Kino: 2Late2Heal? – „BenX“

So, den Heiratskram guck ich mir erst morgen früh an. Heute kommt erst mal „BenX“ dran, ein Film über einen autistischen Jungen, der nur wenn er den Korea-Grinder „Archlord“ spielt richtig kommunizieren kann.

Interessant fand ich, dass ich im Vorfeld nur gutes über den Film gehört hatte, sowohl von Leuten, die ihr halbes Leben (oder mehr) in MMO-Welten verbringen, als auch von solchen, die froh sind, wenn sie ihren Computer einschalten können. Was für ein Film kann das sein?

Ein Film, in dem es nicht wirklich ums Online-Spielen geht, sondern eher darum, den Zuschauer direkt in den Kopf eines Autisten zu schiessen. Die reale Welt ist für Ben nur eine viel zu schnelle Folge von Details, Worten und Geräuschen (Wahnsinns-Sound-Design) nur in der aufgeräumten Benutzeroberfläche von Archlord hat er das Gefühl Herr der Lage zu sein. Doch die Grenzen verschwimmen immer mehr.

Die Morgentoilette ist Bens Charaktergenerierung, beim Laufen zur Schule folgt er der Mini-Map, böse Mitschüler sieht er als drohende Orks. Und Orks gibt es jede Menge ans Bens Schule. Die piesacken ihn so lange, bis er nur noch einen Ausweg sieht. Das „Endspiel“. Selbstmord.

Die Geschichte vom gemobbten Aussenseiter ist beleibe nicht neu – sie wird auf jedem Jugendfilmfestival mindestens drei mal erzählt – aber die Form in die Nic Balthazar sie hier gießt ist wahrhaft grandios. Spiel und Realszenen vermischen sich fließend (ein Teil des Films wurde ‚in‘ Archlord gedreht, die realen Teile eingefärbt und verändert, Kamerapositionen und Bewegungen sind denen von Spielen nachempfunden.) Dadurch entstehen immer wieder magische Momente, etwa wenn Ben durch den eingefrorenen Bahnhof geht oder sein ‚Kampf‘ im Park – und es stellen sich Fragen darüber, wie virtuell unsere Welt schon ist, wie real unsere virtuellen Gemeinschaften.

Überhaupt: Fragen stellen! Darin ist „BenX“ ganz groß! „Wieviele Gründe braucht man um sich umzubringen?“ „Wie kannst du ohne Heilerin ins Endspiel gehen?“ Welchen Algohrythmen folgen die Leute auf der Straße? Wo fängt ’normal‘ an? etc.

Technisch stimmt alles: Dicker Sound. Gute Musik. Starke Schauspieler. Tolle Kamera. Rasanter Schnitt.Ganz erstaunlich, dass Balthazar die Story vorher auch schon als Buch und Theaterstück verarbeitet hat – wenn man sie so sieht glaubt man, dass sie nur als Film mit Spielszenen funktionieren kann. Als hätten die größten Kunstformen des 20. Jahrhunderts (das Kino) und des 21. Jahrhunderts (das Spiel) zusammengefunden um etwas zu preisen, das noch größer ist als beide zusammen.

Ein paar Wermutstropfen gibt es aber auch: Die Synchro wirkt teilweise etwas trocken und lieblos, die permanente Archlord-Werbung ist mehr als aufdringlich. Auch sind manche Momente doch sehr dick aufgetragen. Aber in den meisten Fällen findet „BenX“ einen Dreh, der alles plausibel oder neu macht.

Also – letzte Frage: WERTUNG.

A oder 1?

Überleg.

1

Dann kann Ben nämlich noch mal aufsteigen.

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