Filmanfänge I (1925 – 1968)

Eine alte Theorie sagt ja, dass sich das Urteil über einen Film bereits in den ersten 10 Minuten beim Zuschauer festigt Um der Theorie auf den Grund zu gehen (und um etwas ‘sinnvolles’ mit der wachsenden DVD-Sammlung zu machen) werde ich jetzt mal auf dieser Seite einige Filmanfänge testen!

Und da ja unser Leben angeblichimmerschnellerwird geb ich jedem Film hier nur 5 Minuten um sich zu bewähren!

Dabei werte ich immer ab der 1. Sekunde des Hauptfilms der DVD – wer seine 5 Minuten mit Company-Logos oder sonstwas verschwendet – Pech gehabt!

Was mir gefällt kriegt bis zu 3 + , was suckt bis zu 3 -
Anfänge die ich völlig neutral finde kriegen ein / .

Abgesehen davon, dass ich so etwas das Beschreiben üben kann (immer noch ein Schwachpunkt meiner Stories) gibt das vielleicht auch Antworten auf einige interessante Fragen:
Haben gute Filme automatisch gute Anfänge?
Was macht einen guten Anfang aus?
Was sind totale Abschaltfaktoren?
Wie haben sich Filmanfänge im Lauf der Zeit verändert?
Und: Hat der Typ wirklich nichts besseres zu tun an Weihnachten?

Damit’s für euch ein bischen spannender wird
verrat ich nicht wie die Filme heissen!
Könnt ihr sie erraten?
(Die Auflösung gibts immer unter dem “Ein Film von”-Link.)

Dann mal los!

Ein Film von 1925
Texttafeln über lustiger Pianomusik. Viele Männer steigen aus einem Basislager einen verschneiten Berg hinauf. Sie tragen Schlitten und Hacken Das Format wechselt immer wieder. Es wirkt ein bischen wie eine Doku. Ganz oben am Berg schlendert ein unverwechselbarer Mann mit Stock und Hut (völlig unpassend für die Gegend) einen schmalen Grat entlang. Plötzlich kommt ein Bär und läuft ihm nach!! Schnitt zu einer Texttafel dann einem anderen Mann der gerade Gold findet… ENDE.

WERTUNG: +
Etwas sprunghaft und mit viel Texttafelei – aber der Anblick des lustigen Mannes und die Mucke machen definitiv Lust auf mehr!

Ein Film von 1927
Anderthalb Minuten spröde Texttafeln in völliger Stille. Urplötzlich hebt mächtige Musik an, die aktuelle Texttafel beginnt zu laufen. Die Musik schwillt gar wagnerisch an. Aus abstrakten Formen bildet sich der Titel und gibt gleichzeitig die Sicht frei auf eine (gemalte) Riesenstadt, über der die Sonne aufgeht. Die Stadt verschwimmt, die Musik wird drängender, riesige Maschinenteile kommen ins Bild. Kolben, Uhren, Pfeifen. Massen von uniformierten Männern, die wie Roboter mit gebeugten Köfen durch gekachelte Gänge laufen, die Musik scheint mit ihnen zu leiden. Sie werden in einen Aufzug gesperrt, der abwärts fährt. Sie versinken im Dunkel – eine Texttafel nimmt die Abwärtsbewegung auf. Die (nun gemalten) Männer kommen in einer untereridischen Stadt an…ENDE

WERTUNG:++
Der scheinbar dröge Beginn explodiert gleich in ein Feuerwerk aus Bewegung. Die Stimmung kommt auch ohne Worte rüber und die Musik und der visuelle Stil machen Lust auf mehr!

Ein Film von 1931
Rauschen auf der Tonspur. Das Bild einer Hand mit einem Buchstaben drauf. Ein Gong. Schwarz. Weiter rauschen. Dann eine Kinderstimme: “Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt der schwarze Mann zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen…”. Aufblende zu einem Kreis aus Kindern, von oben gesehen. Elegant schwenkt die Kamera zu einem Balkon, darauf eine Frau: “Ihr sollt das verfluchte Mörder-Lied nicht singen! Könnt ihr denn nicht hören?!” (Sehr guter Satz für den ersten deutschen Tonfilm!). Kinder machen weiter, eine andere Frau beruhigt sie: “So lang man sie singen hört sind sie ja noch am Leben!”. Nach Kucksuhren und Autohupen geht ein Mädchen die Straße entlang. Es hat einen Ball den es gegen eine Litfassäule wirft – genau auf einen Steckbrief für den gesuchten Mörder! Während der Ball weiter dagegen dotzt fällt der Schatten eines Mannes mit Hut auf die Litfassäule. Er sagt drohend: “Du hast aber einen schönen Ball…”…. ENDE

WERTUNG: +++
O.k, ich kann hier nicht objektiv sein, denn das hier ist einer meiner all-time-favorites. Soviel Liebe zum Ton gepaart mit visueller Energie: Dieser Film hält was der Anfang verspricht!

Ein Film von 1933
Irre kreischende Musik über stylischen Texttafeln. Ein Kellerraum in dem die Erde unter monotonem Stampfen bebt. Ein Mann kauert mit dem Kopf an der Wand hinter einer Kiste, er wirkt gestresst. Ein Typ mit Laborkittel und ein dicker, der aussieht wie eine Hitler-Karikatur kommen herein. Der erste Mann hat eine Pistole, versucht aber unentdeckt zu bleiben. Ein Agent? Obwohl ihn die anderen wegen des Stampfens nicht hören, bemerken sie seinen Schuh, beschließen aber so zu tun, als hätten sie nichts gesehen, holen zeichenblockgroße, eingepackte Dinge aus der Kiste und gehen wieder. Der “Agent” folgt ihnen bis zur Tür (vor der die anderen warten!) – überlegt ob er durchgehen soll und blickt dann zum Fenster… ENDE

WERTUNG: +++
Ach Menno! Der erste Film, den ich gern sofort weiter sehen würde! Wird der Agent entkommen? Was war in den weißen Päckchen?? Sehr starker Beginn, ganz ohne Worte und Musik…

Ein Film von 1935
Der MGM-Löwe. Kindliche Krakel-Titel über zirkusmäßiger Orchestermusik. Aufblende in ein Restaurant (im Deutschen murmeln die Gäste laut, im Original ist alles still bis auf…) Eine Dame, die alleine wartet. Sie bittet den Ober (sehr laut) den fehlenden Gast auszurufen. Der läuft durch das (sehr leise) Restaurant und ruft (sehr laut) den Namen des Herrn. Dieser sitzt genau hinter der Dame und beschwert sich nun, dass sein Name so laut gerufen wird. Wo er doch grade mit einer anderen Dame diniert. Als die erste Dame in anmault, mault er doppelt zurück, setzt sich aber dann doch zu ihr, weil er die Rechnung am anderen Tisch nicht zahlen will. Die rasend schnellen Wortgefechte setzen sich fort: Sie will, dass er sie berühmt macht, er raucht nur und labert Quatsch. Aber schließlich stellt er sie dem deutschen Opernchef “Mr. Gottlieb” vor…ENDE

WERTUNG: ++
Ohne Dialoge zu zitieren ist dieser Anfang schwer zu beschreiben. Filmisch passiert fast nix, aber die Wortwitze haben ein IRRES Tempo und der rabiate Macho-Charme des Haupthelden macht Lust auf mehr.

Ein Film von 1936
Fanfarengeschmetter. Dann der Titel in Stein gemeisselt. Darumherum antike Wandzeichnungen. Musik wird lyrisch. Ein Flug durch düstere Wolken zu überwuchteren Steinen, gebrochenen Säulen und Ruinen. Griselig und unscharf, aber mit einer Kamera, die so leicht dahingleitet als könne sie fliegen. Noch mehr Säulen. Dann eine Büste. Wieder Säulen. Mehr Statuen… ENDE.

WERTUNG: /
Die Kameraarbeit ist spektakulär, aber ausser Säulen und Statuen gibts in den fünf Minuten nix zu sehen. Könnte auch eine Doku über griechische Ruinen-Architekten sein. Lässt keinen Rückschluss auf den Film zu – ausser dass er wohl schön, aber sehr langatmig wird.

Ein Film von 1937
Der MGM-Löwe. Kindliche Krakel-Titel über zirkusmäßiger Orchestermusik. (Deja-Vu!) Ein Dampfzug kommt im Kurort “Sparkling Springs” an. Alle Urlauber drängen ins Taxi zum “Morgan Hotel”. Niemand will ins Auto zum “Standish Sanatorium”, vor dem ein kleiner Mann nach Kunden Ausschau hält. Drinnen hockt nur Judy die Besitzerin des Sanatoriums, eine hübsche junge Frau mit Püncktchen-Halsband und schweren Geldsorgen. Der Mann überredet Judy die reiche Patientin Mrs. Upjohn anzuschnorren. Doch als sie ins Sanatorium zurückkomen will diese gerade abreisen. Jammernd fällt Judy ihrem Freund Gil in die Arme. Der hat gerade sein ganzes Geld für ein Rennpferd ausgegeben, dass er Judy schenken will und dessen Siege das Geld für das Sanatorium….ENDE

WERTUNG: – -
Sehr lieblose Exposition. Charaktere und Plotbrocken werden dem Zuschauer hingeworfen. Die Inszenierung wirkt wie langweiliges Fernsehen. Wenn die Namen im Vorspann nicht wären, wär ich jetzt schon längst weitergezappt…

Ein Film von 1938
Das Warner-Logo als mittelalterliches Wappen. Bunte Titel (der erste Farbfilm hier!) mit Zeichnungen von Rittern und Waffen über beschwingter Musik. Ein Herold (bunt!) in einem mittelalterlichen Dorf verkündet der Bevölkerung (bunt!!!), dass der König gefangen wurde und dass nun Sir John regiert. Cut zu John und seinem Vertrauten Guy (Bunt!!!) in einem Schloss. Sie reden darüber wie sie das Land mit Steuern ausplündern können. Doch sie verschütten Wein, der Wie Blut zu Boden fällt. Zwei kurze Szenen wie Johns Mannen die Bevölkerung schickanieren. Dann ein leuchtend grüner Wald. Darin ein knallgrüner und ein knallroter Mann zu Ross. Ein dritter Mann (leuchtendes Braun) schiesst einen Hirsch und wird vom Guys bunten Trupp als Wilderer umzingelt. Doch der Braune protestiert! Als der bunte Guy den Braunen daraufhin erschlagen will, schiesst ihm der Grüne den Streitkolben aus der Hand. Lustigerweise hat Guy noch einen zweiten, genau gleich aussehenden Streitkolben, den er zückt als der Grüne ihn nun auch noch dumm anredet… ENDE.

WERTUNG: + Bunt. Und Robin Hood.


Ein Film von 1938
Betont lustige Jazzmusik. Ein Zeichentrickvorspann mit süßem Tier. Schwarzweiss. Aufblende zu einem naturhistorischen Museum mit einem riesigen Saurierskelett. Auf einem Gerüst ein zerstreuter Professor, der zwei große Ereignisse vor sich hat: Morgen wird nicht nur der letzte Knochen für das Skelett kommen – nein, er wird auch noch heiraten. Doch seine Braut ist kühl und nur an der Arbeit interessiert. Jetzt will sie, dass er mit einem reichen Geldgeber Golf spielen geht. Doch der will auf dem Platz nur über Golf reden und noch dazu scheint eine Dame den Ball des Professors weggeschlagen zu haben…ENDE

WERTUNG: – -
Dafür dass das eine der geilsten Komödien der Welt sein soll fängt sie sehr schwach an. Keine Lacher in den ersten fünf Minuten. Viele unsympathische Charaktere. Der Schnitt ist unsicher und die Abtastung (liegt wohl an der DVD von ArtHaus) katastrophal unscharf. Nee danke.

Ein Film von 1939
Der MGM-Löwe. Wieder mal lustige Krakel-Titel zu Zirkusmusik. Diesmal wirklich über Zeichnung aus der Welt des Zirkus. Aufblende: Die Massen strömen in den “Wilson Wonder Zirkus”. Während in der Mangege die Pferde rumlaufen treffen sich hinter den Kulissen eine Artistin (im Weißen Frack) und ihr Gorilla-fütternder Lover/Chef. Bevor es zum Kuss kommt muss die Frau in die Manege und ein Pferd ansingen. (Nicht nur ich sondern auch) eine Frau in schwarz (die böse Rivalin?!) findet das eher albern als lustig. Als nächste Nummer kommt ein Muskelmann, der Kanonenkugeln im Flug abfängt…ENDE.

WERTUNG: /
Naja, wieder ein recht formelhafter Anfang für eine Komödie der Brüder, der nicht erahnen lässt obs noch richtig lustig wird.

Ein Film von 1939
Der MGM-Löwe. In Braun. Texttafeln über braunen Wolken. Das Orchester spielt dazu unterschiedlichste Themen. Aufblende zu einem kleinen Weg zwischen zwei Feldern (immer noch alles in Braun). Ein Mädchen mit Hund läuft entlang – wie wir gleich erfahren auf der Flucht vor einer Mrs. Gulch die ihren Hund geschlagen hat. Aber auf ihrer Farm hat niemand Zeit ihre Probleme anzuhören und so äh… fällt sie in den Schweinepferch und wird von den drei lustigen Farmhelfern gerettet…ENDE

WERTUNG: +
Tough One: Wenn man denn Film kennt, merkt man wie viel hier schon vorbereitet wird von dem was nachher kommt. Aber wenn man wirklich nur die fünf Minuten sieht (und darum gehts ja hier) wirkt die Szene reichlich banal – abgesehen vom offensichtlichen Stilwillen in den choreographierten Bewegungen und der seltsamen Farbgebung. Ein Anfang, der andeutet, dass noch etwas besonders kommen könnte (kommt dann ja auch).

Ein Film von 1940
Fanfarestösse. Titel über einer Art grauem Stein. Aufblende in einen Schützengraben. Überall MG und Kanoneneinschläge. Schließlich sehen wir eine riiiiieeesige Kanone: “Big Bertha”. 7 Mann braucht es um die Riesenkugel hineinzuschieben. Ein Sprecher erklärt uns ihr Ziel: “Die Kathedrale in Notre Dame.” Schließlich ist das Ding bereit zum Schuss. An der Reissleine (!) für den Start steht ein unverwechselbarer Mann, mit Stahlhelm, Bart und Uniform. Er feuert – doch statt Notre Dame trifft ‘Bertha’ ein Bauernklohäuschen. Die Pickelhauben korregieren den Kurs, die Stahlhelme laden erneut. Doch diesmal fluntscht das Projektil unter lautem Zirpen nur müde vorne raus: Rohrkrepierer. Der Barttyp muss untersuchen, ob das Ding noch scharf ist. Als er sich der Bombe nähert beginnt diese sich wie eine Kompassnadel zu drehen und jeden seiner Schritte zu verfolgen und geht schließlich in einer gigantischen Explosion hoch. Gerade noch rechtzeitig gehen die Männer in Deckung…ENDE

WERTUNG: ++
Der Slapstick-Witz dieser Eröffnungsszene ist in Worten schwer zu beschreiben, aber die Verknüpfung von Albernheit und ernstem Thema (Weltkrieg) deutet schon darauf hin, dass da was größeres kommt. Dass es schließlich unglaublich groß wird, verrät der Anfang aber noch nicht.

Ein Film von 1940
Das Gesetz der Serie: Wieder mal der MGM-Löwe, wieder mal lustige Krakel-Titel. Diesmal Western. In einer Zugstation wollen total viele Leute nach Westen. Doch das Ticket kostet 70$. Ein Mann mit Zigarre hat nur 60. Deswegen versucht er zwei naiven Brüdern eine Biberfellmütze zu verkaufen…ENDE.

WERTUNG: +
Hey, endlich tauchen mal alle drei Brüder gleich in den ersten fünf Minuten auf und kommen gleich zur Pointe, statt erst mal die straighten Lover einzuführen. Zwar sind die Witze in dem Stück so lala, lassen aber dadurch durchaus noch Steigerung zu.

Ein Film von 1941
Letzmalig (oohhh…) der MGM-Löwe und die Zirkusmusik. Diesmal über Zeichnungen eines Fahrstuhls, der durch ein Kaufhaus nach oben fährt. Aufblende zum “Musikkonservatorium” von Gotham (!). Ein Mann mit Hut und italienischem Akzent spielt vier Jungs auf dem Piano vor. Zwei Möbelpacker die den Flügel wegen Insolvenz mitnehmen wollen werden gerade noch rechtzeitig von einem reichen Kaufhaus-Erben gestoppt. Aber! Hinter den Kulissen planen finstere Geschäftsleute den Erben “verschwinden” zu lassen – bei einem “Unfall”. Und tatsächlich gehen in dem Aufzug, in dem der Erbe und der Musiklehrer fahren, plötzlich die Lichter aus…ENDE

WERTUNG: ++
Yes! Diesmal kriegen die Brüder die Mischung aus Exposition und Schrägheit gut hin. Obwohl (noch) gar keine Gags gesagt werden merkt man dem ganzen Setting einen entspannten Unernst und eine fröhliche Überzeichnung an. Macht Lust auf mehr.

Ein Film von 1942
Das Warner Schild. Orchesterfanfaren. Titel über einer Karte von Afrika. Die Musik wird leicht orientalisch angehaucht, wechselt dann zur Marsellaise. Aufblende zu nicht weniger als der ganzen Welt! Von Wolken umgeben dreht sie sich. Wir kommen näher, sehen auf der Karte eine Linie die den Kriegs-Flüchtlingsstrom von Paris nach Afrika zeigt. Darüber dokumentarisch wirkende Aufnahmen von Flüchtlingen. Vom Minaret einer Moschee herunter fahren wir in die Straßen des titelgebenden Hafenortes, mitten in ein reges Marktreiben – in das ein Auto hineinjagt. Französische Polizisten jagen Leute. Einer wird auf der Flucht erschossen. Er hat ein Papier in der Hand auf dem “Free France” steht. Ein Taschendieb erklärt die Situation zu zwei Engländern, während er seine Arbeit macht: Die Cops jagen die Mörder zweier deutscher Kuriere. Scheinbar Routine für die Menschen, die mit ihren Pässen auf der Straße stehen: Sie interessieren sich mehr für das Motorflugzeug, dass sie hier rausbringen kann und das gerade über dem Schild von “Ricks American Café” zur Landung ansetzt… ENDE

WERTUNG: + +
Na, ich denke den haben die meisten erraten. Ein Tempo- und spannungsreicher Anfang. Macht definitiv Lust auf mehr. Doch nun kommen erst mal:

Ein paar Jahre ohne Filme. Ein paar Jahre mit Krieg.
WERTUNG: – - -
Schließlich:

Ein Film von 1946
Düstere Musik. MGM-Schriftzug (ohne Löwe) und Titel vor rohem Stein. Aufblende zu Kriegsschiffen auf stürmischer See. Ein Sprecher erklärt uns auf Italienisch, dass es 1943 ist und die Alleirten auf Sizilen feuern. Sehr schlechte Bildqualität (echte Bilder?) Landungstruppen. Zeppeline. Cut zu einer (offensichtlich gestellten) Szene. Amerikanische Soldaten schleichen sich Nachts über den Strand. Bildqualität ist immer noch sauschlecht. Sie stürmen ein brennendes Haus (das recht deutlich mit Scheinwerfern aufgehellt wurde), schleichen durch einen tageshellen Gang – und werden entdeckt! Allerdings nicht von den bösen Deutschen, sondern von der Bevölkerung: Auf Italienisch und Englisch reden sie aneinander vorbei. Als den Leuten klar ist, dass die Soldaten Amis sind dürfen sie in die Kirche. Sie betreten sie mit gezogenen Waffen: “Boy, this ain’t no place for me!”… ENDE.

