Filmanfänge III (1973-

Da es tatsächlich Leute gibt, die dieses Zeug lesen (danke!), werd ich diese nette Rubrik mal fortsetzen. Die Regeln findet ihr bei den ersten beiden Teilen. Ich habe den Break an dieser Stelle gesetzt, weil nun einer meiner Lieblings-Regisseure (von den lebenden) die Bühne betritt, der sich in Zukunft heftig in der Sammlung breit machen wird.

Ich bin gespannt, denn es dürfte schwieriger werden, eine klare Sortierung zu machen: Die Anzahl der Filme pro Jahr in der Sammlung steigt und die stilistische Vielfalt explodierte ja seit den 60ern. Wird es noch klare “Trends” bei Filmanfängen geben? Let’s see!

Nun aber wie versprochen

Ein Film von 1973

Schwarz. Ein Mann sagt: “Du zahlst für deine Sünden nicht in der Kirche… du zahlst auf der Straße und zu Hause. Der Rest ist Scheiße und das weißt du.” FFFfffp: Ein Mann fährt im Bett hoch. Das Zimmer ist in blaues Licht getaucht. Vor dem Fenster mit Rolläden rauschen Autos. Der Mann steht auf. Fine-Rip Unterwäsche. Muskeln. Er geht zum Spiegel. In der Ecke an der Wand ein Kruzifix. Aussen Sirenen. Er betastet sein Gesicht. Dann geht er zurück zum Bett, legt sich wieder hin. Als sein Kopf ins Kissen sinkt krachen Rockdrums. Er legt sich die Hände auf die Augen. Er scheint versuchen zu schlafen, während der Rocksong richtig losgeht. Schnitt auf einen Super-8 Filmprojektor, den die Kamera langsam umkreist, darüber die Titel wie mit Maschine getippt. Der Film der projeziert wird: Gekrakel, Blaulichter, der Mann, diesmal angezogen mit Jackett und Krawatte, grinst auf einer Kreuzung in die Kamera, wilde Lichter. Be my little Baby. Eine Straßenecke. Darüber der Main Title in Rot.  Weitere Home-Movie-S8-Aufnahmen  des Mannes, anscheinend mit seinen Kumpels auf der Straße. Er nimmt sie in den Arm, tätschelt ihre Schultern, demonstriert einen Taschendiebstahl. Ein Baby im Taufkleid, die Mutter schneidet eine Torte mit Namen “Christopher” an. Be my little Baby Lachend isst sie ein Stück, küsst den Mann auf die Stirn der wieder etwas linkisch dabeisteht. Jetzt ist er auf den Stufen einer Kirche. Schüttelt dem Pfarrer die Hand. Halt! Mit Sonnenbrille ist es cooler! Noch mal Handshake mit dem Pfarrer. Ein Straßenfest… die Kamera fährt in das S8-Bild hinein das zum Filmbild wird. Es scheint eine religiöse Feier zu sein, Blasmusik verdrängt den Rocksong, in der Mitte ist ein beleuchtetes Kreuz mit der Aufschrift “San Genmaro”. Viele Menschen drängeln sich durch die mit Lichterketten beleuchteten Nachtstraßen. Schnitt zu einem Mann auf der Toilette, der sich einen Schuss setzt. Ein zweiter – mit Rosa Anzug! – kommt herein und ärgert sich: “Was zum Teufel machst du da!” Er packt den Junkie: “Nicht bei mir!” Er treibt ihn durch einen fast leeren Barraum “Get outta my place, i know your face”. Der Barkeeper und zwei Typen am Tresen sehen milde gelangweilt zu. “Und Du! Pisser!” fährt der Rosane einen der beiden an und haut ihm den Hut herunter “Ich hab dich gewarnt: Bei mir wird nicht gedealt”. Er packt ihn am Kragen. “Ich wars nicht…” Er wird zu Boden geworfen. Nun ist der andere Mann am Tresen an der Reihe angemault zu werden: “George, was ist los? Du bist der Türsteher.” “Ich hab nix gemacht.” “Eben! Du machst nichts!” Der Rosane schnauft entrüstet durch, während eine Einblendung ihn als “TONY” vorstellt. Schnitt zu einer befahrenen New Yorker Straße. Wir stehen unter einer Brücke. Zwei Laster parken hier. Pakete werden von einem in den anderen geworfen. Dazwischen ein Mann mit dunklem Mantel und weißer Krawatte: “Beeilt euch ein bischen mit dem Shit!”. Wir begleiten ihn zu einer Limousine. Er steigt in den Fond wo schon einer sitzt. Der sagt: “Was ist das? Mehr Shit?” “Nein, kein Shit, das ist eine Deutsche Linse.” “Damit kann ich nichts anfangen” “Hey, dass ist die beste überhaupt” “Nein. Es ist nicht deutsch, sondern japanisch. Und auch keine Linse, sondern ein Adapter. Du hasst zwei Ladungen japanischer Adapter gekauft.” Enttäuscht guckt der Weißkrawattige seine Linse an, während ihn eine Einblendung als “MICHAEL” vorstellt. Schnitt zu einem Briefkasten. ENDE

