Kino: Am Ende kommen Touristinnen – „Antichrist“

Dieser Film beleidigt jeden Bewohner eines Sinn-Systems

-Georg Seeßlen über „Antichrist“

Ach Gott, der Trier!
(Verzeihung, von Trier – er hat sich ja während des Studiums selbst geadelt um seine links-liberalen Eltern zu ärgern)

Einerseits geht er mir tierisch auf die Nerven mit seiner penetranten Art, permanent die unangenehmsten Akkorde auf der Klaviatur des filmischen möglichen anzuschlagen, nur um dann grinsend ins Publikum zu blicken: „Seht ihr: So schlecht ist die Welt – und niemand leidet mehr darunter als der sensible ich.“

Andererseits ist er ein Meister der Form, der vor keinen Grenzen halt macht und sich nicht scheut dabei seine ureigensten Ängste ungefiltert auf die Leinwand zu bringen. Und das alles wohlgemerkt nicht im Arthouse-Kino versteckt, sondern mitten im Multiplex, zwischen Coco Chanel und Kaufhaus-Cop.

Was mich angeht, vertrag ich ja nur ca. 1 LvTrier Film im halben Jahr. Und seinem neuen Film „Antichrist“ läuft nun auch ein besonders heftiger Ruf voraus, nunja: besonders heftig zu sein. Andererseits -  das letzte mal war letzten Winter „Europa“ auf DVD – also ab in den Kinopalast!

Saturday Night at the movies – who cares what picture you see?

- The Drifters

Es beginnt mit einem edel gefilmten Schwarz/Weiß-Prolog: Ein Paar liebt sich, während ihr Kind zu Händel-Klängen aus dem Fenster in den Schnee stürzt. Währenddessen laufen immer noch Leute ins Kino. Popcorn raschelt. Handys klineln. Falsch besetzte Sitze werden getauscht. Ok! An diesem Abend bin ich in relativer Sicherheit: Was auch immer passieren wird – von Triers Leiden wird diesmal andere schlimmer treffen als mich… trotzdem…

Once a man, like the sea I raged, once a woman like the earth I gave…

-Genesis, Cinema Show

Nach dem Unfall ist die Frau emotional am Boden zerstört. Ihr Mann – ein Therapheut – antwortet ihr klassisch: Mit ruhigem Intellekt und mit der Versuchung sie zu ‘Heilen’. Dabei missachtet er nicht nur einen Grundsatz der Medizin – behandle nicht Deine Anghörigen – sondern auch einen der von-Trier-Filme: Wer helfen will richtet erst das schlimmste an.

Er zwingt sie zu einer Shocktheraphie: Da sie sich vor dem Wald fürchtet bringt er sie in eine Hütte im Wald (den Ort wirklich zahlloser Gruselfilme) und versucht sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren. Soweit, so klar – und auch so erträglich. Doch dann wird es seltsam: Konstellationen aus unbekannten Gestirnen, biblisches Gebrabbel, Visionen toter Hexen, sprechende Tiere und am Ende viel Blut und Aua, bis schließlich Touristinnen kommen. Oder die Hexen/Opfer der katholischen Kirche. Oder halt einfach Frauen mit verschwommenen Gesichtern. Über den Sinn kann man nur spekulieren.  Nur eines ist sicher: Das Popcorn bleibt in der letzten halben Stunde jedenfalls ungegessen.

…but there is in fact more earth than sea.

Es heißt, Lars von Trier konnte seinen Darstellern selber nicht erklären, warum die Dinge im Film passieren, nur dass sie so passieren müssen. Immerhim listet der Abspann individuelle Berater, zur Religion, zur Psychotheraphie, zur Mystik, zum Horrorfilm und zur Geschichte der Frauenfeindlichkeit. Als Betrachter ohne persönliche Berater kann ich nur selber raten: Für mich scheint es hier um den Wahn der Männer zu gehen, Frauen von ihren Gefühlen ‘heilen’ zu können, durch ein System, dass nur eine eigene Form von Wahn kaschiert.

„Der Film befindet sich momentan im Stadium der Höhlenmalerei“

- Lars von Trier

Klar ist jedenfalls, dass LvT erneut ein formal brilliantes Werk abgeliefert hat. Er hat seine persönliche „Kreidezeit“ hinter sich gelassen und eine Mischform gefunden, in der die alte Perfektion der „Europa“-Trilogie mit der rohen Direktheit der Dogma-Ära zusammenkommt und bei der man – wenn man den Kopf etwas schräg neigt – auch die Kreidestriche erkennen kann, mit denen die Bewohner des Systems Dogville sich selbst eingesperrt hatten. Nur dass das System diesmal wahlweise Partnerschaft, Religion oder Wahnsinn heißen könnte.

Dass „Antichrist“ bei mir persönlich am Ende nicht so dick in der Kehle steckt wie „Dogville“ oder „Epidemic“ liegt vor allem am überblutigen Schluss, der doch zu sehr an klassische Horrorfilm-Effekte erinnert und – ja – wirklich ziemlich ekelig ist, aber eben eher an der Oberfläche. Aber vielleicht sollte ich mich nicht zu früh freuen. Trier Filme haben nämlich alle eine Angewohnheit: Einmal gesehen gehen sie nie mehr weg.