WERTUNG: +
Puh, mal abgesehen von den technischen Schludrigkeiten (Drehen im Nachkriegsitalien ist nicht Hollywood) ist das ein ganz interessanter Anfang, vor allem, dass beiden Parteien hier ihre Originalsprache gelassen wird. Auch wirken die gezeigten Manöver sehr realistisch. Schade um die schlechte Qualität. Macht aber Lust auf mehr.

Ein Film von 1948
Wieder einmal schmettern die Orchesterfanfaren (bin gespannt wann das aus der Mode kommt). Diesmal Titel über Ruinen. Ganze Straßenzüge, alles zerstört. Ein Sprecher sagt uns (auf italienisch) dass dieser Film 1947 in Berlin gedreht wurde. Er sagt noch mehr – aber die Bilder (zerstörter Reichstag…) erschlagen ihn. Die kreisende Kamera landet schließlich auf einem Friedhof, wo die Leute Gräber schaufeln. Darunter ein blonder Junge, der weggeschickt wird, weil er mit 13 zu klein ist für die Arbeit. Also läuft er in die ruinierte Stadt, wo gerade Leute auf einer Kreuzung dabei sind, Fleisch aus einem verendeten Pferdekadaver zu schneiden. Auch hier kriegt er nichts ab, kann aber ein paar Kohlen von einem vorbeifahrenden Laster aufsammeln. Und weiter gehts durch die Geisterstadt… ENDE

WERTUNG: ++
Wieder überzeugt die Verwendung von Originalsprache (in diesem Fall deutsch) in einem italienischen Film. Die etwas hölzerne Darstellung der Laienschauspieler passt dabei überraschend gut in diese unglaublichen Nicht-Kulisse des zerstörten Berlin. Hier trieft Wahrheit aus jeder Ecke des Bildes! Give me more!

Ein Film von 1950
Wieder schmettern die Orchesterfanfaren. Dazu Titel über düsteren Wolken. Aufblende zu einer Mauer. Ein Flüchtlingslager in Italien am Ende des Krieges. In einem Raum sitzen viele Frauen. Sie reden irgendwas auf Deutsch, Italienisch und Französisch. Nur eine liegt abseits und spielt Solitaire bis sie darauf hingewiesen wird, dass vor dem Fenster “ihr Troubadour singt”. Sie geht hinaus und spricht mit ihm (einem Soldaten) durch den Stacheldraht des Lagers. Als sie sich – durch den Draht! – küssen wollen kommen andere Soldaten dazwischen: Ein Blick den Zaun entlang zeigt, dass sie nicht das einzige paar sind: Alle Paar Meter stehen Soldaten und Flüchtlingsfrauen beisammen, die Barriere zwischen ihnen. Da er nicht küssen darf singt der “Troubadour” noch mal, streichelt ihr Haar und bietet ihr (halb scherzhaft) die Wahl zwischen Heirat und Schlägen. Noch ein Kussversuch scheitert. Sie lacht…. ENDE.

WERTUNG: ++
An wen erinnert mich diese Ingrid Bergman nur? Egal, jedenfalls ein sauromantischer Anfang mit dem nötigen Humor. Man weis nicht genau wo das hinführt, wie ernst er es mit den Schlägen meint, aber irgendwie steht hier eher Tragödie im Raum. Jedenfalls interessant.

Ein Film von 1951
Farbe!! Titel über grünem Dschungel, darüber die unvermeidlichen Orchesterfanfaren… die aber sehr schnell von Natursounds abgelöst werden. Wir gleiten unter Urwaldbäumen hindurch, stets mit Blick zum Himmel. Schließlich kommt Gesang näher und die Kamera kippt sanft in ein kleines Dorf mitten im Urwald. Der ‘Gesang’ – ein einziges Durcheinander – kommt aus einer kleinen strohgedeckten Kirche. Innen mühen sich ein Prediger und eine Organstin um den richtigen Ton, doch die zahnlosen Eingeborenen sind eher mit ihren nackten Kindern beschäftigt als mit frommen Gesängen. Schließlich ertönt die Dampfpfeife eines nahenden Schiffes: Ein kleiner Kutter, dessen Käpten faul mit Zigarre und Drink unter einem Palmwedel hockt und sich von einem Jungen bedienen lässt. Als er eine Zigarre wegwirft kommt es sogar zu einer Schlägerei…

WERTUNG: +
Tja, so einen Anfang würde sich in Zeiten der political correctness wohl niemand mehr trauen und doch führt er die Hauptcharaktere ziemlich treffend (auch in ihren Schwächen) ein, ohne dass ein einziges Wort gesagt wird. Macht Spaß, auch wenn der Blick auf die ‘Eingeborenen’ heute etwas voyeuristisch und herablassend wirkt.

Zwischenspiel: Ui – schon halb Mitternacht?!? Wieviele Stunden hab ich jetzt Anfänge geguckt? Gar nicht gemerkt wie die Zeit vergeht. Das macht noch mehr Spaß als gedacht, irgendwie zieht die Filmgeschichte so expressartig vorbei. Irgendwas lern ich dabei – auch wenn ich jetzt noch nicht genau weis was! Und da nun endlich die Farbe kommt muss ich schon noch ein, zwei machen. Zum Beispiel diesen hier:

Ein Film von 1951
Der MGM-Löwe, in Farbe. Beschwingte Musik über Titeln auf weißem Postkartenpapier. Links oben die Lilie und die Farben Frankreichs. Aufblende zu Ansichten von Paris bei strahlend blauem Himmel. Ein Off-Erzähler stellt sich als “Ex G.I. Jerry Mulligan” vor. Während er Paris als Paradies für Maler (wie ihn) lobt faden die echten Postkartenaufnahmen in die Kulisse einer Straße. Die Kamera schwebt zu einer Mansardenwohnung wo unser Erzähler gerade erwacht (Es ist Mittag). Er dreht sich auf die andere Seite. Das Zimmer ist winzig. Eine Staffelei, Bücher, Maler-Utensilien. ein Bett, dass er an Seilen nach oben ziehen muss um die Tür zu öffnen. Aus einem Schrank holt er einen winzigen Klapptisch. (Watch the Elegance: Er bewegt die Tür mit den Füßen. Obwohl er (noch) nicht tanzt, tanzt er schon. Er schaut zum Bild auf der Staffelei. Ein Selbstportrait. Er verwischt es. Während er Kinder auf der Straße begrüßt übernimmt ein zweiter Off-Erzähler. Adam Cook. Ein arbeitsloser Pianist, der ebenfalls in einer Mansardenwohnung lebt…ENDE

WERTUNG: ++
Ach tease, tease. Wieder schwer zu sagen ob diesen Anfang jemand mag, der nicht weis wies weitergeht. Aber hey, da der Maler Gene Kelly ist kann man sich ja hoffentlich denken, dass er nicht nur malen wird. Und dass sein Freund am Piano Melodien von Gershwin spielen wird haben wir im Eröffnungs-Medley schon mitbekommen. Insofern ist der Postkarten-Kitsch-Anfang ein passender Auftakt, der perfekt die Stimmung bereitet. Aber noch nicht abhebt.

Ein Film von 1952
Wieder geigt ein Orchester. Titel vor grauem Stoff. Aufblende (Wann werden diese Filmea aufhören mit einer Aufblende auf einen Aussenschauplatz zu beginnen? Das geht nun schon seit 20 Jahren so!) zu einer Straße. Ein Drehorgelspieler spielt zwischen vornehmen Häusern. Die Kamera fährt in eines hinein. Eine Frau liegt wie tot auf einem Bett (Nein, sie sagt nicht ‘Rosebud’!!). Sie hat eine Pillendose in der Hand. Dass der Kameraschatten auf sie fällt übersehen wir lieber. Wenig Mobiliar: Ein geöffneter Gasofen, ein abgeschabter Teppich, die Ritzen unter der Tür mit einem Tuch verdeckt. Noch immer fröhlicht die Drehorgel von draussen herein. Ein -sogar von hinten – immer noch unverwechselbarer Mann torkelt/tanzt die Stufen hinauf. Dass er drei Schatten wirft übersehen wir lieber. Vielleicht spielt die Geschichte ja auf einer Welt mit drei Sonnen. Schließlich schafft er es obwohl betrunken die Tür zu öffnen und einzutreten. Dass die Straße hinter ihm nun eine absolut unscharfe Rückprojektion ist übersehen wir lieber. Im Treppenhaus riecht er etwas! Seine Zigarre? Nein! Das Gas! Er sieht die zugestopfte Tür, begreift, wirft sich dagegen! Er bricht sie auf, trägt die reglose Frau schnell ins Treppenhaus. Er holt einen Doc, der endlich das Gas abdreht…

WERTUNG: ++
Ok, ok, darf man Genies technische Schludereien nachsehen? Ja, wenn sie gute Geschichten erzählen. Und der wortlose Anfang, plus der irgendwie rührende Anblick des grauhaarigen Helden machen durchaus Lust darauf zu erfahren, was bisher geschah oder noch geschehen wird.

Ein Film von 1952
Der MGM-Löwe knurrt. Diesmal wieder in Farbe. Die Titel kommen zu Orchesterfanfaren- über Regenschirmen! Drei Leute in gelben Regenmänteln fahren herum und schmettern den Refrain des Titelsong. Sie trägt alberne Schuhe. Dann fadet das Bild zu blauen Titelkarten, während das Orchester “You are my lucky star” spielt. Aufblende zu einer belebten Straße vor Graumans Chinese Theater. Die Lichter über dem Kino verheissen die Premiere von “The Royal Rascal”. Eine nette ältere Dame sagt über ein Mikrofon an, dass dieser neue Film von “Monumental Pictures” die wichtigste Premiere von 1927 wird! Am Rande des roten Teppichs wartet die kaugummikauende Menge auf die beiden Stars des Films: Lina Lamont und Don Lockwood. Die erste Limousine bringt aber nur ein Starlet mit alterndem Millionärsgatten, die zweite eine vampirhafte Diva mit ihrem Baron. Die dritte bringt – jetz endlich – nein, ‘nur’ den besten Freund von Don Lockwood namens Cosmo Brown. Aber dann! Als endlich Don und Lina erscheinen muss der große Star den kreischenden Fans erst einmal einen Einblick in seine Karriere geben. Und so verkündet er mit Hundeblick sein Motto “Würde! Alles mit Würde!” und erzählt von seiner Ausbildung in den besten Tanzschulen… und kurz bevor die fünf Minuten um sind kommt der erste Bruch: Während er weiter von Würde salbadert sehen wir ihn und Cosmo in Billiard-Salons für ein paar Cent steppen bis sie rausgworfen werden und….

WERTUNG: + +
Ich gebs zu: Ein recht konventioneller Anfang, auch wenn ich ihn noch so ausführlich beschreibe. Aber: Dieser Film könnte auch mit einem singenden Affen beginnen. Er kann beginnen wie er will.
Weil er so weitergeht, wie er weitergeht.
Face it: Nothing compares to “Singing in the rain”!
Best Musical Ever.

Und damit Schluss für heute.

…and back again! Mit dem Zwischenstop nach 1952.

Was fällt auf bei den bisher gesehenen Filmanfängen?

1. Es sind kaum richtig schlechte dabei. (Was aber auch daran liegt, dass ich in meiner Sammlung natürlich ned so viel Filme hab, die ich generell schlecht finde :-) )

2. Es scheint einen typischen STANDARDANFANG für Filme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu geben:

a) Auftakt mit Orchesterfanfaren oder Streichern
b) Minutenlange Titel auf bewegungslosen Texttafeln
c) Aufblende zu einer Totalen (meist einer Aussenansicht des Ortes, bevor nach innen geschnitten wird). Kein einziger Film beginnt mit einer Nahaufnahme, einem Gruppenshot oder gar einem Detail.

Obwohl in der Liste bisher viele prominente und unterschiedliche Filmemacher dabei waren, ist dieses Muster fast immer eingehalten.
Die größte Ausnahme bildet hier “M”, der weder lange Titel, noch Orchestermusik hat, sondern nur ein kurzes Logo und einen Gong (Aber auch er beginnt mit einer Totalen). Dadurch wirkt “M” – obwohl durchaus nicht der jüngste – von all diesen Filmen am modernsten.

3. Man kann nicht immer sagen, dass guter Anfang und guter Film zusammengehören. “Singing in the rain” fängt völlig konventionell an und auch “Wizard of Oz” lässt nur wenig erkennen was noch kommen wird.

4. Persönliches: Mir gefallen am besten die Anfänge, die ohne viel Worte auskommen, die Charaktere in Bildern einführen (“Mabuse”, “Limelight”, “African Queen”). Der einzige Blabla-Anfang der mir wirklich gefallen hat war “A night at the opera” weil Croucho einfach geniale Jokes non-stop labert.

5. Überraschung: Der Anfang, der mir jetzt mit einem Tag Abstand am meisten im Gedächtnis ist, ist seltsamerweise “Olympia”. Diese minutenlangen Aufnahmen von umkreisten Säulen fallen am meisten raus. Der Auftakt mit dem längsten Atem, der Auftakt mit dem wenigsten Inhalt. Egal, was man von Leni sonst hält: Die Kunst den Zuschauer per Schnitt zu hypnotisieren beherrschte sie wirklich – im guten wie im bösen. Trotzdem werd ich diesen Anfang jetzt nicht nachträglich aufwerten, ich denke die Seite soll eher den natürlichen Verlauf des Experiments demonstrieren und nicht nachträglich rumeditieren.

Viel lieber will ich jetzt in die 50er einsteigen! Es warten einige gute, neue Regisseure auf den Anfangstest, die Saul Bass-Vorspänne stehen am Horizont und ich bin gespannt, wer als erstes das oben genannte Schema endlich auf den Müll wirft und z.b.die Titel direkt über der Handlung platziert, statt diese statische Bremse gleich am Anfang reinzuhauen.

Den Anfang der “zweiten Staffel” macht gleich ein richtiger Meister und

Ein Film von 1954
Der Paramount-Berg. Darunter flotter Jazz. Drei langsam aufgehende Rollos geben den Blick auf eine Totale (natürlich) frei – einen Hinterhof, darüber die statischen Titel. An deren Ende fährt die Kamera aufs Fenster zu. Jetzt Blicke auf den Hof: Eine Katze, Leute in Fenstern, auf Balkonen, Hühner (?) auf einem Dach. Die Kamera kehrt zurück in die Wohnung zum schweißgebadeten Gesicht eines Mannes. Das Thermometer zeigt an, dass es sauheiß ist. Im Radio läuft Werbung für “Männer über 40″. Wieder Blicke in den Hof: Ein Mann ändert das Radioprogramm – jetzt läuft wieder Jazz. Ein Pärchen erwacht auf dem Balkon, eine Frau knöpft ihren BH zu und fängt an zu tanzen. Wieder zurück zum schwitzenden Mann. Er sitzt in einem Rollstuhl, hat ein Gipsbein. Ein kaputter Fotoapparat und spektakuläre Aufnahmen von Crashs und Katastrophen deuten an, wie er es sich geholt hat. Ausserdem in der Kollektion seiner Bilder: Ein Frauenportrait im Negativ. (Immer noch eine Kameraeinstellung seit wir das letzte mal aus dem Hof kamen) Davon weiter zum Positiv: Einem fertigen Magazincover mit der Blondine vorne drauf. Jetzt cut. Der Mann durchs Fenster von aussen gesehen. Er rasiert sich. Das Telefon schellt. Während der Fotograph mit seinem Verleger telefoniert beobachtet er die Dinge vor seinem Fenster: Frauen auf dem Dach, ein Hubschrauber, die BH-Tänzerin…ENDE

WERTUNG + + +
Well, wenn das kein total visueller Anfang ist, was dann? Es braucht unheimlich viel Worte, um all das zu reproduzieren, was die Bilder in einem Bruchteil der Zeit erzählen (und gleichzeitig noch viel mehr Infos liefern, die Sprache gar nicht fassen kann). Ein faszinierender Start, der einen absolut filmischen Film verspricht.

Ein Film von 1954
Ein Ritterschild “Titanus”, schwarzweis. Italienische Gitarrenmusik und ein sentimentaler Sänger (Orchesterfanfaren sind anscheinend endgültig passé!) Statische Titel auf Strohmattenhintergrund. Aufblende zur Totale einer Landstraße, die wir schnell entlangfahren. Viel Werbung am Straßenrand. Ein Paar im Auto (rechtsgesteuert=> Engländer?). Sie fährt, er schläft. Als er aufwacht will er wissen, wie langs noch nach Neapel ist, dann selber fahren. Sie tauschen, nicht ohne, dass er abschätzig über die vorbeirasenden anderen Auto redet. Sie lobt seine Fahrkunst, er schimpft über Italien.Es stellt sich heraus, dass die beiden ein Haus geerbt haben, dass er möglichst schnell verkaufen will Eine Herde Stiere passiert das Auto. Sie meckert über die Fliege im Auto…ENDE

WERTUNG: /
Wirkt ein bischen wie eine Visualisierung dieser Kommunikations-Ebenen-Modelle, wo ein altes Paar zwar miteinander redet, aber nicht versteht, weil jeder etwas anderes meint (“Liebling, die Ampel ist rot.” “Wer fährt – du oder ich?”). Hab ich wirklich Lust den beiden 90 Minuten beim gerade-noch-nicht-streiten zuzusehen? Andererseits könnte sich aus dieser Anfangssituation alles mögliche entwickeln und der Blick auf das Italien der 50er ist interessant. Trotzdem ein etwas fader Anfang.

Ein Film von 1954
Das Toho-Logo im Strahlenkranz. Handgemalte Titel, zu Formen arrangiert, weiß auf schwarz. Dazu dunkle Trommeln. Drei Minuten lang. Dann Aufblende: Totale: Dunkle Erde, heller Horizont. Reiter kommen. Die Kamera folgt ihren dunklen Silhouetten. Schließlich halten sie auf einem Hügel über einem Dorf. Einer – mit Augenklappe – befiehlt den Ort zu überfallen. Ein zweiter – mit “Affenbart” – widerspricht: Hier haben wir letztes Jahr schon alles geholt, die haben jetzt noch nicht genug! Der Überfall wird vertagt, die Banditen reiten davon. Ein alter Bauer mit Reisig-Bündel auf dem Rücken sieht ihnen nach. Mit Entsetzen im Gesicht. In mehreren Totalen kommen wir immer näher ins Dorf. Alle Einwohner hocken zusammen, die Männer schweigen, die Frauen jammern: “Gibt es keinen Gott, der uns schützt?”…ENDE

WERTUNG: /
Verschenkt sehr viel durch die laange Titelei. Und erzählt dann in den verbleibenden zwei Minuten eigentlich recht flott – lässt aber in diesen noch nicht raus, ob das Action wird, oder eher ein künstlerisches Drama über die Nöte von Bauern.