WERTUNG: + +

Wieder ein Anfang, dem in seiner Sprunghaftigkeit nicht leicht zu folgen ist, der aber die Charaktere auf eine flotte Weise vorstellt (die wir bis Trainspotting und darüberhinaus immer wieder antreffen werden) und der durch die Verbindung von Super-8-Heimfilmen, realistisch wirkenden Impressionen und religiösen Andeutungen mehr zu werden verspricht als ein 08/15 Gangsterfilm.

Ein Film von 1973

Paramount-Logo (neu), Tobis-Logo (neu) “Titanus”-Logo (1973). Aufblende zu einem Hund. Er liegt vor der grandiosen Totale einer Westernlandschaft. Eine Glocke schlägt. Ein Holzkarren. Hühner gackern. Im Hintergrund kommen drei Reiter schnell heran. Über all dem die Titel in Weiß. Als die Reiter beim Hund ankommen (und ihn dadruch verscheuchen) hebt sich die Kamera um noch mehr grandiose Westernlandschaft und ein heruntergekommenes Dorf sichtbar zu machen. Die Gesichter zweier der Reiter: Sie beobachten die Dorfstraße, auf der alte Mütterchen mit Reisigkörben auf dem Rücken entlangziehen. Steinhütten.  Telegraphenmasten. Aus dem Gebäude zur rechten der Reiter kommt ein Junge, der eine Schale entleert. Kritisch beäugt er die Fremden, während auf dem Soundtrack das Ticken einer Uhr einen Song einleitet. Der Junge geht ins Haus, späht aber durch die schmutzige Scheibe der Tür. Beobachtet wie die Reiter absteigen. Das Haus – das auf der anderen Seite offen ist, weil die Wand nur aus abbröckelndem Stroh besteht, ist der Barbier-Shop. Der Friseur kommt langsam herein. Als zwei der Fremden eintreten rennt der Junge zum Friseur (wohl seinem Vater) und fasst dessen Arm. Die Musik macht gefährliche DOINGS als sie näherkommen. Langsam sehen sie sich im Laden um. Der eine nimmt ein Stück Seife – und stopft es dem Jungen in den Mund. Der Friseur bekommt einen Pinsel zu schlucken. Draussen winselt der Hund, als die Fremden ein Frisiertuch zerreisen. Mit dem RATSCH sind wir draussen vor dem Telegraph-Office, gleiten dessen Fassade entlang. Ein Mann mit feiner Kleidung, Jackett, Lederstiefel, Aktentasche kommt heraus. Die Stimme des Telegraphen-Mannes (natürlich ein alter Kauz) bremst ihm: “Mr. Beauregard! Wir haben eine Antwort aus New Orleans” “Was sagen sie?” “Der Sundowner segelt am 21. STOP. Ziel: Europa. STOP. Bestellung: Bestätigt. STOP. Verlangen Einzahlung 500$. STOP.” Beauregard lächelt. Hm-Hm und geht weiter. “HEY WAS IST MIT DEN 500 DOLLARS?” “Keine Eile! Wichtig ist nur dass es ein Schiff gibt.” Beaureagard geht langsam die Straße entlang, zum anderen Ende des Dorfes – wo gerade einer der Schurken aus dem Barber-Shop kommt, sich einen Melkschemel holt und beginnt eine Kuh zu melken. “Hey!” sagt ein Junge, der im Heu geschlafen hat, doch der Mann gestikuliert ihm ruhig zu sein und sich wieder hin zu legen. Der Junge tut es. Beauregard im Barber-Shop, jemand – sicher nicht der echte Frisör – legt ihm das weiße Tuch um. ENDE.

WERTUNG: +

Ein klassicher Italo-Western-Anfang mit bekannten Versatzstücken, wie dem zotteligen Alten, den unrasierten Gangstern und den langgezogenen Einstellungen. Alles wirkt schon etwas abgenutzt und vor allem der Sadismus der Schurken wirkt hier – ganz anders als in “Spiel mir das Lied vom Tod” – überzogen, so, als hätten die Filmemacher Spaß daran Unschuldige zu quälen. Trotzdem wird der Grundkonflikt – Held auf der Flucht, der gleich in prekäre Situation geraten wird – ganz nett eingeführt. Ausserdem wirkt das Westerndorf sehr detailverliebt und historisch genau.