WERTUNG: 2

NPD: Ich will Pizza!

Bis vor kurzem dachte ich ja noch, dass diese beiden Herren

Für eine Handvoll Stimmen

das originellste Wahlplakat haben, doch dann sah ich gestern das hier am Straßenrand:

NPD-Verarsche "Ich will Pizza!"

Es klebt genau über dem (verdächtig ähnlich) aussehenden NPD-Plakaten, falls diese nicht ohnehin vom *hüstel* kräftigen Wind umgeworfen oder zerfetzt worden sind, der hier manchmal von links weht.

Wer immer das designt hat – Hut ab. Die leckerste Nazi-Verarschung seit Tuchos Bananen! Darauf gönn ich mir doch gleich ne Pizza!

DVD: „I’m not there“

„Wenn Du Bob Dylan nicht kennst solltest Du vorher auf Wickipedia gucken, sonst blickst Du gar nicht durch“, meint der Medienfachberater meines Vertrauens, als er mir die DVD der Dylan-Bio „I’m not there“ in die Hand drückt. „Ich habs am Ende auch nimmer verstanden“.

Dabei ist er Generation-Dylan und ich kenn ihn eigentlich nur aus Samstag Nacht, wo er immer die Welthits gepiepst hat und aus dem Video wo er so Zettel wegwirft. Andererseits: Hab ich nicht schon 1003 Musiker-Biopics gesehen, so dass ich schon vorher raten kann was da passiert: Schneller Aufstieg, Drogen, Aufrappeln, Zweiter Frühling in liebender Familie blablablup…

Aber halt! „I’m not There“ zeigt schon in den ersten paar Minuten, dass er nicht der typische Musikerstreifen ist. Eher eine wilde Collage: Bob Dylan wird von sechs Leuten gespielt (von denen keiner Bob Dylan genannt wird) zwischen denen der Film kunstvoll hin- und herspringt, jede mit ihrem eigenen visuellen Stil. Und in soweit hat mein Medienfachberater recht: Zumindest die Episode mit Richard Gere als altem Cowboy entzieht sich elegant dem Verständnis. Aber das ist ja wohl der Clou des Films dessen Aussage zu sein scheint, dass man diesem Chameleon Dylan (der weit weniger piepsig singt als bei Samstag Nacht!) nie ganz auf die Schliche kommt.

Todd Haynes hatte mit „Velvet Goldmine“ schon einen richtig guten, richtig anderen Musikfilm über die David-Bowie Ära vorgelegt (und mit [Safe] einen meiner absoluten Lieblingsfilme gedreht) und beweist sich auch hier wieder als blitzgescheiter Regisseur, der eben nicht in die Fallen tappt, das allzu bekannte („Blowin in the wind..“) abzuarbeiten.

Ein ganz großer Film, der den Künstler nicht tot erklärt sondern Lust auf mehr macht.

Und aufs nochmal gucken.

WERTUNG: A

Kino: Hey, hey Wickie

«Muskeln! Das braucht ein Wikinger – kein Hirn!», schärft Vater Halvar (Waldemar Kobus) seinem Sohn immer wieder ein. Doch der zarte Wickie (Jonas Hämmerle) ist eben eher ein Denker, einer der sogar die gefährlichen Wölfe mit seinem scharfen Verstand austricksen kann.

Doch zum Glück gibt es in seinem Dorf nicht nur Raufbolde: Mutter Ylva (Sanne Schnapp) und Freundin Ylvi (Mercedes Jadea Diaz) glauben fest daran, dass Wickie etwas ganz besonderes ist. Aber dann geschieht etwas, das selbst dem schlauen Jungen über den Kopf zu wachsen droht: Piraten überfallen das Dorf und rauben alle anderen Kinder. Halvar, Wickie und die tapferen Krieger des Dorfes stechen zur Rettungsaktion in See, bei der sie es – wie von Kennern der Zeichentrickserie erhofft – mit dem «Schrecklichen Sven» (toll: Günter Kaufmann) zu tun bekommen.

Regisseur Bully Herbig beweist wie in seinen Vorgängerfilmen erneut viel Liebe für Details und ein Talent für spannende Inszenierung, etwa indem er den Ohrwurm-Titelsong nicht gleich am Anfang verbrät, sondern ihn für eine dramatische Szene später aufspart.

Auch die Idee, weitgehend auf bekannte Schauspieler zu verzichten und stattdessen per Casting («Gesichter, die zu den Zeichentrickfiguren passen sind wichtiger als Schauspielkunst») nach richtigen «Wikingern» zu suchen, erweist sich als Glücksfall: Das Personal sieht tatsächlich aus wie in der Zeichentrickserie und man merkt allen Beteiligten an, wie viel Spaß es ihnen gemacht hat, als bärtige Gesellen durch den bayerischen Wald zu hüpfen, der hier als Nordland herhalten muss.