Ein Film von 1955
Der Paramount-Berg in Farbe. Schmetternde Fanfaren…Titel…NEIN…KEINE STATISCHEN TITEL!! Stattdessen das Fenster eines Reisebüros das Trips nach Frankreich verspricht. Die Kamera fährt näher, hält an und… STATISCHE TITEL werden darüber geblendet. Schade! Als sie fertig sind fährt die Kamera näher ins Schaufenster (noch immer jubelt das Orchester fröhlich) auf den Werbespruch: “Wenn du das Leben liebst – dann liebst du FRANKREICH”. Cut to: Eine schreiende Frau! Ein leerer Koffer! “Meine Juwelen! Meine Juwelen! Ich wurde bestohlen!” Musik gruselt jetzt. Schnitt. Nacht. Eine Katze läuft über ein Blechdach. Schwarzbehandschuhte Hände nehmen Schmuck aus einer Kiste. Die Katze läuft zurück. Wieder Schreie bestohlener Frauen am Tag. Wieder die Katze in der Nacht. Eine schlafende Person, die Handschuhhände klauen ihr unbemerkt die Geldbörse unter dem Kopfkissen fort. Wieder die Katze. Wieder Tag und Geschrei. Schnitt zum Polizeichef, der auf französisch schimpft und viele Cops losschickt. Einige davon fahren mit einem schwarzen Wagen zu einer malerischen Villa auf einem Hügel über der Stadt. Eine dicke Putze räumt dort auf, auf dem Sofa eine schwarzee Katze, auf einer Zeitung mit der Schlagzeile “The Cat prowls again”. Der Artikel erzählt vom legendären Dieb John Robie, genannt “Die Katze”. Schwenk von der Zeitung auf einen Mann mit Streifenhemd und rotem Schal auf dem Balkon. Er und die Katze hören das Auto. Eilig geht der Mann ins Haus. Beobachtet aus einem Fenster, wie vier Männer aussteigen und sich auf dem Gelände verteilen. Er greift zu einem länglichem Paket unter dem Fenster…ENDE

WERTUNG + + +
Der Meister des Bildererzählens schlägt wieder zu. Wieder können Worte nur schwer das Tempo und die Eleganz dieses Anfangs fassen. Jedenfalls ist man nach diesen fünf Minuten schon voll in der Geschichte, obwohl noch kein wirklicher Dialogsatz gefallen ist.

Ein Film von 1956
Schmetternde Fanfaren. Das Warner Schild vor Steinen. Titel, die Fanfaren wechseln zu einem Country-Song. Keine Aufblende. Stattdessen öffnet sich eine Tür. Von innen Blicken wir – vorbei an der Silhouette einer Frau auf das, was die große Eröffnungstotatle hätte gewesen sein können: Den Grand Canyon. Wir verlassen das Haus mit der Frau zusammen, sehen mehr von der Umgebung. Sie hält Ausschau nach einem sich nähernden Reiter. Ihre Familie kommt dazu. “Ethan?”, fragt der Mann nur – sie schüttelt den Kopf. Der zottelige Hund bellt. Der Reiter mit grauer Uniform und Kavalleriesäbel steigt vor dem Haus ab: “Es ist dein Onkel Ethan!”. Wortloss schüttelt er dem Hausherrn die Hand, küsst die Frau auf die Stirn, die ihn willkommen heisst. Immer noch schweigend geht er ins Haus. Er ist so groß, dass er sich im Türrahmen bücken muss. Innen begrüßt er die Kinder, die er lange nicht gesehen hat. Als sich der Junge für seinen Säbel interessiert verschenkt er ihn, müde lächelnd. Noch einmal begrüßen sich die Männer, Brüder. Schnitt: Wieder blicken wir durch eine Tür auf die Landschaft. Zu lustiger Musik kommt ein zweiter Reiter heran, springt fröhlich vom Pferd. Noch ein Neffe, der zu spät zum Essen kommt. Er und Ethan betrachten sich kritisch…ENDE

WERTUNG: + +
Ein sehr schöner Anfang das mit der Tür. Auch wird trotz der scheinbaren Harmlosigkeit der Familienszenen schnell klar, dass zwischen diesen Personen etwas brodelt, etwas unausgesprochen steht. Macht definitv Lust zum weitergucken.

Ein Film von 1957
Drehendes Logo “SF”. Ein Gongschlag (der abbricht bevor er verhallt ist und völlige Stille hinterlässt). Titel Weiß aus Schwarz. Wackelig (schlechte DVD von Arthaus? Mal wieder?) Als die Titel fertig sind: Orchesterfanfaren, drohend! Aufblende zu einem wolkenverhangenen Himmel. Sänngerstimmen kreischen. Ein Greifvogel. Stille. Meeresbrandung. Ein Strand. Eine Stimme liest einen Text über ein Lamm, Engel und Posaunen. Wir sehen Pferde am Strand. Dann einen blonden Mann in Rüstung, der wie träumend auf den Steinen liegt. Auf der Brust das Zeichen des Kreuzes. In der Hand ein Schwert. Der Blick zum Himmel. Neben ihn, auf dem Stein, ein Schachbrett, die Partie im Gange oder vorbei. Ein zweiter Mann in Narrenkostüm liegt wie tot am Strand, räkelt sich aber auf – er hat ein Messer. Der blonde Ritter geht zum Wasser, wäscht sich das Gesicht mit den Händen, atmet tief ein, sinkt dann auf die Knie zu einem kurzen, stillen Gebet, die Augen sehen in die Ferne. Er geht zurück zum Schachbrett. Weiter Wellen. Die Sonne steht am Horizont. Eine Überblendung: Die Wellen sind jetzt viel leiser. Genau vor uns steht eine Gestalt mit schwarzem Umhang, der nur ein kahlweißes Gesicht herausschauenn lässt. Ein Alter Mann. Der Ritter (der gerade in seinem Rucksack wühlt) erblickt ihn und fragt (auf Schwedisch): “Wer bist du?”. Der andere sagt ruhig, fast belustigt: “Ich bin der Tod.” Sie beginnen sich zu unterhalten. Der Tod fragt den Ritter ob er bereit sei. Die Antwort: “Mein Körper ist es – ich nicht!” Der Ritter erhebt sich, der Tod öffnet seinen Mantel und kommt auf ihn zu (düstere Musik) – doch der Ritter stopt den Tod ihn noch einmal – und fordert ihn heraus – zu einer Partie Schach: “Wenn ich gewinne, lässt du mich frei!” Sie setzen sich, die Farben werden ausgelost, der Tod bekommt schwarz “Passt gut”, meint er dazu. Als die beiden ihre Figuren aufstellen blendet die Szene wieder zu Wolken. Die Wellen sind jetzt wieder laut, der Ritter läuft mit seinem Rucksack über den Strand und weckt den Narren… ENDE.

WERTUNG: + + +
Ritter, Tod und … Schachspiel. Ein wunderschöner, geheimnisvoller Anfang mit herrlichen Naturaufnahmen und erleichternder Ironie. Was mir gut gefällt: Der Ritter sieht aus wie Farin Urlaub. Ob das Absicht ist?

Ein Film von 1957
Trommeln. Orchester spielt die “Marseillaise” in militärischem Ton. Dazu Titel, weiß auf Schwarz. Beim Ende der Titel zerfällt die Musik in Gruseltöne. Aufblende zur Totalen eines Schlosshofes, Frankreich 1916. Ein Erzähler erzählt von 2 Jahren Krieg im Schützengraben ohne große Veränderungen der Frontlinien. Die Soldaten im Bild bilden Spalier für einen ankommenden Jeep. Ein älterer General kommt. Ein einem fürstlichen Salon des Schlosses wird er vom einem ebenfalls ordendekorierten Typ mit Narbe auf der Backe begrüßt. Die beiden tauschen Komplimente über die Einrichtung aus, setzen sich dann an einen Tisch und kommen zur Sache: Der Neuankömmling bringt einen geheimen Plan mit: Möglichst schnell den strategisch wichtigen “Ant-Hill” mit einer großen Offensive zu stürmen. Der Narbengeneral winkt ab: Zu wenig Männer! Der Neuankömmling lockt: Wie wäre es mit einer Beförderung? Der Narbenmann winkt wieder ab: “Das Leben von 8000 Männern ist wichtiger als mein Ehrgeiz!”…ENDE

WERTUNG + +
Edle Schwarz/Weiß Fotographie und ein durchgehendes Gefühl der Spannung. Man kann seinen Bobbers verwetten, dass der Narbenmann einknicken wird und eine große Schalcht bevorsteht – - oder?

Ein Film von 1958
Company-Logo-Lux in Schwarzweis. Stille. Aufblende zu einem EXTREMEN CLOSEUP eines Frauengesichtes. Sie öffnet die Augen, haucht: “Ich kann nicht mehr” (natürlich auf französisch), dann “Je t’aime!” Sie wiederholt das mehrmals, während die Kamera zurückfährt. Jetzt sehen wir, dass sie am Telefon steht. Cut zum Mann am anderen Ende der Leitung. Er fährt herum, haucht ebenfalls Liebesschwüre ins Telefon. Ihre Dialoge gehen weiter verschwinden dann unter sanften Jazz. Die Titel kommen, während wir die zwei weiter telefonieren sehen. Die Kamera fährt weiter zurück: Die Frau ist in einer Telefonzelle. Der Mann am Fenster eines riesigen Hauses. Als die Titel vorbei sind, sind wir wieder nahe an den Personen, sie hauchen sich noch immer erotische Worte zu und versprechen sich bald “frei” zu sein. Schließlich hängt sie ein und legt ihren Kopf traumverloren auf den stählernen Telefonapparillo. Auch er legt auf. Er ist in einem Büro, räumt Karteikästen weg. Im sonst leeren Großraumbüro nebenan bittet er die Sekretärin jetzt nicht mehr gestört zu werden. Zurück in seinem Zimmer holt er Lederhandschuhe, eine Pistole und ein Seil mit Wurfhaken aus einer Schublade…ENDE

WERTUNG + + +
Wow! Der erste Film (in dieser Liste) der radikal mit allen jahrzehntelangen Klischees bricht: Kein Orchester, keine Story-Pause für die Titel, keine Totale zu Beginn. (Man nennt es nicht umsonst die “Neue Welle”) Und dieser Anfang ist nicht nur anders, sondern auch sexy und spannend. Was will man mehr? Vielleicht den Rest des Films?

Ein Film von 1958
Logo “Lux” in Schwarzweiß. Melancholische Geigenmusik. Die Kamera fährt eine Landkarte ab. Lesbare Ortsnamen sind “Dangereuse” (Gefährlich) und “Lac d’indifference” (See der Gleichgültigkeit). Auch die Dörfer auf der Karte tragen Namen von Gefühlen. Die Karte hält an. Statische Titel. Aufblende zu einer Baumalle. Vorne Menschen an Biergartentischen, hinten laufen Pferde: Ein Polo-Spiel! Eine Frau mit Hut und Dackel applaudiert einem “Raoul”. Mehr Polo. Raoul punktet wieder. Die Frau freut sich wieder, ihre Nachbarin winkt nur ab: “Ich verstehe nichts von Polo”. Plötzlich eine Off-Erzählerin: “Nein, Jeanne verstand wirklich nichts von Polo”. Die Kamera fährt auf Jeanne zu, während die Dackelfrau weiter plappert. Jeanne zündet sich eine Zigarette an, während uns die Stimme intime Details über sie verrät: Sie sei ein Landei mit langweiliger Ehe, die Tage mit ihrer Dackelfreundin die einzige Abwechslung. Währendessen hält Jeanne die Augen geschlossen, raucht nicht, scheint zu denken. Raoul macht wieder einen Punkt. Das Spiel ist aus. Beide Damen stehen auf und applaudieren. Am Stall begrüßen sie Raoul, der sehr groß ist und den Pokal – “das scheußliche Ding” gleich an die Dackelfrau weitergibt, die stolz damit herumstolziert. Raoul hakt stattdessen die geblümte Jeanne unter: “Hast du dich gelangweilt?” “Nein gar nicht!” “Ich hätte fast verloren, weil ich nur an dich denken musste”, “Echt?”…ENDE

WERTUNG: /
Der selbe Franzos, ganz anderer Anfang. Die Karte mit den seltsamen Ortsnamen macht neugierig, die Dackeldame und der Polotyp wirken dann etwas zu glatt um interessant zu sein. Jeanne wirkt aber sehr nett in ihrem Blumenkleid, mit ihren weißen Handschuhen und ihren Desinteresse an der Dackeldame und dem Polo. Irgendwie gönn ich sie dem schmierigen Raoul nicht. Kriegt die noch einen besseren Lover? Die Motivation das herauszufinden ist nur so lala.

Ein Film von 1958
Toho-Logo mit Strahlenkranz. Schwarz/Weiß. Orchesterfanfaren. Titel Weiß auf schwarz über schmetternder Marschmusik. Schnitt zu zwei Männern mit nackten zerlumpten Klamotten von hinten, die durch eine karge Landschaft laufen. Sie fangen an sich gegenseitig anzumaulen: “Du stinkst nach Leichen!” “Du auch!” Sie beschimpfen und bespucken sich – eigentlich hatten sie durch den Krieg reich werden wollen, kamen aber zu spät und mussten nur noch Tote beerdigen. Nun leben sie seit zwei Tagen nur von Wasser, gerade als sie anfangen wollen zu raufen torkelt ein dritter Mann mit gezücktem Samuraischwert und irrem Blick ins Bild. Reiter verfolgen ihn und durchbohren ihn mit ihren Schwertern. Er fällt blutig zu Boden. Für die zwei Männern vom Anfang haben die Samurai nur warnende Blicke – dann reiten sie wieder davon in die Richtung aus der sie kamen. Ängstlich betrachten die zwei den niedergestreckten Krieger, der immer noch zuckt und eine Hand in die Luft gereckt hat. Sollen sie ihn berauben? Der kleine sagt ja, der große nein. Sie trennen sich… ENDE

WERTUNG: + + +
Perfektes Teasing: Samurais, Action, sympatisch schräge Hauptcharaktere. Dazu glasklares Toho-Scope Bild und 1A-Sound (der Kurosawa-Wind!). Mehr!

Ein Film von 1959
Das Warner-Schild über einer Wüstenstraße. Dazu ruhige Westernmusik. Während der Titel nähert sich ein Treck. Abblende. Auffblende zu einer Holztür. Ein unrasierter Cowboy, zerissener grauer Anzug, kommt schüchtern herein. Ein voller Saloon. Immer noch sanfte Musik. Der Cowboy geht langsam durch den Raum. In der Ecke ist ein Friseurstuhl. Ein Mann wird dort rassiert. An der Bar ein anderer Cowboy, blitzend neue Klamotten. Er bemerkt den Zerissenen, giest Whiskey in ein Glas, protest dem schüchtern lächelenden zu und wirft ihm ein Geldstück… in den Spucknapf. (Musikakzent!). Der ‘saubere’ grinst fies. Der ‘zerissene’ will nach kurzem Zögern in den Spucknapf langen, doch ein dritter, Cowboy kickt das Metallding fort. Von unten sehen wir sein Gesicht. Aus der Perspektive des kauernden wirkt er noch größer als sonst: Es ist der Sheriff. Der saubere guckt angesäuert, um seinen Spaß betrogen. Der Sheriff will gerade zu ihm gehen – da wird er vom zerissenen mit einem Holzstück niedergeschlagen. Der Saubere lacht. Der Zerissene will auch ihn angreifen, doch zwei andere halten ihn fest. Der Saubere verprügelt ihn…sauber. Da taucht ein weiterer Cowboy auf – will dem sauberen Einhalt gebieten – und wird von ihm über den Haufen geschossen!!!! Einfach so. Mit ungläubigem Blick fällt er tod zu boden. Der saubere verlässt grinsend den Saloon und geht… in einen ANDEREN SALOON!! Der ist sehr leer. Der saubere will gerade den ersten Whiskey hier trinken, als der Sheriff herein kommt. Blut am Kopf, Gewehr in der Hand. Erster Satz: “Joe, you’re under arrest!”. Kaum gesagt, hat der Sheriff schon wieder eine Pistole am Kopf, diesmal von einem von Joes Schergen. PANG! Der Zerissene hat sich reingeschlichen, sich eine Pistole geklaut und dem Schergen die Waffe aus der Hand geschossen! Jetzt kriegt Joe eins auf den Kopf – und zwar mit der Flinte des Sheriffs… ENDE.

WERTUNG: + + +
Was ist das? Comedy? Action? Auf jedenfalls sehr lakonisch, mit einer fiesen Art von Humor. Und verschwendet jedenfalls keine Zeit (und Worte) um uns gleich von Anfang an in die Handlung reinzuziehen. Mehr!!

Ein Film von 1959
Geigenmusik. Aufblende zu einer Fahrt durch eine Straße, schwarzweis. Im Hintergrund der Eifelturm, vorne Titel. Mehr Fahrt-Aufnahmen von Paris, immer ist die Kamera komisch nach oben gekippt, damit man die Spitze des Eifelturms sehen kann, der immer wieder zwischen den Häusern vorspitzt. Einmal sind wir auch ganz nah am Turm, dann fahren wir wieder weg. Abblende. Widmung. Aufblende zu einem Jungen am Holztisch mit Schulheft und Federkiel. Er ist gerade fertig mit Schreiben und holt einen mehr oder minder erotischen Fotokalender unter der Bank hervor. Er wird durch die Klasse nach vorn gegeben, landet schließlich bei einem Jungen, der etwas im Gesicht der abgebildeten Dame herumkritzelt – und prompt vom Lehrer erwischt wird. Der Lehrer (der eine Art Blaumann und Krawatteträgt) schickt den Jungen dafür in die Ecke. Kurz darauf ist die Prüfung zu Ende, die Arbeiten werden eingesammelt. Der erwischte Junge muss bleiben, während alle anderen gehen. Im Pausenhof raufen die Jungen…

WERTUNG: /
Naja. Die Schulszene ist ja ganz nett, aber was soll die Eifelturm-Werbung im Vorspann? Schön ist die lange Kamerabewegung zu Beginn, aber irgendwie rockt das nicht besonders. (Kann aber auch sein, dass ich voreingenommen bin, weil ich den ganzen Film – trotz seiner Berühmtheit – eher dröge finde.)

Kommen wir lieber zum letzten Werk aus den 50ern:

Ein Film von 1959
Der MGM-Löwe, schwarzweiß, aber vor pastellgrünem Hintergrund. Düster-treibende Musik. Der Löwe fadet. Das Grün bleibt. Blaue Linien schieben sich von rechts oben ins Bild. Sie werden von senkrechten gekreuzt, so dass ein Rautenmuster entsteht. Darüber die Titel – die ERSTMALS! – nicht stillstehen, sondern wie bei einem Fahrstuhl ins Rautenmuster reinfahren. Während die Titel noch laufen verwandelt sich die Rautenmuster in die verspiegelte Fassade eines großen Gebäudes. Im Glas sehen wir zahlreiche Autos passieren. Überblendung zu einer Drehtür auf einer belebten Straße. Menschenmengen, die irgendwohin eilen. U-Bahn. Zwei Frauen ordern ein Taxi. Ein Mann mit Halbglatze verpasst den Bus. Zurück zum Drehtürgebäude. Jetzt sind wir innen. Ein Fahrstuhl öffnet sich. Sehr viele Leute kommen herausgesprudelt, darunter ein Mann im Anzug, der im Laufen seiner Sekretärin diktiert. Sie eilen durch die Drehtüren nach aussen in die Masse, noch immer diktierend und stenographierend. Sie kapern ein Taxi (schlechte Rückprojektion), er diktiert noch immer. Vor einem Hotel steigt er aus, eilig, mit Blicken zur Uhr, geht er hinein. Im Hotel-Restaurant trifft er sich mit drei anderen Business-Typen in Anzügen…ENDE.

WERTUNG: +
Schwierig: Der Anfang mit den Linien und dem Haus ist genial, (Der erste Saul-Bass-Vorspann in dieser Liste), doch was dann folgt ist ziemlich öde. Man könnte meinen es sei eine Doku über gestresste Geschäftsleute von 1959 – mit schlechten Rückprojektionen noch dazu – wäre da nicht der Mann mit Halbglatze gewesen. Der stand nämlich auch als letztes im Vorspann. Und garantiert dafür, dass es nicht so banal weitergeht wie diese ersten fünf Minuten (nach dem geilen Intro) wirkten.

Damit sind die 50er zu Ende und es ist genug für heute, bevor ich noch ausser Atem komme, hehe. Jedenfalls wird es jetzt schon sehr vielfältiger – alte Muster wurden abgestreift – werden sie durch neue ersetzt werden? Stay tuned!

