Kino: Funny Games? „Funny Games U.S.“

Vorher

Über „Funny Games“ hatte ich im Vorfeld viel gelesen: Ein Österreicher dreht in USA ein 1:1 Remake seines gleichnamigen FIlms von 1997 (von dem ich damals nur das gruselige Poster vom Typ mit der Tüte auf dem Kopf gesehen habe). Der Film soll fast unerträglich grausam sein, handelt er doch davon, wie zwei Jungs in weiß eine Familie foltern und töten. Will ich das sehen? Nein, will ich nicht.

Aber andererseits gilt der Film – also das baugleiche Original – als brilliantes Meisterwerk, welches den formelhaften amerikanischen Thriller regelrecht zerlegt und selbst Kritiker Guru Georg Seeßlen (der weit mehr Filme gesehen hat und tiefer über sie nachgedacht hat als ich) bewertete das Remake kürzlich mit 5/5 Sternen – witzigerweise in Schwarz statt im üblichen Rot, ein weiteres Warnzeichen?!

Aber hey – kann irgendwas grausamer sein als amerikanische Hochzeitskomödien? Eben! Also los!

Let the music play, you won’t get away….

Sehr brillianter Anfang: Betont lang nur rote Titel auf Schwarz, dann Aufblende. Zu braver Opernmusik fährt ein Auto shiningmäßig durch die Gegend. Wir lernen die Familie darin nur über Stimmen, dann über Großaufnahmen kennen. Sie spielen Spiele. Erst spät sehen wir sie in der Totalen – und die Oper wird weggeknallt von einem wahnsinnigen Stück von John Zorn. Die roten Titel umrahmen die Familienmitglieder wie Gefägnisse. Sie kommen an, sehen die Nachbarn von weit, weit weg. Irgendjemand ist bei ihnen ein Junge. Sie erreichen ihr Ferienhaus, das riesige Automatiktor schließt sich hinter ihnen.

The more we are protected…

Zuerst fällt auf, das „Funny Games“ abseits seines gruseligen Rufes sehr sanft inszeniert ist. Zwar liegt von Anfang an eine nervöse Spannung über dem Geschehen, doch werden wir in den folgenden zwei Stunden (bis auf eine markante Ausnahme) weder Bluttaten sehen noch genretypisch durch laute Geräusche erschreckt werden. Wie grausig man den Film empfindet hängt dabei vor allem davon ab, wie sehr man sich mit der (imho recht unsympathisch gezeichneten) Familie identifiziert oder ob man sich schon recht früh auf die Seite der wesentlich gewitzteren Jungs schlägt, die Terror und Comic Relief in einem sind.

History Repeating

Inhaltlich zeigt „Funny Games“ nicht viel anderes, als was man in anderen blutigen Thrillern schon wiederholt gesehen hat. Und genau das ist der Punkt: Standart-Situationen vorführen, aber dann die Genre-Regeln („Das Kind muss überleben“) brechen. Insofern funktioniert Hanekes Film als bitterschwarze Parodie, als eine Art „Scream“ für Erwachsene.

Allerdings ist seine Medien- (oder besser „Zuschauer-Kritik“) schon arg in the face. Wenn die Schurken in die Kamera schauen und direkt das Publikum anreden erinnert mich das an Austin Powers („Das gilt für sie da draussen auch!“) was nun gar nicht gruselig ist.

Aber was kritisiert diese Kritik eigentlich?

Ecstasy from viewing murder on TV

Warum schaut ihr diese Scheiße? Immer wieder? Das scheint die Frage zu sein, die „Funny Games“ an seine Zuschauer richtet. Schaut ihr es, weil es da ist? Oder ist es da, weil ihr es sehen wollt? Gibt es tatsächlich ein „aufgeilen an der Gewalt“ – das hier ja konsequent unterlaufen wird, da wir ‚Sex & Crime‘ nicht sehen? Gibt es gute und schlechte Gewalt im Film? Und wenn ja, welche ist gut? Comic-Violence? Heroische Gewalt? Realistisch grausame?

Oder ist das was wir hier sehen sollen und wollen gar nicht der U.S. Thriller, sondern der Sieg eines europäischen Arthouse-Films, der es geschafft hat sich nach Hollywood zu schmuggeln um dort kaputt zu machen was uns kaputt macht? Gibt es also vielleicht auch ein „aufgeilen“ an der eigenen kulturellen Überlegenheit? Ist Händel besser als John Zorn?

Antworten gibt der Film keine, aber – wie der Regisseur selbst sagt – er funktioniert als Sprungschanze für die Gedanken der Zuschauer.

Nachher

Als ‚echter‘ Genrefilm wäre Funny Games stellenweise schon arg zäh, seine Medienkritik formuliert er nicht gerade subtil, aber als formales Experiment überzeugt er durch die Bank: Ein selbstdestruktiver Thriller von jemanden der eigentlich keine Thriller mag, für ein Publikum, das danach keine Thriller mehr mögen soll.

WERTUNG: 2

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