Kino: „Dalai Lama Renaissance“

«Wenn mich ein Moskito sticht, gebe ich mein Blut, weil ich Mitgefühl habe. Auch beim zweiten gebe ich noch Blut – aber beim dritten werde ich ärgerlich: Es tut weh – und diskutieren mit Moskitos ist leider sehr, sehr schwierig!», spricht der Dalai Lama – und lacht.

„Dalai Lama Renaissance“ zeigt den berühmten Tibeter in einer seiner wichtigsten Rollen: Als Weisheitslehrer, der in scheinbar einfachen Worten und Bildern komplexe Probleme angeht und vor allem immer wieder zur Menschlichkeit mahnt.

Gekommen, um ihn zu sehen und zu hören sind 40 amerikanische Experten unterschiedlichster Forschungsgebiete: Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft. Eine Woche wollen sie in Indien verbringen, ihr jeweiliges Fachwissen austauschen und daraus im besten Fall Strategien zur Lösung wichtiger Weltprobleme entwickeln. Doch das ist gar nicht so einfach. Bald prallen die Egos aufeinander: Die Frage, wer wie lange mit dem Dalai Lama reden darf, wird wichtiger als die Inhalte.

Mit freundlichem Blick betrachtet Dokumentarfilmer Khashyar Darvich die Gruppe, die trotz allen geballten Wissens mehr Chaos als Lösungen produziert – und die am Ende eher skurrile Weltrettungsideen präsentiert: Chinesische Schuhe verbrennen und den Dalai Lama zum Oberhaupt des Planeten zu machen. Der lehnt beides natürlich ab – und lacht.

Ein angenehm ruhiger Dokumentarfilm, bei dem aber vieles im Dunkeln bleibt: Wer sind diese 40 ‘Experten’ genau? Womit haben sie sich für dieses Unternehmen qualifiziert? Hatte dieses Treffen aus dem Jahre 1999 praktische Folgen?
Was bleibt, ist die berührend nahe Begegnung mit der Weisheit des Dalai Lama – der in jedem Moment weitsichtiger und befreiter vom hier-jetzt-und-ich-Denken wirkt als seine 40 Gäste.

Pet gibt die
WERTUNG: 2
- und lacht.

…und ewig schreit die FDP!

Aus gegebenem Anlass noch mal ein Eintrag zu einem akustischem Thema:

Kürzlich hörte ich im BR einen FDP-Sprecher (Name unbekannt). Es ging wohl irgendwie darum, was man (FDP) in Bayern alles plane, nun da man endlich wieder ein paar Posten ergattert die Regierung endlich kontrastreicher gestalten könne.

Der Punkt ist aber der: Der FDP-Sprecher war gar kein Sprecher, sondern ein Schreier! Er brüllte in sein Mikrofon wie weiland King Kong, dass die Membran nur so wackelte. Hatte ihm niemand gesagt, dass man eine moderne Verstärkeranlage nicht anschreien muss? Man kann da nämlich ganz normal was reinsagen und die Anlage machts dann lauter. Dafür ist sie ja da. Ausserdem nannte er die Hörer „Liebe Freunde“ – und seine Freunde schreit man doch nicht an! Oder, Herr FDP?

Naja, die kleine Furzpartei der Besserverdienenden FDP ist ja noch neu in der großen Politik oder der Herr kommt wohl noch aus einer Zeit als man mit miesen Megaphonen oder auschließlich mit der Urkraft der eigenen Kehle arbeiten musste. Mit ihrem Retro-Schrei-Style ist die Partei der Mehrheitsbeschaffer FDP aber auch nicht allein: Besonders auf diesen skurilen linken Kundgebungen wird immer wieder gern in Mikrofone gebrüllt, als wären sie taub: „WIIR PFO-HORDERN MEAAAH…:“

wir fordern mehr ruhe.

Oder ist die Kluft zwischen Politikern und Stimmvieh uns mündigen Bürgern wirklich so groß, dass sie nur noch durch Geschrei überwunden werden kann?

P.S.: Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es gibt auch nette FDP-Leute.
Vermutlich.

Träumst Du in Stereo?

Auf die Frage bin ich gekommen, als C. mir erzählte, sie würde in ihren Träumen nicht richtig etwas hören, höchstens so eine Ahnung von Sound und ob das bei mir auch so sei.

Nein, sag ich, ich höre eigentlich immer ziemlich viel: Sprache, Hintergrundgeräusche, Musik-Score und Source Music – wobei ich aber auch in Kamerapositionen und -fahrten träume, manchmal desaturiert, manchmal mit Farbfilter – zu viel Kino. Manchmal träume ich sogar in Scope, denke aber, dass es eher ein abgekaschtes Vollbild ist. Blöd halt, dass man sich nach dem Aufwachen nicht 100% sicher sein kann, was man wirklich geträumt hat und was das Gehirn beim aufwachen dazudichtet.