…and here we go again! Ein spannendes Jahrzehnt liegt vor uns: Das Fernsehen kommt und die alternde Kunstform Kino muss sich fragen, wie es gegen diesen kleinen, aber mächtigen Konkurrenten bestehen kann! Indem es mehr vom gleichen macht – also noch größer, bunter, lauter, epischer wird- oder in dem es völlig neues ausprobiert? Mal sehen, welche Antworten die neuen Anfänge geben. Oder um es mit Austin Powers zu sagen: “Swingin’ Sixties, here I come, babe.”

Ein Film von 1960
Jazz. Main-Titel Weiß auf Schwarz. Kein Vorspann. Aufblende zu einer Zeitung mit der Zeichnung einer kaum bekleideten Frau. Die Zeitung sinkt herab, ein Typ mit Hut und komischer Zigarette kommt dahinter zum Vorschein. Der Hut ist tief ins Gesicht gezogen, die Lippen geschürzt. Schnitt zu einer dunkelhaarigen Frau auf einer Straße, sie scheint dem Hutmann zuzunicken. Nochmal. Schnitt zu einem Auto. Ein Mann mit militärischer Mütze und eine ältere Frau steigen aus. Die dunkelhaarige folgt ihnen, während der Zeitungsmann sich unter der Motorhaube zu schaffen macht: Sie stehlen den Wagen! Aber er will sie nicht mitnehmen. Singend und monologisierend fährt er eine Landstraße entlang: “Jetzt hole ich mir das Geld und dann frage ich Pa-Pa-Patricia, ob ja oder nein…”. Er fährt weiter, zappt im Radio, dreht sich zur Kamera und sagt: “Ich liebe Frankreich! Wenn sie das Meer, die Berge und die Städte nicht mögen … dann können sie mich mal!” Zwei Anhalterinnen nimmt er nicht mit, weil sie ihm zu hässlich sind. “Einen Kuss pro Kilometer” hätte er sonst verlangt. Im Handschuhfach findet er eine Pistole mit der er spielerisch den Rückspiegel erschiesst. Jump Cuts. Er zielt aus dem Fenster. Soundeffekt eines echten Schusses. Bilder vorbeiziehender Bäume. Cut zurück zum Mann der wieder ohne Pistole fährt und weiter vor sich hin brabbelt: “Man sollte nie bremsen! Autos sind zum fahren da!” Also überholt er an einer Baustelle. Zwei Polizeimotorräder hängen sich an ihn dran. Er entwischt in einen Waldweg, aber das Auto bleibt stehen. Als er es reparieren will entdeckt ihn doch ein Cop: “Nicht bewegen, oder ich schiesse!”. Er hat die Pistole. Klick. Blam! Ein Polizist im Wald fällt zu Boden. Der Mann rennt über ein Feld… ENDE

WERTUNG: +
Heute kaum mehr vorstellbar, wie radikal so ein Anfang damals war: Keinerlei Exposition, einfach reingeworfen in eine Handlung, absichtliche ‘Fehler’ wie Jump Cuts, Zeit- und Bildsprünge, Gedanken einfach rauslabern. Heute wirkt das eher wie Jugendfilmfestival-Film Nr. 2357, wo irgendwer, der noch nicht wirklich schneiden kann, irgendwas cooles mit Gangstern machen will. Ausserdem ist der Held recht unsympathisch. Nicht wirklich überzeugend.

Ein Film von 1960
Der MGM-Löwe. Titel zu fetziger Orchestermusik über dem Standbild eines Ackerfeldes vor Western-Bergkulisse. Schließlich fängt das Bild an sich zu bewegen. Leute arbeiten auf dem Feld, von rechts kommen Reiter. Die Arbeiter sind mexikanische Maisbauern. Wie erstarrt blicken sie in ihren blütenweisen Hemden und Kleidern den Fremden entgegen, die auf den Dorfplatz reiten. Der Anführer der Reiter, ein Mann in rotem Hemd, steigt ab und begrüßt den Dorfchef, während seine Männer anfangen Hühner zu stehlen. Der Banditenboss tut als weiter als wäre es ein netter Besuch, redet über den Verfall der Moral und des Glaubens: Selbst in großen Kirchen gibt es keine goldenen Kerzen mehr zum Rauben. O Tempora, o mores. Weil der Dorfchef nicht ganz einsehen will, wie schwer es für den hartarbeitenden Banditenchef ist, seine Jungs mit Waffen und Munition zu versorgen, bekommt er von ihm Schläge ins Gesicht…ENDE.

WERTUNG: +
Großes Plus: Die Titelmusik!Abzüge gibt es für die – inzwischen völlig altmodische – Standbild-Titelei und die wie Kitschpostkarten aufgestellten Farmleute. Auch dass die Leute wieder mal durch Worte, statt Taten vorgestellt werden, gefällt mir nicht so, selbst wenn der Dialog ganz pfiffig ist.

Ein Film von 1960
Der Film beginnt im inneren eines Pianos. Die Hämmerchen schlagen gegen die Saiten, wir hören die Musik, sehen die Titel. (Ich kann mich irren, aber die Hammerbewegungen scheinen nicht zum gespielten Stück zu passen) Cut to: Eine Straße bei Nacht. Ein Mann hetzt entlang. Ein Auto verfolgt ihn. Verwaschener Sound, verwaschene Bilder. Er rennt in eine Seitenstraße, wirft sich hin, prallt gegen eine Laterne, stürzt. Ein Mann mit Blumenstrauß hilft ihm recht rabiat auf. Während er sich dafür bedankt und sie sich übers verheiratet sein unterhalten, sehen wir eigentlich nur Straßenlaternen – es ist saudunkel. Die Männer gehen zusammen die Straße lang. Der Blumentyp – recht dick, mit Trachtenhut – erzählt dass er seit 11 Jahren verheiratet ist: “Sie wusste gar nichts am Anfang. Typisch Paris”. Verliebt habe er sich erst im zweiten Ehejahr, als er das gemeinsame Kind sah. Inzwischen hat er drei Kinder. Sie sind bis zu einer Ecke geschlendert. Der Blumenmann muss abbiegen. Sie verabschieden sich höflich. Kaum ist der Blumenmann ausser Sicht fängt der erste wieder wie irr zu rennen an! Er kommt zu einer Bar, deren Fenster mit Zeitungspapier verklebt sind. Drinnen spielt eine kleine Band Schunkelmusik. Er rennt durch, ins Treppenhaus, zu einer Wohnung in der ein Typ vor dem Spiegel steht und sich die Krawatte bindet. “Hey, Edouard, komm rein”, sagt der. “Ich heisse jetzt Charlie”, antwortet Charlie der Rennemann….ENDE

WERTUNG: + +
Hä? Warum rennt der Typ? Warum hat er dann plötzlich Zeit? Nur aus Nettigkeit? Wurde er wirklich verfolgt? Warum will er nicht mehr Edouard heissen? Um was geht’s hier eigentlich? Ein völlig verwirrender und geheimnisvoller Anfang. Find ich gut.

Ein Film von 1960
Mächtige Fanfaren. Vier Minuten lang schmettert das Orchester eine – an einen Operettenmarsch erinnernde – Ouvertüre. Die Leinwand bleibt dabei vollkommen schwarz. Pause. Neue Fanfaren. Die “Universal”-Welt. Dann Titel über Teilen von Statuen, jeweils passen die Namen zum Bild: Eine ausgestreckte Hand, deren Zeigefinger nach links deutet (die Produktionsfirma), eine geballte Faust an einer Kette (der Titelheld). Ein Adler (sein römischer Gegenspieler). eine Frauenhand mit Krug (die weibliche Hauptrolle), zwei Hände aneinander (der Diplomat), eine Hand mit einer Schlange (der Sklavenhändler)…ENDE

WERTUNG: + + +
Wow! Der erste Film in dieser Liste, der es geschafft hat in 5 Minuten noch nicht mal den Vorspann richtig angefangen zu haben! Was für ein Gegensatz zum neuen ‘Hoppla-di-hopp’-Stil der Franzosen. Und was für ein Stil. Ouvertüren auf Schwarz gefallen mir, dieses zurückhalten des Bildes schafft ganz große Spannung: Nur – je länger man nichts sieht, desto cooler muss dann das sein was kommt. Und auch das schafft dieser Anfang. Die Vorspannbilder könnten perfekter nicht sein (natürlich steckt wieder Saul Bass hinter diesen Statuen). Macht Lust auf mehr. Und das es nicht wirklich anfängt ist bei einem Film von ca. 3 1/2 Stunden auch o.k. .

Ein Film von 1960
Swush! Die Kamera hängt vorne an einem Zug. Schienen rasen auf uns zu! Hochhäuser am Horizont. Über das Pfeiffen und Rattern des Zuges eine ruhige Westernmusik. Titel in Rot. SWUSH! Ein Gegenzug saust pfeifend an uns vorbei! Die Musik ruhigt noch immer. Jump Cuts bringen uns immer weiter in die Stadt. Wir rasen auf einen Bahnhof zu. Schnitt. Innen im Bahnhof steht eine Schlange wartender Leute (der Größe nach aufgestellt), dahinter ein Mann mit Schiebermütze und Karo-Jackett. Er schnuppert an den Wartenden: “Warum stinken die so? Gut, 11% der Wohnungen in Paris haben kein Badezimmer – aber man kann sich doch trotzdem waschen, oder?” Niemand der aufgestellt-wartenden scheint den Mann zu bemerken, der weiter schwadronierend ihre Reihe entlangläuft, bis er an eine Lücke kommt. Während er sich die Nase mit einem knallroten Taschentuch zuhält, stellt er sich in die Lücke. Sofort bemerkt ihn die Frau nebenan: “Was stinkt denn hier so!”. Während er ihr erklärt, dass das sein Parfüm sei, klaut ihm ein Taschendieb… einen Wecker… aus dem Jacket. Der Wecker klingelt. Der Zug kommt dampfend. In Zeitraffer steigen viele Leute aus, darutner eine Frau mit Kopftuch und Blumenkleid. Sie läuft. Der Stinkemann winkt ihr zu! Sie läuft schneller, lacht! Der Stinkemann winkt weiter: “Huhu, Jeanne!” Hektische Geigen setzen ein, sie läuft noch immer. Er breitet die Arme aus. Sie läuft noch immer. Sie rennt zu ihm, an ihm vorbei, in die Arme eines andern Mannes, der hinter ihm stand. Sie lacht. Er schreit “Ai!” und bückt sich, weil unten eine Kinderstimme sagt: “Ich bin Zazie”. “Ich weis, ich bin dein Onkel Gabriel”, sagt der Stinekmann und hebt ein kleines Mädchen hoch: Roter Pulli, Bubikopf, Wangenbussi für den Onkel: “Du riechst toll!”, sagt sie. Die Frau kommt dazu, noch immer trägt ihr Lover sie auf dem Arm, genau wie Gabriel das Mädchen: “Danke, dass du auf die Kleine aufpasst!” Ihr Lover dreht sie weiter wie ein irrer im Kreis “Wir sehen uns übermorgen wieder!” Während sich die beiden Paare entfernen tauschen sie schreiend Nettigkeiten aus. Das Liebespaar dreht sich weiter, Zazie dreht Gabriels Mütze. Schließlich setzt er sie ab, Hand in Hand gehen sie aus dem Bahnhof. Zazie will mit der Metro fahren, doch Gabriel will mit dem Taxi fahren. Dem Taxi von Charles. Cut to Charles. Ein fertiger Typ mit blauer Uniform und schwarzen Handschuhen, der über dem Steuerrad liegt: “Ich habe ein Geständnis zu machen”, sagt er, aber man erfährt nicht welches, weil ein halbes Dutzend Leute sich laut schreiend um einen Sitzplatz in seinem Taxi prügelt. (Es sind die gleichen Leute wie vorhin in der Schlange, nur teilweise anders angezogen). Zazie gefällt das Taxi gar nicht: Den Türgriff zieht sie mit leichter Hand raus: “Gammelkarre” Gabriel: “Du bist ein Snob!” Zazie: “Leck mich am Arsch.” Gabriel und Charles sehen sich entschuldigend an wegen der Unhöflichkeit. Dann merken sie, dass Zazie fehlt: Sie rennt davon! Die zwei Hinterher, Charles gleich wieder zurück, weil das halbe Duztend Fahrgäste derweil sein Auto wegzuschieben droht. Zazie rennt zur Metro-Station. Das Gitter ist zu. Daran ein Schild: “Streik”… ENDE.

WERTUNG: + + +
Puh. Wenn jemals absurdes Theater auf Film gebannt wurde, dann ist es dieser Film. Wenn man es in Farbe sieht ist es noch irrer als in Worten. Ob man es liebt oder hasst: Mit den Konventionen der letzten 30 Jahre hat so ein Anfang gar nix mehr zu tun.

Ein Film von 1961
Der MGM-Löwe/”United Artists”-Logo. Pfeiffen auf Schwarz. Beschwingte Orchesterouvertüre. Im Bild abstrakte senkrechte Linien. Die Hintergrundfarbe wechselt mit den Themen: Gelb, rot, lila, blau, wieder rot, grün, schließlich blau (4.50!) die Kamera fährt zurück unter den abstrakten Linien steht der Titel. Bei 4.56 blenden die Linien über in eine Stadt, bei 4.59 ist es New York. 5.00. Ende.

WERTUNG: +
Puh, gerade noch geschafft, ohne die Überblendung wäre es nicht ins Plus gekommen. Die Musik war zwar gut, aber die wechselnden Farben lenken eher ab. Dann doch lieber schwarz. Oder vielleicht, dass die Linien sich mehr aufbauen? Nicht einfach nur vier minuten lang dumm rumhängen im Bild? Ein sehr leerer Anfang.

Ergänzung: Gerade habe ich gelesen, wie sich der Regisseur diesen Anfang gewünscht hätte: Die abstrakten Linien würden bei gedämpften Saallicht auf den GESCHLOSSENEN Kinovorhang projeziert, während die Leute reinkommen, ihre Plätze finden oder die Ouvertüre hören. Erst im Moment der Transition zum Originalbild würde sich der Vorhang öffnen und das Saalicht ausgehen. Das so zu sehen wäre natürlich kewl (Wertung + + +), kommt aber auf der DVD nicht rüber. (Und natürlich fragt man sich, wieviele Kinos sich an diese Anweisung gehalten haben).

Ein Film von 1961
Criterion-Logo. Trommeln und Orchester auf Schwarz. Totale einer Bergkuppe mit Filmtitel. Schwarzweiss. Ein Samurai läuft ins Bild. Wir sehen seinen Rücken. Er kratzt sich am Kopf. Er beginnt zu laufen, die Kamera folgt ihn und bleibt dabei in seinem Rücken. Die Musik wird jazzig. Darüber (englische) Titel. An deren Ende fährt die Kamera auf seine Füße. Er geht an einem Stein vorbei. Einblendung: “1860. Ende der Tokugawa Dynastie”. Ein fast nicht sichtbarer Cut (bisher war alles in einer Einstellung) die Füße laufen weiter. Die Kamera bleibt stehen, während der Mann, ein herrenloser Samurai der nichts hat ausser sein Schwert, wie uns eine Einblendung sagt, in die Totale hineinläuft. Er dreht sich im Kreis, weis nicht wohin. Also hebt einen Stock auf, wirft ihn hoch und geht in die Richtung, in die das dünne Ende zeigt. (Praktischerweise ist da ein Weg). Plötzlich springen zwei Männer in seinen Weg: “Warte Sohn! Du wirst nur getötet” ruft der eine davon. “Dieser Kampf ist meine Chance, Vater”, der andere. Der Vater will dem Sohn sein Schwert wegnehmen: “Bleib doch ein Bauer?” “Wer will schon ein Leben lang Reisbrei essen?” Der Sohn wirft den Vater zu Boden und rennt davon. Als dieser sich aufrappelt und ihm nachlaufen will stoppt ihn der Samurai: “Ich hätte gerne etwas zu trinken!” Der Vater nickt ihm zu – reisst seine Haustür auf und scheisst die Mutter zusammen, warum sie den Sohn nicht aufgehalten hat. “Er wollte nicht hören”, sagt sie, während sie am Webstuhl arbeitet. Sie schimpfen über die schlechten Zeiten…ENDE

WERTUNG: +
Wunderschön fotographiert, aber die lamentierenden Leute nerven a bissl. Insgesammt etwas unspektakulär, doch man fühlt, dass die Personen noch mit Leben gefüllt werden können. Sehr schön der Kontrast zwischen der westlich-swingenden Musik und den japanischen Bildern.

Zwischenstopp: Sex & Crime

Was mir gerade aufgefallen ist, weil hier schon wieder gerauft wurde: Kann es sein, dass die Anfänge gefährlicher werden? Von 1925 bis 1956 ist (wenn ich mich recht erinnere) außer in “Cassablanca” niemals jemandem körperlich etwas angetan worden. Es gab gezogene Pistolen und Drohungen aller Art, feuernde Kriegsschiffe und sogar einen versuchten Selbstmord – aber kein wirkliches Prügeln oder gar Sterben im Bild.

Und in den letzten 2 Jahren hatten wir ausser einigen Schlägen und Ohrfeigen nun plötzlich auch drei Morde! – Ein Samurai in der “Verborgenen Festung”, ein Cowbow in “Rio Bravo” und ein Polizist in “Atemlos”. Und das erstaunlichste: Das alles begann, kurz nachdem wir im “7. Siegel” dem Tod persönlich begegnet sind. Zufall?

Auf der anderen Seite gab es in all diesen Filmen noch keinen Kuss! (Zazies Bussi für ihren Onkel zähl ich jetzt mal nicht mit). Ich werde jedenfalls jetzt die Augen offenhalten für “Sex & Crime” in den kommenden Filmanfängen.
Ein Film von 1962
Schwarz. Eine Frauenstimme liest ein Liebesgedicht. Fanfaren und Zirkusmusik. Titel über verschiedensten Bildern: Zwei Männer an einer Kiste. Eine lachende Frau. Zwei Männer auf einem kleinen Weg zwischen Gärten. An der Gartentür, freundlich kappelend wer wem den Vortritt lassen darf. Vier Personen auf einer Straße. Ein Kind, das einen Dartpfeil wirft. Die zwei Männer beim Fechten mit Besen. Beim Bockspringen. Der untere Teil einer Sanduhr. Ein Paar das sich küsst(Doch schon der erste Kuss?) – nein, nur gezeichnet. Ein Gitarrist. Zwei Personen im Wald. Eine grasbewachsene runde Brücke welche die zwei Männer entlang rennen. Titel Ende. Aufblende. Wieder die zwei Männer. Diesmal hocken sie ruhig an einem Tisch. Ein Off-Erzähler sagt, dass es 1912 ist und dass die beiden sich bei einem Kostümfest kennengelernt hatten. Wieder die beiden an der Kiste (beim Auswählen von Kostümen), (argh da kriegt man ja tippkrampf: Also: Viele weitere Bilder der beiden während der Sprecher sehr schnell erzählt, dass sie schnell beste Freunde wurden und sich gegenseitig Gedichte vorlasen. Der Duneklhaarige hat Erfahrung mit Frauen, der Blonde nicht. Sie treffen eine Frau, die schneller trinkt als sie beide. (Bilder mit den beiden mit Frauen in Gartenlaube, im Boot, im Wald, vor einem Haus. Noch mehr Bilder. Noch mehr Worte. Noch nicht mal zwei Minuten rum.) Der schnelle Sprecher sagt, dass auch profesionelle Frauen (Bild einer bestrumpften Damenwade mit umgeschnallter Uhr) nichts für den Blonden waren. Ende des Offerzählers. Die beiden laufen gerade an einem Paar vorbei dass sich umarmt und so tut als ob es sich küsst (!) – aber nein: In Wirklichkeit malen sie eine Parole an die Holzmauer: “Tod den…” Die Farbe ist alle. Der Mann schimpft die Frau Schlampe und schickt sie Farbe holen. “Sonst heisst es wieder, Anarchisten können nicht schreiben!” Sie rennt zu den beiden Freunden -”Retten sie mich!”- die sie unterhaken und wegtragen. Schnitt in ein Auto, die drei lachend auf der Rückbank. Sie, Therese würde gerne bei einem von ihnen übernachten. Sie bringen sie in ein herschafftliches Haus. Der Blonde entzüdet Gaslampen, zeigt ihr die Sanduhr. Dazu fröhliche Musik. “Wenn der Sand durch ist, muss ich schlafen”. Sie lacht, zieht eine Spieluhr auf. Die Musik wird (mit etwas Verzögerung) spieluhrig, während der Blonde einen Stuhl hereinträgt. Sie will Zigaretten, er hat welche. Sie raucht und zeigt ihm “wie eine Lokomotive macht”. Musik wird wieder zirkusmäßig, während sie qualmend durchs Zimmer geht (Closeup ihres Gesichts). Einmal im Kreis bis sie wieder bei ihm ist und ihm die Zigarette in den Mund steckt (Könnte man fast als Kuss werten). Blende: Der Dunkelhaarige am Bett einer anderen Frau. Er zieht sich an. Sie will dass er bleibt. Er will gehen: “Wenn ich bleibe, verlieb ich mich und wenn ich mich verliebe werden wir heiraten.” Er küsst sie. Diesmal wirklich. Ausgiebig. Als sie fertig sind sagt sie Schuft und er geht weg. ENDE.

