Bösewichten bin, die fast in jeder Situation die Contenance wahren & gerade nicht die üblichen Fehler machen. Und da spielt Col. Landa klar in einer Liga mit Charakteren wie dem Psi-Korps Leiter Bester aus Babylon 5.

    Von daher ein schön inszenierter Bilderreigen ohne allzuviel der üblichen schwarz-weiß Malerei. Fein.

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