Doch zurück zum Sound!

In dieser Nacht versuchte ich besonders auf den Klang zu achten: Kein Problem: Es beginnt bereits im frühen Halbschlaf mit einer Sequenz an einem Schiesstand, die mit rhythmischer Musik unterlegt ist. Eindeutig Score. Ein bischen Miami-Vice, 80er, aber mit mehr Gitarre. Und die Kamera macht eine typische Paralellfahrt von rechts nach links.

Später kommts dann ganz dicke: Ich träume – wie bestellt! – von einem Trommel-Wettbewerb! Bauernjungs aus ganz Mittelfranken treten in einer Turnhalle zum Dauertrommeln an („They Shoot Horses, don’t they“?). Und dabei geht’s eindeutig ab: Ein (mir nicht bekannter) schneller Metal-Track (erinnert etwas an ‘Rage’) gibt das Tempo vor, den Drumpart füllen die Bauernbuben ein. Die Sequenz ist schnell vorbei und dann geht es an den detektivischen Teil, weil ein Vater seinen Sohn vor dem Contest hungern hat lassen um ihn aggressiver zu machen und wir den schuldigen stellen müssen…aber egal.

Der Sound war jedenfalls da… in einer okayen Qualität, wenn auch etwas dumpf/bassig. Leider fällt mir erst beim Aufwachen die entscheidende Frage ein: „War es Stereo? 5.1? Dolby?“. Blöd – ich hatte nicht darauf geachtet.

Im Nachhinein würde ich sagen, es war ein Surround-System, das aber einen Mono-Klang abspielte. Will heissen: Das selbe aus allen Richtungen. Ob man das beeinflussen kann? Die Klangqualität des Hirns neu verkabeln?

Leider sagt selbst die allwissende Müllhalde des Internets erschreckend wenig über die Soundkonfiguration von Träumen. Ich werde aber versuchen, demnächst von einer typischen Stereo-Situation zu träumen: Dem Rand einer Autobahn, ein Tennisspiel… weil Mono schlafen… das fällt mir ja nicht im Traum ein!

Kino: Sieg der Form – „Hellboy 2″

Schon witzig: Eigentlich hat „Hellboy 2″ den gleichen Plot wie die Ultragurke „Die Abenteuer der Muhumihehehe 3″: Böser alter Gruselprinz will unbesiegbare Armee erwecken um Welt zu vernichten. Heldengruppe verhindert das, während sie gleichzeitig Familien- und Liebeshändel löst.

Aber hallo!
Was Del Torro hier rausholt zeigt wieder mal, wie sehr im Comic-Kino die Form den Erfolg macht: Sein Gespür für Timing, Effekte und Humor sitzt bombenfest im Sattel und seine überbordende visuelle Fantasie bescheert uns mehr kuriose Kreaturen als man beim ersten Ansehen erfassen kann.

„Hellboy II“ mag (absichtlich) nicht die Tiefe von „Pans Labyrinth“ haben – aber als furiose Unterhaltung für einen verregneten Nachmittag kann man sich kaum etwas besseres wünschen: Comic-Spaß mit viel Remidemmi vom Feinsten.

Der „Hobbit“ ist hier wahrlich in guten Händen!

WERTUNG: 1

Kino: Das Schweizer Uhrwerk der Welt – „Helvetica“

Helvetica-Poster

Nanu was haben wir denn da?
80 Minuten Dokumentarfilm über eine Schriftart?
Kann das denn interessant sein?

Ja! Denn „Helvetica“ ist mehr als nur irgendein Font. Sie ist – zusammen mit ihrem Microsoft-Klon „Arial“ – die meistverwendete Schriftart der Welt.
Sie flog an der Seite des Space-Shuttles in den Weltraum, prangte auf dem ‚Weißen Album‘ der Beatles und wird in der ‚Sesamstraße‘ verwendet, um Kindern das Alphabet beizubringen.

Gary Hustwits Film – entstanden zum 50. Geburtstag der Schriftart 2007 – zeigt aber nicht nur die schier endlosen Einsatzgebiete dieser gut lesbaren Type, sondern erarbeitet daraus – in vielen Interviews mit mehr oder minder bekannten Designern – eine kleine Kulturgeschichte: In den 50ern in der Schweiz entstanden war die ‚Helvetica‘ der optische Versuch, das Chaos des letztes Krieges zu überwinden: Eine klare, eine neutrale, eine sachliche Schrift, die aber dennoch elegant und menschlich wirkte und die einen unvergleichlichen Siegeszug um den Globus antrat.