WERTUNG: +
Hm – etwas zu hektisch für meinen Geschmack. Und dann auch noch auf französisch. Aber: Wieder völlig unkonventionell und auf keinen Fall lahm. Sie ist süß.

Ein Film von 1962
Der MGM-Löwe, schwarz-weiß. Schwelgende Geigenmusik. Vorspanntitel. Ein nackter Mädchenfuß senkt sich ins Bild. Ein Männerhand hält in sanft, steckt ihr Watte zwischen die Zehen, beginnt dann ihre Zehennägel zu lackieren. Abblende. Aufblende: Ein Auto von hinten auf einer Nebelverhangenen Straße. Es nähert sich einem Schloss (kein Nebel mehr jetzt). In der Eingangshalle: Alles liegt voller Zeug, Möbel sind mit Tüchern abgedeckt. Der Fahrer – ein Mann mit Trenchcoat – tritt vorsichtig herein. Er stolpert über Weingläser, die im Tumult auf dem Boden liegen. Sichtlich unbehaglich sieht er sich in dem Chaos um. Er kommt zu einer Harfe, streicht kurz über die Saiten, er sucht irgendwas oder irgendwen: “Quilty!” Niemand antwortet. “Quilty?” Plötzlich klappert eine Flasche hinter ihm – unter dem weißen Tuch eines abedeckten Stuhles kommt eine zweite Person (stockbetrunken) zum Vorschein: Sind sie Quilty?, fragt der erste. – “Nein – ich bin Spartacus”, sagt der Betrunkene und steht auf, während das Stuhltuch im römisch über die Schultern fällt . Zwischen den beiden steht ein Ping-Pong-Tisch. “O.k., ich bin Quilty, klar…” Quilty haut noch mehr Zeug um, während er zum Tisch schlurft: “Warum ziehen sie ihre Handschuhe an?”, fragt er den Fahrer, der ihn böse ansieht: “Wollen sie Konversation bevor wir anfangen?” fragt er. Beide stehen nun auf je einer Seite des PingPong-Tisches. Die Musik ist leise, aber fiebrig. Ungeachtet der bedrohlichen Blicke des Mannes lädt Quilty ihn zu einer Partie “Römisches PingPong” ein. Zwei Bälle fallen zu Boden, erst den dritten spielt der Fahrer zurück…ENDE

WERTUNG: +
Füße finde ich nicht schön. Ich finde sie sehen eher funktional aus: Platt. Aber der PingPong Anfang ist nett. Die Mischung aus unterschwelliger Bedrohlichkeit und totaler Alberneit inklusive in-gag (“Spartacus” war der vorherige Film dieses Regisseurs) macht sie interessant.

Ein Film von 1962
Toho-Logo. Schnarrende Musik. Titel weiß auf schwarz. Fanfaren zum Main-Title. Aufblende: Ein Haus von aussen. Jump Cut zur Tür. Cut zum Blick durchs Fenster. Viele Männer hocken im Kreis. Wir sind jetzt innen: Sie reden über die allgegenwärtige Korruption und was man dagegen tun kann. Anscheinend war einer unterwegs um verschiedene Leute um Hilfe zu bitten, doch selbst der eigene Onkel hat ihm eine Abfuhr erteilt: “Er sagte ‘Vielleicht steck ich ja selber mit drinn”, erzählt der Bote. Doch einen hat er gefunden, der bereit ist ihnen zu helfen! Jemanden mit großem Einfluss! Große Erleichterung auf den Gesichtern der Männer! Sie lachen – - ein Geräusch, dass ein gequältes Echo von draussen findet. Sie fahren herum, starren auf die nachtschwarze, offene Türöffnung. Herein kommt ein müde gähnender Mann mit Schwert und einem Arm in der Schlinge. Alle greifen zu ihren Waffen! “Ihr Narren!”, sagt der Neue. “Ich lauf euch schon nicht weg. Zu lauschen hat auch seine Vorteile…”

WERTUNG: /
Sehr viel Gerede, teast zwar Samurai-Action, lässt aber noch gar nichts erkennen, in welche Richtung es gehen wird.

Ein Film von 1963
Orientalisch anmutende Ouvertüre auf Schwarz. Fox-Logo vor düsteren Wolken. Dann statische Vorspanntitel vor nachgemachten antiken Wandmalereien. Teils die genannten Charaktere als abgeblätterte Zeichnungen, aber auch Tempel, Palasträume. Das letzte Gemälde – ein riesiges Heerlager mit brennenden Feuern und hunderten von Leuten – blendet zweimal über: Von der abbröckelnden Putzmalerei zur sauberen Zeichnung, dann zur gleichen Szene in echt. Ein Sprecher sagt, dass hier die Entscheidungsschlacht der römischen Bürgerkriegs stattfindet…ENDE

WERTUNG: +
Typischer Epos-Anfang. Die Putz-Gemälde gefallen mir nicht so, wirken zu deutlich nachgemacht. Die finale Überblendung dagegen (inklusive des “Guckt mal:Tausende von Komparsen!”-Effekts) schon sehr stark.

Ein Film von 1963
Lux-Logo. Ein nach oben scrollender (!) Vorspann in völliger Stille. Weiß auf Schwarz. Der Filmtitel stehend. Noch mehr nach oben scrollende Namen. Immer noch still. Rauschen. Close Up eines Frauengesichtes. Sie liegt und schaut nach oben. Ein Off-Erzähler: “In diesem Augenblick war Alains Blick auf Lydia wie versessen.” Schnitt zu Alain, der konzentriert auf sie herabsieht, ihre Hand auf seiner nackten Schulter. “Worauf wartete er?” Der Off-Erzähler sagt, dass Lydia sich wegdreht und die Augen schliesst, wir sehen aber weiter Alain. Sie lässt seine Schulter los. Ihr zurückgeneigter Kopf dreht sich im Kissen. Sie schliesst die Augen. Öffnet sie wieder. (Sie hat falsche Wimpern, oder?). Er schaut sie noch immer an, beugt dann den Kopf zu ihrem Bein, dass er in der Hand hält. Sie, die zur Seite schaut. Beide von der Seite. Nun lächelt sie, Gesicht nach oben, sein Gesicht sinkt an ihren Hals. Der Sprecher sagt etwas von einer Schlange zwischen Steinen. Dann Stille. Sie verharren. Schließlich hebt er seinen Kopf wieder, den Blick noch immer auf sie fixiert, sie folgt seinen Augen mit ihren. Ihr Kopf, seiner, beide lächeln. TOTALE: Ein karger Raum mit schwarzem Schrank. Darin zwei Betten mit schwarzen Metallrahmen. Eines leer. Im anderen die beiden, die Decke über ihnen. Er bewegt sich. Kamera wieder bei ihr: “Armer Alain, geht es Ihnen nicht gut?”. Er starrt weiter, beginnt ihr Gesicht zu streicheln. Pianomusik setzt ein. Er sagt: “Es ist schon lange her”. Die Kamera wieder bei ihm. Sein Arm vor seinem Gesicht. Bei ihr. Er: “Ich mache mir Vorwürfe”. Cut über ihre Schulter, er liegt jetzt mit dem Gesicht in den Kissen, schaut aber noch immer zu ihr. Sie: “Lächeln sie mich an. Es war sehr schön. Ich bin glücklich. Wieder ihr Gesicht ihm zugewandt. Jump Cut. Ihr Gesicht, ihm abgewandt, er hinter ihr, schauend, Hand an ihrem Nacken. Cut: Nachttisch: Zwei Zigarettenschachteln (‘Kent’ und ‘Sweet Afton’, ein voller Aschenbecher, Feuerzeug, Schmuck. Seine Hand nimmt die Kent, ihre das Feuerzeug. Der Schmuck fällt dabei in die Schublade. Ihr Gesicht, er zündet ihr die Zigarette an, dann seine (die erste Verbindende Kamerabewegung). Sie raucht. Er raucht. Noch immer schaut er. Überblendung. Mit dem Geräusch eines Zuges fährt die Kamera zum nun angezogenen Alain, der sich am Fenster seinen Schuh bindet. Lydia sagt im Off: “Es ist schon hellichter Tag. Ich muss mich beeilen”. ENDE

WERTUNG: + + +
Es kommt vielleicht in der Beschreibung nicht rüber, aber dieser Anfang – abgesehen davon, dass er der erste ist, der explizit zwei Liebende im Bett zeigt, so deutlich wie es damals wo irgend möglich war – ist eine Schnitt-Etüde vom feinsten. Eine Meditation über das sehen durch das sehen: Wie die Nuancen zwischen diesen beiden Liebenden durch die unterschiedlichen Blickwinkel eingefangen werden, wie die Sinnlichkeit, aber auch die Probleme dieses Paares eingefangen werden, wie die wenigen Worte das alles literarisch anheben… was wird das für ein Film?

Ein Film von 1964
Es beginnt mit einem Warnhinweis: Die Ereignisse des Films sind völlig erfunden! Die Air Force würde sowas in echt nie zulassen! Ich wiederhole: Es ist alles nur ein Spiel! Dann: Die Columbia-Lady (schwarz/weiß). Langsam fliegt die Kamera über Wolken, der Wind säuselt, ein paar Schwarze Gipfel ragen aus der Wolkendecke. Eine amerikanische Off-Stimme erzählt uns von der neuesten Geheimerfindung der Russen: Die “Weltuntergangsmaschine” unter der Arktis… Liebliche Musik. Wir sind noch immer über den Wolken und werden Zeuge, wie ein Treibstoffflugzeug eine Air Force Maschine auftankt. Wir sehen den Befüllungsstutzen sich hinein und heraus senken, die Flugzeuge übereinander schaukeln. Darüber die Titel in feiner Handschrift. Schließlich löst sich der Stutzen, die Flugzeuge trennen sich. Der Tankschlauch hängt herab. Abblende. Aufblende zu einem Rollfeld bei Nacht. Eine drehende Radarstation. Flugzeuge, schließlich ein “Rechenzentrum” (60er Style – mit riesigen Computern und einem Drucker der weißes Endlospapier spuckt). Dahinter kommt ein uniformierter, vornehm wirkender Mann mit Schnauzbart zum Vorschein. “Group Cpt. Mandrake”, stellt er sich vor (mit britischem Akzent), als ihn ein General Ripper anruft. Wir sehen Ripper. Ein Breitschädel mit Zigarre hinter seinem dicken Schreibtisch. Ripper (amerikanischer Akzent) erzählt, dass soeben Alarmstufe Rot ausgerufen wurde: “Das ist keine Übung!” Mandrakes Gesicht friert ein. Ripper: “It looks like we’re in a shooting war!” Mandrake: “Oh, hell!” Ripper: “Schicken sie ‘Plan R’ an die Flugzeuge – und konfizieren sie alle privaten Radiogeräte!”…ENDE.

WERTUNG: + +
Zu Recht ein sehr berühmter Anfang. Ein wirklich ‘liebevoller’ Vorspann und eine Eröffnung die – zusammen mit dem Off-Prolog und der Warnung – heiß macht, auf die Alarmsituation, den Plan R und die Weltvernichtungsmaschine…

Ein Film von 1964
Western-Gitarren-Musik. Vorspann in “Rotoscope”-Technik, erst weiß auf rot, dann abwechselnd Schwarz auf Rot und Rot auf Schwarz. Rauchringe. (Pfeifen) Ein Reiter (Pferdegetrappel). Der Name des Helden (Schuss) Viele Reiter (Schnelles Panflötenpfeifen). Filmtitel (Schuss mit Ricochet) Mehr Schüsse, mehr Titel, mehr Reiter, mehr Pfeifen. Rotoscope-Cowboys fallen um, Titel werden zerschossen. Rote Lachen explordieren auf schwarz. (Gesang.) Wieder fällt ein Rotoscop-Cowboy zu Boden, diesmal von einem andern mit einer Flinte erschossen. Mehr Tote. Noch mehr Tote. Noch mehr und mehr Tote. Immer schneller. Name des Regisseurs. (Peitschenknallen). Der weiße Reiter vom Anfang – löst sich in eine Sonne auf, die Kamera fährt hinein. Alles weiß. Cut: Alles schwarz. Cut: Steine. (Jetzt echt): Ein Cowboy mit Poncho und Hut reitet langsam auf einem schwarzen Pferd ins Bild. Musik geht unvermittelt heftig weiter. Die Kamera hebt sich zur Totalen: Eine handvoll strahlend weißer Häuser vor imposanter Westernkulisse. Ein Brunnen. Dort steigt der Reiter ab. Die Musik verstummt, als ein kleiner Junge, ebenfalls in weiß um die Ecke rennt. Der Reiter, der gerade mit einer Schöpfkelle aus dem Brunnen trinkt sieht auf (Schnelles Pfeifen). Er beobachtet den Jungen, der durch ein Fenster in eines der Häuser klettert, sein Blick sieht besorgt aus. Aus dem Haus eine Stimme: “Du schon wieder! Raus!”. Jammernd kommt der Bub wieder rausgerannt. Hinterher zwei große Männer. Ein dicker kickt den Jungen! Beide schiessen links und rechts des schreienden, rennenden Kindes in den Staub. Am Fenster eine Frau. Aus dem gegenüberliegenden Haus kommt ein Mann, der den Jungen schützend in die Arme nimmt. Die Männer ballern weiter. Sie packen den Mann, werfen ihn zu Boden, treten ihn. Als der dicke Oberfiesling sich umdreht bemerkt er den Fremden am Brunnen. (Piano-Einsatz: Dadadada-Damm!). Der Fiesling und der Fremde taxieren sich mit Blicken, dann ziehen sich die beiden Schläger in Richtung des ersten Hauses zurück. Der Vater bringt sein Kind ins Haus, die Frau am andern Fenster blickt zum Fremden…ENDE

WERTUNG: + + +
Einerseits: Dieser Anfang setzt die Messlatte für Gewalt gleich ein ganzes Stück höher. Soviele Tote (wenn auch nur Sillhouetten) hatte bisher noch keine Eröffnung zu bieten und dann auch noch Grausamkeit gegen Kinder und Zivilisten. Als Zuschauer kann man nicht wirklich einschätzen – wie ernst meinen die das? Die Musik (Das Piano-Thema des Helden ist ein totaler Ohrwurm) ist derart over-the-top, dass die Gewalt comichaft wirkt und doch ist die Stimmung eher roh als funny. Kurz und gut: Eine blutrote, dreckige Alternative zur endlos langatmigen Hollywood-Epik und der teils verkopften, teils hyperaktiven französischen Kunstfilmerei…

Ein Film von 1964
“UA”-Logo. Zu Fanfarenklängen fahren weiße Kreise über den Bildschirm. Werden zum Blick durch einen Gewehrlauf, in dem ein Mann entlangläuft. Er fährt herum, schiesst, rote Farbe fliesst über das schwarz/weiße Bild. Der Gewehrlauf wackelt, wird kleiner, verschwindet. Eine Reihe riesiger Silos bei Nacht. Wachen. Palmen. Spansierende Gitarrenakkorde. Die Kamera fährt zu einem Pier vor der Mauer. Eine Ente kommt geschwommen – auf der Mütze eines Tauchers, der nun auf den Steg steigt. Er wirft die alberne Mütze weg, zückt eine Seilpistole. Er feuert den Haken. PAFF(Das Seil kommt von irgendwo links unten, nicht von der Pistole) Einer der Wächter hat etwas bem… ZACK! Der Taucher hat ihn umgeworfen und mit einem Tritt erledigt. Er rennt zu einem der Silos, öffnet es. Innen ist ein Büro mit Trockenblumen, chemischen Apparillos und Fässern mit der Aufschrift “Nitro”. Wie praktisch! Da klebt der Taucher Plastiksprengstoff drauf, stellt den Zünder auf 25 Minuten (oder Sekunden – keines davon stimmt) und rennt davon. Auf der anderen Seite der Mauer streift er seinen Taucheranzug ab. Darunter kommt ein blütenweißer Smoking zum Vorschein. Er schiebt sich eine rote Blume ins Revers und geht in eine Bar, wo gerade eine Frau tanzt. Als er sich eine Zigarette anzünden will explodiert hinten das Silo. BUMMM! Das darauf folgende Entsetzen nutzt er um zu einem Mann an der Bar zu gehen, der ihm gratuliert: “Keine Heroin-gefüllten Bananen mehr, mit denen man Revolutionen finanzieren kann”. Der Barman hat ein Flugzeug für den Taucher, doch der meint, er habe erst noch etwas zu erledigen. Schnitt zur Tänzerin in der Badewanne. Der ‘Taucher’ kommt herein, wirft ihr ein Handtuch hin, zieht sein Jacket aus, küsst sie. Sie stösst sich an seiner Pistole: “Warum trägst du immer dieses Ding?” “Nun, ich habe einen kleinen Minderwertigkeitskomplex. Wo war ich? Ach ja!” Er küsst sie wieder. Dabei bemerkt er nicht den Mann, der sich hinter einem Schrank hervorschleicht – sie schon! Der Mann kommt mit einer Keule – doch der Taucher bemerkt sein Spiegelbild in ihrem Auge (!) SWUSH! Er reisst sie herum. PARDAUZ! Sie bekommt die Keule auf den Kopf, fällt um. Eine ausgedehnte Prügelei an deren Ende der Angreifer in der Badewanne landet – und nach der Pistole des Tauchers greift! Der schmettert den Elektro-Ventilator in die Suppe und grillt den Bösewicht. “Schokierend”, sagt er, als er seine Waffe wieder umschnallt und mit Blick auf die Frau, die stöhnend erwacht fügt er hinzu: “Wirklich – schockierend.” Er geht und knallt die Tür hinter sich zu. BLAMM. Fanfaren. Titelmelodie. Goldene Finger im Bild. Titel. ENDE.

WERTUNG: + +
Hier wird der Anfang endgültig zum Comic: Total überkandibelte Action. Ein Film, der sich definitiv selbst nicht mehr ernst nimmt, auch nicht die gezeigte Gewalt. Die geht hier vom Helden aus, nicht mehr vom Schurken und ist positiv besetzt. Ganz im Gegensatz zum Film vorher, wo bei aller Stilisierung und Freude am abknallen immer noch ein deutlicher Hauch Grausamkeit und Entsetzen mitschwang. Hier haben wir Sex & Crime (in einer blut und sorgenfreien Version) als reines Entertainment… wo führt das hin?

