DVD: „Leaving Home“ – Unterwegs mit Sir Simon (Teil 1)

Reisevorbereitungen

„Leaving Home“ (Die Heimat verlassen) heisst eine siebenteilige Serie von 1997 in welcher der Dirigent Sir Simon Rattle die sinfonische Musik des 20. Jahrhunderts vorstellt.

Da ich über moderne Klassik fast gar nichts weis – ausser natürlich das gängige Vorurteil, dass sie meist grauselig schrägt klingt – aber total auf solche „Guided Tours“ durch unbekannte Wissensgebiete stehe, schenke ich mir die Box selber zum Jahresende.

Doch zuvor guck ich natürlich im Internet, wer dieser Simon Rattle eigentlich ist: Ein  verknöcherter alter Taktstockheber, ein mediengeiler Pultjungspund? Gibt es da wieder blöde Marionetten wie bei den Mozart-Erklär-DVDs von Ustinov, die bei mir nur als Einschlaf-Hilfe taugten?

Die erste Rundschau ergibt: Sir Simon scheint (trotz Schlagersänger-Frisur und irgendwie esoterischem Grinsen) ein ziemlich cooler Hund zu sein – einer der sogar die alterwührdigen Berliner Philharmoniker swingen lässt (das wäre unter Herbert von Karamalz nienienie vorgekommen) und der auch spannend und anschaulich erzählen kann.

Ja! Mit diesem Typ kann man auf eine Reise gehen, die im besten Fall ähnlich interessant und persönlich wird, wie die mit Martin Scorcese durch den amerikanischen Film.

Also – los geht’s!

Wien 1900 – Das Ende der alten Ordnung

Die erste Folge erzählt von der Entstehung der „neuen“ Musik durch die Komponisten der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts (mit einem Rückblick auf Wagner). Laut Rattle konnte das nur in Wien geschehen – einer Stadt die gleichzeitig konservativ und modern ist – so nahe beieinander, das man nicht merkt, was was ist.

Tatsächlich wollen diese frühen „Neutöner“ auch gar nicht die alte Musik mit ihren schönen Harmonien kaputtmachen – sie scheinen eher zu müssen! Denn um sie herum zerfällt die alte Ordnung: Der Kaiser wird erschossen, die alten Standes-Strukturen fallen, ein böser Freud stöbert im Bewusstsein rum: Selbst die freundliche, heilende Natur der Romantik wird ihnen gefährlich. An allen Fronten scheint das alte, vertrauenswürdige keinen Halt mehr zu geben.

Die Komponisten betreten ein Neuland ohne Regeln in dem sie sich zu verlieren drohen und wo Alpträume und Grauen an jeder Ecke lauern. Oder wie Rattle sagt: „Die Logik der totalen Freiheit führt geradewegs ins Irrenhaus“. Deshalb steht neben dem Hinterfragen und Beklagen der alten Ordnung auch schnell die Suche nach einer neuen.

Gefunden wird sie in der 12-Ton Musik, bei der jeder Ton einmal gespielt sein muss, bevor er wieder benutzt werden darf – eine Art selbst auferlegte Vorschrift um sich im neuen zurecht zu finden, die aber genug Freiraum lässt.

Insgesammt eine sehr düstere Folge, bei der ich besonders die Musik von Mahler und das abschließende „Dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg interessant finde, das gleichzeitig den Tod eines kleinen Mädchens und den der alten Kultur betrauert.

Rhythm: Chaos or complexity?

Die zweite Folge der Serie ist viel fröhlicher: Sie löst sich los aus der chronologischen Erzählung und behandelt einen Einzelaspekt der Musik des 20. Jahrhunderts, quer durch die Kontinente und Epochen – den Rhythmus.

Vom Blues Art Tatums über ulkige Piano-Maschinen bis hin zu den 2001-Klängen von Ligeti führt hier die Reise und zeigt, wie ein lange Zeit dienendes Element (der Rhythmus) zum Cheffe in der Musik wird und die neue Ordnung bringt – doch diesmal eine die von Tanz, Kraft und Vitalität erzählt.

Besonders cool finde ich hier wieder das abschließende Stück „Turangalila-Sinfonie“ von Oliver Messiaen, das herrlich wild zwischen Chaos und majestätischen Momenten hinundhersaust. Langweilig wie Mozart finde ich dagegen das Gruppen-Klangschalen-Geklippe von Pierre Boulez. Aber es muss einem ja nicht alles gefallen.

Das gilt auch für den visuellen Stil dieser Serie. Während die Archiv- und Orchester-Aufnahmen sehr schön sind, gibt es leider immer wieder Momente wo völlig unnütz visueller Lärm erzeugt wird: Wirbelnde Wasser, durch den Wald hupfende Tanzgören oder rasend schnell geschnittene Zeichnungen lenken vom Hören ab. Bald gewöhne ich mir an, nur noch dann hinzuschauen, wenn Simon redet und bei den Liedern nur zuzuhören.

Ansonsten eine schöne Sache, die Lust macht auf die anderen 5 Teile.

Fortsetzung folgt!



Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s