So sehr, dass es seit den 70ern vehemente „Anti-Helvetica“-Bewegungen gab, welche sie als scheinheillig-freundliche Schrift scheinheilig-freundlicher Regierungen sahen: „Helvetica ist schuld an Vietnam!“ So verschwand ‚Helvetica‘ unter wilden Form-Experimenten – nur um dann von der nächsten Generation von Designern wiederentdeckt zu werden: „Sie ist wie Luft zum Leben!“

Natürlich mag da manches übertrieben wirken – und irgendwann hat man als fachfremder Zuschauer auch genug von Designern, die eigentlich alle das gleiche sagen: „Helvetica ist klar und neutral, aber halt nix zum spielen oder experimentieren.“

Aber in den besten Momenten bekommt man doch einen Einblick in das verborgene Räderwerk der Welt, merkt man, wie sehr so ein fast unsichtbares und doch allgegenwärtiges Detail wie diese Schriftart unsere Wahrnehmung prägt. (Ob es in der arabischen Welt auch eine Art Helvetica gibt? Oder in den asiatischen Sprachen?)

WERTUNG: 2

Marcel ärgert sich

„Wer gut und schlecht unterscheiden kann bekommt Schwierigkeiten“
-Frank Zappa.

Dass die intellektuelle Qualität des Fernsehprogrammes nicht immer so dolle ist, das mag keine bahnbrechende Erkenntnis sein – trotzdem ist es immer mal wieder schön, wenn einer dieser Tatsache nicht nur im stillen Kämmerchen gedenkt, sondern sie den TV-Gewaltigen auch noch öffentlich vor den Latz knallt.

Mit dem Recht des 88-jährigen trifft da einer die etwas altmodische Unterscheidung zwischen „E“ und „U“, Bohlen und Brecht, Kunst und Pfuideifi. Ich find’s cool, auch wenn meine Glotze schon lange auf dem Speicher rumstaubt – oder gerade deswegen? Ich bin so herrlich unbetroffen. Einmal ausnahmsweise nicht beim Prekariat!

Ein anspruchsvolles TV-Programm… hm… gab es das jemals? War es das damals, als noch Damen ohne Unterleib Sendungen mit herrischem Kommentar ansagten? Als Fernsehen noch Staatssache war, Staatsmeinung vertrat? Nee, also irgendwie wein ich solchem Oldschool-Fernsehen keine Träne nach (höchstens den ‘Western von Gestern). Ich denke damals waren Hellas Torten und Hugos Früchten genau das, was das Deutsche TV brauchte.

Was braucht es heute?

Gibt es irgendwas, was mich dazu bringen könnte, die Glotze wieder in die Wohnung zu stellen? Überleg: Ich brauch keine Historienschinken über Gustlov, Mauer, Flut und Nibelungen, keine „Sofie Braut Wieder Willen“, „DSDS“, „GZSZ“ oder „Gülcans Traumhochzeit“, auch keine Spielfilme mit Werbeunterbrechung, kein casual watching – und ehrlich gesagt auch kein „Literarisches Quartett“.

Was ich gut finde ist Sponge Bob. „Genial Daneben“. Arte natürlich.Aber das reicht nicht.

Allein schon das Grundkonzept, zu WARTEN BIS EINE SENDUNG BEGINNT ist mir viel zu archaisch. Dann lieber DVDs und youtube-Häppchen, wann ich Zeit und Bock hab.

Also komme ich zu dem Schluss: Schafft das Fernsehen ab.

Vielleicht kriegt dann die Zeitung wieder mehr Leser.

Naja, glaub ich ja selber nicht. Da schau ich dann lieber noch dieses Häppchen, welches eigentlich die positive Seite dieses Abends zeigt – „Dass ein unterhaltsamer Mensch auch ein geistvoller Mensch sein kann“. Ich glaub Gottschalk meint das ehrlich.

Und vielleicht gilt ja was für die Menschen gilt auch für ihre Schöpfungen?

In die Ferne sehen.

Kino: Mahle Mühle Mahle – „KRABAT“

Ich muss ja zugeben, dass ich das Buch Krabat von Preußler nie gelesen hab – deswegen konnte ich auch sehr unvoreigenommen in den Film von Marco Kreuzpaintner gehen:

Die Geschichte spielt im 30-jährigen Krieg: Ein bettelarmer Waisenjunge wird von geheimnisvollen Stimmen in eine dunkle Mühle im Koselbruch gerufen, wo ihm der Müller anbietet, dass er als Geselle bleiben kann. Und nicht nur das Müllerhandwerk lernen, sondern auch…. die Schwarze Magie!