Ein Film von 1964
Company Titel vor Stoff-Hintergrund (Schwarz/Weiß). Romantische Musik. Zwei Hände übereinander. Drei. Sie streicheln sich. Die mittlere Männerhand trägt einen Ehering. Die obere (eine Frauenhand) spielt damit. Will sie ihn abziehen? Darüber Titel. Wieder versucht die obere Frauenhand dem Mann den Ring vom Finger zu ziehen. Cut: Ein Mann mit Hut und Anzug kommt mit Koffer aus einer Metro-Station. Er blickt auf eine Fußgängerampel mit Countdown (?), eilt über die Straße zu einem Haus, öffnet die Tür mit einem Drücker. Fahrstuhlkäfig. Der Mann schellt an einer Wohnung. Eine dunkelhaarige Frau öffnet: “Endlich – ich wollte gerade deine Sekretärin anrufen!” “Es war ein Notfall, Suizid!”, sagt er. Eine andere, blonde Frau ist wohl zu Besuch hier: “Wie lange hast du Zeit bis dein Flieger geht?” 40 Minuten, sagt er. Ein Kind winkt: “Bonjour, Papa!”, “Bonjour, meine Kleine!” Das Ehepaar diskutiert wer fährt, während es eilig irgendwas hin- und herräumt. Es schellt. Die Blonde geht zu Tür. Es ist ihr Mann. Bussi. Mehr Hektik, Bussi vom Papa fürs Kind: “Schön brav sein!”"Ich möchte mit?!” “Was? Nach Orly? Unmöglich? Doch? O.k. Komm mit..!”Bussi für die Frau – sie fährt jetzt doch nicht mit, (warum haben sie dann diskutiert…) Noch irgendeine Frau (ein Zimmermädchen?) ist da… egal die Männer und das Kind rennen zum Auto. (Mercedes). Zu treibender Bläsermusik fahren sie durch einen Tunnel: “Oh Gott der Flieger ist weg!” Wo er doch zu einer Konferenz über Balzac muss, nicht über Stendhal! Huup! Sie fahren zu schnell. Wir sehen die Straße zwischen den Zöpfen des Kindes und den Männern. Huup! Wer hupt denn da? Ein Polizist! “Wenn der uns stoppt ist der Flieger weg!” (Was? Ich dachte der sei schon weg??) “Ich übernehme den Polizisten, nimm du den Flieger!” Sie bremsen am Flughafen. Er springt raus, packt seinen Koffer. Das Mädchen bleibt jetzt doch zurück… (verdammte Hektik!! Ich check hier nur die Hälfte! Ich dachte die geht ganz mit!) Er eilt an den Schalter! Flugzeug nach Lissabon! (Vorhin wollte er doch nach Orly?!? Hilfe!) Die Schalterfrau muss nachfragen ob es noch geht. Vor dem Fenster redet der Polizist mit seinem Begleiter. Durch einen Privateingang wird er zum Rollfeld gelotst, den Koffer in der Hand. Die Rolltreppe wird gerade weggezogen… Nein… sie wird wieder rangeschoben…Das Flugzeug trägt die brasilianische Flagge. Hinter dem Mann fällt die Tür zu, der Flieger startet….

WERTUNG: -
…und wenn das Flugzeug gleich wieder abstürzen würde und der Film aus wäre, würde ich auch nicht heulen. Entweder bin ich zu Blöd, oder der Anfang war wirklich total wirr. Okay, das mit Orly und Lissabon kann ich mir schon erklären, weil dem Vorspann nach betrügt er ja seine Frau mit der Ringabzieherin. Konferenz über Balzac?! Nee, sry, aber das ist mir
alles n bissl zu klugscheisserisch und viel zu hektisch.

Jetzt brauch ich zur Entspannung noch ein ruhiges Epos und dann Schluss für heute. Ich würde ja fast sagen, dass der hier in den ersten fünf Minuten höchstens bis zum Ende der Titel kommt… top die wette gilt:

Ein Film von 1965
Trommeln. Ouvertüre vor dem Gemälde eines Steckerlaswaldes. Fanfaren. Weitere militärische Trommeln. Russische “Lalala”-Gesänge. Ein Thema das klingt wie aus “Conan” (oder umgekehr) mit viel Pling, Pling und lautmalerischen Hufgeräuschen. Mehr Fanfaren und Operetten-Kladeradatsch. Mehr “Lalala”Gesinge. Noch mehr Fanfaren. Noch mehr Kladeradatsch. Fade to Black. Der MGM-Löwe. Aufblende zu einer anderen Wald-Zeichnung, diesmal mit Titeln und Sonne im Hintergrund. Zittermusik. Wieder die gleiche Zeichnung wie vorhin. ENDE.

WERTUNG: – -
Gewonnen: Ein typisch langatmiger Epos -Anfang von der Stange. Diesmal allerdings mit schrecklicher Operetten-Musik und irgendwie nichtssagenden Zeichnungen (was ist denn so schlecht an Schwarz? Vielleicht dass man sich dann auf die schreckliche Kitschmusik konzentrieren müsste, ok.). Sorry, gefällt mir gar nicht! Ab in die Mottenkiste damit!

Ein Film von 1965
Schwarz. Glockenschläge, verzerrt. Düstere Geigen. Russischer Chor, weitere Glocken. (Die Ouvertüre knistert etwas, zweimal hört man sogar ein ‘Tock’ wie von einer aufgehobenen und neu angesetzten Plattennadel!). Mosfilm-Logo über flirrend roter Leinwand. Ins rot brennt sich ein hellblauer Fleck. Darin Würmer – oder Spermien? Das folgende jetzt alles übereinander: Vereiste Blumen – elektronische Sounds – Flußläufe aus der Vogelperspektive – Vogelgezwitscher – ein Kameraflug über einen Nadelwald – eine Wiese. Die Farben werden natürlich. Wir fliegen über eine Wiese, ein Dreckhügel blockiert die Sicht auf den Horizont. Die Kamera erhebt sich darüber und gibt den Blick auf ein großartiges Panorama mit Flußlauf frei. Weitere elektronische Sounds, während wir den Fluß entlang fliegen. (Das Bild ist sauschlecht – Icestorm, halt) Der Flug geht weiter über Felder. In der Ferne donnerts. BAMM. WIEHER. AAARGH. Stille. Weiter geht der Flug über eine Teerstraße. Dann die Stimme: “Alle Gedanken, die großes im Gefolge haben, sind immer einfach.” Und weiter: Wenn die Bösen sich zusammenraufen, müssen die guten das auch machen. “So einfach ist das.” BLAM! Fanfare! Blaue Wolken! Titel! Wir fliegen noch immer, scheinen uns von der Erde zu entfernen….

WERTUNG: + + +
Na, das nenn ich mal einen Hybrid-Anfang: Die Ouvertüren-Ruhe des alten Epos, plus moderne Sound-Spielereien und experimentelle Bildcollagen. Dazu die bombastischen Kamerafahrten und ein Erzähler, von dem man nicht weis, ob er einen gerade vollügt, oder ob er es ernst meint. Ein Auftakt der eines verspricht: Anything goes.

(P.S.: Dies ist ein 7-stündiger Mammut-Film in vier Teilen. Ich nehm aber trotzdem nur obigen Anfang, weil ich finde, dass die anderen Teile eigentlich Stücke des selben Films sind, die nur wegen der Länge eigene Filme ergaben. Bei späteren Großwerken (Kill Bill, Herr der Ringe) werde ich genauso verfahren. Reihen die sich klarer in Einzelfilme zerlegen (Alien, Pate, Indiana Jones) bekommen jeweils eigene Anfangsbeschreibungen für jeden Teil.

Ein Film von 1965
Die Leinwand ist in rot getaucht, man sieht die vage Ahnung einer Bergkette. Ein Pferd wiehert in der Ferne. Das Bild blendet zu natürlichen Farben: Die (übliche) großartige Totale einer Westernlandschaft, mittendrinn ein einsamer Reiter. Im Vordergrund pfeift eine unsichtbare Person und lädt (dem Geräusch nach) ein Gewehr, summt dann dazu. Der Reiter kommt sehr langsam näher. Weiterhin komische Geräusche. Ein Schuss. Der Reiter fällt vom Pferd. Titel. Musik mit Pfeifen und Schüssen. Die Darstellernamen huschen über den Bildschirm, werden von Kugeln “zerschossen”. Das Pferd galoppiert jetzt aus dem Bild. Musik steigert sich. Unverständliches Gesinge. Nachem am Ende auch der Name des Regisseurs ‘erschossen wurde’ (er braucht eine ganze Reihe von Schüssen) wird das Bild wieder rot. Der Vorspann endet mit der Einblendung: “Wo das Leben keinen Wert mehr hatte, hatte der Tod oft noch einen. Deshalb kamen die Kopfgeldjäger.” Schnitt zur Nahaufnahme einer Bibel. Wir sind in einem Zug. Ein hutzeliger Mann mit schwarzen Klamotten blickt zum Bibelleser, dessen Gesicht vollkommen von dem Buch verdeckt ist. Ein Schaffner kommt wegen den Fahrkarten. Der Bibelleser ihm reicht sein Billet ohne hinter seinem Buch aufzutauchen: “Ist es weit bis Tucamcari?” fragt er. “Nur ein paar Minuten”, sagt der Chaffner. Doch der hutzelige ist anderer Meinung: “Nein, Referend, ich denke sie sind im falschen Zug!” Er labert den Bibelleser zu, welches die beste Station sei um nach Tucamari zu kommen. Ganz langsam senkt sich die Bibel. Der Anblick des Mannes mit Pfeife und Adlerblick lässt den Hutzeligen verstummen…

WERTUNG: + +
Gleich zwei schöne Spannungsmomente ganz am Anfang (Was passiert mit dem Reiter? Wer steckt hinter der Bibel?), dazu wiedermal ein herrlich überkandibelter Morricone Score und stylische Inszenierung. Sehr vielversprechend.

Ein Film von 1965
Toho-Logo. Klassische Musik (klingt a bissl wie ein Weihnachtslied von Beethoven). Wir sehen die Titel über verschiedenen Aufnahmen geziegelter, spitzgiebeliger Dächern (schwarz/weiß), dazwischen schlanke, kahle Bäume. Wohl ein kleines Dorf. Obwohl die Titel noch weitergehen, ist die Musik zu Ende. Stattdessen hören wir Vogelgezwitscher. In der Ferne ruft jemand etwas. Die Musik kommt zurück! Jetzt klingt sie etwas weniger entspannt, nervöser – und wieder bricht sie ab, stattdessen hören wir – irgendwo unter den Dächern – jemand singen oder grölen. Zum dritten mal hebt die Musik an, diesmal mit einem Thema voll spitzbübischer Fröhlichkeit. Und wieder aus! Dafür Wind. Als schließlich der Name des Regisseurs erscheint kommt wieder das Beethoven-artige Thema zurück. Abblende. Aufblende auf den Rücken eines Mannes mit Kimono (kann es sein, dass wir seit den ‘Searchers’ oft von hinten auf unsere Protagonisten gucken, mit ihnen entdecken?) Der Mann geht durch ein Holztor in das Dorf mit den Dächern, die wir nun schon kennen. Ein Schild am Tor weist darauf hin, dass es sich bei den Gebäuden um eine Klinik handelt. Der vornehm und sauber gekleidete Mann geht in den Hof, blickt kurz auf eine Tafel. Zwei Männer in grauen Kimonos gehen vorbei, blicken ihn kritisch an. Als der Neuankömmling sich beim Pförtner vorstellt (“Katsumoto…”) geht einer der beiden auf ihn zu: “Ich übernehme das…”. Er stellt sich als Genzo vor – Katsumotos Vorgänger: “Da Sie jetzt da sind, kann ich aufhören!” Katsumoto ist sich noch nicht sicher, ob er überhaupt bleiben kann (und will). Genzo umkreist ihn grinsend. “Aus Nagasaki, hm?”. Die beiden stehen sich nun gegenüber. Jeder auf einer Seite des Bildes: “Es ist schrecklich hier”, sagt Genzo. “Die Patienten sind Leute aus dem Slum, voller Flöhe und Läuse! Sie stinken! Die Bezahlung ist schlecht. Und der Chefarzt hält uns Tag und Nacht auf Trab.” Sie gehen in ein Haus (nun wieder als Team zusammen im Bild). Genzo meckert weiter – “man fragt sich hier wirklich, warum man Arzt geworden ist” – und es scheint ihn auch nicht zu stören, dass ein paar am Boden kauerende Patienten ihn hören. Das ganze Haus scheint voller Patienten zu sein. “Es stinkt wirklich”, meint Katsu. “Der Geruch der Armut”, entgegenet Genzo….ENDE

WERTUNG: + +
Wieder schwer objektiv zu sagen, da auch das einer meiner all-time-favoriten ist. Der Vorspann ist zwar einerseits konventionell – andererseits aber auch nicht: Das mehrfache Ansetzen der Musik gibt ihm eine geheimnisvolle Stimmung, als würde der Film den Zuschauer einladen, ihn mit wachen Sinnen zu sehen, als würde er sagen: Schau, ich funktioniere als Drama, als Komödie und als Action-Film! (Kann aber auch sein, dass ich das nur denke weil ich weis, dass dieser Film das alles und mehr ist.) Wie gesagt, keine wirklich objektive Wertung in diesem Fall.

Zwischenstopp 1965 – Die Büchse der Pandora
Ich bin ja schon fast selbst erstaunt, wie deutlich sich die (theoretisch erwarteten) Tendenzen der 60er bisher an dem kleinen Ausschnitt der jeweils ersten fünf Minuten ablesen lassen: Während Hollywood das gleiche macht wie immer, nur noch langsamer, wurde in Europa die Büchse der Pandora geöffnet: Die Franzosen überbieten sich selber mit einem kreativen, temporeichen Anfang nach dem andern und die Italiener treiben die Stilisierung – und den Bodycount in neue Höhen.

Dass Sex & Crime Einzug gehalten haben ist nicht mehr zu übersehen. Auch in Amerika wird bald der “Hayes Code” fallen – der seit 1934 vorschrieb was verboten war (Nacktheit, detaillierte Morde etc.) Ob das gut ist oder schlecht – who knows? Einerseits wurde dadurch ein tieferes filmisches Nachdenken über den Menschen in all seinen Facetten möglich, andererseits hielt eine schmerzfreie Comic-Gewalt-Einzug, die mit der Realität nicht viel zu tun hatte.

Die Beschränkung auf fünf Minuten finde ich inzwischen fast optimal: Es braucht tatsächlich keine 10, damit ein Film einen Eindruck hinterlässt – aber drei wären wiederrum zu kurz (da kämen viele gar nicht über den Vorspann hinaus).

Natürlich zeigt diese Methode auch die Grenzen der Sammlung: Da sie fast nur ‘Lieblingsfilme’ enthält, ist kaum ein wirklicher Mist-Anfang dabei, vieles ist einfach gar nicht dabei (der “alte” Deutsche Film, Asien ausser Kurosawa, Europa ausser der Nouvelle Vaque). Wirklich empirisch kann es also nicht sein, aber große Trends aufzuzeigen gelingt glaub ich ganz gut. Und je weiter wir kommen, desto mehr wird sich der Blick weiten, mehr Genres, mehr obskures, mehr Länder.

Zum Beispiel: Russland:

Ein Film von 1966
(IMDB verzeichnet ihn als von ’69, was aber daran lag, dass er nach der ersten Vorführung ein paar Jahre unter Verschluss war. Die geldgebende Regierung hatte ein nationales Epos bestellt und bekam…)

Die “Mosfilm”-Statue. Titel weiß auf schwarz, dazu ruhige Flötenmusik. (Sehr unruhiger Bildstand, rauschen). Aufblende zu einem sackartigem Gebilde vor einem weißen, kirchenartigen Gemäuer. Kamera schwenkt nach unten: Der Sack ist ein primitiver Heißluftballon. Vier Männer scheinen ihn gerade flugfertig zu machen. Als Halterung benutzen sie eine Mistgabel. Auf einmal Geschrei – eine wütende Meute kommt von ferne angerannt, vor ihr flieht ein weiter zerlumpter Mann, der ein vielschnüriges Bündel auf dem Rücken trägt. “Yefim?”. Yefim läuft vorbei. Die Kamera bleibt auf dem Fluß ruhen. Cut: Yefim in einem Boot, das Bündel vor ihm. Er rudert schnell. Noch immer das Geschrei der Menge. Die vier arbeiten jetzt ganz schnell, dass Feuer unter dem Ballon raucht und lodert. Yefim kommt mit seinem Bündel bei ihnen an: “Beeilt euch! Bring ihn hoch!”. An der Tür des weißen Hauses hält er an (Musikakzent), geht hinein legt sein Bündel ab: “Herr, mach dass es gut geht”. Hinaus zum Ballon (Eine Kameraeinstellung seit Yefim ankam) noch immer arbeiten die Männer hektisch. Cut: Zu einem Fenster – zwischen den Reisleinen des Ballons sieht man die wütende Menge in Booten ankommen. Sie landen – rennen zu den Baloon-Leuten und beginnen sie zu vermöbeln. Oben am Turmfenster hängt sich Yesim an die Ballonseile – “Ich bin da! Schneid mich los!”. ENDE

WERTUNG: + +
Große Kameraarbeit und ein Setting, dass man überhaupt nicht einschätzen kann. Was haben die Leute gegen die Ballonfahrer? Geht es hier um eine Flucht? Oder um den Gegensatz Forscher/Entdecker vs. Spießer/Tumbe Meute? Schade, dass so viel Zeit durch Titel draufging, wirklich ein interessanter, sehr eigenständiger Anfang.

Ein Film von 1966
Gitarrenmusik. Unscharf: Ein Mann mit schwarzem Cowboyhut, der sich schnell von der Kamera entfernt. Er trägt einen Sattel auf dem Rücken. Sobald er den scharfen Bereich des Bildes erreicht hat setzen Gesangsstimmen ein. Die Musik wird popiger. Der Mann entfernt sich weiter, an einer Schnur hinter ihm… Cut: Seine Füße (Armestiefel und Hose) im Dreck. Darüber Titel in Rot. Unter dem Main-Titel siehen wir, was er an der Schnur hinterherzieht: Einen Sarg. Wir sehen ihn weiter von hinten, auf seinem beschwerlichen Weg durch eine Matschlandschaft (Selbst das Bild ist hier schmutzig, griselig und grau). Am Ende des Songs zoomt die Kamera auf zu einer prächtigen Eröffnungstotale von – noch mehr Matsch. Wind. Überblendung: Eine weitere Düne, ganz unten am Bild, darüber sehr viel Himmel. Der Sargmann kommt – sehr weit weg – auf die Düne. Eine kleine, verlorene Figur, mitten im Blau. Doch mit einem weiteren Musikakzent zoomt die Kamera näher zu ihm, bis das Bild ganz ihm und seinem Sarg gehört. Schaut er uns an? Nein – sein Blick geht zu einer Hängebrücke, wo gerade vier Männer eine Frau entlangschleifen und sie an die Balken fesseln: Dunkeläutige Typen mit Sombreros und Patronengurten. Einer lacht fies: “Weisst du, wass wir mit unseren Hunden machen?”, sagt er zu ihr. “Wenn die nicht gehorchen wollen, dann bekommen die was mit der Peitsche! So wie du jetzt! Du wirst nie mehr versuchen zu fliehen!” Er zerreist ihr Kleid, beginnt ihren nackten Rücken auszupeitschen, während sie in Jesus-Pose über der Brücke hängt. Der Mann mit dem Sarg auf dem anderen Hügel schaut noch immer. Mehr Gepeitsche. Die bösen grinsen und lachen dazu. Die Frau jammert. Sargmann guckt weiter. Mehr Peitschen. Mehr Jammern. PENG! Alle vier Schurken (!) fallen gleichzeitig tod um. Kamera schwenkt und zoomt zu einem anderen Hügel: Dort stehen fünf Männer mit Cowboyhüten und roten Schals, die rauchend Colts und Gewehre in der Hand. Langsam nähern sie sich der Brücke. Die Frau atmet noch immer heftig. ENDE.

