The Complete Bond Experience (Part 2)

Zurück in die 60er

003 QUO VADIS, JAMES? – Experimente Anfang der 70er

Von “Goldfinger” bis “Man lebt nur zweimal” erreichte die weltweite Bond-Manie ihren größten Höhepunkt. Unzählige Nachahmer und Parodien schossen aus dem Boden. Darunter tatsächlich auch ein Film namens “Operation Kid Brother” mit Sean Connerys kleinem Bruder Neil in der Hauptrolle und eine Comedy-Version von “Casino Royale” Ein total wirrer Film! Wie schlechte Monty Phython Nachmache. Aber mit Original-Bond-Rechten und Starbesetzung).

Doppelt blöd für die Bond-Serie, angesichts solch vielfältiger Konkurrenz ihr Aushängeschild Sean Connery zu verlieren, der sich zunehmend über die körperlich anstrengende, aber schauspielerisch langweilige Rolle beklagte (“Rumlaufen, schiessen, mit einer Frau schlafen – das kann doch jeder machen”). Ganz so einfach war es nicht. Die Suche nach einem möglichen Nachfolger erwies sich als schwierig – unter hunderten von Kandidaten (darunter auch Roger Moore) zogen die Produzenten schließlich einen absolut unbekannten aus dem Hut: Den Australier George Lazenby, der bisher nur Schokoladenwerbung gedreht hatte. Mit ihm entstand eine der ungewöhnlichsten Variationen des Bond-Themas:

On her Majestys Secret Service / Im Geheimdienst ihrer Majestät (1969)

Hier wird James Bond nicht nur zum Aufpasser für die selbstmordgefährdete Comtess Tracy (Diana Rigg), sondern ist auch zeitweise kurz davor seinen Job hinzuschmeissen, da “M” ihn nach zwei Jahren erfolgloser Jagd auf Blofeld  von diesem Fall abziehen will. Doch dann führt ihn eine heiße Spur in ein schweizer Bergsanatorium in dem seltsamerweise nur junge, hübsche Mädchen behandelt werden…

Ein sehr ungewöhnlicher Bond-Film, der manchmal etwas unausgegoren, Humor, Action, bodenständige Spioniererei und eine völlig neuartige Sensibilität mischt: Bond verliebt sich nicht nur, sondern sitzt auch mal am Ende einer Verfolgungsjagd ermüdet und hilflos herum um vom Mädchen gerettet zu werden.

Heute würde man die Story wohl eher als Vorgeschichte zu den Connery-Filmen inszenieren: Dass der nette junge Lazenby erst durch seine (tragischen) Erfahrungen zum coolen Zyniker-Bond Connerys geworden wäre ist glaubwürdiger, als die in diesem Film stark betonte “Weiterentwicklung”. Auch aus der Paarung “Bond & Emma Peel Kick Ass together” hätte man imho mehr machen können…bis hin zu einem  Ermittler Paar a la “Nick & Nora” – aber so weit war wohl die Emanzipation in den Bond-Filmen noch nicht.

An der Inszenierung gibt es nix zu mäkeln: Der bisherige Cutter der Bond-Filme Peter Hunt übernahm hier die Regie und sorgt für einen angenehmen Flow mit immer wieder furiosen Schnitt-Feuerwerken, die noch heute rasant wirken. Gerade das aberwitzige Finale mit den Ski- und Autojagden, sowie dem Kampf in der Bob-Bahn ist Over-The-Top-Action, die immer noch staunen lässt, bevor das wohl ungewöhnlichste Bond-Ende aller Zeiten diese nette Variation abrupt beendet.

WERTUNG: 1

So schön der Film auch heute scheint – damals war das Experiment mit Lazenby ein Flop und die Produzenten wussten eins: Connery muss wieder her, koste es was es wolle. Es kostete fast 1,5 Millionen Dollar. Eine Rekordgage für die damalige Zeit, die Connery komplett spendete. Und es entstand:

Diamonds are forever / Diamantenfieber (1971)

Nachdem Blofeld (scheinbar) ausgeschaltet ist erhält Bond einen (scheinbaren) Spionageauftrag von der Stange: Er soll verschwundene, südafrikanische Diamanten aufspüren. Die Spur führt nach Holland und nach Nevada, USA.