Zuerst ist Krabat begeistert: Stark sein, sich unentdeckt bewegen, ja sogar fliegen können – wer möchte das nicht? Doch der Pakt mit dem Bösen hat seinen Preis: Denn letztlich dienen die Menschen in der Mühle nur dem Tod und die Liebe ist verboten, denn, so finden die Müllerburschen später heraus – nur sie kann den Zauber brechen.

Die Geschichte (an der Preußler 10 Jahre schrieb und sie als die wichtigste seines Lebens bezeichnet) ist sehr tiefgründig: Neben den deutlichen Anspielungen auf die Nazis (Versprechen von Macht) und den entmentschlichten Produktionszyklus (wörtliches ‘zu Tode arbeiten’) finden sich auch viele persönliche Anknüpfunkspunkte, die das Buch zu einem Weltbestseller machten.

Kreuzpaintner übersetzt dass in eine total heutige Bildersprache – irgendwo zwischen LOTR und POTTR. Aber unter dem Zuckerguss der Effekte merkt man deutlich, dass hier ein Film mit Herz und Verstand gemacht wurde, der dem Original viel Respekt zollt. Gesungen wird zum Beispiel auf Sorbisch (der Sprache der ursprünglichen Volkssage) und gedreht in einer Mühle, gebaut nach den Vorgaben der damaligen Zeit: „Für ein junges Publikum, das mit digitalen Effekten aufgewachsen ist“, meint Kreuzpaintner „sind Computertricks nichts besonderes – aber das echte schon! Nach Rumänien fahren – in einer Mühle drehen…“

Das war nicht selbstverständlich, wie das Team im Cinecitta erzählt: Über die Jahre gab es verschiedene Drehbuchentwürfe: Einen amerikanischen in dem statt Kindern Roboter in der Mühle waren, damit niemand stirbt (der jetzige Krabat-Film ist laut Kreuzpaintner in den USA ‘unverkäuflich weil zu düster’) oder eine „realistische“ Fassung von H.C. Schmid ohne Raben und Magie, die als nicht werkgetreu verworfen wurde.

Schließlich kam es zu dieser sehr stimmungsvollen Produktion, die mir zwar in der Präsentation oft etwas zu glatt war, zu uneigen in der Bildersprache, aber doch so nah am Original, dass Preußler selbst dem Film das höchste Lob erteilte: „Ich erkenne meinen Krabat wieder. Eine fantastische Leistung“. So sei es.

WERTUNG: 2

Kino: Zwischen Club und Klapse – „Berlin Calling“

„Studieren bis 30, dann Praktika bis 40 und anschließend Sozialhilfe?“ — das ist nicht das Leben, das Martin (Paul Kalkbrenner) führen will. Nach der Wende hatte sich der Zonenjunge mit dem Techno-Virus angesteckt und will nun nur eins: Musik machen. So wird er zu einem Handlungsreisenden in Sachen harte Beats, der mit Freundin und Managerin Mathilde (Rita Lengyel) durch Europa jettet und die Mengen zum Tanzen bringt — unter dem sprechenden Namen DJ Ickarus.

Der Absturz folgt: Vollgepumpt mit „allem, was auf dem Markt zu haben ist“, landet er imEntzug unter der Leitung von Ärztin Petra Paul (Corinna
Harfouch). Die ist eine in Ehren ergraute Altrockerin, welche ihre studentischen
Drogenerfahrungen zu Sachbüchern verarbeitet hat und nun den selbst nicht mehr taufrischen Technorebellen zur Bewegungs- und Gesprächstherapie bittet. Es scheint zu klappen: Ickarus beginnt, an seinem neuen Album „Titten, Techno & Trompeten“ zu arbeiten. Doch so leicht lässt sich die Abhängigkeit
nicht besiegen. . .

„Berlin Calling“ von Hannes Stöhr erzählt wie so viele Musiker-Filme die
Geschichte von Ruhm, Absturz und Aufrappeln. Von der Macht der Sucht,
aber auch von der heilenden Kraft der Liebe und der Musik. In dem echten Elektro-Komponisten Paul Kalkbrenner (der ursprünglich nur als Berater engagiert wurde) fand Stöhr einen Hauptdarsteller, der zwar Szene-Glaubwürdigkeit mitbringt, dem aber das Können eines echten Schauspielers fehlt: Nämlich einen Film zusammenzuhalten, der als einzige Verbindung zwischen Depression und Lebensfreude, zwischen Club und Klapse nur sein Gesicht hat.