WERTUNG: + +
Nun, wers gern subtil hat, der sollte nicht im italienischen Western suchen, schon gar nicht in diesem. Alles ist hier überdeutlich (und überdehnt) – aber: so entstehen auch starke Bilder, die trotz ihrer Klischeehaftigkeit hängen bleiben. Allein der Mann mit dem Sattel und dem Sarg reichte ja aus, um zahllose Forsetzungen zu spawnen. Auch das Gezoome (sonst oft nervig) ist hier sehr effektvoll eingesetzt.

Ein Film von 1966
Totale eines leeren Westerstädtchens. Gitarrenmusik. Ein Reiter kommt hereingeritten (sentimentaler Gesang setzt ein). Ein zweiter Reiter hinterher – er feuert auf den ersten, der absrpingt und mit einem Hechtsprung in Deckung rollt. Unterwegs friert er ein – die Titel erscheinen über dem Bild des ‘fliegenden’ Mannes. Zack! Weiter gehts: Er rollt zu Ende. Der Verfolger schiesst noch immer. Beide Männer sind jetzt am Boden, schiessen aufeinander (während der Gesang sich in immer sentimentalere Höhen schraubt und das Bild griselt und fitzelt). Der Verfolger (oder wars der andere?) hechtet über ein Geländer, wieder friert das Bild in der Bewegung ein. Mehr Titel. Peng! Weiter geht die Schiesserei (haben viel Muni die Jungs). Sie klettern jetzt über Dächer und Balkone, zurück auf die Straße, weiter Geballer. Wieder Standbild über Bewegung. Wieder laufen und schiessen doch dann: AAH! Der erste ist getroffen. Standbild. Letzte Titel. Schuss. Er fällt. Der Verfolger kommt lachend auf ihn zu, feuert in den Sand neben ihm. Der erste liegt am Boden, lebend aber ausgeliefert. Da: PENG! Ein dritter Schütze knallt dem zweiten die Pistole aus der Hand. Wir sehen ihn von hinten: Braune Jacke, brauner Hut. Jetzt von vorne. Bart. Blaue Weste. Er geht mit gezogener Waffe auf den Gewinner zu, der die Hand am (leeren) Holster hat. “Steh auf!”, sagt er zum am Boden liegenden. “Das kannst du nicht machen!”, beschwert sich der andere. “Ich muss ihn umlegen – ich werde dafür bezahlt”. Kannste knicken, meint der Neue und öffnet seine braune Jacke: Ein Sheriffstern. “Hier in White Rock bestimme ich, wer umgelegt wird.”. Der Kopfgeldjäger ärgert sich, mault etwas, geht dann aber weg. (Die Musik sagt aber: Obacht! Das ist noch nicht vorbei), während der Sheriff zum Gejagten geht, ihm ein Tuch hinwirft und ihm aufhilt. (Musik wird fröhlich). Lachende Menschen kommen aus den Häusern. Eine Kutsche reitet fröhlich herein…ENDE

WERTUNG -
Naja. Die italienische Methode gleich voll einzusteigen kennen wir inzwischen. Aber hier ist sie nicht besonders effektiv. Da wir beim Anfangskampf noch nicht wissen, wer da warum kämpft, zieht er recht wirr und emotionslos an uns vorbei – eher eine Stuntshow, als ein spannender Fight. Die Stopps mit den Titeln sind am Anfang lustig, ziehen sich dann aber und die Auflösung durch den Sheriff ist mir zu einfach. Nee. Nicht überzeugt.

Ein Film von 1966
(Mann dieser Film hat ein unauffälliges Cover! Ich hätte ihn fast nicht gefunden, obwohl er genau da stand, wo ich ihn gesucht habe. Aber das gehört nicht hierher, oder?)

Die Universal-Welt über glitzernder Musik. Der Vorspann wird gesprochen. Wir sehen dazu schnelle Zooms auf Antennen. Bunt eingefärbt. Nach dem Namen des Regisseurs: Treibende Geigen – Schnitt auf ein rotes Auto. Feuerwehrleute rutschen davor eine Stange herab. Sie besetzen den Wagen, der glänzend und eckig ist, wie ein neues Spielzeug. Eine Tür öffnet sich. Der Wagen fährt aus einem roten Haus mit einer großen Nummer und einem Salamander über der Tür. Ebenfalls rot. Auf dem Briefkasten und auf einem Baustellenhütchen sind blaue Blinklichter. Schnell fährt das Spielzeugauto irgendwohin… Cut: Ein Mann mit Rollkragenpulli an einem Tisch. Kaffe und Zigaretten. Schale mit Äpfeln. Er beisst in einen, als das Telefon schellt. Eine Frauenstimme am anderen Ende: “Verschwinde! Schnell!” “Was?” (Jump Cuts näher zu seinem Gesicht!) Jetzt ganz nah. “Hallo?” Die Leitung ist tod. Eine Sirene nähert sich. Der Mann wird jetzt schneller, greift seine Jacke, eilt zur Tür. SWUSHPAN – er rennt aus seinem Hochhausklotz in einen Park. Sirene kommt immer näher. Es ist das Feuerwehrauto, dass nun vor dem Hochhaus hält. Sechs Feuerwehrmänner, in schwarz, mit braunen Helmen, eilen im Gleichschritt auf das Haus zu. Einer, der älteste, bleibt im Auto zurück und sieht ihnen kritisch nach. Auf seiner Uniform wieder der Salamander und die Zahl. Die Feuerwehrmänner kommen in der Wohnung des geflüchteten an, beginnen sie zu durchsuchen. Sie finden die noch qualmende Zigarette im Aschenbecher. Während seine Kollegen Schubladen und Betten durchwühlen, fällt der Blick des einen auf die Lampe über dem Tisch. Er schaltet sie ein: In der Keramikfassung wird ein dunkler Schatten sichtbar (drohende Geigenmusik!). Stumme Geste zu seinen Leuten: Einer steigt zur Lampe empor und holt das versteckte heraus: Ein Paperback von “Don Quixote”. Er wirft es achtlos auf den Tisch unter die Apfelschale aus der gerade ein anderer einen Apfel nimmt reinbeisst bis er him von einem dritten aus der Hand geschlagen wird und zur Tür rollt. Wütend spuckt der zweite die Apfelreste aus. Seine Kollegen nehmen derweil den Fernseher und den Herd auseinander. Hinter der Mattscheibe des Fernsehers: Bücher. Stapelweise. Auch in der Heizung: Bücher. Im Tischschub: Bücher. Sie kommen alle in einen weißen Sack, den die Feuerwehrleute dabei haben. Vor dem Haus errichten zwei Feuerwehrleute einen Rost. Der Sack ist nun voll. Achtlos werfen ihn die Männer vom Balkon. Unten zerplatzt er, die Bücher verteilen sich überall auf dem Beton. Die Feuerwehrleute werfen sie auf den Grillrost…ENDE

WERTUNG: + +
Wieder mal ein Anfang, der in vielem nur Sinn macht wenn man weis wie es weitergeht. Doch selbst wenn man nicht sagen kann, warum die Titel hier gesprochen werden, haben die Zooms auf die Antennen etwas hypnotisches. Überzeugend ist die Musik und die nervöse Stimmung, etwas kindlich selbergemacht wirkt dagegen das Design des Autos und der Feuerwehrstation.

Ein Film von 1966
Fox-Logo. Wildes Windrauschen. Eine Einblendung bedankt sich bei Ärzten. Aufblende: Der ‘Wind’ ist ein Jumbo Jet, dessen Landung wir verfolgen (Die Kamera fliegt anscheinend in einem zweiten Flugzeug nebenher) Quietschend landet es auf einer Rollbahn, daneben Dunkelheit und die Lichter einer Großstadt. Schnitt: Ein Soldat und ein alter Mann mit Hut, Krawatte und Trechncoat (Spion?) beoabachten das Flugzueg. Als es quietschend zum stehend kommt gibt der Spion dem Soldaten einen Wink, der gibt ihn weiter – und drei Pritschenlaster voller Soldaten rollen heran, dann zwei Motorräder, drei schwarze Limousinen, nochmal zwei Motorräder. Die Soldaten umzingeln das Flugzeug, eine TWA, mit Gewehren in der Hand, wenden sich aber nach aussen zum ankommenden Konvoi. Der ‘Spion’ kommt aus einer der Limousinen. Inzwischen ist auch die Gangway da. Ein Mann mit Anzug und Seitenscheitel kommt heraus und wird von einem hohen Militär mit Salut begrüßt. Mit ernstem Blick schaut er runter zum Spion. Dann erst lässt er mit einem Nicken einen alten Mann mit Schnauzbart vorbei, der unsicher an ihm vorbeiwackelt. Der Spion grüßt den Alten mit Handschlag und will ihm in die wartende, schwarze Limousine helfen. Doch der Alte überlegt es sich anders! Er dreht sich um und eilt zum Scheiteltyp auf dem Gangway zurück: Stumm drückt er ihm dankend die Hand. (Das einzige Geräusch ist weiterhin massives Dröhnen von Flugzeugmotoren). Jetzt steigt er mit dem Spion in den Wagen, der sofort abfährt. Der Scheitelmann blickt der Kolonee noch kurz nach, verlässt dann die Gangway.
Eine belebte Straße: Mit Sirenen jagt der Konvoi entlang.
Eine stille Straße: Der Konvoi kommt. Oben an einer Hausfassade ein Licht. Was ist das? Alles ist sehr dunkel. Plötzlich ein Auto im Weg des Konvois. Eine zweite Limousine rast in die Seite des Autos mit dem Alten – schleudert ihn mit dem Kopf gegen die Tür. Krachen. Scheppern. Explosion. Feuer in der Dunkelheit. Der Wagen brennt (Bild wird unscharf). Der Spion und ein anderer Trechcoatling haken den tattrigen alten unter und holen ihn aus seinem Auto in eine der anderen Limousinen. Schüsse! Sie ducken sich auf dem Rücksitz. Viele Spione mit Trechncoat schiessen mit Pistolen und MGs.
Cut: Der alte im Bett vor weiß. Elektronische Soundeffekte. Jump Cuts zu seinem Gesicht (neue Mode!) zu seiner Stirn. Darauf erscheint der Main-Title, gleich dreimal wie mit einer Schreibmaschine getippt. (Inklusive des Tiptip-katsching-Geräusches) Eine große Maschine fährt um den Alten herum. Jemand stoppt eine Uhr. Grünes Symbol einer Uhr. Mehr seltsame Maschinen. Röntgenbilder Ein Krankenhaus? Darüber mehr Titel, schreibmaschinenstyle. Keine Musik. nur Geräusche und elektronisches Piepen. Ein Counter läuft nach oben. Männer vor den Röntgenbildern. Nocheinmal jumpcutten wir unter Elektrosounds auf die Stirn des Alten. Inzwischen hat er Elektroden angeklebt, eine Pulswelle läuft durch das Bild. Eine Art Seismograph zeichnet wohl seine Gehirnströme auf. Herzklopfen. Zum dritten mal der piepende-jump-cut-blick auf den kopf des alten. Diesmal auf sein Auge. Ein Arzt leuchtet hinein. Mehr Maschinen. Mehr Wellen. Mehr Elektro-Sounds – der Herzryhtmus wird zum Beat. Mehr Schreibmaschinen-Titel. Nochmal auf das Auge des Alten (diesmal nur 2 Cuts). Eine Maschine mit vielen Glasbechern. ENDE

WERTUNG: + +
Ned schlecht, Herr Specht! ‘Französische’ Elemente plus die schiere Finanzkraft der Traumfabrik? Einerseits bietet dieser Anfang vollen Hollywood-Bombast mit Flugzeugen, Autos, Soldaten, Explosionen – andererseits wirkt er total roh, fast dokumentarisch (in der ersten Hälfte) in der zweiten dann sehr abgespaced, experimentell.
(plötzlicher Einstieg, jump cut, schwenks = sichtbare kamera) Das Gefühl etwas ganz frisches zu sehen liegt vor allem am ausgefeilten Sound-Design und am Fehlen jeglicher konventioneller Musik. Kein Zweifel: Hollywood ist aufgewacht!

Ein Film von 1966
Ein rotes Stück Stoff. Darauf eine verwaschene Zeichnung: Reiter? Darüber Titel und sanfte Flötenmusik. Die Reiter beginnen zu reiten. Eine Frau singt. Mehr Bilder auf Stoff: Gesichter in Gelb und Rot. Dann blaues Wasser. Darin die Gestalt eines Mannes mit gezogener Pistole. Wieder die Stoffreiter. Wieder Bilder von Leuten. Verschiedene Farben. Weiter Titel. Sängerin schwelgt jetzt in Nostalghie. Geigen geigen. Als der Vorspann beim Main Title ankommt fängt sie an zu schreien. Mehr Cowboybilder mit flirrenden Farbfiltern. Aufblende zur Totalen eines bewaldeten Berghanges. Drei Männer mit Cowboyhüten keuchen mühsahm hinauf. Sie sind zerlumpt und dreckig, der eine hat die rechte Hand verbunden. Er stoppt die anderen! Oben am Hügel flackert ein Lagerfeuer. Daneben ein Typ: “Bist du Gulik?” fragt der Mann mit der verbundenen Hand den, der dort sitzt und von dem wir nur den Rücken sehen und die Pfeife, die er raucht. “Ich habe euch schon erwartet”, antwortet er. Die drei scheinen sich zu freuen: “300 Meilen sind wir geritten. Die Pferde sind uns eingegangen, die Munition ist zu Ende – aber DAS haben wir gerettet” Sie deuten auf einen prall gefüllten Rucksack. “Corbett ist hinter uns her gewesen!”, sagt der jüngste der Drei. “Ach, mach dir nicht in die Hosen”, antwortet der mit der verbundenen Hand – während die Kamera langsam schwenkt. “Corbett sucht uns in einer ganz anderen Gegend.” Während er das sagt kommt ein Körper ins Bild, der leblos von einem Ast baumelt. Die drei sehen ihn nicht, da er hinter ihnen hängt. Aber der Mann mit der Pfeife will mal nicht so sein: “Wenn ihr wissen wollt wie sicher ihr hier seit – dann künnt ihr Gulik fragen”, grinst er und deutet auf den Toten. Die drei sehen ihn und begreifen: “Corbett! Er war nicht hinter, sondern vor uns – das ist Jonathan Corbett!” Corbett grinst, wirft seine Pfeife weg und steht auf. “Eine einzige Kugel würde genügen”, siniert der mittlere der drei, die keine Munition mehr haben. Corbett zieht seinen Colt, langsam, dann stellt er drei Patronen auf dem Baumstamm vor sich auf – für jeden eine. Die drei überlegen. Dann macht der jüngste drei Schritte nach vorn, greift nach einer Patrone, lädt seinen Colt….ENDE

WERTUNG: +
Wieder mal ein netter, typischer Italowestern-Anfang mit Schmettersong und psychedelischem Vorspann. Nicht der schmackigste bisher, aber die folgende Szene mit den Patronen ist schon sehr stark – werden sie alle schiessen? Oder sich einfach verhaften lassen?

Ein Film von 1966
Logo “SF”. Unheimlich quietschende Musik. Aus dem Schwarz schält sich ein kleines, weißes Quadrat. Es wird heller. Das Quadrat gehört zu irgendeiner Maschine. Davor ein anderes Stück Metall, welches…Das Quietschen wird ohrenbetäubend…Alles explodiert in einem Funken Licht. Rattern eines Projektors. Ein Filmstreifen. Weiß, Weiß, Weiß. START. 11 Z. 10. Z. 9. 8. 7. 6. Ein eregierter Penis. 4 Ein Projektor. Ein Tatoo? Oder ein verzogenes Zeichentrick-Frame. Weiter nervige Quietschmusik. Zoom in das Licht des Projektors. Der Filmstreifen: Ein Zeichentrick mit lustiger Musik. Auf dem Kopf. Bleibt stehen. Läuft weiter. Der Zeichentrickfilm zeigt eine Frau im Bach die sich wäscht, oder sich immer wieder an den Busen fasst. Der Projektor. Die Filmrolle. Zwei Hände die miteinander spielen. Weiß. Dann in der rechten unteren Ecke ein Filmbild, stummfilm-like mit lustigen Sound-FX: Ein Mann mit weißen Nachthemd wird von einer Skelettgestalt aus einer Kiste erschreckt. Er rennt zum Tisch. Dort steht ein Vampir. Er rennt ins Bett und versteckt sich. Stummfilm weg. Wieder alles weiß. Eine große Spinne. Gruselige Geigenmusik. Weiß. Ein Lamm, das gewürget wart. Blut des Lamms. Das Auge des Tiers. Innereien. Weiß. Trompeten schwellen an. Ein Nagel wird durch eine Hand gejagt. Die Schläge des Hammers. Stein oder Holz. In der Ferne Glocken. Überblendung zur Totalen eines Winterwaldes. Ein diagonaler Zaun mit Eisenspitzen vor einem Gebäude mit kirchenartigen Fenstern. Ein Schneehaufen vor dem Zaun. Extremes Closeup eines geschlossenen Mundes im Profil. Bartstoppeln. Der Kopf einer alten Frau. Liegend auf Weiß. Klirrgeräusche. Ein junge. Liegend unter weißem Tuch. Zur Gänze. Im Profil. Eine herunterhängende Hand. Die alte Frau, die Hände auf der Brust. Wassertropfen. Der Kopf des Stoppelbärtigen Mannes. Geräusch einer sich schließenden Tür. Verschränkte Hände. Füße. Klingeln. Kopf der Frau. Verkehrtrum. CUT: Das gleiche jetzt Augen auf. Wieder der Junge. Er dreht den Kopf zur Kamera. Tropfen und Klingeln geht weiter. Er dreht sich weg und zieht die Decke über den Kopf. Er ist sehr dünn. Er dreht sich wieder um, sucht eine Postition auf dem unbequem und hart wirkenden Tisch/Bett. Näher zu ihm. Hässliche Pickel. Hässlicher Scheitel. Dicke Lippen. Er setzt eine Brille auf. Nimmt ein Buch “Vartins Hjalte”. Er schlägt es auf. Das Wasser tropft noch immer. Unheimliche Geigen. Der Junge sieht auf. Nach rechts, nach links, dann gradewegs in die Kamera. Er streicht mit der Hand über das Objektiv. Schnitt zu einer Sicht über seiner Schulter. Er hat die Hand an der Nase einer riesigen, unscharfen Projektion eines Frauengesichtes. Während er es abtastet wird es noch unschärfer, verschwindet fast, kommt dann zurück, wird schärfer als zuvor…ENDE

WERTUNG: /
Hm. Also dieser Anfang scheint bei mir total stimmungsabhängig zu sein. Das erste mal als ich ihn sah fand ich ihn unglaublich, radikal, inspirierend. Jetzt, beim Mitschreiben fand ich ihn scheußlich (die Musik ist scheußlich, die Blut-Bilder sind scheußlich, der Junge ist scheußlich). Beides stimmt.
Der Film dazu ist übrigens unglaublich, radikal, inspirierend, scheußlich – und sexy.