Ein entspannter, rundlicherer Sean Connery spaziert durch die etwas krude Story, die kaum mehr ein Alibi ist für einen Haufen wild zusammengewürfelter Szenen. Manche davon sehr cool (der Kampf im Fahrstuhl, das Finale) andere dagegen mit für die bisherige Serie ungewöhnlich plumpen Boulevard-Theater Humor: Da gibt es ein tuntiges Killerpärchen, einen sächselnden Wissenschaftler und massig Kalauer. Manches blieb mir außerdem völlig rätselhaft – wie die Astronauten in dem Gebäude. Soll das eine Anspielung auf die “Monderverschwörung”-Theorie sein? Auch die Unsitte “Statt dich zu erschiessen verrate ich dir alle meine Pläne und stecke dich dann in eine Todeszelle aus der auch ein Blinder mit Krückstock entkommen kann” nimmt in “Diamantenfieber” geradezu abstruse Ausmaße an.

Schönste Anekdote vom Dreh: Nach der Premiere beschwerten sich Umweltschützer darüber, dass im Film eine Bohrinsel gesprengt wird. Die Modellbau-Abteilung nahm das als großes Lob für ihre Arbeit.

Fazit: Ein netter  Spaß für Zwischendurch, der aber auch zeigt, dass die Zeit definitiv reif war für einen Wechsel.

WERTUNG: 3

Alles Roger

Gemalte Geschichten, aufsteigend sortiert

Hier mal wieder ein kurzer Überblick über die ‘neuesten’ Comics aus der Bibliothek (aufsteigend sortiert):

Batman: The Dark Knight Returns (1986)

In den 80ern: Ein alternder Batman muss sich noch einmal alten und neuen Feinden stellen. Neben dem Joker gilt es auch mit der Macht der Medien und dem vom Presidenten auf ihn gehetzten Superman fertig zu werden…

Ok, ok, ich weiß, dass dieses Buch einer DER GROSSEN KLASSIKER ist. Aber ganz ehrlich: Ich fand es anstrengend! Winzig kleine Bilder (meistens TV-Monitore), elend viel Text und eine Handlung die erst im letzten drittel so richtig in Fahrt kommt. Dann wirds aber ganz groß: Die Auseinandersetzung mit Joker im Tunnel of Love, der Kampf mit Superman und das Finale zu Pferd sind wirklich stark, auch wenn sie recht krakelig gemalt sind. Im Gegensatz zu den im selben Jahr entstandenen “Watchmen” wirkt DKR aber schon stark angegraut (Ronald Reagan ist President, die Medienkritik und der Militarismus (das Batmobil ist hier ein Panzer) nerven auf die Dauer. Kommt mir ein bischen vor wie “Ausser Atem” von Godard – ich kann sehen, warum es seinerzeit die Leute aufgerüttelt hat, finde es aber heute etwas altmodisch. Bin glaub ich auch kein Miller-Fan, obwohl mir “Jahr Eins” inzwischen schon ans Herz wuchs.

WERTUNG: 3

Superman / Batman: Generations (1999)

Eine witzige Idee: Was wäre, wenn Superman und Batman wie echte Menschen altern würden? John Byrne macht daraus eine vierbändige Elseworlds-Story, die 1939 beginnt und die beiden Helden bis übers Millenium hinaus begleitet. Cool auch, dass Zeichenstil und Inhalt immer der jeweiligen historischen Epoche angepasst sind: So geht es mit simplen Gut gegen Böse los und wird am Ende psychologischer. Dabei werden viele ikonische Momente (“A death in the family”) auf neue Weise in die Geschichte eingearbeitet und es gibt richtig coole Momente, etwa Batmans Rückkehr  aus Rhas Al Ghuls Basis nach Gotham. Doch insgesammt passen der “große” Entwurf und die vielen kleinen Geschichten nicht immer zusammen, das letzte Kapitel ist zudem enttäuschend schwach. Trotzdem ein nettes Buch für zwischendurch.

WERTUNG: 3

Road to Perdition (1998)

“Sind wir jetzt reich, Vater?” “Nein, wir sind arm – wir haben nur sehr viel Geld!”

Im Amerika der 30er muss der junge Michael lernen, dass sein Vater als bezahlter Killer arbeitet. Ein tödlicher Job, des schließlich dass Leben ihrer Familie fordert und Vater und Sohn auf eine gefährliche, gemeinsame Reise schickt. Offiziell ins Städtchen “Perdition” – in Wahrheit aber auf einen Rachefeldzug, der sie bis ins Vorzimmer von Al Capone führt. Was an RTP besonders auffällt ist das Format: Ein kleines Taschenbuch mit meist vier großen Bildern pro Seite, sehr schön, sehr stilvoll von Richard Pies Rayner in vierjähriger (!) Arbeit gezeichnet (Mensch und ich les es in 2 Stunden… aber dafür danach gleich noch mal).