Präziser als Kalkbrenners Darstellung ist seine Musik: Der Soundtrack passt stets haargenau auf die Stimmung und führt zu kraftvollen, clipartigen Montagen. Und am Ende ist die neue Platte fertig, natürlich die beste, die Ickarus je geschaffen hat. Nur den Titel ändert die Plattenfirma – in „Berlin Calling“.

WERTUNG: 3

Kino: The Passion of the RAF – „Der Baader Meinhof Komplex“

Kann das sein?

Kann man aus einem unglaublich spannenden Buch, über eine der entscheidensten Phasen der BRD, mit einer Best-Of-Darstellerriege des Deutschen Films wirklich so etwas schnarchiges machen wie die neuste Eichinger Geschichtserklärung „Der Baader Meinhof Komplex“?

Stefan Austs Buch ist ein Füllhorn spannender Information, aus dem man sich nur seine Favoriten rauspicken müsste, um ein dutzend komplexe Filme zu machen: Es könnte die Geschichte von Ulrike Meinhof sein, der Theoretikerin aus dem Establishment, die in der Zelle endet, die Geschichte der Pfarrerstochter Ensslin und ihrer Familie – oder gar die Geschichte des jungen Journalisten Aust, an der Schnittstelle zwischen Beobachtung und Beteiligung.

Oder der Film könnte sich auf die Seite einer Idee schlagen: Der Revolution, der Humanität oder der Sicherheit des Staates. Egal welche – ein leidenschaftliches Leinwandwerk wäre bei diesem Stoff fast garantiert.

Keine Position ist auch eine Position

Nichts davon in der Edel-Eichinger Produktion: In dem Bestreben es keinem und allem recht zu machen entstand ein vollkommen liebloser Bilderbogen, der atemlos vom Schah-Besuch bis zur Landshut-Entführung hetzt.
Was hier nach aussen hin als „Objektivität“ verkauft wird, ist in Wahrheit tiefe Gleichgültigkeit: Keine Person, keine Idee scheint den Filmemachern irgendwie wichtig zu sein. Ausser natürlich Kohle zu machen. Und wie macht man die? Genau:

Sex & Stars & Feuer Frei!

Das Motto „Nur die Knarre löst die Starre“ nimmt der Film durchaus wörtlich. Weil die Dialoge papiern sind, die Figurenmassen unüberschaubar, die Regie zunehmend hilflos, flüchtet sich der Film immer wieder in altbackene Actionszenen oder zeigt uns die blanken Brüste seiner Darstellerinnen. Das ist ja ganz nett. Und reicht – in der Qualtität – auch für jeden B-Action Film. Aber so ein wichtiges Kapitel Deutscher Geschichte – in dem nicht weniger als die Selbstdefinition des Staates auf den Prüfstand kam – verlangt nach mehr Sorgfalt.

Deutsche Krieger

Bleibt mir als zunehmend gelangweiltem Zuschauer eigentlich nur, dem handverlesenen Ensemble dabei zuzusehen, wie es sich am miesen Skript aufarbeitet. Dabei ist Bruno Ganz wohl die spektakulärste Fehlbesetzung: Als er das erste mal auftaucht machen die vier Jungs mit Popcorn in der Reihe vor mir den Deutschen Gruß. Kein Witz.

Fazit:
Eichinger – geh endlich in Rente!
„Komplex“ ist hier nur noch der Titel: Austs Buch auf reine Schauwerte zu reduzieren, ohne den Menschen und den Ideen darin nachzugehen, schuf  die – mit Verlaub -  schlechteste und unsensibelste Literaturverfilmung seit Gibsons „Passion of the Christ“.

WERTUNG: 5

Dinge, die sich ändern

Es war ein mal ein kleines Land,
in dem die Leute glaubten,
sie hätten die Ewigkeit erfunden.

Sie waren sehr glücklich, denn
ihre Ewigkeit war weiß und blau
wie die Klöster, wie die Berge.

Und wobei auch immer
ganz vornedran und doch
auch recht nah am Menschen

und eines Tages zu Ende,
Einfach so.
Die Leute schlugen ein Kreuz.

So lange war klar gewesen:
Nichts ändert sich.
Geborgenheit!

Nun schien es so zu sein:
Alles kann sich ändern.
Sogar der Glaube

hört auf naiv zu sein.
ist kürzer besser
Nichts ist mehr

Sicher

(Wobei ich noch sagen muss, dass es mir eine Ehre war, mit Beckstein verkehrtrum durch die Einbahnstraße zu fahren)