Ein Film von 1973

Der MGM-Löwe. Aufblende zu einem alten Familienfoto: Fein rausgeputzte Menschen in einem Westerndorf der Jahrhundertwende. Zu nostalgischer Pianomusik fährt die Kamera hinein und durch eine Collage weiterer Fotos: Eine historische Straßenbahn (mit Pferden als Antrieb), Missisippi-Dampfer, ein angelnder Bub auf einer Holzbrücke. Farmer beim Torfstechen. Ein Auto. Ein frühes Flugzeug. Eine Stadt mit alten elektrischen Straßenbahnen. (Die Montage und die Musik werden schneller, treibender) Eine größere Stadt mit Wolkenkratzern, viele Elektromasten, viele viele Autos, viele Sekretärinnen an Schreibmaschinen. Fassaden. Jetzt Farbe. Highways. U-Bahnen. Massen. Wolkenkratzer. Immer schneller. Musik jetzt Jazz mit Bläsern. Splitscreen. Demos. Überfüllte Straßen. Hebel. Müll. U-Bahn-Pusher. Mehr Autos, Massen, Fabriken, Schlote. Gräber Vögel Müll Neonreklame Flugzeuge Abgase Soldaten mit Gasmasken mehr Demos Menschen mit AtemschutzmaskenabfälleautowracksmüllexplosionendreckkindermitschutzmaskeFriedhöfevögel auf dem Müll Dreck im Fluss Stadt im Smog Darüber der MAIN TITLE (als erster Titel überhaupt). Zu einem elektronischen Sound folgt ein Schnitt auf eine Straße mit großen Häusern und Feuerleitern. Darüber die Einblendung: DAS JAHR: 2022 DER ORT: NEW YORK CITY DIE BEVÖLKERUNG: 40 000 000. Eine Lautsprecherstimme: “Erster Schritt: Entfernung. Die Straßen werden in einer Stunde für unauthorisierte gesperrt.” Ein Mann in einem weißen T-Shirt auf einem Bett in einem kleinen Holzzimmer. Leicht müde steht er auf. Das Zimmer ist voller Bücher. Im Fernseher läuft eine News-Sendung: “Diese Unterhaltung mit Gouverneur Henry Santini wird ihnen präsentiert von… den Hochenergiekonzentraten wie dem neuen, köstlichen…” (Wir sehen den Nachrichtensprecher im flackernden Fernseher: “Ein Wunderessen aus Hoch-Energie-Plankton, gewonnen aus den Ozeanen der Welt. Und nun zu unserem Gouverneur” “Danke es mir eine Freude zu den Bürgern von New York zu re…” Ein anderer Mann – ein alter mit Baskenmütze und Bart schaltet den Fernseher aus: “Bullshit.”  “Hey”, meint der erste, der sich gerader rasiert. “Was hast du bei diesen Fällen rausgefunden, von denen ich dir erzählt habe?” Der Alte geht durch seine Unterlagen: “Mattheson – Mord. Ausserhalb deines Zuständigkeitsbereiches. Jenseits der Stadtgrenze in Philadelphia. Chergov – Mord. Ging gestern nach Hause. Donaldson – mehrfache Vergewaltigung…” Der Alte deckt gelassen den Tisch, während er seine Aufzählung fortsetzt. “Was ist mit Zolitnikoff?” fragt der andere. “Ich brauche Zeit! Ich kann die Akten nicht finden!” “Du weist – es gibt 20 Millionen Arbeitslose in Manhattan, die auf meinen Job warten – und auf deinen auch!” “Was erwartest du von mir? Ich bin nur ein normales Polizeibuch! Nicht die Kongressbibliothek! Warum mach ich mir überhaupt die Mühe?” “Weil es dein Job ist. Und weil du mich liebst.” Der alte holt Butter aus dem Kühlschrank. “Verdorben.” “SOB”. Etwas Zeit scheint vergangen zu sein, den nun sitzen beide am Tisch und der junge Mann geht die Liste durch: “Warum isst du nichts?” fragt er den alten. “Ich bin nicht hungrig”. “Es ist nicht schlecht” Crack. Er beisst von seinem Cracker. ENDE

WERTUNG: + +

Die einleitende Montage ist sehr nett und lockt einen in den ersten Sekunden auf die falsche Fährte – “netter historischer Western”. Die Negativ-Bilder wiederholen sich zwar oft, was aber bei dem rasenden Tempo wenig ausmacht. Sehr schön privat dann die erste Szene, gut gespielt von dem ungewöhnlichen Duo. Merkwürdige Wörter (“Polizeibuch”) und Andeutungen (20 Millionen Arbeitslose in Manhattan, Essen aus Plankton) machen Lust die Zukunftswelt dieses Films zu entdecken.

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