Sehr gelungen sind die Momente zwischen Vater und Sohn und die allgemeine Stimmung. Etwas nervig dagegen die immergleichen, etwas wirren Action-Szenen mit viel Blam-Blam, die Michael Senior etwas übertrieben als Superkiller darstellen (Schwer vorstellbar, dass im Film Tom Hanks diesen ‘Angel of Death’ darstellt). Dennoch sehr lesenswert.

WERTUNG: 2-3

Die Löwen von Baghdad (2006)

Während eines amerikanischen Angrifs auf Baghadad entkommt ein kleines Rudel Löwen aus dem örtlichen Zoo: Alte Tiere, die die Wildnis noch kennen und ein kleiner Welpe, der staunend die neue Welt entdeckt – die sich als schrecklich und gefährlich herausstellt, denn auch für Tiere ist der Krieg kein Zuckerschlecken.

Wunderschön gezeichnet und stellenweise ziemlich heftig grausam sind  “Die Löwen von Baghdad” eine Anti-Kriegsgeschichte der anderen Art. Aber vorsicht: Nix zum wohlfühlen und oft rotzetraurig.

WERTUNG: 2

Dann lieber schnell noch was aus der Superhelden-Ecke hinterher:

Golden Age (1993)

Das waren noch Zeiten: Gerade hatte Tex Thompson, Superheld und “Americommando” hinter den feindlichen Linien des 2. Weltkriegs nicht nur die Deutschen Superhelden Parsival und Co. eleminiert, sondern auch den Führer persönlich. Doch zurück in Amerika zeichnet sich für ihn und die anderen maskierten Rächer ein neues Zeitalter im Zeichen der Atombombe ab. Ein Zeitalter, das neue Helden braucht, wie den Atomaren Dynaman. Doch irgendetwas stimmt da nicht…

James Robinson und Paul Smith machen in dieser Elseworlds-Geschichte zweierlei: Sie erzählen eine sehr spannende alternative Geschichte der 40er, in der die Superhelden ihre Unschuld verlieren und sie schaffen außerdem eine liebevolle Hommage an die DC-Helden des “Goldenen Zeitalters” der Comics von 1937-49. Das ist beim ersten Lesen etwas verwirrend, da die beiden Macher anscheinend den Ehrgeiz hatten möglichst viele Charaktere der damaligen Zeit unterzubringen – die heute kaum einer mehr kennt. (Vom Ultra-Humanite hab ich auch nur durch Batman-Generations gehört).

Aber zum Glück ist ihre Geschichte so gut und die Darbietung so stimmig, dass das beim ersten Lesen gar nicht weiter stört und sogar zu einer erneuten Reise durch diese fantastische Welt einlädt. Zu loben sind hier auch die Kampfszenen. Normalerweise sucken die ja (siehe “Road to Perdition”) aber hier treiben sie die Story und die Charakterentwicklung voran – und das im apokalyptischen Finale sogar fast 30 Seiten lang.

Hut ab vor einer cleveren, schön erzählten Story mit Moral.

WERTUNG: 1

Puh, wieder viel Stoff… und dabei hab ich mir die besten beiden noch für den nächsten Artikel aufgehoben ;-)

Film: The Complete BOND Experience

000 BRIEFING

Über den besten Spion ihrer Majestät ist schon viel geschrieben worden. Über seine politischen, sexuellen und kulturellen Bedeutungen. Bei mir geht’s wie immer eher hedonistisch zu. Mit der simplen Frage: Wieviel Spaß macht welcher Bond-Film? Dank einer erstaunlich günstigen Gesamt-Box mit allen ‘offiziellen’ Filmen werde ich so nach und nach jetzt mal alle durchgucken (Der Artikel wird also von Zeit zu Zeit erweitert werden.)

001 The Connery Symphony

Beim Wiedersehen der ersten fünf Bonds (an die ich alle schöne Kindheitserinnerungen habe) ist mir aufgefallen, dass diese Filme mit Connery sich in der Anmutung alle sehr ähnlich sind. Nach kurzer Zeit könnte ich nicht mehr sagen, welche Szene jetzt in welchem war. Deshalb und weil sich in dieser Zeit alle wichtigen Leitmotive der Serie herausbildeten bezeichne ich diese Phase mal als die “Connery Symphony”

Erster Satz – Allegro: James Bond jagt DR. NO (1962)

Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft des Agenten auf Jamaica! Hier jagt er den titelgebenden Doktor, der amerikanische Raketenstarts von einer Geheimbasis aus stört.

