Film “Die Reise des Personalmanagers”

Jerusalem, 2002: Bei einem Attentat verliert eine junge Frau ihr Leben. Da sie keine Papiere dabei hat ist der einzige Hinweis auf ihre Identität ein Lohnzettel einer Großbäckerei. Deren Personalmanager (Mark Ivanir) macht sich daran, herauszufinden wer die Tote war und stellt fest, dass es sich um eine rumänische Gastarbeiterin namens Yulia handelt. Da sie in Israel keine Verwandten hat übernimmt er schließlich sogar die Verantwortung sie in ihre Heimat zu überführen – auch weil sich die Bäckerei von der ungewöhnlichen Aktion einen Image-Gewinn verspricht.

 

Begleitet von einem aufdringlichen Journalisten (Guri Alfi) und dem Sohn der Toten (Noah Silver) fährt er mit Yulias Sarg im klapprigen VW-Bus quer durch Rumänien – wohl wissend, dass er dadurch sein eigenes Familienglück zu Hause weiter gefährdet…

Die Reise des Personalmanagers“ von Eran Riklis („Die syrische Braut“) krankt etwas an der überlangen Exposition, die nur dazu dient den Manager endlich auf die titelgebende Reise zu schicken. Glücklicherweise entwickelt sich aber sobald der Film in Rumänien ankommt doch ein durchaus sehenswertes Road-Movie, das die skurile Familienreise von „Little Miss Sunshine“mit dem bürokratischen Alptraum von Kafkas „Schloss“ zu verbinden scheint und nebenbei glaubwürdige Einblicke ins rumänische „Niemandsland“ bietet. Ein Film für Geduldige der den Publikumspreis in Locarno gewann und Israels Kandidat als „Bester Ausländischer Film“ bei den nächsten Oscars ist.

WERTUNG: 3

Kino: Melancholia

Der Trier, der Trier, den lob ich mir.

Mag der ulkige Däne auf Pressekonferenzen noch so überfordert sein – im Regiestuhl ist er nach wie vor eine Macht. Bei kaum einem anderen Filmemacher hat man so stark das Gefühl, dass hier wirklich einer seine Seele direkt auf die Leinwand überträgt.

Und was da alles rumort! In “Melancholia” geht es um nicht weniger als um einen neuen Planeten, der bisher hinter der Sonne versteckt (!) war und nun mit der Erde zu kollabieren droht. Doch erst mal verfolgen wir das  Hochzeitsfest von Justine (Kirsten Dunst), die sich alle Mühe gibt, die glückliche Braut zu mimen, während um sie herum die (soziale) Welt aus den Fugen gerät. Im zweiten Teil müssen sich die “Überlebenden” der Hochzeit einer neuen Bedrohung stellen, als Melancholia immer näher kommt.

Der erste Teil wirkt (zumindest auf den ersten Blick) gar nicht so neu: “Das Fest” lässt deutlich grüßen. Doch wie so oft gibt es bei Trier Falltüren die aus der (selbst schon altmodisch wirkenden) “Kritik an altmodischen, verkrusteten Gesellschaftsformen” hinausführt – hinein in mythische Untiefen. Was, wenn Teil 1 und Teil 2 – das Fest und die Apokalypse, gar nicht zeitlich nacheinander kommen, sondern nur zwei Ansichten der selben Sache sind? Ist dieser Planet mit dem Namen eines Gefühls wirklich als solcher wahrzunehmen oder ist er Ausdruck einer Innerlichkeit, die bisher von der Sonne (dem Logos) zurückgehalten wurde? Sind da nicht deutliche Paralellen zur Gefühls/Logik-Thematik von “Antichrist”? Sind wir schon wieder mitten in einer neuen Trier Trilogie? Mögliche Titel: “Frauen und Männer” oder “Sterne sind auch nur Menschen”?

Wie immer bei Trier ist es auch bei diesem Film nicht einfach – vielleicht sogar unmöglich – ihn eindeutig zu erklären. Stattdessen öffnet sich viel, viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Ziemlich eindeutig feststellen lässt sich aber, dass mir die Mischung aus Dogma-Handkamera und Ultra-Edel-Komponierten Bildern diesmal sehr gut gefallen hat und auch dass diesmal auf grobe Ekeleffekte verzichtet wird. Auch der Umgang mit den Perso nen scheint diesmal viel “netter” als sonst – es menschelt auf angenehme Weise wie seit “Idioten” nicht mehr. Aber lasst das mal nicht den Trier hören, sonst muss er aus Provokation wieder was extra-arrogantes Nachschieben.

Jedenfalls: Große Kunst!
Zu den Sternen!

WERTUNG: A

Kino: Twilight 4

Unsterbliche haben viel Zeit: Drei Filme lang warb der Vampir Edward (Robert Pattinson) um das Herz der jungen Bella (Kristen Stewart). Die zögerte lange, ob sie sich für den vornehmen Blutsauger entscheiden sollte oder für den weitaus leidenschaftlicheren Werwolf Jacob (Taylor Lautner). Nun läuten die Hochzeitsglocken und widerwillig führt Papa Charlie seine geliebte Tochter zum Altar.