Ein Film von 1966
Der MGM-Löwe. Weiße Leinwand. In roten Flecken erscheinen Rotoscope-Reiter. (Deja vu!) . Dann ein schwarzer Reiter auf Rot. PENG! Er wird zerschossen. Musik mit Pfeifen. Ein Pinsel malt die (nun wieder weiße) Leinwand an: Gesicht des Hauptdarstellers. PENG: Sein Name wird darübergeschossen. Andere Gesichter, mehr Schüsse. Keine Namen. Ein Bild von Soldaten. Mehr Gesichter. Der Rotoscope Reiter. Eine Kanone zerfetzt ihn in den MAIN TITLE. Drei mal. Nun wieder Titel über Standbildern mit psychedelischen Farbeffekten. Die übliche Steigerung der Musik, mit Schüssen, Gesang und Trompeten. Die Bilder werden schneller, die Farbexplosionen auch. Am Ende wird noch mal der Roto-Reiter von der dicken Kanone zerschossen. Wieder mal braucht es drei Schüsse, bis der Name des Regisseurs auf der Leinwand steht. Ein vierter zerfetzt auch ihn. Schwarz. Stille. Wind. Aufblende zur grandiosen Eröffnungstotale einer Westernlandschaft. Das Gesicht eines stoppeligen Cowboys schiebt sich davor, so nah, dass es fast die ganze Leinwand ausfüllt. Er schaut…zu Totale einer leeren Farm. Ein Hund durchquert das Bild. Wieder CloseUp des Cowboys. Er zwinkert. Wieder die Totale der Farm. Nun kommen zwei Reiter heran. Ihre Gesichter im Closeup. Die Totale der Farm aus ihrer Sicht, darin entfernt der erste Reiter. Noch mal die Closeups ihrer Gesichter. Noch mal die Totale. Der erste Reiter steigt ab. Totale: Die beiden anderen Reiter steigen ab, binden ihre Pferde fest. Totale: Auf der anderen Seite des Hofes bindet der erste Reiter sein Pferd an. Die drei nähern sich duellmäßig. Totale aus der Sicht des einen. Die hand am Colt. Sie gehen aufeinander zu. Viel starren in Closeups. Totale des Hofes. ENDE

WERTUNG: -
Ach herrjeh, waren diese Italo-Anfänge nicht vor kurzem noch total frisch und anders? Jetzt haben sie es schon geschafft, ihre eigene Konvention zu entwickeln. Song mit Schusseffekten, Titel mit psychedelischen Farben. Auch das (beginnende) Duell überzeugt mich nicht – da man die Personen noch nicht kennt – und sie auch nicht sympathisch wirken, weiß man nicht, zu wem man helfen soll. So geht all das Gestarre buchstäblich ins Leere.

Ein Film von 1967
Ein schwarzer Doktorhut wird auf einen Tisch gelegt: “Es ist sehr schmerzlich für mich, dass ich meinen Kurs in Geschichte unterbrechen muss”, sagt der Mann dazu. Während er sich weiter entschuldigt fährt die Kamera zurück: Wir sind in einem altmodischen Schulzimmer, wohlfrisierte Schüler hören dem Lehrer zu, der nun durch die Klasse geht: “Man kann sich mit allem abfinden oder man kann dagegen ankämpfen. So kann jeder Mensch sich aussuchen, welche Rolle er spielen will, in der Geschichte.” Er erzählt vom unglückseeligen Krieg zwischen den Nord und den Südstaaten und von kommenden Wahlen. Schließlich beendet er die Stunde, die Schüler verlassen den Raum und ein alter Mann (Der Direktor) und eine Frau kommen herein um den “Lieben Fletcher” zu verabschieden. Wir hören er fährt nach Texas, weil das Klima dort gut für seine kranke Lunge ist. Doch erst hält ihm der Direktor eine Moralpredigt, über Erfolg den man wollen muss: “Sie haben immer alles erduldet, anstatt sich zu wehren!” Der Direktor geht. Fletcher bleibt mit der Frau – Elizabeth – allein. Schwer atmend sagen sei einander auf wiedersehen. Sie wendet sich ab und geht. Er bleibt allein im leeren Raum. Leise Musik setzt ein. Wir zoomen aus einer Karte von Texas heraus auf die vereinigten Staaten. Fletcher steht vor der Karte. Langsam geht er zum Fenster, blickt sinierend sein Spiegelbild in der roten Glasscheibe an. Die Kamera zoomt darauf. Es wird zum Bild einer Sonne. Dann eine Kutsche. Dreifach. In psychedelischen Farben. Darüber Titel. Die üblichen Rotoscope-Pferde. Diesmal aber ruhiger. Träumerische Orgelmusik. Ausser der Kutsche immer wieder die Augen zweier Männer gegenübergestellt, voneinander wegsehend…ENDE

WERTUNG: /
Die Idee abrupt und ganz ohne Action in die Geschichte einzusteigen find ich ganz gut, auch wenn die erste Szene dann etwas arg moralinschwanger und wortlastig ist. Trotzdem werden an sich ganz interessante Dinge verhandelt und vermutlich die Basis für den Charakter gelegt. Dass danach wieder der übliche Rotoscop/psychedelischfarben Vorspann kommt: Von mir aus. Aber langsam könnten sie das wieder aufhören.

Einer noch heute. Mal schauen ob DER auch eine schlechte Wertung kassiert:

Ein Film von 1968
Schräge Orchestertöne. Eine Ouvertüre auf Schwarz. Flächige Sounds. Schwellen an. Verebben wieder. Irgendwie gruselig. Stille. Der MGM-Löwe – als abstrakte Zeichnung, gelb auf blau. Ein tiefes Brummen. Schwarz. Fanfaren. Aus dem Dunkel schälen sich drei Himmelskörper: Vorne der Mond, dahinter geht die Erde auf, dahinter geht die Sonne auf. Wir bewegen uns langsam auf die Erde zu, der Mond verschwindet. Titel: Nur Produzent und Filmtitel, zu schmetternden Akkorden. Fade to black. Stille. Vogelzwitschern. Aufblende zur großartigen Eröffnungstotale einer orangfarbenen Wüstenlandschaft. Grillen zirpen. Einblendung: “Die Morgendämmerung der Menschheit”. Impressionen einer weiten Landschaft im Sonnenaufgang mit malerischen Wolken. ENDE.

WERTUNG: + + +
Sehr stimmungsvoller Beginn. Die erste Musik schafft Spannung, ist mehr Geräusch denn Thema, die zweite dafür sehr dramatisch. Der plötzliche Blick ins Weltall ist genauso unerwartet, neu und großartig wie die folgende Ankündigung, dass nun nicht weniger als der “Dawn of Man” zu sehen sein wird. Der Anfang der Menschheit. Nicht Amerika. Nicht Paris. Nicht hier und jetzt. Nicht im Mittelalter.
Sondern in der Unendlichkeit – und darüber hinaus.

Ein Film von 1968
Die Totale einer stark befahrenen Straße in einer Stadt. Vorne ein Park. Beschwingte Chanson-Musik. Titel. Die Kamera schwenkt. Der “Park” ist nur ein Vorgarten für ein Haus auf dem “Musée de Cinema” steht. Die Türen sind ge- und verschlossen, mit einer schweren Eisenkette. Im Fenster ein unlesbares Schild (weil auf französisch und die Titel drüber). Ein Cut (der wohl unsichtbar sein soll, war wohl nix) und die Kamera zoomt wieder zurück auf die Treppe (da hätte man den Film auch ohne Cut rückwärts laufen lassen können) Schnitt zum Eifelturm. Ein Schwenk über die Dächer von Paris. Alldiweil chansoniert der Chansonier weiter. Die Kamera senkt sich wieder zur Straße. Zoomt auf ein vergittertes Fenster. Innen eine Menge Männer – anscheinend Gefangene, denn vor der vergitterten Tür steht eine Wache mit Stahlhelm und Gewehr. Schwenk über die Sträflinge zu einem der ein Buch liest: “Le Lys dans la Valée” von Balzac. Jump cut auf das Gesicht des Lesers, er wird herausgeholt. Die Wachen reden französisch übers Pissen. Der Leser wird nach oben gebracht, zu einer Art Klassenzimmer, wo weitere Soldaten gerade eine Lektion über Minen und wie man sie mit dem Bajonett aufspürt. Der Lehrer (mit Hitler-Scheitel) gibt sich chauvinistisch jovial: “Minen sind wie Mädchen – nicht hart draufhauen! Erst mal rumgehen!” Alle lachen dreckig. Er gibt einem Schüler die Mine und kommt heraus. Nun ist der ‘Leser’ in seinem Büro: Er hat einen Antrag gestellt, nach den 3 Pflichtjahren aus der Armee entlassen zu werden. Dem Lehrer gefällt das: “Es gibt Typen, mit denen sich das Militär nicht gern befasst.” Doch er will noch einiges wissen: Warum der Leser überhaupt zum Bund gegangen ist? Der Leser murmelt was von ‘persönlichen Gründen’ und wird wieder angebellt: “Wegen Mädchen, was? Jämmerlich! Sind sie Kommunist?”…eine längere Schimpfrede. Draussen tröten Trompeten. Jetzt liest der Lehrer ihm seine Akte vor. Schimpft weiter und weiter und…

WERTUNG: – - -
…endlich sind die 5 Minuten um. Sowas stinklangweiliges und gleichzeitig großkotziges. Was soll diese Angeberei mit dem Filmmuseum und dem Balzac? Was soll schon wieder der blöde Eifelturm? Warum spielen überhaupt alle französischen Filme in Paris? Haben die keine anderen Städte? Und dann dieses minutenlange Gemaule und das grob ordinäre Geplappere. Kann ja sein, dass es beim Militär so zugeht. Interessant ist das jedenfalls nicht.

Ein Film von 1968
Die Titelseite einer Zeitung: “Libertad! Diario de Mexico” – mit blutigen Abdrücken. Zwischen den Zeilen (im wahrsten Sinne) – ein Titel. Gitarrenmusik. Dann Zeichnungen von vielen nackten und toten Menschen. Schwarz auf weiß. Mit roten und grünen Akzenten. Frauen singen. Die Menschen hängen teils mit den Händen aufgehängt an Holzgerüsten. Eine Stimme rezitiert etwas auf Spanisch, das mit “La Guerra” zu tun hat. In der Zeichnung liegt auch wieder die Zeitung. Neben dem Arm eines Toten. Nix Libertad. Die spanische Stimme scheint um Fassung zu ringen. Keine Titel in dieser Sequenz, nur die Zeichnung in immer neuen Ausschnitten. Schließlich: Blamm! Gitarrenakzent: Rotoscope-Reiter (…) Darüber Titel in psychedelischen Farben. Die Stimme singt jetzt von Revoluzzion. Der Chor schwelgt. Immer wieder huschen monochrom eingefärbte Ausschnitte der Anfangszeichnung durchs Bild. Am Schluss wieder eine ganze Zeichnung. Sie färbt sich blutrot. Name des Regisseurs. Abblende. Aufblende zur … großartigen Totale einer Westernlandschaft (gähn). Ein langer Zoom auf einen einzelnen Reiter der schnell auf einem weißen Pferd durch die Landschaft galoppiert. Er passiert ein Kaktusfeld und hält – bei einem Mann. Der hängt tod an einem Pfahl. Ein spanisches Schild um den Hals. Irgendwas mit “Asesinaron”. Seien linke ist in einer Mistgabel einegeklemmt, so dass der Zeigefinger in die Richtung zeigt, in die der Reiter ritt: Auf ein Dorf, in dem noch mehr gehängte hängen. Der Reiter, ein schwarzhaariger Zottel, schaut sie kurz an, galoppiert dann weiter. (sauschlechter Hufsound, klingt wie mit dem Mund gemacht). Er reitet in ein anderes Dorf. Alles ist weiß, sogar der Hund, der als einziger hier ist. Er steigt ab (seine Füße machen den gleichen ‘Glug’-Sound wie die Pferdehufe.) Er fasst den Sattel an (wieder der Glug-Sound). Mit einem Grashalm wedelnd geht er an einer offenen Haustür vorbei. Drinnen ein gedeckter Tisch. Er pfeift. Zoom auf die Pfannkuchen. Er glugt hinein und belegt sich einen dick und nimmt ihn mit raus…ENDE.

WERTUNG: -
Schade. Den Anfang mit den unheimlich ausdrucksstarken und bedrückenden Kriegsopfer-Zeichnungen fand ich sehr gut. Umso schlimmer, dass dann wieder nur der 08/15-Italowesternvorspann von der Stange folgt. Und die erste Szene ist (bis auf die gruseligen erhängten) ziemlich lahm, der Held – wenns denn der Held ist – reichlich unsympathisch. Ausserdem nervt mich das exzessive Gezoome (ich dachte das kommt erst in den 70ern in Mode, ist aber seit kurzem schon überall drinn) – und natürlich der schlechte Sound. GLUG.

Ein Film von 1968
Der Paramount-Berg. Eine gakelige Holztür (von innen gesehen) öffnet sich quietschend. Ein alter Mann mit Stationsvorstehermütze schreibt gerade Verspätungszeiten eines Zuges (4 Stunden) mit quietschender Kreide auf eine Tafel. Er blickt auf die Gestalt, die durch die Tür kam: Langer schwarzer Mantel, Gewehr, Patronengurt – ein riesig wirkender Schwarzer, der ihn ruhig anblickt. Zwei weitere Gestalten mit langen Mänteln betreten die heruntergekommene Station. Eine Squaw drückt sich in der Mitte des Raumes möglichst unauffällig an die Wand. Irgendetwas quietscht draussen: Gugu-Gugu. Die fremden kommen näher – die Squaw will fliehen, doch der Schwarze hält sie auf. Der zahnlose Alte versucht den dreien zu erklären, dass sie Fahrkarten nur draussen kaufen können, doch ein Blick des stoppelbärtigen Anführers stoppt ihn. Der schwarze nimmt seinen Hut ab und wischt sich über die Stirn. Der dritte – ein Zottel mit schlechten Zähnen – ärgert derweil den Vogel des Stationsvorstehers: “Tätättitität”. Draussen immer noch: Gugu-Gugu. Schließlich reckt der Alte dem Anführer drei Tickets hin: “Seven Dollars!” – doch der öffnet einfach seine Finger und lässt den Wind die Billets wegwehen: Die drei sind nicht da um mit dem Zug zu fahren! Langsam packt der Chef den Alten am Genick und drängt ihn in eine Seitenkammer. Draussen kräht ein Hahn. “Psst!” macht der Chef zum Alten und haut die Tür zu. BLAM! Riegel vor! KLACK KLICK! Schwarz! Name des Regisseurs. Aufblende: Der Schwarze setzt seinen Hut wieder auf und folgt der davonrennenden Sqaw nach draussen. (Nun saussen Titel ins Bild, dezent, während die Handlung weitergeht). Die drei verlassen das Stationshaus und gehen auf den Bahnsteig – der aus groben Holzbohlen gezimmert ist. Der Chef setzt sich knarrzend in einen Schaukelstuhl (noch immer ist die Kamera innen – wir sehen durch die Fenster und Türen hinaus – dann Wechsel nach aussen:) Der Schwarze hängt seinen Mantel über sein Pferd und geht zum Wassertank, dessen ungeöltes Windrad noch immer das: GUGU-Geräusch macht. Quasi aus dessen Blickwinkel sehen wir nun von oben unsere “Eröffnungstotale”: Eine weite Westernlandschaft mit einer Eisenbahnschine, die sich schnurgerade vom Bahnsteig zu den Bergen am Horizont zieht. Gugu. Gugu. Der schwarze postiert sich am Wasserturm. Der verlotterte planscht in einem Trog: Flap. Kein Zug. Gugu. Flap. Gugu. Der Chef im Schaukelstuhl: Knarr. Gugu. Aus einer Spalte lugt der Alte hervor. Der Telegraf empfängt eine Nachricht: Kkkkkkllllkkllggrrr. Das Geräusch stört den Chef im Schaukelstuhl- er greift zum Telegrafen und…ENDE

WERTUNG: + + +
Yes! Endlich ein Italo-Western-Anfang ohne psychedelische Farben, schmetternde Chöre und Rotoscope-Reiter! Dafür ein unglaublich präzise choreografierter Sound – und eine fast wortlose, bedrohliche Stimmung. Ich glaub es war Schorschi Seeßlen, der König der deutschen Filmkritik, der dazu sagte: “Manierismus ist der Realismus des Details”. Ich sage: Verdammt gut gebrüllt Löwe. Dies ist und bleibt einer der geilsten Anfänge aller Zeiten – und er geht ja noch eine geraume Zeit so weiter. Schade, dass die fünf Minuten schon um sind!!

Ein Film von 1968
Titel. Weiß auf Schwarz. Stille. Ein Titel, wie eine bunte Kinderzeichnung: Der Name einer Band, aber nicht in der üblichen Reihenfolge. Schnitt: Schwenk durch einen Übungs-/Aufnahmeraum. Zwei Gitarrissten spielen. Im Hintergrund jemand der Fotos macht, einer der rumhockt. “Badabadabadabum”,sagt der eine Gitarrist. Der Schallschutz ist in bunten Farben. Noch ein Gitarrist kommt dazu. Der Schwenk geht weiter zum Drummer, der extra eingebaut ist und gelangweilt scheint, er haut etwas flotter auf die Felle. Schwenk wieder zurück zu den vier Gitarrenmenschen. Sie tragen riesige Brillen, weiße oder rosa Hemden, rosa Stiefel, schwarzen Schal. Lange Haare. Einer – der Bassist ? hockt abseits und langweilt sich, während die anderen drei “Badadabum”en und sich mit britischem Akzent (aber ansonsten unverständlich) über den entstehenden Song unterhalten. Filmscheinwerfer blenden in die Kamera. Die Tonangel ist zu sehen. Im Hintergrund ein Typ mit Krawatte und pastellbeigem Hemd. Kamera schwenkt wieder in die andere Richtung, während der eine Gitarrist zu singen beginnt. Der Bassist spielt kurz mit, langweilt sich dann wieder und guckt in die Kamera. Schnitt: Ein Hotelzimmer. Eine Frau sprüht HILTON auf die Scheibe und über das T – wie beim Skrabble – ein STALIN. Im Radio sagt eine Stimme etwas über einen Andy Warhol Film. Aussen fahren rote London-Busse rum. Kamera fängt wieder an zu schwenken. Die Radiostimme sagt etwas von Spionen, die Frau fängt an, die nächste Scheibe zu bemalen – diesmal vom Balkon aus (Clever! Denn die erste Inschrift kann man nur VOM ZIMMER AUS richtig rum lesen, kein sehr effektiver Protest!) Schnitt zurück in den Aufnahmeraum. Die Musiker haben jetzt Kopfhörer auf, wirken aber immer noch gelangweilt. Wir sehen sie von hinten. Der Bassist hat jetzt doch etwas gefunden, was er spielen will oder darf. Weiter geht der Schwenk zu einem Keyboarder an einer weißen Holzorgel, den man spielen sieht, aber nicht hört. Hinter der Glasscheibe ein vielköpfiges Aufnahme-Team. (Die müssen Geld haben! So viele teure Techniker sinnlos warten zu lassen, statt den Song VOR den Aufnahmen fertig zu komponieren!!) Wieder ist der Tonmann sichtbar.

WERTUNG: -
Ach herjeh: Kunst. Einerseits ist es natürlich ganz nett ein Aufnahme-Studio der 60er zu sehen. Aber was soll dieser Zwischenschnitt mit den Protestgraffitis für Hotelbewohner? Und warum ist die Band so schrecklich gelangweilt? Die drögen Schwenks (die wirklich langsam genug wären, damit das Film-Team sich aus dem Bild bringen könnte, falls das jemanden interessiert hätte) verstärken die Atmosphäre der trägen Ereignislosigkeit. Und wenn man den Ton aus dem Mischpult abgenommen hätte, hätte man nicht nur den Tonmann raus aus dem Bild, sondern auch einen ordentlichen Sound. Macht nicht gerade Lust auf mehr.


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