Denn mit irgendeiner Illusion einer Welt von vor hunderten von Jahren hält Bully sich gar nicht auf: Alles sieht comic-haft plastikmäßig aus, und viele Flachwitze («Ich darf nicht kämpfen – ich hab ein Attest») und zeitgeistige Anspielungen («Drama, Baby. Drama») reißen den Zuschauer wiederholt unsanft in die Jetztzeit zurück.

Dafür gibt’s diesmal keine Schwulenwitze, aber viel gelungenen Slapstick und eine freundliche Botschaft: Am Ende werden sie alle gebraucht, die Starken und die Schlauen. Ein feiner Film, vor allem für Väter und Söhne.

WERTUNG: 2

Kino: 2×3D „Coraline“ und „Oben“

Trickfilme sind die besseren Filme!

Behaupte ich zumindest nach der Sichtung von „Coraline“ und „Oben“, zwei herausragenden Vertretern der Gattung.

Fangen wir mit dem blauhaarigen Mädchen an:

Für die abenteuerlustige Coraline ist das Leben ziemlich langweilig: Ihre Eltern basteln an einer theoretischen Schrift über Gartenarbeit (!) und zogen sich dafür in ein altes Haus auf dem Land zurück wo es immer zu regnen scheint, die anderen Bewohner skurile Ausländer und das einzige andere Kind am Ort ein nerdiger Junge mit Kater ist der zu viel plappert.

Doch dann entdeckt Coraline hinter einer Tapete eine geheimnisvolle Tür, die sie in eine andere, scheinbar bessere Welt führt: Hier hat sie andere Eltern, die ihr immer zuhören und die coole Sachen machen, auch die Nachbarn sind hier viel lustiger. Doch schon bald ahnt man, dass diese schöne neue Welt auf der anderen Seite der Wand nicht so lieblich ist wie man denkt… denn warum sonst hätten hier alle Knöpfe auf den Augen?

Coraline von Henry Selick entführt einen in eine ganz, ganz eigene Welt, die ausser an „Nightmare bevore Christmas“ (ebenfalls von Selick) an nix erinnert, was man sonst im Kino gesehen hat. Schon Coralines ‘normale’ Welt ist atemberaubend schön und herrlich skuril und hinter der Wand wird es noch verrückter.

Für kleine Kinder sicher viiiel zu gruselig ist Coraline für die Erwachsenen ein ganz großer Spaß. Die Handanimation der Figuren ist wirklich perfekt – fast zu perfekt – Coraline würde glatt auch als Computertrickfilm durchgehen, manchmal wäre hier ein bischen gaggeliger noch charmanter gewesen.

WERTUNG: 1

Solche Sorgen gibt’s in „Oben“ natürlich nicht, immerhin sind hier die Väter und Meister des digitalen Kinos am Werk, die Pixar-Animation-Studios. Und die spielen – wie Kollege HERR Gnadiator richtig sagt in ihrer ganz eigenen Liga. Und in diesem Fall, verzeihen sie das Wortspiel ganz „OBEN“.

Erzählt wird vom alten Herrn Fredricksen. Der hat sein Leben lang darauf gespart, seiner Frau ihren großen Traum zu verwirklichen: Eine Reise nach Südamerika. Doch immer kommt etwas dazwischen, das Geld wird für etwas anderes ausgegeben schließlich stirbt die Frau und Fredericksen steht alleine da. Als gesichtslose Geschäftemacher sein Haus abreissen wollen geschieht das Wunder: Fredricksen hebt ab – mit lauter Luftballons an seinem Haus. Dumm nur, dass er versehentlich den unbedarften Pfadfinder Russel mit dabei hat. Gemeinsam reisen sie nach Südamerika und erleben dort ungaubliche Abenteuer mit… nee, mehr wird wirklich nicht verraten.  Denn wenn man in diesem Jahr nur eine Kinokarte kauft, dann sollte es wohl die für „Oben“ sein.

Hier stimmt einfach alles: Die Technik ist so blitzsauber wie man es von Pixar erwarten kann: Haare, Landschaften, Texturen, das Timing stimmt auf den Punkt. Das schönste aber, man merkt jedem Bild an, wieviel Liebe hier in Details gesteckt wurde: Seien es die Tennisbälle, mit denen sich Carl seine Gehilfe gebaut hat, die Gepäckspinnen um den Briefkasten oder auch, dass alle wichtigen Einblendungen auf Deutsch übersetzt sind.

Das alles würde aber ohne gute Geschichte nix taugen, aber auch hier schwimmt Pixar wieder ganz oben: Besonders die erste halbe Stunde ist ein Genuss, auch wenn ihre Themen -  Liebe, Altern, Träume und Verlust – die Kinder im Kino merklich langweilt, aber für die gibts dann anschließend noch jede Menge Rabattz.

Hm. Ich kling ja wie ein Scheiß Pressesprecher. Aber wenns halt so schön ist.

Hail Pixar!

WERTUNG: A