Erstaunlich wie viel von dem, was die nächsten 40 Jahre Bond ausmachen sollte in diesem allerersten Abenteuer schon vorhanden ist: Der Martini, das Casino, die Geplänkel mit M und Moneypenny, SPECTRE, das gute und das böse Bond-Girl, das unterirdische Schurkenhauptquartier (von Kult-Designer Ken Adam) und die Erkennungsphrasen. Einzig die Vor-Titel-Sequenz und die technischen Supergeräte fehlen. Als einzigen Apparat ordert Bond hier einen koffergroßen Geigerzähler. Die Geschichte taugt, die Action passt, nur der Schnitt ist etwas eckig (war wohl damals gewollt um eine rohe Atmosphäre zu erzeugen) und Connery ist von der ersten Szene an Bond – wenn auch noch etwas hagerer als später und mit seinen echten Haaren!

Denkwürdigste Szene (als Kind): Der FEUERSPEIENDE DRACHE!!
Denkwürdigste Szene (heute): Bond singt!!
Schönste Anekdote: Vor dem Film wurde Chris Blackwell als Musik-Scout nach Jamaica geschickt, der nach guten Musikern suchen sollte, deren Musik dem Film Lokal-Kolorit verleihen sollte. Er fand so viele, dass er beschloss ein eigenes Label zu gründen. So entstand “Island Records”, das der Welt Bob Marley bescherte…

“Dr. No” macht auch nach 50 Jahren noch Laune und wirkt kaum angegraut.

WERTUNG: 2

Zweiter Satz – Moderato: From Russia with Love / Liebesgrüße aus Moskau (1963)

Der zweite Bond ist der erste mit einer Vortitel-Sequenz in der Bond stirbt! Wenn auch nur als Test. SPECTRE will nämlich Rache nehmen für den Tod von Dr. No und Bond in eine Falle locken, während er eine Dechifrier-Machine nebst russicher Agentin gen Westen geleitet.
Erstmals bekommt Bond hier ein richtiges Gadget mit: Einen Koffer mit Geheimfunktionen. Es gibt einen Titelsong (wenn auch nur im Abspann) und Blofeld und seine Mietze geben ihren Einstand. Mit Rosa Klebb (Lotte Lenya) beginnt außerdem die lange Tradition der deutschen / deutsch angehauchten Bösewichter.

Insgesamt fand ich den Film eher durchwachsen: Die bodenständige Story und der Versuch ernster / realisitscher oder gar tragischer zu werden steht in starken Kontrast zu erneut sehr kantig montierten, übertriebenen Szenen, die aus dem Action-Zufallsgenerator zu stammen scheinen (Das Zigeunerlager, der Hubschauber-Angriff).

Denkwürdigster Moment (damals wie heute): Das gemeine Schuhmesser!

Schönste Anekdote: In Indien wurde der Titel “From Russia with Love” als diplomatisch problematisch gesehen und man nannte ihn “From 007 with Love”.

WERTUNG: 3

Dritter Satz – Scherzo: Goldfinger (1964)

Hier ziehen unter dem neuen Regisseur Guy Hamilton erstmals eine richtige Leichtigkeit und viel ironischer Humor ein, was man schon an der Titelsequenz merkt in der Bond mit Ente auf dem Kopf rumtaucht um dann darunter einen knitterfreien weißen Smoking vorzuzaubern. Gerd Fröbe gibt den netten Schurken von nebenan und der Aston Martin feuert aus allen Rohren. Der Bond-Cocktail ist somit endgültig beieinander.

Schönste Anekdote: Gerd Fröbe bekam am Ende der Dreharbeiten von den Produzenten als Dankeschön einen “Goldenen Finger” geschenkt. Sein Kommentar: Schade, dass der Film nicht ‘Gold-Arm’ hieß.

Macht viel Spaß.

WERTUNG: 1

Vierter Satz – Largo: Thunderball / Feuerball (1965)

Nach dem spaßigen Intermezzo mit Goldfinger geht’s in Feuerball zurück zu SPECTRE und zu gestohlenen Atomraketen, die Bond wiederbeschaffen soll. Die Formel ist inzwischen endgültig gefunden und es beginnen die Variationen der bekannten Themen – trotzdem ein solider Actionfilm, gerade wenn man bedenkt, dass die damals wirklich JEDES JAHR so eine Großproduktion rausgehauen haben. Man muss halt Taucher mögen um hier richtig Spaß zu haben.

