Watching the watchmen
Zurück aus dem Olymp der zarten Festival-Filme in die rauhen Winde des Mainstreams: Und diesmal gleich so richtig. In dem Glauben einen lustigen Abend zu erleben (weil ein Smiley auf dem Poster ist) stolpere ich in den mir ansonsten völlig nichtssagenden „Watchmen“ von Zack „300″ Snyder und stelle auf relaxen. Böser Fehler.
Wohin?
Der Film ist eine ziemliche Tortur: Knackende Knochen scheinen das Lieblingsgeräusch dieses Regisseurs zu sein, der sich im Interview damit brüstet, den ersten Mainstream-Film gemacht zu haben, in dem eine schwangere Frau erschossen wird. Er nennt es Subversion. Das verstehe ich nicht. Aber ich verstehe die Frage der Frau an meiner Seite: „Wohin jetzt mit all den Bildern der Gewalt?“. Keine Ahnung! Ich weis ja nicht mal, wo ich die hintu. Aber ich kann nachsehen!
Facetten der Gewalt
Ah – hier sind sie ja! Fein säuberlich sortiert in „Lustige Comic Gewalt“ a la „Bad Taste“, Gewalt als Kritik an / Diskurs über echte Gewalt wie in „American History X“ oder „Der Schmale Grat“ oder gar mythisch-philosophische Gewalt wie in „Ran“. Und dann natürlich selbstzweckhafte Gewalt a la Steven Segal & Co.
Wo gehört der „Watchmen“-Film hin? Schwierig. Dafür müsste man nämlich nicht nur die Frage beantworten, wo die Gewalt hingeht – sondern auch wo sie herkommt.
In meiner Zeitungskritik mache ich es mir relativ leicht, schimpfe auf die offensichtlichen Grobheiten Snyders und die niedrige Altersfreigabe (Liebe FSK: könntet ihr bitte nachträglich meine „Total Recall“-Uncut Version auf 12 runterstufen? Danke!).
Das greift aber nicht tief genug. Einerseits weil ich merke, dass da Nuancen sind, von denen ich nicht einschätzen kann ob sie Snyder oder dem hochgelobten Originalwerk (dem Comic von Alan Moore) zu verdanken sind. Andererseits weil eine solch „konservative“ gewaltrügende Besprechung mich im Nachhinein in gefährliche Nähe all jener stellt, die immer vorschnell auf die Medien schimpfen ohne wirklich Ahnung zu haben. Die Ecke mit jenen die Schuldige suchen, statt Erkenntnis. Dahin will ich nun wirklich nicht! Ich beschliesse also mir den Comic zu kaufen.
Woher?
Als ich im Projekt 7 stehe und mir die unterschiedlichen Ausgaben der Watchmen ansehen stelle ich überrascht fest: Dies ist eine Premiere! Klar, ich hab Asterix und Kleines Arschloch geschenkt bekommen und begeistert gelesen, aber mir selber einen Comic gekauft hab ich noch nie.
Deswegen sind die Regale auch etwas einschüchternd: Eine ganze Welt, unaufgeschlagen und vielfältig, bunt, schwarz, lustig, düster – - und teuer! Allein für die „Watchmen“ kann man bis zu 75 € ausgeben! Da krieg ich ja fast ein dutzend Taschenbücher mit echter Schrift drum! Die 19€-Ausgabe wirkt dagegen wirklich popelig und so gehe ich mit dem Mittelding für 29€ nach Hause und freu mich tierisch auf die Premiere!
Also – was riet der Autor: „Gemütlich am Kamin lesen!“. Hab ich nicht. Aber ich rechne mir aus, dass mangels heimischer Feuerstelle das Toilettarium der entspannteste Ort für meinen ersten Comic ist. Dann mal los…
Reading the Watchmen
Beim durchblättern mit dem Daumen fällt auf, dass auch im Comic nicht mit Blut gespart wird. Ausserdem sind irgendwelche Erzählpassagen ohne Bilder drinn und hinten Anmerkungen. Ich fang aber mal netterweise vorn an.
Auf den ersten Blick zeigt sich: Die Bilder sind denen des Films sehr ähnlich. Auch die Sätze scheinen die gleichen zu sein. (Wobei mich etwas irritiert dass bei den Dialogen immer irgendwelche Wörter fett gedruckt sind. Das lenkt eher ab. Naja.)
Eine Frage der Souveränität.
Der große Unterschied zeigt sich aber schon im ersten Kapitel: Während man als Filmzuschauer wie ein Opfer des Filmemachers behandelt wird – Zack Snyder ist offensichtlich Kubrick Fan und versucht sehr rabiat auf der Gefühlsklaviatur des Publikums zu spielen – ist man als Comic-Leser viel mehr Teilhaber, ja fast Autor der Geschichte. Durchs Lesetempo kann man den Fluss der Geschichte bestimmen, durch die Verweildauer bestimmte Eindrücke akzentuieren. So langsam beginne ich zu verstehen, warum „Watchmen“-Autor Alan Moore von einem fundamentalen Unterschied zwischen Graphic Novel und Film spricht. Noch mehr als in einem Roman ist der Leser frei selbst zu ordnen und zu werten – und genau das werde ich nun in den nächsten Wochen tun. Vielleicht findet sich dann eine Antwort auf die Fragen „Woher“ und „Wohin“ oder zumindest auf die „War’s gut?“.
Fortsetzung folgt.
