Kino: Deconstructing Harry

Ich gebe es erneut zu: Was Harry Potter angeht bin ich gänzlich unbeleckt, weil ich ausser den Filmen nix davon kenn. Deshalb freut es mich besonders, dass diesmal in der Reihe hinter mir fünf etwa zwölfjährige Mädchen sitzen, die jede Szene lautstark auf ihre literarische Trueness hin analysieren: „Ich weiss was jetzt kommt…“ „Im Buch kommt jetzt aber…“ „War das überhaupt im Buch?“ etc.

Ansonsten warten auf mich einige Überraschungen. Die erste: „Harry Potter und der Halblblutprinz“ ist gar kein Fantasy-Film mehr, sondern eine Art Teenie-Soap mit düsterem Setting.

Magie ist auf ein Minimum reduziert, Monster und Zauberkreaturen gibt es gar keine mehr – oder sie nibbeln gleich ab oder sind schon tot, wie Hagrids Spinne in einer der schönsten Szenen.  Selbst das Quiddich-Match wirkt ausgeblichen und fad und auch die Musik ist anders. Ausserdem machen die Personen ständig Witze darüber, dass sich in ihrer Welt alles wiederholt („Warum seid immer ihr drei da, wenn etwas passiert“), als hätten sie selbst gemerkt, in welcher Endlosschleife aus immer wieder variierten Szenen sie sich seit 5 Teilen befinden.

Die zweite Überraschung ist: Es macht Spaß, dieser Selbst-Dekonstruktion eines Mythos, dieser Betonung des eigenen Leerlaufs zuzusehen. Wie weit werden sie wohl gehen? Wie wenig Effekte, wie wenig Inhalt verträgt ein Blockbuster?

Ein paarmal scheint sogar ein Ausbruch möglich, scheint sich der Film nicht nur kreativ aufzulösen, sondern sogar etwas neues aufzubauen: Als Harry am Anfang mit der Kellnerin eines heruntergekommenen Imbissstandes flirtet will man ihm fast zurufen: „Na los! Zieh mit dieser netten Negerin nach nebenan in ein kleines Haus und mach Kinder. Wollewatz wird schön doof gucken!“ Das passiert natürlich nicht. Und wenn am Schluss alles in schwarz versinkt und Harry auf einer abstrakten Insel im leeren sitzt riecht das nach „Evangelion“ und man denkt: Jetzt könnte alles kaputt gehen und als nächstes sehen wir schwarze Streifen. Das passiert natürlich auch nicht.

Was passiert ist folgendes: Gandalf erzählt Harry, dass Wullewatz seine Seele in sieben Teile gespalten und in sieben Hoaxes oder Hotzenplotzen versteckt hat. Die muss man jetzt finden. (Echt? Darauf läuft die erfolgreichste Fantasy-Saga unserer Zeit hinaus: „Finde die sieben…“? Nee, oder?) Deshalb gehen sie nach Moria, wo ganz viele Gollums angreifen. Wieder daheim wird Gandalf von Alice Cooper erschossen. Das ist aber wahrscheinlich nur ein Trick, weil kurz vorher erfahren wir, dass Alice und Gandalf eigentlich Buddies sind. Und überhaupt: Bisher ist Gandalf immer wieder zurückgekommen. Wahrscheinlich hat er seine Seele vorher auch gesplittet und in einem Hotzenplotz versteckt. Die Mädchen in der Reihe hinter mir könnten dazu sicher etwas kluges sagen. Ich sage nur noch:

WERTUNG: 3

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Ein Gedanke zu “Kino: Deconstructing Harry

  1. „Teenie-Soap mit düsterem Setting“ trifft es wirklich gut. Das Ganze wirkt nett, man langweilt sich nicht aber irgendwie ist auch die Spannung früherer Teile verflogen. Und ja, der freundliche Herr Dekan sieht diesmal wirklich aus wie Gandalfs lange verschollener Zwillingsbruder …

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