WERTUNG: 2-3

Fünfter Satz – Gagaku: You only live twice / Man lebt nur zweimal

Hier findet die klassische Bond-Symphonie ihren würdigen Schlussakkord. Bonds Ausflug nach Japan profitiert vom gestiegenen Budget der Reihe, das sich in tollen Effekten und gigantischen Bauten zeigt. Auch der Wechsel von ruhigen Szenen (Der nächtliche Ninja-Anschlag, Bonds Hochzeit) und überdrehter Action (Little Nelly, das apoaklyptische Finale) funktioniert hervorragend. Naja – und ich mag halt Raumschiffe!!

Ein sehr spaßiger, abwechslungsreicher und stimmiger Film mit zündenden Dialogen. Einzig Connery merkt man stellenweise an, dass ihn die Rolle langweilt. Insofern gar nicht schlimm, dass die Serie sich nach seinem  Weggang neu erfinden musste: Besser wird’s so nimmer.

WERTUNG: 1

Weiter zu den 70ern

Konzert: Menschmaschine

Ein Jazz-Quartett interpretiert die Musik von „Kraftwerk“! Computerliebe ohne Computer – kann das gut gehen? Die Schweizer Gruppe „Menschmaschine“ gastierte in der Fürther Kulturfabrik.

Zumindest der Auftritt von „Menschmaschine“ erinnert an die Deutschen Elektro-Pioniere. Vier Herren in schwarz stehen still auf der Bühne der Kulturfabrik und lassen sich von einer Computerstimme vom Band ansagen. „Guten Abend. Wir sind Menschmaschine. Wir spielen für sie heute Musik von Kraftwerk.“ Nur dass die Jungs eben nicht hinter dicken Synthesizern stehen, sondern an klassischen Jazz-Instrumenten: Piano, Bass, Drums und Saxophon.
Man darf gespannt sein, wie sie damit die Musik einer Gruppe interpretieren wollen, die in 40 Jahren Bandgeschichte kein einziges Saxophon-Solo aufgenommen hat. Oder mehr gemacht als per Knopfdruck das Abspielen eines Samples ausgelöst.
Zur Erinnerung: Kraftwerk sind eine handvoll Herren aus Düsseldorf, die Anfang der 70er  ihre Instrumente gegen Synthesizer tauschten und mit Songs wie „Autobahn“ oder „Das Model“ zu den Vätern der elektronischen Musik wurden. Mit ihren minimalistischen Melodien, gesampelten Geräuschen und ihrem bewusst roboterhaften Auftreten hatten sie immensen Einfluss auf Techno, HipHop und Elektropop. Aber Jazz?
Gleich der erste Song von „Menschmaschine“ zeigt dann auch, dass man an diesem Abend die Nostalgie-Brille besser gar nicht erst aufsetzt. Es gibt zwar eine handvoll aus der Erinnerung gespeister Gänsehautmomente – etwa wenn Oli Kuster die ersten drei Noten von „AU-TO-BAHN“ in sein Piano hämmert und der Bass die berühmte Melodie übernimmt – aber sie sind rar. Denn ohne den markanten Sprechgesang und die epische Monotonie der Kraftwerk-Loops ist der Wiedererkennungswert gering. Vor allem Saxophonist Domenic Landolf nutzt die Autobahn nur als Startrampe zum Abheben in sein ganz eigenes, etwas gehetztes Jazz-Universum.


Insgesamt wird nicht ganz klar wo die Jungs hinwollen: Eine Verbeugung vor dem Original? Eine Parodie? Oder ein Trick um über den berühmten Namen frickeligen Jazz unters Volk zu bringen?
Unbestreitbar dagegen die Leistung von Drummer Kevin Chesham und Christoph Utzinger am Bass. Wo Kraftwerk nur auf eine Taste drücken um einen komplexen Rhythmus abzufeuern, leisten diese beiden Präzisionsarbeit in der handwerklichen Umsetzung und finden trotzdem noch Zeit für entspannte und spielerische Solo-Ausflüge.
Alles in allem entsteht so ein durchaus gelungenes Jazzkonzert – bei dem der Rückbezug auf Kraftwerk aber immer irgendwie halbherzig bleibt.

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