Bella hat sich getraut. Mit Edward, natürlich. Alle Freunde und Verwandten sind da, dürfen noch mal winken und – mehr oder minder ernst gemeinte – Warnungen aussprechen. Dann geht’s ab in die Flitterwochen auf eine unberührte Südseeinsel. In diesem Paradies merken Bella und Edward aber bald, dass auch ihre unsterbliche Liebe ganz reale Probleme hat: Leidenschaft und Fürsorge müssen in Balance gebracht werden, denn die bisher platonisch Liebenden wollen sich auch erotisch finden – was bei der übermenschlichen Stärke von Vampiren gar nicht leicht ist. Schließlich wird das Vertrauen der zwei auf eine harte Probe gestellt, als eine neue Bedrohung für Bellas Leben auftaucht, gegen die alle bisherigen Attacken feindlicher Vampire geradezu harmlos wirken…

Auch in „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht – Teil 1“ bemühen sich die Filmemacher redlich darum, möglichst nah an den Erfolgsromanen von Stephenie Meyer zu bleiben. Das funktioniert zumindest kommerziell gesehen ganz gut: „Twilight“-Fans schauen den Film sowieso und bekommen, was sie erwarten – alle anderen können ruhigen Gewissens zu Hause bleiben.

Doch selbst mit wohlwollendem Blick lässt sich feststellen, dass die neue Folge unter der Regie von Bill Condon nicht die stärkste der Serie ist. Das liegt zum einen daran, dass durch Bellas Hochzeit die Luft raus ist: Das Dreiecksverhältnis mit Jacob, das als starker Motor der Charaktere diente, ist vorbei und auch Bellas Beziehung mit Edward wird sachlicher: Die Zeit des Flirtens ist vorüber – nun muss das Paar sich bewähren.

Durch diese neuen Umstände gerät auch der stete Wechsel zwischen Romantik, Action, Humor und Grusel ins Stocken, der die Serie bisher so amüsant machte: „Breaking Dawn – Teil 1“ zerfällt in zwei klar getrennte Hälften: Erst das Hochzeitsglück, dann das Familien-Drama. Gut gelungen ist dagegen nach wie vor die stilvolle Inszenierung: Kostüme, Kulissen, malerische Landschaften und eine abwechslungsreiche Songauswahl tragen den Film über manche Länge.

Und vielleicht wird man diesen Streifen auch neu bewerten können, wenn die Reihe mit dem letzten Teil vollendet wird: Als langsame Hinführung zu einem dramatischen Finale. Doch bis dahin heißt es noch lange warten. „Breaking Dawn – Teil 2“ startet erst in einem Jahr. Aber was ist schon Zeit für Unsterbliche?

WERTUNG: 3

Neue Comics (Teil 4 – The Best)

Platz Nummer Eins:

The Sandman (Neil Gaiman u.a. 1988-1996)
Zugegeben: Zuerst hatte ich gar keinen Bock Sandman zu lesen – obwohl überall zu hören war, dass die Reihe einer der ganz, ganz großen Klassiker sei. Schuld daran waran die Zeichnungen!
Mit seinem hageren, bleichen Kerl mit der schwarzen Mähne sieht Morpheus / Sandman als Held der Geschichte nämlich aus wie exakt auf eine Zielgruppe von Teenie-Gothic-Mädchen zugeschnitten. Und ich bin keines von den dreien.
Aber die “Sandman”-Serie bewies mir (wieder mal) eindrucksvoll, dass man Comics nicht nach dem ersten Blick auf die Zeichnungen beurteilen kann, sondern sich erst mal auf den Flow der Story und die Charaktere einlassen sollte.

Und das rentiert sich beim Sandman tausendfach! Denn die insgesammt über 2000 Seiten lange Serie ist ein schier unendlicher Brunnen an Ideen und Geschichten. Dabei fängt alles scheinbar simpel an: Eine verrückte Sekte versucht Anfang des 20. Jahrhunderts den Tod gefangenzunehmen – gerät aber an dessen kleinen Bruder – Morpheus, den Herrn der Träume. Als es Morpheus nach beträchtlicher Zeit gelingt sich zu befreien muss er feststellen, dass sein Reich in der Zwischenzeit zerfallen ist: Wichtige Träume wurden vergessen, Alpträume rennen frei herum und manche Menschen träumen gar nicht mehr. Morpheus macht sich auf, das wieder zu ordnen…

Und dies ist gerade erst der erste (von 10 Bänden) von dem aus sich die Geschichte immer weiter spinnt: Im Zentrum stehen die ewigen – Morpheus und seine Geschwister wie Tod, Begierde u.a. – darum herum entwickeln sich mäandrierende Geschichten um menschliche (und übernatürliche Protagonisten) wobei man auf alle aufpassen sollte. Denn oft kommt es vor, dass eine scheinbar unwichtige Nebenperson aus der einen Story die Hauptrolle in der nächsten übernimmt. Sehr komplex. Sehr spannend. Dass unterschiedliche Zeichner ihre ganz eigenen Stärken einbringen macht die Serie noch vielfältiger und stärker.

Auch die Erzählweise wird immer tiefer und interessanter. Ist der erste Band noch deutlich an Stephen King und Alan Moore orientiert (zum Teil auch mit direkten Verweisen im Bild und Text) so wird das Sandman-Universum immer eigenständiger, die brutalen und gruseligen Elemente treten hinter einer großen Erzählung, ja einem Weltentwurf zurück.

Natürlich wird einem bei so einem Werk nicht jede Episode gefallen (mir sind z.b. manche frühen Dinge zu eklig, manches spätere zu bildungsbeflissen. Auch fand ich es schade, dass *SPOILER AHEAD* die Identität des verschwundenen ‘Ewigen’ recht früh und nebenbei aufgelöst wird – (Ich hätte auf auf sowas wie ‘Decision’ oder ‘Defiance’ getippt…. *SPOILEREND*).

Trotzdem: Ein ganz großer Wurf, den man nicht verpassen sollte!
Nach Band 6 hab ich jetzt erst mal aufgehört – aber nicht weils schlechter wird, sondern weil ich lieber noch mal von vorne durchstarte, bevor ich mir das Ende gönne.

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